{"id":104193,"date":"2019-07-15T10:30:44","date_gmt":"2019-07-15T10:30:44","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/07\/bunge-08-09-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:57:26","modified_gmt":"2023-08-23T20:57:26","slug":"bunge-08-09-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/07\/bunge-08-09-2019\/","title":{"rendered":"Kunststoffrecycling l\u00f6st kein Umweltproblem"},"content":{"rendered":"<p>Kaum ein Umweltthema ist so \u00f6ffentlichkeitspr\u00e4sent wie die Umweltverschmutzung durch Kunststoffe, beispielsweise die \u00abM\u00fcllinseln\u00bb im Pazifik. Oft gibt es zwei schnelle Antworten auf dieses Problem: die Forderung nach einem Verbot von Kunststoffverpackungen oder der Ruf nach einem forcierten Kunststoffrecycling. Doch wie so h\u00e4ufig sind schnelle Antworten nicht unbedingt die richtigen L\u00f6sungen f\u00fcr diese komplexe Problematik.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKunststoffe werden in zahlreichen Anwendungen eingesetzt. Insbesondere in Verpackungen haben sie einerseits einen dekorativen, andererseits einen funktionellen Zweck. Der dekorative Einsatz ist \u00f6kologisch unsinnig und sollte minimiert werden. In der Regel hat die Kunststoffverpackung aber einen funktionellen Zweck und dient beispielsweise der l\u00e4ngeren Haltbarkeit von Lebensmitteln. Denn ein St\u00fcck Fleisch h\u00e4lt sich in einer Kunststoffverpackung f\u00fcnf Mal l\u00e4nger als in Papier eingeschlagen. Die \u00d6kobilanz eines Lebensmittels wird durch die Kunststoffverpackung also erheblich verbessert \u2013 sogar dann, wenn die Verpackung hinterher im M\u00fcll landet. Deshalb: Verbote von funktionell eingesetzten Kunststoffverpackungen w\u00fcrden zwar das sehr kleine Problem der Plastikentsorgung l\u00f6sen, aber das viel gr\u00f6ssere \u00f6kologische Problem der Lebensmittelverschwendung deutlich versch\u00e4rfen.&#13;<\/p>\n<h2>Verbrennung von Gr\u00fcngut teilweise besser<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWohin aber mit unserem Verpackungsm\u00fcll? Vor allem in unseren Innenst\u00e4dten ist das achtlose Wegwerfen von Abf\u00e4llen wie Zigarettenfiltern, Kunststoffverpackungen und Plastikbechern ein offenkundiges Problem. Diese illegale oder fahrl\u00e4ssige Entsorgung nennt man \u00abLittering\u00bb. Was unseren Stadtreinigungen davon durch die Maschen schl\u00fcpft, ger\u00e4t in die Umwelt und sch\u00e4digt diese in verschiedener Weise direkt und indirekt. Auch in diesem Zusammenhang wird immer wieder ein Verbot von kurzlebigen Kunststoffprodukten gefordert. Allerdings ist Littering ein gesellschaftliches Problem. Anstatt Kunststoffprodukte deswegen zu verbieten, weil sie m\u00f6glicherweise illegal entsorgt werden k\u00f6nnten, w\u00e4re die angemessenere L\u00f6sung f\u00fcr das Litteringproblem, widerhandelnde Konsumenten mit hohen Bussen zu bestrafen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin weiteres Problem ist, dass Kunststoffabf\u00e4lle durch das Gr\u00fcngutrecycling in die Umwelt geraten. Denn Gr\u00fcngut, wie etwa der Schnitt von Strassenb\u00f6schungen oder Essensabf\u00e4lle aus Privathaushalten, enth\u00e4lt erhebliche Mengen an Plastikabf\u00e4llen. Beim privaten Gr\u00fcngut sind das etwa kunststoffverpackte Lebensmittelabf\u00e4lle, Kunststoff-Blument\u00f6pfe oder \u00abbiologisch abbaubare\u00bb Plastiks\u00e4cke, die unter Realbedingungen nicht wirklich abbaubar sind. Nach der Kompostierung des Gr\u00fcnguts werden sie zusammen mit dem Kompost in die Umwelt ausgetragen. \u00d6kologisch sinnvoller w\u00e4re es, das Gr\u00fcngut in Verbrennungsanlagen zu entsorgen (siehe <em>Abbildung<\/em>). Doch politisch w\u00e4re das nat\u00fcrlich kaum durchsetzbar.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Nutzen und Schaden von Kunststoffabf\u00e4llen in der Schweiz<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-15-um-11.08.06.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-88574\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/07\/Bildschirmfoto-2019-07-15-um-11.08.06.png\" alt=\"\" width=\"1496\" height=\"1194\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Verbrennung wird untersch\u00e4tzt, Recycling \u00fcbersch\u00e4tzt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWerden Kunststoffabf\u00e4lle allerdings ordnungsgem\u00e4ss entsorgt, dann gelangen sie entweder ins Recycling oder in die Verbrennung. \u00d6kologisch gesehen ist das Kunststoffrecycling im besten Fall marginal besser als die Verbrennung. Auf jeden Fall ist es aber teurer. Rechtfertigt dieser marginale \u00f6kologische Mehrwert die signifikanten Mehrkosten? Die Antwort ist Nein. Denn was viele Konsumenten nicht wissen: Unsere Kehrichtverbrennungsanlagen dienen l\u00e4ngst nicht mehr nur der Abfallvernichtung, sondern produzieren aus den verbrannten Abf\u00e4llen Strom und Fernw\u00e4rme. Zum Vergleich: Der Beitrag der Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen an die Produktion von erneuerbarer Energie ist etwa gleich hoch wie der von Sonnenenergie, Windenergie, Erdw\u00e4rmenutzung und Biogas zusammen. Will heissen: Auch die Verbrennung von Kunststoff hat einen \u00f6kologischen Nutzen. Und dieser ist nur wenig geringer als der des Recyclings.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUmgekehrt geht der Konsument beim Recycling davon aus, dass alle gesammelten Kunststoffe auch tats\u00e4chlich recycelt werden. Doch so ist es nicht. Wie viel tats\u00e4chlich recycelt wird, h\u00e4ngt von der Qualit\u00e4t des gesammelten Materials ab. Ein Vorzeigebeispiel ist die PET-Flaschensammlung in der Schweiz. Die Sammelquote f\u00fcr PET-Flaschen betr\u00e4gt rund 90 Prozent. Und die Sammelware ist von so guter Qualit\u00e4t, dass mehr als 80 Prozent davon wieder als PET eingesetzt werden k\u00f6nnen. Anders ist es bei Gemischtsammlungen von anderen Kunststoffen. Dort wird im besten Fall rund die H\u00e4lfte der Sammelware recycelt und der Rest verbrannt. Zudem sind bei Gemischtsammlungen selbst die recycelten Kunststoffe zum Teil von so schlechter Qualit\u00e4t, dass sie nur f\u00fcr minderwertige Produkte wie Europaletten, Sitzb\u00e4nke oder Zaunpf\u00e4hle infrage kommen. Dabei ersetzen sie nicht etwa frischen Kunststoff, sondern Holz, also einen nachwachsenden Rohstoff, was sich negativ auf die \u00d6kobilanz des Kunststoffrecyclings auswirkt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWill man wissen, ob der \u00f6kologische Mehrwert des Kunststoffrecyclings die Mehrkosten gegen\u00fcber der Verbrennung rechtfertigt, kann man sogenannte \u00d6koeffizienz-Indikatoren verwenden. Sie stellen den \u00f6kologischen Nutzen einer Umweltmassnahme in Relation zu den Mehrkosten. Das Ergebnis ist entt\u00e4uschend: Die \u00d6koeffizienz von Recyclingsystemen, wie der Sammlung von Elektro- und Elektronikabf\u00e4llen oder von Aludosen, ist etwa zehnmal so hoch wie die von Kunststoff-Gemischtsammlungen. Beim PET-Recycling ist die \u00d6koeffizienz immerhin dreimal so hoch. Durch Kunststoff-Gemischtsammlungen w\u00fcrde also ein marginaler Umweltnutzen mit hohen Kosten erkauft. Oder umgekehrt formuliert: An anderer Stelle eingesetzt, h\u00e4tten die finanziellen Mittel einen viel h\u00f6heren Nutzen f\u00fcr die Umwelt.&#13;<\/p>\n<h2>Geringer Effekt von Kunststoffsammlungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht nur die \u00d6koeffizienz gemischter Kunststoffsammlungen ist niedrig, sondern auch ihr Nutzeffekt insgesamt, das heisst ihre Effektivit\u00e4t. Durch die Einf\u00fchrung der Kunststoffsammlung w\u00fcrde pro B\u00fcrger ungef\u00e4hr der gleiche Nutzen f\u00fcr die Umwelt erzielt wie durch den Verzicht auf 30 Kilometer Autofahrt oder den Verzicht auf ein einziges Grillsteak \u2013 pro Jahr.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa die Kunststoffsammlung wenig Nutzen bringt und ausserdem sehr teuer ist, haben sich die Schweizer Umweltbeh\u00f6rden daf\u00fcr ausgesprochen, Kunststoff-Gemischtsammlungen in der Schweiz zwar unterschwellig zu f\u00f6rdern, sie aber nicht durch gesetzliche Vorgaben zu erzwingen. Anders in Deutschland, wo infolge politisch motivierter, \u00fcberrissener Recyclingvorgaben zwar grosse Kunststoffmengen gesammelt, davon aber nur knapp 30 Prozent hochwertig recycelt werden. Besonders pikant dabei: Ein Teil dieser separat gesammelten Kunststoffe wird in fern\u00f6stliche Schwellenl\u00e4nder exportiert und dort nachsortiert. Mangels geordneter Abfallwirtschaft k\u00f6nnen die entstehenden Sortierreste dort aber nicht ordnungsgem\u00e4ss entsorgt werden, und ein Teil davon wird \u00fcber die Fl\u00fcsse ins Meer gesp\u00fclt. Konkret: Wenn Sie eine Kunststoffverpackung aus der Schweiz aus dem Indischen Ozean fischen, dann kann diese nur \u00fcber das Kunststoffrecycling via Export von Schweizer Kunststoffabf\u00e4llen in deutsche Sortieranlagen dorthin gelangt sein. Nachdem 2018 China und neu auch Malaysia die Importe von Plastikm\u00fcll abgeklemmt hat, geht die Ware nun nach Indonesien, Indien und in die T\u00fcrkei. Die Wirkung des im Mai verabschiedeten UNO-Beschlusses zum Basler Abkommen auf die Plastikm\u00fcllexporte bleibt abzuwarten. Der Beschluss sieht vor, dass beim Plastikm\u00fcll Exportl\u00e4nder k\u00fcnftig das Einverst\u00e4ndnis der Regierungen in den Importl\u00e4ndern einholen m\u00fcssen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr das Kunststoffproblem ist also eine differenzierte Beurteilung erforderlich. In L\u00e4ndern, wo Kunststoffabf\u00e4lle ungeordnet abgelagert und schliesslich \u00fcber die Fl\u00fcsse ins Meer gelangen, sind Kunststoffabf\u00e4lle ein gravierendes Problem. Hier muss der Fokus darauf gerichtet sein, erstens die Abf\u00e4lle geordnet zu deponieren, zweitens den Einsatz von Kunststoffen zu minimieren und drittens die Kunststoffabf\u00e4lle m\u00f6glichst weitgehend zu recyceln. In der Schweiz hingegen sind ordnungsgem\u00e4ss entsorgte Kunststoffabf\u00e4lle kein Problem, denn in unseren modernen Kehrichtverbrennungsanlagen werden sie zu Strom und Fernw\u00e4rme umgewandelt. Dass in der Schweiz dennoch immer wieder ein Verbot von Kunststoffen und ein forciertes Recycling gefordert werden, ist entweder durch Unkenntnis der Zusammenh\u00e4nge oder durch politischen Aktionismus motiviert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum ein Umweltthema ist so \u00f6ffentlichkeitspr\u00e4sent wie die Umweltverschmutzung durch Kunststoffe, beispielsweise die \u00abM\u00fcllinseln\u00bb im Pazifik. Oft gibt es zwei schnelle Antworten auf dieses Problem: die Forderung nach einem Verbot von Kunststoffverpackungen oder der Ruf nach einem forcierten Kunststoffrecycling. 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So werden in L\u00e4ndern mit einer ungeordneten Abfallwirtschaft Kunststoffabf\u00e4lle h\u00e4ufig \u00fcber die Fl\u00fcsse ins Meer gesp\u00fclt. Aber sogar in einer geordneten Abfallwirtschaft, wie in der Schweiz, gibt es kleine Leckagen, durch die Kunststoffabf\u00e4lle in die Umwelt gelangen k\u00f6nnen. Beispiele sind: Littering, kunststoffverunreinigtes Gr\u00fcngut oder der Export von separat gesammelten Kunststoffabf\u00e4llen in Schwellenl\u00e4nder. Harte Strafen f\u00fcr Littering und die konsequente Verbrennung von Kunststoffabf\u00e4llen und Gr\u00fcngut sind sinnvollere L\u00f6sungen als Verbote von Plastik oder die Einf\u00fchrung eines forcierten Recyclings.","magazine_issue":"20190809","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20190719","original_files":null,"external_release_for_author":"20190701","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5cecdd8ca2623"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104193"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4890"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104193"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104193\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125969,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104193\/revisions\/125969"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4890"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156877"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19407"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104193"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=104193"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=104193"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=104193"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=104193"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=104193"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}