{"id":104714,"date":"2019-04-23T11:00:43","date_gmt":"2019-04-23T11:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/04\/bucher-05-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:58:15","modified_gmt":"2023-08-23T20:58:15","slug":"bucher-05-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/04\/bucher-05-2019\/","title":{"rendered":"Warum die Blockchain-Technologie \u00f6konomisch relevant ist"},"content":{"rendered":"<p>Viel wurde die vergangenen Monate \u00fcber die Blockchain geschrieben. Zuerst \u2013 im Zuge der Bitcoin-Blase \u2013 oft mit sich \u00fcberbietenden Superlativen \u00fcber die bahnbrechende Wirkung der Technologie und ihre disruptiven Potenziale. Anschliessend, nach erfolgter Preiskorrektur, oft verharmlosend und im Sinne einer Klassifizierung als \u00abFussnote der Technologiegeschichte\u00bb. Das Meinungspendel schl\u00e4gt derzeit auch deshalb weit aus, da es noch fr\u00fch ist, das \u00f6konomische Potenzial der Blockchain-Technologie quantitativ abzusch\u00e4tzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotzdem sei hier eine Prognose gewagt: Die Blockchain-Technologie wird Netzwerkstrukturen ver\u00e4ndern. Netzwerke sind ein gewichtiger \u00f6konomischer Einflussfaktor. Gem\u00e4ss einer Studie der Venture Firma NFX bestimmt der sogenannte Netzwerkeffekt 70 Prozent der Wertsch\u00f6pfung im Tech-Umfeld. Dieser Effekt ist intuitiv leicht verst\u00e4ndlich: Ein Netzwerk ist umso wertvoller, desto mehr Teilnehmer sich darin tummeln.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWenn Netzwerke wachsen, bilden sich nat\u00fcrliche Monopole: Je mehr Teilnehmer ein Netzwerk aufweist, desto gr\u00f6sser ist der Anreiz f\u00fcr Aussenstehende, sich dem Netzwerk ebenfalls anzuschliessen. Gleichzeitig werden f\u00fcr bestehende Teilnehmer die Wechselkosten stetig gr\u00f6sser, da sie bei einem Wechsel den Zugang zu den anderen Teilnehmern verlieren w\u00fcrden. Beispiele sind soziale Netzwerke wie Facebook oder Linkedin. Ein Netzwerkmonopol ist per se nichts Schlechtes: Aus Sicht eines Mitglieds steigt der Nutzen mit jedem zus\u00e4tzlichen Teilnehmer. Und: Ein Monopol hat per Definition die meisten Nutzer. Entsprechend kann ein Netzwerkmonopol, unter den richtigen Umst\u00e4nden, zu einem maximalen Nutzen jedes Teilnehmers f\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBei Netzwerken in Firmenbesitz sind die Umst\u00e4nde aus Nutzersicht aber nie optimal, weil Firmen f\u00fcr ihre Aktion\u00e4re den gr\u00f6sstm\u00f6glichen Profit erwirtschaften m\u00fcssen. Sobald die entsprechende Marktmacht vorhanden ist, extrahieren Firmen, die ein Netzwerk besitzen, entsprechend eine Rendite. Diesen Mechanismus bezeichnet man als \u00abExtraction Imperative\u00bb. M\u00f6glichkeiten hierzu sind vielf\u00e4ltig: Netzwerkfirmen k\u00f6nnen Nutzerdaten verkaufen, dem Nutzer Werbung vorsetzen oder Zugangsgeb\u00fchren verlangen. Weiter bestehen f\u00fcr den Besitzer eines Netzwerkes Anreize, Dienstleistungen nicht mehr von Dritten zu beziehen, sondern diese zu internalisieren.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Spielregeln dank Token einhalten<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDemgegen\u00fcber vermag die Blockchain-Technologie die Anreize von Netzwerknutzern und Netzwerkbesitzern in \u00dcbereinstimmung zu bringen: Wenn n\u00e4mlich Nutzer und Besitzer identisch sind, f\u00e4llt der Zwang dahin, Nutzer zugunsten der Aktion\u00e4re schr\u00f6pfen zu m\u00fcssen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie funktioniert das? Eine Blockchain kann verstanden werden als kryptografisch gesicherte, global verteilte Datenbank, in welcher Daten nur hinzugef\u00fcgt werden, nie aber gel\u00f6scht werden k\u00f6nnen. Diese Daten (das Resultat der Transaktionen aller Teilnehmer) sind f\u00e4lschungssicher und unver\u00e4nderlich gespeichert. Moderne Blockchains k\u00f6nnen zus\u00e4tzlich Computerprogramme (sogenannte Smart Contracts) ausf\u00fchren, die ebenfalls unver\u00e4nderlich abgespeichert sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00d6konomische Anreize mittels sogenannter Token sorgen daf\u00fcr, dass die Spielregeln bei der Benutzung der Blockchain, aber auch der auf der Blockchain aufsetzenden Applikationen eingehalten werden. Unter einem Token versteht man ein digitales Recht auf der Blockchain. Ein Token kann die Form einer Kryptow\u00e4hrung annehmen (etwa Bitcoin oder Ether). Solche Token klassifiziert die Eidgen\u00f6ssischen Finanzmarktaufsicht Finma als \u00abZahlungs-Token\u00bb.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Ein Token kann aber auch Nutzungsrechte gew\u00e4hren f\u00fcr Services oder Infrastruktur, welche auf der Blockchain bereitgestellt sind (\u00abNutzungs-Token\u00bb), oder er repr\u00e4sentiert einen Wert (\u00abAnlage-Token\u00bb). Die meisten Token sind standardisiert und global \u00fcber ihre jeweiligen Blockchains transferierbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMittels dieser Token erm\u00f6glicht die Blockchain-Technologie neue Organisationsformen: Organisationen werden nicht als Firmen strukturiert, sondern inh\u00e4rent dezentral aufgebaut. Dezentralit\u00e4t ist oft erstrebenswert, wenn die Anreize aller Teilnehmer (Besitzer, Angestellte, Kunden) eines Systems in Einklang gebracht werden sollen. Diese Vorteile sind bei Netzwerkstrukturen offensichtlich.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Aufbau in Etappen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie vollst\u00e4ndige Dezentralit\u00e4t eines Netzwerkes ist aber \u2013 zumindest in der Aufbauphase \u2013 nicht realisierbar, da es eine Instanz braucht, die den Netzwerkaufbau koordiniert. Besteht das Ziel darin, dem \u00abExtraction Imperative\u00bb zu entfliehen, bieten sich gemeinn\u00fctzige Non-Profit-Stiftungen als Koordinationseinheit an. Ein dezentrales, von einer Non-Profit-Organisation koordiniertes Netzwerk impliziert aber nicht, dass die Netzwerknutzung gratis ist (oder sein soll): Bei jeder vollst\u00e4ndig frei zug\u00e4nglichen Ressource besteht n\u00e4mlich die Gefahr der \u00dcbernutzung \u2013 ein Ph\u00e4nomen, das in der \u00d6konomie als \u00abTragik der Allmende\u00bb bekannt ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGenau hier besteht die grosse \u00f6konomische Relevanz der Blockchain-Technologie: Sie erlaubt es, die Nutzung eines Netzwerks mittels Token effizient zu regulieren, ohne das Netzwerk dabei zu zentralisieren. Dies l\u00e4sst sich an einem typischen Blockchain-basierten Netzwerk illustrieren, wo es keine Aktion\u00e4re und keine Firma gibt. Stattdessen existieren spezifische \u00abNetzwerk-Token\u00bb, welche jeder Teilnehmer des Netzwerks zwecks Zugang und Nutzung besitzen muss. Solche Token k\u00f6nnen im Einzelfall unterschiedlich ausgestaltet sein: Im simpelsten Fall kann der Token den Besitzer erm\u00e4chtigen, am Netzwerk teilzunehmen. Token k\u00f6nnen aber auch das Zahlungsmittel f\u00fcr durch das Netzwerk angebotene Dienstleistungen sein, oder sie k\u00f6nnen als \u00abBelohnung\u00bb f\u00fcr externe Dienstleister des Netzwerks dienen sowie das \u00d6kosystem der Netzwerkentwickler \u00abbefruchten\u00bb. Ein Beispiel f\u00fcr ein solches Netzwerk findet sich im Rohstoffhandel: Die dezentrale \u00abABC Platform\u00bb erlaubt es, f\u00fcr schwer handelbare Rohstoffe via Blockchain Marktliquidid\u00e4t zu schaffen. Zugang zum Netzwerk haben nur Rohstoffh\u00e4ndler, die \u00fcber ein Plattform-Token verf\u00fcgen und mittels dieser Token auch f\u00fcr in Anspruch genommene Leistungen auf dem Netzwerk bezahlen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ver\u00e4nderung als Knacknuss<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Regulation des Netzwerkzugangs \u00fcber Token ist ein Schl\u00fcsselaspekt in der Gestaltung eines dezentralen, langfristig lebensf\u00e4higen Netzwerks. Gleichzeitig muss der Tatsache Rechnung getragen werden, dass sich ein Netzwerk weiterentwickeln k\u00f6nnen muss. Dies ist wichtig, um ver\u00e4nderten regulatorischen Rahmenbedingungen gerecht zu werden oder um neue Funktionalit\u00e4ten zu erschliessen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHier spielen Smart Contracts eine wichtige Rolle: Sie erlauben es, die Governance des Entwicklungsprozesses f\u00fcr alle Teilnehmer transparent festzuschreiben und direkt auf der Blockchain durchzusetzen. Es gibt verschiedene M\u00f6glichkeiten, Token-Besitzer zur Ver\u00e4nderung des Netzwerks zu berechtigen. Die optimale Ausgestaltung dieser On-Chain-Governance ist momentan Inhalt intensiver Forschung, wobei vom naiven \u00abone token \u2013 one vote\u00bb-Mechanismus \u00fcber \u00abQuadratic Voting\u00bb bis zu Formen des \u00abMajority Judgement\u00bb viel ausprobiert wird. Beide Wahlverfahren gehen \u00fcber das Ja-Nein-Schema hinaus und lassen Abstufungen zu.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin vielversprechender Ansatz erscheint dabei, Erkenntnisse zu ber\u00fccksichtigen, welche \u00fcber Jahrhunderte in sozialen Konsensussystemen gewonnen wurden. Als Beispiel sei hier das Zweikammernsystem der Schweiz oder der USA erw\u00e4hnt, welches die Dominanz einer Machtgruppe verhindert und, im Blockchain-Kontext richtig umgesetzt, zum Beispiel sogenannte 51-Prozent-Attacken verhindern kann. Am Beispiel der \u00abABC Platform\u00bb kann dies illustriert werden: Hier \u00fcbernimmt die als Netzwerkkoordinator wirkende gemeinn\u00fctzige Stiftung die Rolle einer Kammer; die Rolle der zweiten Kammer \u00fcbernehmen die Netzwerkteilnehmer. Beide Kammern m\u00fcssen einverstanden sein, dass die Netzwerkregeln ge\u00e4ndert werden. Mit diesem Ansatz wird einerseits verhindert, dass sich eine Gruppe von Netzwerkteilnehmern zum Nachteil des Restes zusammenschliesst. Sprich: Die Stiftung gibt Gegensteuer. Andererseits sind die Teilnehmer der Stiftung nicht ausgeliefert \u2013 diese muss sich zum Wohle der Teilnehmer verhalten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch219\/4\/bieri-ulmann-5-219\/\">Beitrag von No\u00ebl Bieri und Kaspar Ulmann (Finma)<\/a> in dieser Ausgabe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viel wurde die vergangenen Monate \u00fcber die Blockchain geschrieben. Zuerst \u2013 im Zuge der Bitcoin-Blase \u2013 oft mit sich \u00fcberbietenden Superlativen \u00fcber die bahnbrechende Wirkung der Technologie und ihre disruptiven Potenziale. Anschliessend, nach erfolgter Preiskorrektur, oft verharmlosend und im Sinne einer Klassifizierung als \u00abFussnote der Technologiegeschichte\u00bb. 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Dies d\u00fcrfte Netzwerke wie Facebook langfristig unter Druck bringen. 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