{"id":104495,"date":"2019-05-22T11:00:31","date_gmt":"2019-05-22T11:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/05\/hasler-06-2019fr\/"},"modified":"2024-02-07T10:56:09","modified_gmt":"2024-02-07T09:56:09","slug":"hasler-06-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/05\/hasler-06-2019\/","title":{"rendered":"Wasserlebewesen k\u00e4mpfen ums \u00dcberleben"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Jahrhunderten stellte das Abwasser aus Siedlungen eine der gr\u00f6ssten Bedrohungen f\u00fcr den Menschen dar. Weil die Notdurft auf der Strasse verrichtet wurde und dort zudem Schweine und H\u00fchner frei herumliefen, lebte die Stadtbev\u00f6lkerung in st\u00e4ndigem Schmutz. Dies f\u00fchrte immer wieder zur Verseuchung von Trinkwasserbrunnen. Verheerende Typhus- und Choleraepidemien waren die Folge. Erst im 19. Jahrhundert forderten \u00c4rzte und St\u00e4dteplaner im Zuge der sogenannten Kloakenreform eine kontrollierte Abfuhr des Abwassers aus den Siedlungen heraus.<\/p>\n<p>Weil es um die eigene Gesundheit ging, handelten die Menschen rasch: Sobald die Bedeutung der Siedlungshygiene erkannt war, wurden Kanalisationen zur Ableitung des Schmutzwassers gebaut. Damit verdoppelte sich die Lebenserwartung in den St\u00e4dten von 40 auf 80 Jahre. Die Siedlungshygiene gilt denn auch \u2013 weit vor der Entdeckung von Antibiotika \u2013 als wichtigste medizinische Errungenschaft.<\/p>\n<p>Der massive Gewinn an Lebensqualit\u00e4t ging mit einer deutlichen Zunahme der Gew\u00e4sserverschmutzung einher. Die aus den Siedlungen abgeleiteten Abw\u00e4sser gelangten nun ungereinigt in B\u00e4che, Fl\u00fcsse und Seen und f\u00fchrten dort zu Fischsterben, Schaumteppichen und ausgedehnten Algenbl\u00fcten. F\u00fcr viele Gew\u00e4sser verf\u00fcgten die Beh\u00f6rden ab den 1950er-Jahren Badeverbote. Wer sich trotzdem traute, in einen Fluss zu springen, musste damit rechnen, neben mitschwimmenden F\u00e4kalien wieder aufzutauchen.<\/p>\n<p>Wieder war unsere Gesundheit beeintr\u00e4chtigt, und wieder handelte man rasch: Heute wird das Abwasser von \u00fcber 98 Prozent der Schweizer Bev\u00f6lkerung in Kl\u00e4ranlagen gereinigt. Damit geh\u00f6ren verschmutzte Gew\u00e4sser und durch mangelnde Siedlungshygiene verursachte Krankheiten l\u00e4ngst der Vergangenheit an.<\/p>\n<h2><strong>Trotz Kl\u00e4ranlagen wenig Fische<\/strong><\/h2>\n<p>Optisch sind unsere Gew\u00e4sser nun zwar sauber \u2013 trotzdem leiden die darin lebenden Tiere und Pflanzen: 60 Prozent der Fisch\u2010 und 70 Prozent der Amphibienarten sowie 60 Prozent der Wasserpflanzen sind bedroht. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind einerseits Kanalisierungen, mit denen die urspr\u00fcnglichen Lebensr\u00e4ume wie Auen, Moore und Quellen zerst\u00f6rt wurden. Andererseits tragen zu hohe N\u00e4hrstoff- und Pestizidbelastungen zum R\u00fcckgang der Biodiversit\u00e4t bei. Weil viele Lebewesen dadurch geschw\u00e4cht sind, stellt die Klimaerw\u00e4rmung eine zus\u00e4tzliche Herausforderung dar.<\/p>\n<p>Der \u00abAktionsplan Strategie Biodiversit\u00e4t\u00bb stellt fest, dass in der Schweiz der Anteil intakter, naturnaher Fl\u00e4chen auf einem bedenklich tiefen Niveau angelangt ist. Der dadurch verursachte Artenschwund wird ohne massive zus\u00e4tzliche Anstrengungen weiter fortschreiten und f\u00fchrt mittel- bis langfristig zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Der Bundesrat sieht daher einen grossen und dringenden Handlungsbedarf.<\/p>\n<p>Auch weltweit w\u00e4chst die Erkenntnis, dass wir mit der intensiven Raumnutzung durch Infrastrukturen und industrielle Landwirtschaft unsere Lebensgrundlage zerst\u00f6ren. So sind Gew\u00e4sser in landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten stark mit Pestiziden belastet. Die Konzentrationen einzelner Stoffe liegen teilweise w\u00e4hrend mehrerer Monate \u00fcber dem Grenzwert, wodurch empfindliche Gew\u00e4sserorganismen erheblich beeintr\u00e4chtigt werden. Nicht nur im Wasser, sondern auch an Land wirkt sich die Intensivlandwirtschaft fatal aus: Seit einigen Jahren stellt man einen starken R\u00fcckgang der Insekten- und Vogelbest\u00e4nde fest.<\/p>\n<p>Im Unterschied zum Menschen k\u00f6nnen sich die gef\u00e4hrdeten Tiere und Pflanzen nicht gegen ihr Aussterben wehren. Wie wir das Artensterben zumindest verlangsamen k\u00f6nnen, ist offensichtlich: Neben global konzertierten Anstrengungen f\u00fcr einen effektiven Klimaschutz und der Eind\u00e4mmung des Landverschleisses braucht es eine Trendwende hin zu einer umweltschonenden landwirtschaftlichen Produktion.<\/p>\n<p>Die dazu notwendige Desintensivierung der Landwirtschaft beinhaltet insbesondere eine drastische Reduktion des Pestizid- und Kunstd\u00fcngereinsatzes. Nur so wird die Umweltbelastung auf ein vertr\u00e4gliches Mass reduziert. Nur so sinkt der Nutzungsdruck, wodurch wir der Natur einen Teil des Raums zur\u00fcckgeben k\u00f6nnen, der f\u00fcr das \u00dcberleben von sensiblen Tier- und Pflanzenarten unabdingbar ist. Nur so k\u00f6nnen die Gew\u00e4sser ihre nat\u00fcrliche Dynamik zur\u00fcckgewinnen, und nur so k\u00f6nnen die als \u00abHotspots der Biodiversit\u00e4t\u00bb bekannten Feuchtgebiete wie Auen, Moore und Quelllebensr\u00e4ume reaktiviert werden.<\/p>\n<p>Ist der Mensch selber bedroht, dann handelt er rasch, wie die eingangs erw\u00e4hnten Epidemien zeigen. Tiere und Pflanzen sind uns offenbar zu wenig wichtig, um einen \u00e4hnlich starken Willen zur Arterhaltung zu entfalten. Dies ist kurzsichtig, denn die Biodiversit\u00e4t bildet die Lebensgrundlage f\u00fcr uns und alle k\u00fcnftigen Generationen. Jedes Eingreifen in das komplexe System hat fatale Folgen: Der Artenschwund stellt f\u00fcr unser \u00dcberleben eine gr\u00f6ssere Bedrohung dar als jede Epidemie. Ein konsequentes und rasches Handeln ist unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<h2><strong>Neben der Politik sind auch wir gefordert<\/strong><\/h2>\n<p>In erster Linie ist die Politik gefordert, welche die Rahmenbedingungen f\u00fcr einen effektiven Klimaschutz, f\u00fcr eine nachhaltige Raumplanung und f\u00fcr eine umweltschonende landwirtschaftliche Produktion setzen muss. Aber auch Sie k\u00f6nnen durch Ihr t\u00e4gliches Verhalten zu sauberen Gew\u00e4ssern und zur Verlangsamung des Artenschwundes beitragen, indem Sie:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Ihren Garten oder Ihre Dachfl\u00e4che nicht \u00abherausputzen\u00bb, sondern so gestalten, dass die Fl\u00e4chen m\u00f6glichst vielen Tier- und Pflanzenarten Unterschlupf bieten;<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>im Privatgebrauch keine Pestizide einsetzen;<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>chemische Produkte wie Farben, L\u00f6sungsmittel, Medikamentenr\u00fcckst\u00e4nde etc. korrekt entsorgen und nicht die Toilette runtersp\u00fclen;<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>noch essbare Lebensmittel verwerten und nicht wegwerfen;<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>konsequent Bioprodukte einkaufen und weniger Fleisch essen;<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>ganz allgemein auf Ihren \u00f6kologischen Fussabdruck achten.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei all diesen Massnahmen geht es nicht um Verzicht, sondern um einen bewussten Umgang mit unseren Ressourcen. Eine intakte Natur mit sauberen und lebendigen Gew\u00e4ssern und ihrer unersetzlichen Biodiversit\u00e4t ist dies allemal wert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Jahrhunderten stellte das Abwasser aus Siedlungen eine der gr\u00f6ssten Bedrohungen f\u00fcr den Menschen dar. Weil die Notdurft auf der Strasse verrichtet wurde und dort zudem Schweine und H\u00fchner frei herumliefen, lebte die Stadtbev\u00f6lkerung in st\u00e4ndigem Schmutz. Dies f\u00fchrte immer wieder zur Verseuchung von Trinkwasserbrunnen. Verheerende Typhus- und Choleraepidemien waren die Folge. Erst im 19. [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":4859,"featured_media":169492,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[67,69],"post_opinion":[71],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":4859,"seco_co_author":"","author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Direktor Verband Schweizer Abwasser- und Gew\u00e4sserschutzfachleute (VSA), Glattbrugg","seco_author_post_occupation_fr":"Directeur de l\u2019Association suisse des professionnels de la protection des eaux (VSA), Glattbrugg (ZH)","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Wasserlebewesen k\u00e4mpfen ums \u00dcberleben","post_lead":"\u00dcber 60 Prozent der heimischen Wassertiere und -pflanzen sind bedroht. Um ihr \u00dcberleben zu sichern, m\u00fcssen die Gew\u00e4sser naturnaher gestaltet und sowohl die Pestizid- als auch die N\u00e4hrstoffbelastung reduziert werden.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":104498,"main_focus":[156114,156887],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"85968","post_abstract":"","magazine_issue":"20190601","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4127],"korrektor":"","planned_publication_date":"2019-05-22 09:00:31","original_files":null,"external_release_for_author":"20190501","external_release_for_author_time":"23:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5ca20918620a4"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104495"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4859"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=104495"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104495\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":195310,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/104495\/revisions\/195310"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4859"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156887"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156114"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/169492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=104495"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=104495"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=104495"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=104495"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=104495"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=104495"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}