{"id":103637,"date":"2019-10-18T08:30:53","date_gmt":"2019-10-18T08:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/10\/tesar-11-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:56:24","modified_gmt":"2023-08-23T20:56:24","slug":"tesar-11-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/10\/tesar-11-2019\/","title":{"rendered":"\u00abIn Interlaken haben wir keinen Overtourism\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\">Herr Kessler, wie oft fahren Sie aufs Jungfraujoch im Jahr?<\/div>\n<p>Etwa 30 Mal. Ich begleite meist Touristengruppen aus Asien. Und einmal j\u00e4hrlich schaue ich die Infrastruktur genauer an.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie empfinden Sie die Platzverh\u00e4ltnisse bei \u00fcber einer Million Besuchern pro Jahr?<\/strong><\/div>\n<p>Ich habe auf dem Jungfraujoch immer gen\u00fcgend Platz. Ich kenne ja jede Ecke. Wegen der vielen Attraktionen verteilen sich die G\u00e4ste gut.<\/p>\n<h3><strong>\u00dcber 70 Prozent der Besucher sind Asiaten. Sie haben mit sehr viel Engagement den asiatischen Markt aufgebaut. Man k\u00f6nnte sagen: Sie sind schuld am Massentourismus in der Schweiz.<\/strong><\/h3>\n<p>Das sind die Fr\u00fcchte einer langen Aufbauarbeit. Ende der Neunzigerjahre bauten wir als erstes Schweizer Tourismusunternehmen in China, Japan, Indien, Korea und S\u00fcdostasien ein Vertreternetz auf. Unsere Leute vor Ort sind tagt\u00e4glich nur f\u00fcr die Jungfraubahnen unterwegs. Das kommt auch dem Tourismusland Schweiz zugute. Wenn wir einen neuen Markt erschliessen, machen wir zuerst Werbung f\u00fcr Europa, dann f\u00fcr die Schweiz und erst an dritter Stelle f\u00fcr das eigene Produkt. Denn wir sind uns bewusst: Ohne dass ein Gast in der Schweiz \u00fcbernachtet, kann er das Jungfraujoch nicht besuchen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Viele Asiaten besuchen das Jungfraujoch als Etappe auf einer Europareise. Wie locken Sie diese nach Interlaken?<\/strong><\/div>\n<p>Zu fast jeder Europareise geh\u00f6rt ein Aufenthalt in Paris mit dem Eiffelturm. Unser Motto lautet daher: Kein Paris-Besuch ohne das Jungfraujoch. Wer nach Paris f\u00e4hrt, soll auch zu uns kommen. Aber logischerweise ist der asiatische Markt hart umk\u00e4mpft.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Mit der V-Bahn wird man noch schneller auf dem Berg sein. Kennen die Jungfraubahnen und Interlaken das Ph\u00e4nomen \u00abOvertourism\u00bb, also den Konflikt zwischen den Einheimischen und den G\u00e4sten?<\/strong><\/div>\n<p>In St\u00e4dten wie Barcelona und Venedig ist Massentourismus ein Problem. Der Grund sind die Kreuzfahrtschiffe: Innerhalb k\u00fcrzester Zeit str\u00f6men Massen von Touristen in die St\u00e4dte. In Interlaken jedoch haben wir keinen Overtourism.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Sie sind im Vorstand der Tourismus-Organisation Interlaken, die aktiv den Kontakt zur Bev\u00f6lkerung sucht. Also brauchte es dieses Engagement gar nicht?<\/strong><\/div>\n<p>In der Region Interlaken sind sich die meisten bewusst: Der Tourismus sichert Arbeitspl\u00e4tze. Gleichzeitig ist es wichtig, die Bev\u00f6lkerung f\u00fcr kulturelle Unterschiede zu sensibilisieren. Wenn indische Touristen an den Bahnschalter gehen und sagen: \u00abI want a better price\u00bb, sorgt dies f\u00fcr Unverst\u00e4ndnis. Deshalb bringen wir in Workshops der lokalen Bev\u00f6lkerung die kulturellen Eigenheiten n\u00e4her. Das haben wir aber schon immer gemacht. Overtourism ist f\u00fcr mich ein Modewort \u2013 zumindest, was die Schweiz betrifft.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was tun die Jungfraubahnen, um den G\u00e4sten trotz Grossandrang ein positives Erlebnis zu bieten?<\/strong><\/div>\n<p>Qualit\u00e4t ist f\u00fcr uns wichtiger als kurzfristiges Wachstum. Vor f\u00fcnf Jahren limitierten wir die Zahl der Jungfraujoch-Besucher deshalb auf 5250 Personen pro Tag. Durch diese Lenkungsmassnahme gewinnt die Marke \u00abJungfrau \u2013 Top of Europe\u00bb an Prestige und Exklusivit\u00e4t. Mittlerweile garantieren wir jedem Gast einen Sitzplatz in der Jungfraubahn.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Die Grenze scheint flexibel. Vor zehn Jahren war sie noch bei 5000 G\u00e4sten. Wie geht das weiter?<\/strong><\/div>\n<p>Wir wollen nicht kurzfristiges Wachstum, sondern Vorteile langfristig mit einer global starken Marke. Daher halten wir an unserer Limitierung fest.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie oft im Jahr ziehen Sie die Notbremse bei den Besucherzahlen?<\/strong><\/div>\n<p>Insgesamt sind wir etwa an 30 Tagen im Jahr ausverkauft. Dank der Sitzplatzreservation auf den Z\u00fcgen verteilen sich unsere G\u00e4ste besser \u00fcber den Tag.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Welche Monate sind davon betroffen?<\/strong><\/div>\n<p>Unsere Hochsaison dauert von Mitte Juni bis Mitte August. Wir wollen jedoch auch in der Nebensaison ausverkauft sein. Deshalb ist Indien ein wichtiger Markt, weil dort die Hauptreisezeit in die Monate April, Mai und Juni f\u00e4llt.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie erreichen Sie dieses Ziel?<\/strong><\/div>\n<p>Eine Schl\u00fcsselrolle spielt f\u00fcr Inder das Essen: Ende der Neunzigerjahre reisten die indischen G\u00e4ste mit einem Bus und einem Koch nach Lauterbrunnen. Gegessen wurde dann direkt im Zug, welcher dann sofort in die Reinigung musste. Im Jahr 2000 er\u00f6ffneten wir auf dem Jungfraujoch das Restaurant Bollywood mit zwei indischen K\u00f6chen. Heute essen dort w\u00e4hrend der Hochsaison bis zu 1800 G\u00e4ste pro Tag. Die koreanischen Individualtouristen wiederum erhalten bei uns seit 1998 gratis eine Nudelsuppe, wenn sie \u00fcber unsere Kan\u00e4le buchen \u2013 das hat unseren Bekanntheitsgrad in S\u00fcdkorea enorm erh\u00f6ht. Bis heute macht der koreanische Suppenhersteller mit dem Jungfraujoch Werbung.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie lenken Sie die Besucherstr\u00f6me?<\/strong><\/div>\n<p>Die einzig wirksame Lenkungsmassnahme ist der Preis. Eine Fahrt auf das Jungfraujoch ist deshalb im Sommer teurer als in der Nebensaison. Das muss man dann nat\u00fcrlich auch kommunizieren. Mit sch\u00f6nen Worten und Informationstafeln allein lenken Sie hingegen keinen Touristen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was kann eine Stadt wie Luzern tun, die mit Massentourismus k\u00e4mpft?<\/strong><\/div>\n<p>Die Massen beschr\u00e4nken sich in Luzern auf den Schwanenplatz und die Kappelbr\u00fccke. Diese Konzentration l\u00f6st die negativen Kommentare aus. Dort braucht es deshalb Lenkungsmassnahmen wie etwa Geb\u00fchren f\u00fcr Reisecars. Ein weiterer Grund ist die dortige Preispolitik: Mit dem Swiss Travel Pass kann man gratis auf die Rigi, aufs Stanserhorn oder kostenlos Schiff fahren. Das ist eine gef\u00e4hrliche Entwicklung: Mit dem Pauschalfahrausweis sinken die Ertr\u00e4ge, gleichzeitig kommen mehr Touristen \u2013 wie bei einer Billigairline. Das ist nicht nachhaltig, denn der \u00f6ffentliche Verkehr hat auch einen Wert. Die Schweiz wird im globalen Reisemarkt als Billigdestination nie eine Chance haben. Es kann nicht sein, dass der ausl\u00e4ndische Tourist f\u00fcr einen Spottpreis den \u00f6ffentlichen Verkehr benutzen darf. Da ist auch die Politik gefordert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Es ist ein Balanceakt zwischen den Extremen Disneyland und Natur<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was kann die Politik tun?<\/strong><\/div>\n<p>Der Schweizer \u00d6V-Benutzer darf nicht gegen\u00fcber dem Touristen benachteiligt sein.<\/p>\n<h3><strong>Landschaftssch\u00fctzer Raimund Rodewald kritisiert, der Bergtourismus sei zum Erlebnistourismus verkommen. Es gehe nur noch darum, m\u00f6glichst viele Leute auf den Berg zu bringen.<\/strong><\/h3>\n<p>Da hat er teilweise recht: Wir m\u00fcssen unsere Angebote vermehrt der Natur anpassen. Fr\u00fcher haben die Leute auf der Sphinx-Terrasse 20 Minuten lang die Berg- und Gletscherwelt bestaunt. Der heutige Tourist hat das Auge f\u00fcr diese Natursch\u00f6nheiten nicht mehr. Wir wollen die G\u00e4ste deshalb mit konkreten Angeboten direkt auf den Gletscher f\u00fchren. Unser Trumpf ist das Unesco-Weltkulturerbe, zu welchem wir seit 2001 geh\u00f6ren.<\/p>\n<h3><strong>Kritisiert wird doch, der Besuch verkomme zu einem Shoppingerlebnis. Chinesische Touristen fahren auf das Jungfraujoch und kaufen dort eine Uhr.<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist ein Balanceakt zwischen den Extremen Disneyland und Natur. Mit dem Shoppingangeboten entsprechen wir einem Bed\u00fcrfnis der Gruppenreisenden. Zudem wollen wir eben nicht noch mehr G\u00e4ste bef\u00f6rdern, sondern wir m\u00f6chten den Durchschnittsertrag auf 120 Franken pro Person steigern. Das erreichen wir mit den Shops. Asiaten sind sehr markenaffin. F\u00fcr Markenuhren sind sie auch bereit, mehr Geld auszugeben. Gerade chinesische Touristen haben immer mehr Zeit zur Verf\u00fcgung: In China findet derzeit eine starke Verlagerung von Gruppenreisen hin zu Einzelreisen statt. F\u00fcr uns ist das eine Chance, denn Individualtouristen besuchen nicht mehr sieben L\u00e4nder in zw\u00f6lf Tagen, sondern beschr\u00e4nken sich auf zwei. Zum Beispiel die Schweiz und Italien.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Hat der Trend zum Individualtourismus mit steigenden Einkommen zu tun?<\/strong><\/div>\n<p>Ja, das ist sicher ein Grund. Ein anderer ist: Dank dem Internet k\u00f6nnen sich die Reisenden die Routen selber zusammenstellen. Zudem k\u00f6nnen immer mehr Chinesen Englisch und bewegen sich in der Welt selbstst\u00e4ndiger.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Ver\u00e4ndert die Klimadebatte das Reiseverhalten?<\/strong><\/div>\n<p>Heute ist noch nichts sp\u00fcrbar. Die Sensibilit\u00e4t steigt jedoch, und langsam wird dieser Prozess das Reiseverhalten beeinflussen. Der Billigflugverkehr ist ein globales Problem \u2013 daf\u00fcr braucht es auch eine globale L\u00f6sung.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was machen die Jungfraubahnen im Kampf gegen den Klimawandel?<\/strong><\/div>\n<p>Wir haben ein eigenes Wasserkraftwerk und gewinnen Energie aus den Z\u00fcgen, die vom Jungfraujoch hinunterfahren. Den Gletscherschwund verz\u00f6gern wir mit Schnee, den wir mit Pistenfahrzeugen auf den Gletscher bringen. Zudem planen wir, die Leute mit Infotafeln f\u00fcr den Klimawandel zu sensibilisieren. Wir arbeiten an einem Angebot, bei dem das Naturerlebnis im Zentrum steht. Mehr verrate ich aber noch nicht.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Steigt das Bewusstsein der G\u00e4ste f\u00fcr das Thema?<\/strong><\/div>\n<p>Das ist ganz nach Markt verschieden. Grunds\u00e4tzlich gilt: Es gibt nicht den Asiaten. W\u00e4hrend in Japan das Umweltschutzbewusstsein stark ausgepr\u00e4gt ist, hat es in China noch einen relativ kleinen Stellenwert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"content-quotes\">Der Werbeeffekt der geposteten Fotos ist enorm<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Vermarkten Sie nun den schmelzenden Gletscher?<\/strong><\/div>\n<p>Schnee und Eis haben wir immer vermarktet.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Sie haben Tennisprofi Roger Federer und Basketballstar Tony Parker aufs Jungfraujoch geholt. Sind Sie auf solche PR-Aktionen angewiesen?<\/strong><\/div>\n<p>Mit diesen Events laden wir die Marke \u00abJungfrau \u2013 Top of Europe\u00bb emotional auf. Erlebnisse wie der Tennismatch von Roger Federer oder der Kick-off der Euro 2008 hinterlassen einen bleibenden und nachhaltigen Eindruck.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Wie wichtig sind Schnappsch\u00fcsse auf den sozialen Netzwerken?<\/strong><\/div>\n<p>Der Werbeeffekt der geposteten Fotos ist enorm. Mit \u00fcber 1,5 Millionen Likes auf Facebook sind wir die Nummer 1 im Schweizer Tourismus. Nun wollen wir auch auf Instagram Marktf\u00fchrer werden. Zu diesem Zweck haben wir auf dem Jungfraujoch Fotopoints mit Gratis-WLAN eingerichtet. So k\u00f6nnen die G\u00e4ste ihre Fotos unmittelbar teilen. Ein anderes Erfolgsbeispiel: Vor vier Jahren besuchte die chinesische S\u00e4ngerin G.E.M. das Jungfraujoch. Auf den chinesischen Social-Media-Kan\u00e4len erzielten die Videos rund 250 Millionen Views.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>In der Jungfraubahn, die die 9,3 Kilometer lange Zahnradbahnstrecke aufs Joch absolviert, haben Sie aber kein WLAN?<\/strong><\/div>\n<p>Nein, noch nicht. Der neue Eiger-Express wird Ende 2020 er\u00f6ffnet und wird \u00fcber WLAN verf\u00fcgen. Die G\u00e4ste k\u00f6nnen dann ihre Bilder noch auf der Fahrt in die Welt verbreiten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Kessler, wie oft fahren Sie aufs Jungfraujoch im Jahr? Etwa 30 Mal. Ich begleite meist Touristengruppen aus Asien. Und einmal j\u00e4hrlich schaue ich die Infrastruktur genauer an. Wie empfinden Sie die Platzverh\u00e4ltnisse bei \u00fcber einer Million Besuchern pro Jahr? Ich habe auf dem Jungfraujoch immer gen\u00fcgend Platz. Ich kenne ja jede Ecke. 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Begonnen hat seine Karriere beim Bahnunternehmen 1987, als er von der BLS kommend als Leiter Verkaufsf\u00f6rderung engagiert wurde. Der gelernte Betriebsdisponent wuchs in Gsteigwiler bei Interlaken auf. Die Destination Jungfraujoch tr\u00e4gt zusammen mit der Restauration auf dem Joch ein Drittel zum Gruppenumsatz bei. Die Zahnradbahn verkehrt seit 1912 zwischen der Talstation Kleine Scheidegg und dem Jungfraujoch. 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