{"id":104028,"date":"2019-07-18T11:00:22","date_gmt":"2019-07-18T11:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/07\/mueller-08-09-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:56:58","modified_gmt":"2023-08-23T20:56:58","slug":"mueller-08-09-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/07\/mueller-08-09-2019\/","title":{"rendered":"Internationaler Handel als R\u00fcckgrat der Schweizer Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Mehrere Trends f\u00fchrten in den vergangenen Jahrzehnten \u2013 zumindest bis vor einigen Jahren \u2013 zu einem kr\u00e4ftigen Wachstum des globalen Handels: Fortschritte in den Transport- und Kommunikationstechnologien, die zunehmende Liberalisierung des Handels durch den Abbau von Z\u00f6llen und Handelshemmnissen sowie die dadurch wachsende Integration globaler Wertsch\u00f6pfungsketten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Zuge dieser Entwicklungen stieg die \u00abAussenhandelsquote\u00bb der Schweiz \u2013 der Anteil der Summe von Exporten und Importen (G\u00fcter und Dienstleistungen) am Bruttoinlandprodukt (BIP) \u2013 von 96 Prozent im Jahr 1980 auf 119 Prozent 2018.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> W\u00e4hrend das BIP in diesem Zeitraum ein j\u00e4hrliches Wachstum von 1,8 Prozent aufwies, legten die Importe durchschnittlich um 4,1 Prozent pro Jahr zu; die Exporte wuchsen um 3,7 Prozent. Die Aussenhandelsquote der Schweiz ist doppelt so hoch wie der OECD-Durchschnitt (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Aussenhandelsquote der Schweiz im internationalen Vergleich (in&nbsp;% des BIP, 2017)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Mueller_Abb1_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Mueller_Abb1_DE').highcharts({\n  chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ' '\n    }, \n    xAxis: {\n        categories: ['Schweiz', '\u00d6sterreich', 'Deutschland', 'Frankreich', 'OECD', 'USA']\n    }, colors: [\n'#e84066', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3', \n'#88c0d3'\n],plotOptions: {\n  column: {\n   colorByPoint: true\n  }\n}\n,\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: ' '\n            }, labels: {format: '{value}%'},\n        },\n    tooltip: {\n        \n        pointFormat: \n            '{point.y:.1f} %'\n    },\n    credits: {\n        enabled: false\n    }, labels: {format:'{value}%'},\n    series: [{\n        name: '2017',\n        data: [119.1, 104.4, 86.5, 62.9, 57,27.1],  showInLegend: false,\n    },]\n});\n\n\n\n\n\n\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Weltbank \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verflochtene Handelsbeziehungen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGlobale Wertsch\u00f6pfungsketten, bei denen Produktionsschritte an unterschiedlichen Standorten und L\u00e4ndern stattfinden, spielen eine Schl\u00fcsselrolle bei der Zunahme des Aussenhandels. In Erg\u00e4nzung zur klassischen Handelsstatistik sch\u00e4tzen die OECD und die Welthandelsorganisation (WTO) deshalb auch die inl\u00e4ndischen und ausl\u00e4ndischen Wertsch\u00f6pfungsanteile am Handel: Gem\u00e4ss diesen Zahlen beinhalteten die Schweizer Exporte im Jahr 2015 rund ein Viertel ausl\u00e4ndische Wertsch\u00f6pfung, welche zuvor in die Schweiz importiert wurde.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dieser Wert liegt zwar leicht \u00fcber dem Durchschnitt der Industriestaaten (21%) \u2013 doch angesichts der starken Integration des Landes in den internationalen Handel ist er tiefer, als man erwarten w\u00fcrde. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass die Schweiz auf wertsch\u00f6pfungsintensive Dienstleistungen am Anfang und am Ende der Wertsch\u00f6pfungskette spezialisiert ist. Beispiele sind Forschung und Entwicklung (am Anfang der Wertsch\u00f6pfungskette) sowie Handel und Marketing (am Ende).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVon den gesamten Schweizer Ausfuhren waren im vergangenen Jahr 67 Prozent G\u00fcter \u2013 allen voran chemische und pharmazeutische Produkte, Maschinen, Elektronik, Pr\u00e4zisionsinstrumente und Uhren.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Dienstleistungen (insbesondere Finanzdienstleistungen, Nutzung von Lizenzen, Tourismus, Transport- und ICT-Dienstleistungen) hatten einen Anteil von einem Drittel. Allerdings wird in dieser klassischen Darstellung die Rolle der Dienstleistungen f\u00fcr den Aussenhandel untersch\u00e4tzt, denn bei der Herstellung von G\u00fctern geht ein Teil der Wertsch\u00f6pfung auf diverse Dienstleistungen zur\u00fcck: beispielsweise auf Forschung und Entwicklung, Beratung oder IT-Dienstleistungen. Ber\u00fccksichtigt man diese Vorleistungen, so gehen in der Schweiz sch\u00e4tzungsweise 60 Prozent der Gesamtexporte auf Dienstleistungen zur\u00fcck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn globalen Wertsch\u00f6pfungsketten werden zu einem grossen Teil Zwischenprodukte gehandelt, die nach dem Import oder dem Export im Zielland in die weitere Verarbeitung einfliessen. In der Schweiz ist dies bei \u00fcber der H\u00e4lfte der gehandelten G\u00fcter der Fall. Das ist im Vergleich mit anderen entwickelten Volkswirtschaften ein hoher Wert. Bei den Dienstleistungsimporten betr\u00e4gt dieser Anteil ebenfalls mehr als die H\u00e4lfte. Bei den Dienstleistungsexporten fliesst rund ein Viertel in weitere Produktionsschritte ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie internationale Handelsverflechtung widerspiegelt sich auch in den grenz\u00fcberschreitenden Direktinvestitionen (FDI). Als FDI gelten Investitionen, die einen Stimmrechtsanteil an einem Unternehmen von mindestens 10 Prozent mit sich bringen. Gemessen am Kapitalbestand z\u00e4hlt die Schweiz weltweit zu den gr\u00f6ssten Investoren und Empf\u00e4ngern von Direktinvestitionen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Im Jahr 2017 beliefen sich die Schweizer Direktinvestitionen im Ausland auf 1,2 Billionen Franken \u2013 umgekehrt gibt es ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen in der H\u00f6he von 1,1 Billionen Franken in der Schweiz. Die Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr die hohen Kapitalbest\u00e4nde sind unter anderem die zahlreichen Hauptsitze grosser multinationaler Konzerne und die Attraktivit\u00e4t der Schweiz als Standort f\u00fcr ausl\u00e4ndisch beherrschte Holdinggesellschaften.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Ausl\u00e4ndische Direktinvestitionen (FDI) der Schweiz, Deutschlands und \u00d6sterreichs (Best\u00e4nde 1990 bis 2016)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Mueller_Abb2_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Mueller_Abb2_DE').highcharts({\n\ntitle: {\n        text: ' '\n    },\n\n\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'in % des BIP'\n        }, \n    },\n    \n\n\n\n    tooltip: {\n        \n        pointFormat: \n            '{point.y:.1f} %'\n    },\n\n    plotOptions: {\n    \n       \n       \n       \n       series:  {marker: {\nenabled: false\n},\n            label: {\n                connectorAllowed: false\n            },\n            pointStart: 1990\n        }\n    },\n\n    series: [{\n        name: 'FDI in der Schweiz',\n        data: [13.2,13.6,12.1,14.6,16.5,16.6,16.2,20.6,24.2,25.9,31.6,31.5,41,45.6,49.7,41.3,62,73.2,80.3,91.7,104.1,97.2,110.5,113,109.8,124,118.9], color: '#e84066'\n    }, {\n        name: 'schweizerische FDI im Ausland',\n        data: [25.5,29,27.3,34.5,38.3,41.4,42.6,57.2,61.9,66.4,84.6,89.6,96.1,96,100.8,104.9,131.3,135.2,129.9,158.8,177.4,157.1,177,172.8,153,166.8,169.5], color: '#e84066', dashStyle: 'ShortDot',\n    }, {\n        name: 'FDI in Deutschland',\n        data: [12.8,13.5,11,10.8,12,12.1,12.6,14.2,18,10.7,24.2,21.8,25.9,27.4,25.8,22.4,26.6,27.7,21,28.2,28,26.6,30.4,25.8,22.1,23,22.6], color: '#ffdd0c'\n    }, {\n        name: 'deutsche FDI im Ausland',\n        data: [17.5,18.9,16.4,17.3,19.5,19.5,22.6,27.5,32.4,18.8,24.8,28.5,30.2,29.4,28.2,27.8,32.9,36.3,31.7,38.7,39.9,38.2,44.3,40.2,35.9,40,38.4], color: '#ffdd0c', dashStyle: 'ShortDot',\n    }, {\n        name: 'FDI in \u00d6sterreich',\n        data: [7,6.9,6.2,6.3,7.1,7.9,8.3,9.3,10.8,10.8,15.8,17.7,21,22,23.5,26.1,32.5,41.1,33.9,42.3,41,35.4,40.2,41.6,39.8,41.5,37.9], color: '#0074be'\n    }, {\n        name: '\u00f6sterreichische FDI im Ausland',\n        data: [3,3.6,3.4,4.1,4.6,4.7,5.5,6.7,8,8.8,12.6,14.4,19.9,21.4,23.2,22.7,31.3,38.7,34.4,42.5,46.3,44.8,51.2,53.9,49.4,53.7,51.3], color: '#0074be', dashStyle: 'ShortDot',\n    }],\n\n \n\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Unctad \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Handel vermehrt Wohlstand<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Beitrag des Aussenhandels an die Wirtschaftsleistung der Schweiz ist eindr\u00fccklich: Unter Ber\u00fccksichtigung der importierten Wertsch\u00f6pfung tragen die Ausfuhren rund 40 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung bei.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Dies unterstreicht die Bedeutung des internationalen Handels f\u00fcr die Schweiz \u2013 insbesondere weil das Land \u00fcber keine nat\u00fcrlichen Ressourcen verf\u00fcgt und einen begrenzten Binnenmarkt hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVerschiedene empirische Studien<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> belegen die positiven Auswirkungen des Handels auf die Entwicklung von Produktivit\u00e4t und Haushaltseinkommen: Auf der Produktionsseite erweitern sich die Beschaffungs- und Absatzm\u00f6glichkeiten. Der intensivere Wettbewerb erh\u00f6ht den Innovationsdruck, wodurch Spezialisierung und Produktivit\u00e4t steigen. Dies wiederum st\u00e4rkt die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Unternehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf der Konsumentenseite vergr\u00f6ssert der Handel das G\u00fcterangebot. Der st\u00e4rkere Wettbewerb und die tieferen Produktionskosten lassen die Preise sinken \u2013 wodurch das Realeinkommen der Konsumenten steigt. Eine j\u00fcngere Studie zeigt: Am deutlichsten sp\u00fcren die einkommensschwachen Haushalte diesen Effekt, da sie zu einem gr\u00f6sseren Anteil gehandelte G\u00fcter \u2013 anstelle von weniger gehandelten Dienstleistungen \u2013 konsumieren.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Gem\u00e4ss dem Globalisierungsreport 2018 hat die Schweiz zwischen 1990 und 2016 \u00fcberproportional von der globalen Handelsintegration profitiert.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Strukturwandel als Herausforderung<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer internationale Handel kann den Strukturwandel beschleunigen, der als Folge des technologischen Fortschritts auftritt. Einzelne Branchen oder Technologien verlieren an Bedeutung, w\u00e4hrend andere wichtiger werden. Dies wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus, wo die Anpassungskosten f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung sichtbar werden k\u00f6nnen. In der Schweiz waren seit der Jahrtausendwende Lowtech-Branchen im Industriesektor, wie beispielsweise die Papier- und Textilindustrie, sowie Berufe mit mittleren Anforderungen\u00a0 betroffen, deren Besch\u00e4ftigungsanteile im Vergleich zu anderen Kategorien abgenommen haben.<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBisher konnte die Schweizer Wirtschaft den Strukturwandel relativ gut bew\u00e4ltigen, unter anderem aufgrund guter innenpolitischer Rahmenbedingungen wie eines flexiblen Arbeitsmarkts, eines funktionierenden Sozialsystems mit Arbeitsanreizen und einer arbeitsmarktnahen, qualitativ hochstehenden Bildungslandschaft.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Sch\u00e4dliche Handelshemmnisse<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie zentrale Rolle des internationalen Handels f\u00fcr die Schweiz bedeutet im Umkehrschluss, dass die Schweiz deutlich st\u00e4rker unter Handelshemmnissen oder protektionistischen Tendenzen im In- und Ausland leiden w\u00fcrde als andere L\u00e4nder.<a href=\"#footnote_10\" id=\"footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor\">[10]<\/a> Angesichts des aktuellen Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie der zunehmenden Tendenz von protektionistischen Handelsmassnahmen sollte die Schweiz deshalb bestrebt sein, Handelshemmnisse zu vermeiden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnn\u00f6tige Hemmnisse und zus\u00e4tzliche Kosten im Handel schaden der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Wirtschaft, f\u00fchren zu ineffizienter Ressourcenallokation und schm\u00e4lern die Einkommen der Haushalte. Handelshemmnisse treten im G\u00fcterhandel beispielsweise in Form von Z\u00f6llen, Quoten und produktspezifischen Vorschriften auf. Bei den Dienstleistungen hemmen die Anerkennung von Qualifikationen oder die eingeschr\u00e4nkte Personenfreiz\u00fcgigkeit den grenz\u00fcberschreitenden Handel. Weitere Handelshemmnisse k\u00f6nnen Datenschutz- und Lokalisierungsvorschriften oder Investitionskontrollen im Namen der nationalen Sicherheit sein. Wie die Beispiele zeigen, gehen Handelshemmnisse weit \u00fcber Z\u00f6lle hinaus und betreffen teilweise auch nationale Regulierungsfragen. Hier k\u00f6nnen Zielkonflikte zwischen nationalen Regulierungszielen und guten Rahmenbedingungen f\u00fcr die Aussenwirtschaft entstehen, wobei die Handelsperspektive immer mit zu ber\u00fccksichtigen ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWenn unterschiedliche Regulierungsstandards den Handel verteuern, kann eine Angleichung der Standards die Kosten senken. Ein Beispiel ist das Datenschutzrecht, welches f\u00fcr viele international aufgestellte Unternehmen in der Schweiz relevant ist. Hier sind aus handelspolitischer Sicht\u00a0 Regelungen anzustreben, welche m\u00f6glichst gleichwertig sind mit jenen unserer Haupthandelspartner (insbesondere der EU).&#13;<\/p>\n<h2><strong>Multilateralismus als K\u00f6nigsweg<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Handel weltweit liberalisiert. Dabei wurde ein multilateraler Weg eingeschlagen, der 1995 zur Schaffung der WTO f\u00fchrte. Gem\u00e4ss dem US-Politikwissenschaftler John Ruggie pr\u00e4gen drei Kernelemente multilaterale Regelwerke:<a href=\"#footnote_11\" id=\"footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor\">[11]<\/a> Das erste Element ist ein generalisiertes Verhaltensprinzip \u2013 im Fall der WTO das Meistbeg\u00fcnstigungsprinzip. Das zweite Element ist die Unteilbarkeit der verhandelten Bereiche, welche zusammen mit dem ersten Element die Anreize zur m\u00f6glichst umfassenden Beteiligung setzt. Das dritte Element ist eine \u00abdiffuse\u00bb Reziprozit\u00e4t, welche multilaterale Verhandlungen naturgem\u00e4ss mit sich bringen. Der Gewinn der Teilnehmer ist kaum gegeneinander aufzurechnen, insbesondere auch, weil der l\u00e4ngerfristige, institutionelle Nutzen eine wichtige Rolle spielt. Dies ist der wichtigste Gegensatz zum bilateralen \u00abTit for Tat\u00bb-Vorgehen in Verhandlungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer multilaterale Ansatz erwies sich also als die effizienteste L\u00f6sung, um eine m\u00f6glichst umfassende Beteiligung sicherzustellen, indem durch das Meistbeg\u00fcnstigungsprinzip der Nutzen allen zugutekommt. Gerade beim Abbau von Z\u00f6llen, wo kein neues Recht geschaffen wird, erwies sich das Vorgehen als sehr erfolgreich. Bei Regulierungsfragen, wie beispielsweise im Bereich des oben erw\u00e4hnten Datenschutzes, d\u00fcrfte ein multilateral koordiniertes Vorgehen hingegen schwieriger sein.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Weltweites Netz an Freihandelsabkommen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den letzten Jahren ist der multilaterale Ansatz im Rahmen der WTO allerdings ins Stottern geraten. So wurden etwa in der 2001 einberufenen Doha-Runde bis heute nur in einzelnen Teilbereichen Abschl\u00fcsse erzielt. In der Folge hat der bilaterale Ansatz stark zugelegt. Weltweit sind bis 2019 \u00fcber 470 Freihandelsabkommen (Pr\u00e4ferenzabkommen) in Kraft getreten.<a href=\"#footnote_12\" id=\"footnote-anchor_12\" class=\"inline-footnote__anchor\">[12]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend bilaterale Freihandelsabkommen teilweise aufgrund ihrer Nutzungskosten kritisiert werden, bieten gr\u00f6ssere regionale Initiativen eine etwas effizientere Alternative. Allerdings f\u00fchrt eine h\u00f6here Anzahl von Beteiligten tendenziell zu weniger umfassenden Abkommen. Zu den ambitionierteren regionalen Abkommen geh\u00f6ren die Europ\u00e4ische Union, Mercosur und USMCA (ehemals Nafta) sowie das transpazifische Abkommen CPTPP. Ob die bilateralen sowie regionalen Abkommen eher \u00abbuilding blocks\u00bb oder \u00abstumbling blocks\u00bb f\u00fcr das multilaterale System sind, bleibt in der Literatur umstritten.<a href=\"#footnote_13\" id=\"footnote-anchor_13\" class=\"inline-footnote__anchor\">[13]<\/a> Die zahlreichen Pr\u00e4ferenzabkommen ver\u00e4ndern nat\u00fcrlich die Ausgangslage f\u00fcr Verhandlungen, weil einzelne L\u00e4nder untereinander teilweise bereits unterschiedlich intensiv Handlungshemmnisse abgebaut oder Regulierungen angepasst haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus pragmatischen Gr\u00fcnden f\u00e4hrt auch die Schweiz mehrgleisig. Sie unterst\u00fctzt die WTO und bringt sich auch in den laufenden Reformbem\u00fchungen ein. Gleichzeitig hat die Schweiz seit den Neunzigerjahren ein umfassendes Netz von Freihandelsabkommen ausgehandelt. Heute bestehen \u2013 zus\u00e4tzlich zu den Abkommen mit der EU und der Europ\u00e4ischen Freihandelsassoziation (Efta) \u2013 rund 30 Abkommen mit 40 Partnerstaaten. Nicht zu vergessen ist zudem der unilaterale Handlungsspielraum der Schweiz in den Bereichen, wo sie selbst die Regulierung festlegt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNichtsdestotrotz bleibt f\u00fcr kleinere Staaten wie die Schweiz der Multilateralismus weiterhin eine wichtige Bedingung f\u00fcr eine reibungslose Teilnahme am Welthandel. Denn nur er erlaubt die Schaffung eines regelbasierten Welthandelssystems, welches an die Stelle des Rechts des St\u00e4rkeren tritt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Ohne Ber\u00fccksichtigung von nicht monet\u00e4rem Gold und Wertsachen stieg die Aussenhandelsquote der Schweiz von 69 Prozent in 1980 auf 100 Prozent in 2018. F\u00fcr diese Zahlen existiert kein internationaler Vergleich. Quelle: Seco.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">WTO (2019): Zahlen f\u00fcr 2015.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Seco, ohne nicht monet\u00e4res Gold und Wertsachen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">UNCTAD (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Ausfuhren von Waren (ohne nicht monet\u00e4res Gold und Wertsachen) und Dienstleistungen werden korrigiert um den Anteil importierter Wertsch\u00f6pfung (24,6 Prozent gem\u00e4ss WTO, 2019) und in Relation zum BIP gesetzt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">IMF, Weltbank und WTO (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Faijgelbaum und Khandelwal (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Bertelsmann-Stiftung (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">Seco (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_10\" class=\"footnote--item\">Guillemette und Turner (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_11\" class=\"footnote--item\">Ruggie (1993).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_12\" class=\"footnote--item\">WTO: Regional Trade Agreements Information System (RTA-IS).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_12\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_13\" class=\"footnote--item\">\u00abBuilding blocks\u00bb und \u00abstumbling blocks\u00bb, siehe Bhagwati (1991).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_13\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehrere Trends f\u00fchrten in den vergangenen Jahrzehnten \u2013 zumindest bis vor einigen Jahren \u2013 zu einem kr\u00e4ftigen Wachstum des globalen Handels: Fortschritte in den Transport- und Kommunikationstechnologien, die zunehmende Liberalisierung des Handels durch den Abbau von Z\u00f6llen und Handelshemmnissen sowie die dadurch wachsende Integration globaler Wertsch\u00f6pfungsketten.&#13; &#13; Im Zuge dieser Entwicklungen stieg die \u00abAussenhandelsquote\u00bb der [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":4126,"featured_media":19216,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[97],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":4126,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Stellvertretende Leiterin, Ressort Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco), Bern","seco_author_post_occupation_fr":"Cheffe suppl\u00e9ante du secteur Croissance et politique de la concurrence, Secr\u00e9tariat d\u2019\u00c9tat \u00e0 l\u2019\u00e9conomie (Seco), Berne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Handel als R\u00fcckgrat der Schweizer Wirtschaft","post_lead":"F\u00fcr die Schweizer Wirtschaft ist der internationale Handel wichtig: Er steuert rund 40 Prozent zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz bei.","post_hero_image_description":"Die Schweizer Wirtschaft ist stark in den internationalen Handel eingebunden. 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Multilateralism: The Anatomy of an Institution, in: Multilateralism Matters, Columbia University Press.<\/li>&#13;\n \t<li>Seco (2017). Ursachen und Auswirkungen des Strukturwandels im Schweizer Arbeitsmarkt.<\/li>&#13;\n \t<li>Unctad (2018), World Investment Report 2018.<\/li>&#13;\n \t<li>WTO (2019). <a href=\"https:\/\/www.wto.org\/english\/news_e\/news19_e\/miwi_09may19_e.htm\">Trade in Value-Added and Global Value Chains \u2013 Statistical Profiles<\/a>. 9. Mai 2019.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":104031,"main_focus":[156093,156872],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":104035,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"87668","post_abstract":"Da die Schweiz \u00fcber keine nat\u00fcrlichen Ressourcen und nur \u00fcber einen begrenzten Binnenmarkt verf\u00fcgt, ist die Wirtschaft stark auf den internationalen Handel ausgerichtet. Der Aussenhandel tr\u00e4gt rund 40 Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung der Schweiz bei. 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