{"id":104397,"date":"2019-06-19T08:30:32","date_gmt":"2019-06-19T08:30:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/06\/mohler-weder-wyss-07-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:57:36","modified_gmt":"2023-08-23T20:57:36","slug":"mohler-weder-wyss-07-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/06\/mohler-weder-wyss-07-2019\/","title":{"rendered":"Kein Zusammenhang zwischen internationalem Handel und Arbeitslosigkeit in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Besch\u00e4ftigung geh\u00f6ren zu den brisantesten Themen in der aussenpolitischen Diskussion. In der Schweiz hat das Thema durch das Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der Europ\u00e4ischen Union an Bedeutung gewonnen. Hierzulande besteht eine breite politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die sogenannten flankierenden Massnahmen zum Schutz der L\u00f6hne. Gleichzeitig wird in den USA \u00fcber die Ursachen der sogenannten Lohnschere debattiert. Denn dort sind die L\u00f6hne der niedrig qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte im Vergleich zu den hoch qualifizierten \u00fcber die letzten dreissig Jahre gesunken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss der Handelstheorie ist die Entwicklung in den USA nicht \u00fcberraschend: Spezialisieren sich L\u00e4nder wie die USA oder die Schweiz im Zuge der Globalisierung auf die Herstellung und den Export von G\u00fctern und Dienstleistungen, bei denen es vorwiegend hoch qualifizierte Arbeitnehmer im Produktionsprozess braucht, steigt die Nachfrage nach diesen Arbeitskr\u00e4ften. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Niedrigqualifizierten. Denn Produkte, zu deren Herstellung es gr\u00f6sstenteils Niedrigqualifizierte braucht, werden zunehmend aus Schwellenl\u00e4ndern importiert. Diese beiden Entwicklungen f\u00fchren tendenziell zu einer \u2013 zumindest relativen \u2013 Abnahme der L\u00f6hne von Niedrigqualifizierten.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dieser Zusammenhang wurde in der Handelstheorie durch das sogenannte Stolper-Samuelson-Theorem bekannt.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAber das ist nicht der einzige Grund, f\u00fcr eine m\u00f6gliche Lohnreduktion bei Niedrigqualifizierten. \u00c4hnlich kann zunehmende Immigration die L\u00f6hne der Arbeitskr\u00e4fte im Inland unter Druck setzen, wenn sie mit den neu zugezogenen Immigranten oder auch mit tempor\u00e4ren ausl\u00e4ndischen Dienstleistungsanbietern in der Schweiz in Konkurrenz stehen. In beiden F\u00e4llen kann so der Ruf nach Begrenzung des internationalen Handels bzw. der Immigration \u00fcber den Preis (Z\u00f6lle bzw. Lohnuntergrenzen) oder \u00fcber die Menge (Importquoten bzw. Zuwanderungskontingente) entstehen.&#13;<\/p>\n<h2>Relative Arbeitslosigkeit nimmt zu<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nExistiert auch in der Schweiz eine Lohnschere? Die Beobachtungen aus den USA kann man nicht ohne Weiteres auf die Schweiz \u00fcbertragen. Das zeigt ein Vergleich des durchschnittlichen Monatslohns (Median) der Arbeitskr\u00e4fte mit einem Diplom von einer Universit\u00e4t, Fachhochschule oder h\u00f6heren Fachschule mit dem durchschnittlichen Monatslohn der Arbeitskr\u00e4fte ohne abgeschlossene Berufsausbildung mit oder ohne unternehmensinterne Ausbildung. Das Verh\u00e4ltnis der L\u00f6hne der so definierten Hoch- zu Niedrigqualifizierten in der Schweiz ist zwischen 1991 und 2017 ziemlich konstant geblieben (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Die am Markt erzielte Entsch\u00e4digung der Niedrigqualifizierten hat in den letzten dreissig Jahren in der Schweiz gemessen am Lohn von Hochqualifizierten nicht abgenommen. Im Gegenteil: Wenn schon, hat der Lohn sogar leicht zugenommen. Anders sieht es aus bei der relativen Arbeitslosigkeit: \u00dcber denselben Zeitraum hat die relative Arbeitslosigkeit der tief qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte in der Schweiz zugenommen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Relative Arbeitslosigkeit und relative L\u00f6hne von hoch und niedrig qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften in der Schweiz (1991\u20132017)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Mohler-Weder-Wyss_De_1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Mohler-Weder-Wyss_De_1').highcharts({\n     chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: {\n        categories:  ['1991', '1992', '1993', '1994', '1995', '1996', '1997', '1998', '1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015', '2016', '2017',]\n    },\n   \n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Verh\u00e4ltnis'\n        }\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}: <b>{point.y:,.2f}<\/b>'\n    },\n    plotOptions: {\n        line: {\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Lohn Hochqualifizierte \/ Lohn Niedrigqualifizierte',\n        data: [1.99825297,1.986768757,2.055674032,2.009737182,1.986768757,2.009737182,2.009737182,1.92211694,1.92211694,1.99825297,1.99825297,1.998186558,1.998186558,1.990641858,1.990641858,1.968640374,1.968640374,1.95419927,1.95419927,1.95004597,1.95004597,1.940281862,1.940281862,1.86966046,1.86966046,1.870507188,1.870507188],\n         color:\"#74ab4e\",\n          \n    },\n    {\n        name: 'Arbeitslosenquote Niedrigqualifizierte \/ Arbeitslosenquote Hochqualifizierte',\n        data: [1.77,1.71,2.14,1.74,2.76,2.27,1.44,1.74,2.77,3.33,3.25,2.06,2.23,2.76,2.83,2.94,3.14,3.21,2.73,2.56,2.65,2.54,2.45,2.51,2.54,2.80,2.21],\n        color:\"#a5c4d2\",\n        \n    }, ]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Eigene Berechnung der Autoren, BFS (Sake, Monatlicher Bruttolohn nach Ausbildung) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Beobachtungen stellen den Ausgangspunkt unserer Analyse dar, welche letztes Jahr in der \u00abSchweizerischen Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik\u00bb publiziert wurde.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Die Bedeutung des Themas akzentuiert sich noch, wenn man die Entwicklung der relativen Arbeitslosigkeit in der Schweiz mit anderen OECD-L\u00e4ndern vergleicht. Unter allen OECD-L\u00e4ndern, f\u00fcr die wir Daten zur Verf\u00fcgung haben, hatte die Schweiz von 1991 bis 2014 die st\u00e4rkste Zunahme der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTheoretisch ist eine Zunahme der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten aufgrund des Stolper-Samuelson-Theorems dann m\u00f6glich, wenn die Nominall\u00f6hne insbesondere der tief qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte aufgrund von Mindestl\u00f6hnen oder f\u00fcr allgemeinverbindlich erkl\u00e4rten Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen nach unten nicht flexibel sind.&#13;<\/p>\n<h2>Arbeitslosigkeitsrisiko f\u00fcr Niedrigqualifizierte h\u00f6her<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nH\u00e4ngt die in der Schweiz steigende (relative) Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten mit dem zunehmenden internationalen Handel zusammen? Um dies zu beantworten, haben wir die Daten von 33\u2019000 Personen ausgewertet, welche zwischen 1991 und 2008 im Industriesektor der Schweiz besch\u00e4ftigt waren (siehe <em>Kasten 2<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Durchschnittliche Wachstumsrate der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten (1991\u20132014)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Mohler-Weder-Wyss_De_2'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Mohler-Weder-Wyss_De_2').highcharts({\n      chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n   \n    xAxis: {\n        categories: [ 'Schweiz', 'S\u00fcdkorea', 'Deutschland', 'Italien', 'Spanien', 'Schweden', 'Australien', 'Norwegen', 'Grossbritannien', 'Finnland', 'Frankreich', 'Kanada', '\u00d6sterreich', 'Neuseeland', 'Tschechien', 'USA', 'D\u00e4nemark', 'Irland', 'Belgien', 'T\u00fcrkei', 'Niederlande' ],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        },\n          labels: {\n            format: '{value}%',  },\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{point.key}<br\/>{series.name}: {point.y:.1f} %',\n        shared: true,\n    },\n\n    series: [{\n        name: 'Durchschnittliche Wachstumsrate der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten (1991-2014)',\n        data: [4.82408392,4.030839652,3.29879867,2.467851061,1.879108444,1.575912707,0.246850326,0.053084656,-0.1162551,-0.148261463,-0.303577532,-0.310361562,-0.491963458,-1.318497114,-1.393430561,-1.732683183,-1.874419452,-1.972746399,-2.341985339,-2.407784816,-3.384174181],\n        showInLegend: false\n\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Eigene Berechnung der Autoren, OECD (\u00abEducation at a Glance\u00bb) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGenerell gilt, dass Niedrigqualifizierte grunds\u00e4tzlich ein statistisch signifikant h\u00f6heres Risiko haben, arbeitslos zu werden. Das Arbeitslosigkeitsrisiko ist mitunter auch h\u00f6her f\u00fcr Arbeitnehmer mit Teilzeitvertr\u00e4gen, f\u00fcr Tempor\u00e4rangestellte sowie f\u00fcr Ausl\u00e4nder. Verheiratete, verwitwete sowie \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte weisen ein signifikant tieferes Risiko auf. Diese Resultate decken sich mit anderen Studien aus der Arbeitsmarktforschung. Die Effekte in unseren Sch\u00e4tzungen sind allerdings klein: Die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, ist f\u00fcr eine niedrig qualifizierte Person 1,3 Prozent h\u00f6her als f\u00fcr eine hoch qualifizierte Person. Einen viel st\u00e4rkeren Einfluss hat das Arbeitspensum: F\u00fcr eine tempor\u00e4r angestellte Person ist die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, 11,3% h\u00f6her als f\u00fcr eine fest angestellte Person.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nStellt sich die Frage, ob das Arbeitslosigkeitsrisiko zus\u00e4tzlich vom internationalen Handel beeinflusst wird. Konkret: Steigt oder sinkt die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, wenn eine Branche ein hohes Niveau an Importen oder Exporten hat oder wenn das Import- oder Exportvolumen im beobachteten Zeitraum (z. B. im Vorjahr) stark zu- oder abgenommen hat? Die Antwort: Nein, es besteht kein signifikanter Zusammenhang \u2013 weder mit noch ohne zeitliche Verz\u00f6gerung.&#13;<\/p>\n<h2>Handel und Arbeitslosigkeit: Schwacher Zusammenhang<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEinzig f\u00fcr Niedrigqualifizierte l\u00e4sst sich ein schwacher Zusammenhang zwischen internationalem Handel und Arbeitslosigkeit beobachten: Ist das Niveau der Importe n\u00e4mlich um 1 Prozent h\u00f6her, steigt das Arbeitslosigkeitsrisiko f\u00fcr eine tief qualifizierte Person um 0,017 Prozent. Ver\u00e4nderungen des Importvolumens (oder des Exportvolumens) beeintr\u00e4chtigen die Arbeitslosigkeit jedoch nicht. In weiteren Sch\u00e4tzungen und verschiedenen Sensitivit\u00e4tsanalysen wird dieses Ergebnis best\u00e4tigt: Wenn \u00fcberhaupt, besteht zwischen Arbeitslosigkeitsrisiko und internationalem Handel nur ein geringer Zusammenhang, der zudem statistisch nicht signifikant ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAufgrund unserer Analyse kann die Zunahme der relativen Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten zu Hochqualifizierten in der Schweiz kaum auf den zunehmenden internationalen Handel zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. Es muss nach anderen Ursachen gesucht werden. M\u00f6gliche Gr\u00fcnde k\u00f6nnten zunehmende Regulierungen im Arbeitsmarkt sein, die verhindern, dass die L\u00f6hne nach unten flexibel sind. Ebenso k\u00f6nnten die Immigration oder die technologischen Ver\u00e4nderungen die Niedrigqualifizierten tangieren. Vor allem wenn sich der Trend zur Zunahme der (relativen) Arbeitslosigkeit von tief qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften in der Schweiz fortsetzen oder gar verst\u00e4rken sollte, ist es wichtig, die Gr\u00fcnde daf\u00fcr zu kennen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die Reall\u00f6hne der Tiefqualifizierten m\u00fcssen dabei absolut nicht sinken, wenn in einer Volkswirtschaft gleichzeitig auch die Produktivit\u00e4t zunimmt.\u00a0&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Stolper und Samuelson (1941).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Mohler, Weder und Wyss (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">OECD-Daten ab 2015 stehen uns zurzeit nicht zur Verf\u00fcgung. Aufgrund der in Abbildung 1 beobachtbaren Entwicklung seit 2014 ist es m\u00f6glich, dass die Schweiz im OECD-Vergleich von 1991 bis 2017 nicht mehr so schlecht dasteht.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Besch\u00e4ftigung geh\u00f6ren zu den brisantesten Themen in der aussenpolitischen Diskussion. In der Schweiz hat das Thema durch das Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der Europ\u00e4ischen Union an Bedeutung gewonnen. Hierzulande besteht eine breite politische Unterst\u00fctzung f\u00fcr die sogenannten flankierenden Massnahmen zum Schutz der L\u00f6hne. 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