{"id":104041,"date":"2019-07-18T11:00:18","date_gmt":"2019-07-18T11:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/07\/farronato-schneider-08-09-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:57:08","modified_gmt":"2023-08-23T20:57:08","slug":"farronato-schneider-08-09-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/07\/farronato-schneider-08-09-2019\/","title":{"rendered":"Entwicklungsbanken sind ein Erfolgsmodell"},"content":{"rendered":"<p>Der Ursprung der multilateralen Entwicklungsbanken findet sich in den Vierziger- und F\u00fcnfzigerjahren. Damals sahen die Entwicklungs\u00f6konomen der ersten Generation den Mangel an Kapital in den Volkswirtschaften der \u00abless-developed economies\u00bb als das Haupthindernis der wirtschaftlichen Entwicklung.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> An der Bretton-Woods-Konferenz im Jahr 1944 gr\u00fcndeten die alliierten M\u00e4chte und weitere eingeladene Staaten deshalb die Internationale Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD), um den wirtschaftlichen Wiederaufbau in der Nachkriegszeit zu bew\u00e4ltigen. Die IBRD spielt bis heute eine Vorreiterrolle im System der multilateralen Entwicklungsbanken (im Folgenden \u00abEntwicklungsbanken\u00bb).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAllgemein gesprochen, sind Entwicklungsbanken supranationale Organisationen, gegr\u00fcndet durch souver\u00e4ne Staaten als Aktion\u00e4re im engeren und als \u00abStakeholders\u00bb der internationalen Zusammenarbeit im weiteren Sinn.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nRegionale Entwicklungsbanken \u2013 so zum Beispiel die Afrikanische, die Asiatische und die Interamerikanische Bank \u2013 entstanden im Kontext der Entkolonisierung in den Sechzigerjahren. Die regionalen Gr\u00fcnderstaaten sahen diese Institutionen als Mittel, um ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu f\u00f6rdern. Ebenfalls in den Sechzigerjahren wurde eine Reihe von subregionalen Banken, die man auch \u00abminilaterale Entwicklungsbanken\u00bb nennen k\u00f6nnte, ins Leben gerufen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 erschloss sich den Entwicklungsbanken ein neues T\u00e4tigkeitsgebiet: Um den Transformationsprozess in den ehemaligen Ostblockstaaten zu f\u00f6rdern, wurde die Europ\u00e4ische Bank f\u00fcr Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) ins Leben gerufen. Das wirtschaftliche Wachstum und der politische Bedeutungszuwachs der Schwellenl\u00e4nder \u2013 insbesondere von China \u2013 f\u00fchrten 2015 zur Gr\u00fcndung der Asiatischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) und der New Development Bank. Beide haben ihren Sitz in China. Sie \u00fcbernehmen das Erfolgsmodell der klassischen Entwicklungsbank und geben gleichzeitig den aufstrebenden Volkswirtschaften des S\u00fcdens mehr Gewicht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz reagierte schnell auf die \u00d6ffnung der regionalen Entwicklungsbanken f\u00fcr nicht regionale Mitglieder und trat ihnen fr\u00fch bei, weil dies Chancen f\u00fcr ihre internationale Pr\u00e4senz in einer sich neu konstituierenden Welt er\u00f6ffnete. Viel sp\u00e4ter erst, im Jahr 1992, erfolgte der Beitritt zur Weltbank. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen in der W\u00e4hrungspolitik, da der Beitritt zum Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) Voraussetzung f\u00fcr die Mitgliedschaft in der Weltbank ist.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Dennoch unterhielt die Schweiz lange vor 1992 enge entwicklungspolitische Beziehungen mit der Weltbank \u2013 beispielsweise unterst\u00fctzte sie deren Entwicklungsfonds.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Entwicklungsbanken sind ein zentraler Pfeiler der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit: Sie helfen die international vereinbarten Ziele zu erreichen und stellen ein geeignetes Instrument f\u00fcr die Umsetzung schweizerischer Programme dar.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Staaten als Aktion\u00e4re<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie multilateralen Entwicklungsbanken bilden ein Subsystem mit zahlreichen Akteuren innerhalb der immer komplexeren internationalen Finanzarchitektur (siehe <em>Abbildung)<\/em>. Gemeinsam ist ihnen der Grundauftrag, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und globale oder regionale Kooperation zu f\u00f6rdern. Als multilaterale Kooperationsforen bilden sie zudem ein wichtiges Bindeglied zwischen den Staaten.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Entwicklungsbanken weltweit&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-15-um-13.38.21.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-88640\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-15-um-13.38.21.png\" alt=\"\" width=\"2368\" height=\"1672\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Prizzon und Engen (2018) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Aktionariat setzt sich aus L\u00e4ndern unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsstands zusammen, die auch politisch und kulturell manche Unterschiede aufweisen. Die finanziellen Beitr\u00e4ge der Mitglieder variieren stark, und einige L\u00e4nder sind sowohl Anteilseigner als auch Kunde. Kurz: Die Interessenlagen der Aktion\u00e4re sind unterschiedlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBis heute tagen die Verwaltungsr\u00e4te quasi w\u00f6chentlich am Sitz der Banken. Dies erleichtert die strategische Leitung, die Aufsicht und die Kompromissfindung. Das Management der Banken kann durch diese Leitungsgremien relativ eng gesteuert werden. So nutzt die Schweiz beispielsweise ihre Einflussm\u00f6glichkeiten, um auf die Einhaltung und die Weiterentwicklung hoher Umwelt-, Sozial- und Gouvernanzstandards zu achten. Kritiker bem\u00e4ngeln, das System der Verwaltungsr\u00e4te sei aufwendig und relativ kostenintensiv. Nur die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank verzichtet auf den permanenten Verwaltungsrat, was gr\u00f6ssere Dynamik und Flexibilit\u00e4t erlauben soll.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa die Verwaltungsr\u00e4te bei allen Entwicklungsbanken weniger Sitze haben als Mitglieder, m\u00fcssen Stimmrechtsgruppen gebildet werden. Dies ist der Konsensfindung f\u00f6rderlich \u2013 wie sich am Beispiel der Schweiz im Verwaltungsrat der Weltbank zeigen l\u00e4sst: Die Schweiz bildet dort eine Stimmrechtsgruppe mit zentralasiatischen L\u00e4ndern, mit denen sie sich permanent im Austausch befindet, um wenn immer m\u00f6glich gemeinsame Positionen zu definieren. Obwohl der Druck zur Kompromissfindung Entscheidungsprozesse verlangsamen und Ambitionen zur\u00fcckbinden kann, erlaubt er die Bildung einer soliden, von allen getragenen Grundlage f\u00fcr Entscheidungen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Hebelwirkung erzielt<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEntwicklungsbanken funktionieren grunds\u00e4tzlich \u00e4hnlich wie Gesch\u00e4ftsbanken: Dank ihrem grossen Kapitalstock und ihrer guten Bonit\u00e4t k\u00f6nnen sie an den Finanzm\u00e4rkten g\u00fcnstig Geld aufnehmen und damit eine betr\u00e4chtliche Hebelwirkung erzielen. Innerhalb der Weltbank-Gruppe nutzten die IBRD sowie die Interational Finance Corporation (IFC) seit ihrer Gr\u00fcndung zum Beispiel ein Kapital von insgesamt 19 Milliarden Dollar f\u00fcr Finanzierungen in der H\u00f6he von \u00fcber 900 Milliarden Dollar.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Da sich das Kapital bei allen multilateralen Entwicklungsbanken in den H\u00e4nden souver\u00e4ner Staaten befindet, sind diese zugleich h\u00f6chste Aufsichtsbeh\u00f6rde und strategisches F\u00fchrungsorgan.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nProfite werden nicht aufgrund der Kapitalanteile ausgesch\u00fcttet, sondern den Reserven zugewiesen. Sie k\u00f6nnen auch als Zusch\u00fcsse an die \u00e4rmsten Mitglieder fliessen. Anders als bei Gesch\u00e4ftsbanken erhalten die am wenigsten entwickelten L\u00e4nder die besten Konditionen. Statt einer Risikopr\u00e4mie finden wir hier einen in der Tarifstruktur eingebauten Solidarit\u00e4tseffekt.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Neue Herausforderungen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklungsbanken haben \u00fcber die vergangenen 75 Jahre eine bemerkenswerte Anpassungsf\u00e4higkeit und Beharrungskraft in einer sich rasch wandelnden Welt bewiesen. Sie sind ein Schl\u00fcssel, um Engp\u00e4sse bei der Infrastruktur, den Institutionen oder den Regulierungen zu beseitigen. Dar\u00fcber hinaus tragen sie in Wirtschaftskrisen antizyklische Massnahmen mit. Sie haben das Vertrauen der Kunden, der Finanzm\u00e4rkte und ihrer Mitgliedsl\u00e4nder. Ausdruck dieses Vertrauens sind die exzellenten Noten der Ratingagenturen, die hohen Kofinanzierungen durch die Mitgliedsl\u00e4nder und die zahlreichen Kapitalerh\u00f6hungen in der Vergangenheit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWelche Herausforderungen gibt es? Eine permanente Aufgabe ist die Koordination des gesamten Systems der Entwicklungsbanken, da sowohl die einzelnen Institutionen als auch ihre Aktion\u00e4re spezifische Interessen verfolgen. Die Schweiz setzt sich f\u00fcr eine klare Arbeitsteilung der Entwicklungsbanken im Rahmen pr\u00e4zis definierter Mandate ein und unterst\u00fctzt seit je einen systemischen Ansatz, wie ihn gegenw\u00e4rtig etwa die G-20 vorantreibt.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Jede Bank soll ihre St\u00e4rken und komparativen Vorteile ausspielen k\u00f6nnen. Die verwendeten Instrumente gilt es zu harmonisieren und die Transparenz bei den Projekten und Programmen sicherzustellen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Fokus auf UNO-Nachhaltigkeitsziele<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWeiter sind die Entwicklungsbanken gefordert, zur L\u00f6sung einer wachsenden Zahl von transnationalen Herausforderungen wie etwa der Verschuldung, der Migration sowie dem Umwelt- und Klimaschutz beizutragen. Die Entwicklungsbanken sehen sich immer mehr auch als \u00abWissensbanken\u00bb und verst\u00e4rken die Funktionen von Forschung und Beratung. Der Akzent verschiebt sich damit st\u00e4rker auf weiche Faktoren wie das Humankapital als Grundlage aller Entwicklung.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbschliessend l\u00e4sst sich sagen: Mit ihrem wirksamen und finanziell nachhaltigen Gesch\u00e4ftsmodell bilden die Entwicklungsbanken einen wichtigen Pfeiler der multilateralen Zusammenarbeit. Sie haben sich in ihrer Geschichte kontinuierlich entwickelt, leisten einen substanziellen Beitrag zur globalen Armutsbek\u00e4mpfung und spielen mittlerweile auch eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG). Damit bleiben sie auch in Zukunft ein bedeutender Partner der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. Bauer (1984), S. 27.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Humphrey (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Bundesrat (1991), S. 1154.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Prizzon und Engen (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">\u00abSustainable Financing for Sustainable Development: World Bank Group Capital Package Proposal\u00bb prepared by the World Bank Group for the April 21, 2018 Development Committee Meeting.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">G20 Eminent Persons Group on Global Financial Governance (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Vgl. \u00ab<a href=\"http:\/\/www.worldbank.org\/en\/publication\/human-capital\">Human Capital Project<\/a>\u00bb der Weltbank.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ursprung der multilateralen Entwicklungsbanken findet sich in den Vierziger- und F\u00fcnfzigerjahren. 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Making the Global Financial System Work for All, Bericht vom Oktober 2018.<\/li>&#13;\n \t<li>Humphrey, Chris (2019). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1111\/dech.12467\">\u00abMinilateral\u00bb Development Banks: What the Rise of Africa\u2019s Trade and Development Bank Says about Multilateral Governance<\/a>. In: Development and Change.<\/li>&#13;\n \t<li>Prizzon, Annalisa und Lars Engen (2018). A Guide to Multilateral Development Banks, Overseas Development Institute London.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":104044,"main_focus":[156093,156872],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":104048,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"88091","post_abstract":"Entwicklungsbanken sind ein zentraler Pfeiler des Multilateralismus. Die global oder regional t\u00e4tigen Institutionen befinden sich alle im Besitz ihrer Mitgliedsl\u00e4nder \u2013 darunter auch die Schweiz. 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