{"id":104097,"date":"2019-07-18T10:30:43","date_gmt":"2019-07-18T10:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/07\/liechti-08-09-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:56:59","modified_gmt":"2023-08-23T20:56:59","slug":"liechti-08-09-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/07\/liechti-08-09-2019\/","title":{"rendered":"Bessere Arbeitsmarktchancen dank \u00abVitamin B\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Soziale Netzwerke spielen auf dem Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle. Fast die H\u00e4lfte aller Stellen wird durch informelle Kontakte vermittelt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Personen, welche \u00fcber ein starkes soziales Netzwerk verf\u00fcgen, finden daher schneller eine neue Anstellung. Daf\u00fcr gibt es unterschiedliche Gr\u00fcnde: Einerseits k\u00f6nnen informelle Kontakte Informationen \u00fcber freie Stellen weitergeben, andererseits k\u00f6nnen sie die Unsicherheit dar\u00fcber reduzieren, ob sich ein Bewerber tats\u00e4chlich f\u00fcr die Stelle eignet. Einige Personen auf Stellensuche haben allerdings nur ein schwaches soziales Netzwerk. Das heisst, sie haben haupts\u00e4chlich Kontakt zu Leuten, die ebenfalls nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen. F\u00fcr diese Personen ist das ein gewichtiger Nachteil. Davon betroffen sind h\u00e4ufig Migranten, da deren soziales Netzwerk oft aus Personen besteht, welche eine geringere Arbeitsmarktpartizipation aufweisen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Studie der Universit\u00e4t Lausanne<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> hat nun untersucht, ob Massnahmen der Arbeitsmarktpolitik diesen Nachteil ausgleichen und Personen mit einem schwachen sozialen Netzwerk so eine Alternative zu informellen Kontakten bieten k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Geeignete Kandidaten vorschlagen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Institution, die potenziell die Funktion von sozialen Kontakten im Arbeitsmarkt \u00fcbernehmen k\u00f6nnte, ist die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung. In der Schweiz nehmen die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) eine wichtige Rolle bei der Vermittlung und der Beratung von arbeitssuchenden Personen ein. F\u00fcr die Personalberatenden in den RAV sind Kontakte mit lokalen Arbeitgebern wichtig, um arbeitssuchende Personen erfolgreich zu vermitteln. Denn durch solche Kontakte erfahren die Personalberater, ob ein Unternehmen offene Stellen hat, und k\u00f6nnen so gegebenenfalls geeignete Kandidaten empfehlen. Diese Empfehlungen sind insbesondere f\u00fcr Arbeitssuchende mit einem schwachen sozialen Netzwerk wertvoll, da sie sich nicht auf ihre eigenen Kontakte verlassen k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie aber nehmen Arbeitgeber solche Empfehlungen von RAV-Mitarbeitenden wahr? Werden sie von den Arbeitgebern gesch\u00e4tzt, und sind sie mit dem positiven Effekt eines sozialen Netzwerks vergleichbar? Grunds\u00e4tzlich sollten die Empfehlungen einen positiven Einfluss auf die Evaluation von Bewerbern haben, da diese die Unsicherheit bez\u00fcglich der Eignung des Bewerbers verringern. Ergebnisse fr\u00fcherer Studien weisen allerdings darauf hin, dass Arbeitgeber solche Bewerber, die durch die \u00f6ffentliche Arbeitsvermittlung vermittelt werden, negativ wahrnehmen<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>. Die vorliegende Studie hat nun untersucht, wie sich eine konkrete Empfehlung eines RAV-Beraters auf die Evaluation eines Bewerbers durch den Arbeitgeber auswirkt. Dieser Effekt wird mit demjenigen einer Empfehlung \u00fcber einen sozialen Kontakt verglichen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm den Einfluss von unterschiedlichen Empfehlungen auf den Bewerbungsprozess zu untersuchen, wurde ein sogenanntes faktorielles Umfrageexperiment (siehe <em>Kasten<\/em>) mit Personalverantwortlichen in der Schweiz durchgef\u00fchrt. Dabei haben 720 Teilnehmende die Profile von \u00fcber 5000 fiktiven Bewerbern bewertet. Nebst anderen Merkmalen wurde auch der Bewerbungskanal der fiktiven Bewerber systematisch variiert und die Profile der Bewerber zuf\u00e4llig an die teilnehmenden Personalverantwortlichen verteilt. Einige Profile enthielten die Information, dass sich der Bewerber via E-Mail auf die ausgeschriebene Stelle beworben hat, in anderen Profilen stand, dass die Bewerberin durch einen aktuellen Mitarbeitenden (sozialer Kontakt) oder durch einen Beratenden des lokalen RAV empfohlen wurde.&#13;<\/p>\n<h2>Empfehlungen haben einen positiven Effekt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Auswertungen der Daten zeigen, dass der Bewerbungskanal \u2013 das heisst, ob der Bewerber sich per E-Mail beworben hat oder empfohlen wurde \u2013 eine bedeutende Rolle spielt. Konkret heisst das: Bewerbende, die von einem aktuellen Mitarbeiter des Arbeitgebers empfohlen worden sind, wurden signifikant besser bewertet als Bewerbende, die sich via E-Mail \u2013 und somit ohne Empfehlung \u2013 beworben haben (siehe <em>Abbildung<\/em>). Erstere erhielten im Durchschnitt eine Bewertung von 7 Punkten, w\u00e4hrend letztere durchschnittlich mit 6,75 Punkten bewertet wurden. Die Analyse zeigt ausserdem, dass auch jene Kandidaten, die durch das RAV empfohlen worden sind, eine h\u00f6here Bewertung erhielten als Bewerber ohne Empfehlung. Ein negativer, stigmatisierender Effekt wie in fr\u00fcheren Studien l\u00e4sst sich nicht ausmachen. Im Gegenteil: Obwohl der positive Effekt einer RAV-Empfehlung etwas kleiner ausf\u00e4llt als der Effekt einer Empfehlung durch einen sozialen Kontakt, sind beide Effekte signifikant positiv. Dieses Resultat l\u00e4sst darauf schliessen, dass Empfehlungen durch RAV-Beratende als Ersatz f\u00fcr soziale Kontakte dienen k\u00f6nnen \u2013 wenngleich sie diese nicht vollst\u00e4ndig ersetzen k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Effekt von Empfehlungen auf die Bewertung der Stellensuchenden<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='8-9_2019_Liechti_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#8-9_2019_Liechti_DE').highcharts({\n    chart: {\n        type: 'column'\n    \n    }, \n    title: {\n        text: ' '\n    },\n    xAxis: { \n        categories: ['Alle',\t'Schweizer*',\t'Personen mit Migrationshintergrund']\n    },\n    credits: {\n        enabled: false\n    },   yAxis: {\n        \n        title: {\n            text: 'Unterschied in der Bewertung zu Bewerber ohne Empfehlung'\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Empfehlung durch sozialen Kontakt',\n        data: [0.2512043,0.3375694,0.2219388]\n    }, {\n        name: 'Empfehlung durch RAV-Berater',\n        data: [0.1020453,0.0813385,0.1100756]\n    }]\n});\n\n     \n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Lesebeispiel: F\u00fcr Personen mit Migrationshintergrund steigt die Bewertung des Bewerbungsschreibens im Schnitt um 0,1 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10, wenn sie von einem RAV-Berater empfohlen worden sind. <\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">* Der Effekt von RAV-Beratern ist f\u00fcr Schweizer Bewerber nicht signifikant von 0 verschieden.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Liechti (2019) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Analyse zeigt aber noch etwas anderes: Bewerber mit Migrationshintergrund, die keinen typisch schweizerischen Namen tragen, sind generell schlechter bewertet worden als Bewerber mit Schweizer Namen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Um zu testen, ob Empfehlungen \u2013 von RAV-Mitarbeitenden oder sozialen Kontakten \u2013 diesen Nachteil ausgleichen k\u00f6nnen, wurde der Effekt f\u00fcr Schweizer und Bewerber mit Migrationshintergrund verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass Empfehlungen die Bewertung von Bewerbern mit Migrationshintergrund zwar verbessern k\u00f6nnen, aber den Nachteil, den diese Bewerber sowieso erfahren, k\u00f6nnen sie nicht ausgleichen. Im Gegenteil: Empfehlungen durch aktuelle Mitarbeiter (soziale Kontakte) haben einen gr\u00f6sseren Nutzen f\u00fcr Schweizer Bewerber und vergr\u00f6ssern somit die Distanz zwischen den beiden Gruppen. Umgekehrt ist es bei Empfehlungen durch das RAV. Hier zeigt sich, dass Bewerber mit Migrationshintergrund etwas mehr profitieren als Schweizer. F\u00fcr Schweizer Bewerber haben die Empfehlungen von RAV-Mitarbeitenden n\u00e4mlich keinen signifikanten Effekt. Trotzdem reicht es nicht aus, die Distanz zwischen den beiden Gruppen erheblich zu verkleinern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Ergebnisse der Studie zeigen, dass Empfehlungen durch RAV-Beratende zwar nicht ganz an den positiven Effekt von Empfehlungen durch soziale Kontakte herankommen. Dennoch haben sie einen durchaus positiven Einfluss auf die Bewertung von Stellensuchenden. F\u00fcr diese zahlt es sich deshalb aus, wenn RAV-Beratende in pers\u00f6nliche Kontakte mit Arbeitgebern investieren und diese pflegen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Empfehlungen selektiv ausgesprochen und nur geeignete Bewerber empfohlen werden, damit Arbeitgeber diesen Empfehlungen vertrauen k\u00f6nnen. Dies limitiert nat\u00fcrlich das Ausmass, inwieweit RAV-Beratende Empfehlungen dazu einsetzen k\u00f6nnen, Nachteile von Bewerbern mit einem schwachen sozialen Netzwerk auszugleichen. Bewerber, welche eine grosse Distanz zum Arbeitsmarkt aufweisen, weil sie beispielsweise nicht \u00fcber die geeignete Ausbildung oder Motivation verf\u00fcgen, werden eher nicht empfohlen. Sie sollten in erster Linie durch andere arbeitsmarktliche Massnahmen auf die Stellensuche vorbereitet werden. Das kann im Anschluss dazu immer noch zu einer Empfehlung f\u00fchren.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Oesch und von Ow (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Der folgende Text ist eine Kurzfassung von Liechti (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Larsen und Vesan (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Um die Herkunft der Bewerber zu signalisieren, wurden typisch spanische, polnische und t\u00fcrkische Namen gew\u00e4hlt. Es wurde jedoch erw\u00e4hnt, dass die Person die gesamte Ausbildung in der Schweiz absolviert hat, womit davon ausgegangen werden konnte, dass die Person mindestens einen Ausweis C oder die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft hat.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Soziale Netzwerke spielen auf dem Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle. Fast die H\u00e4lfte aller Stellen wird durch informelle Kontakte vermittelt. Personen, welche \u00fcber ein starkes soziales Netzwerk verf\u00fcgen, finden daher schneller eine neue Anstellung. 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Vielen Stellensuchenden fehlen solche Kontakte. Doch wie eine Studie der Universit\u00e4t Lausanne zeigt, haben Empfehlungen von RAV-Mitarbeitenden einen \u00e4hnlichen Effekt.","post_hero_image_description":"Informelle Kontakte sind bei der Arbeitssuche wichtig. Wer Beziehungen hat, ist oft erfolgreicher.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"Keystone","post_references_literature":"<ul>&#13;\n \t<li>Larsen, C. A. und Vesan, P. (2012). Why Public Employment Services Always Fail. Double-Sided Asymmetric Information and the Placement of Low-Skilled Workers in Six European Countries. In: Public Administration 90: 466\u2013479.<\/li>&#13;\n \t<li>Liechti, F. (2019). Connecting Employers and Workers: Can Recommendations from the Public Employment Service Act as a Substitute for Social Contacts? In: Work, Employment and Society, online first.<\/li>&#13;\n \t<li>Oesch, D. und von Ow, A. (2017). Social Networks and Job Access for the Unemployed: Work Ties for the Upper-Middle Class, Communal Ties for the Working Class. In: European Sociological Review 33: 275\u2013291.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Faktorielle Umfrageexperimente","kasten_box":"Faktorielle Umfrageexperimente eignen sich gut, um das Verhalten von Arbeitgebern zu untersuchen, welches sich sonst nur schwer beobachten l\u00e4sst. In der aktuellen Studie der Universit\u00e4t Lausanne wurden die teilnehmenden Personalverantwortlichen gebeten, die Bewerbungen von fiktionalen Stellensuchenden zu bewerten. Diese Stellensuchenden variieren zuf\u00e4llig in verschiedenen Merkmalen, wie zum Beispiel Geschlecht, Ausbildung, Migrationshintergrund oder Bewerbungskanal (per E-Mail oder per Empfehlung eines sozialen Kontakts oder eines RAV-Mitarbeitenden). Aus all den m\u00f6glichen Kombinationen dieser Merkmale wurden die Studienteilnehmenden gebeten, jeweils ein zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hltes Set an acht fiktiven Bewerbern zu bewerten. Dabei wurden die Teilnehmenden gefragt, wie wahrscheinlich es sei, dass sie den Bewerber zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch f\u00fcr eine bestimmte Stelle einladen w\u00fcrden. 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