{"id":104896,"date":"2019-04-23T10:30:09","date_gmt":"2019-04-23T10:30:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/04\/scheidegger-05-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:58:30","modified_gmt":"2023-08-23T20:58:30","slug":"scheidegger-05-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/04\/scheidegger-05-2019\/","title":{"rendered":"Ruhig Blut bewahren bei Big Data"},"content":{"rendered":"<p>Das Modell scheint einfach: Wer auf elektronischen Plattformen viele Daten sammelt, diese geschickt auswertet und in ein internetbasiertes Gesch\u00e4ftsmodell integriert, st\u00f6sst bei den Nutzern auf Begeisterung. Er erh\u00e4lt dadurch t\u00e4glich Unsummen von Klicks, wird zum Shootingstar der Plattformen und zum milliardenschwer bewerteten Unternehmen. So k\u00f6nnte man verk\u00fcrzt den kometenhaften Aufstieg der \u00abGAFA\u00bb-Firmen Google, Apple, Facebook und Amazon skizzieren. Sie stehen stellvertretend f\u00fcr \u00fcberm\u00e4ssig erfolgreiche Unternehmen des digitalen Zeitalters \u2013 und f\u00fcr eine neue Herausforderung der Wirtschaftspolitik: Wie geht man mit marktdominierenden Internetgiganten um?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie \u00abSuperstarfirmen\u00bb haben auch unter \u00d6konomen eine negative Konnotation. Ihnen wird vorgehalten, sie tendierten aufgrund von positiven Netzwerkeffekten zu marktbeherrschender Dominanz: Je mehr Nutzer eine Plattform hat, desto mehr Daten hat sie zur Verf\u00fcgung, desto interessantere Leistungen kann sie entwickeln, und desto mehr potenzielle Werbekunden steigen wiederum ein. In der Folge erobert sie so noch mehr Marktanteile. Diese mikro\u00f6konomische Sichtweise wird von Makro\u00f6konomen um eine kritische Dimension erg\u00e4nzt: Weil solche Superstarfirmen typischerweise einen relativ geringen Lohnanteil an der Wertsch\u00f6pfung haben, erodiert mit ihrem Aufstieg auch der Anteil der L\u00f6hne am gesamtwirtschaftlichen Einkommen. Und dies k\u00f6nnte die soziale Ungleichheit erh\u00f6hen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVerschiedene Elemente dieser vereinfachten Gedankenf\u00fchrung sind empirisch erh\u00e4rtet. Das heisst aber nicht, dass die gesamte Argumentationskette richtig ist. Erstens bedeuten mehr Daten nicht zwingend mehr Marktmacht. Das j\u00e4hrlich weltweit produzierte Datenvolumen betr\u00e4gt zurzeit 33 Zettabyte \u2013 das ist die Zahl mit den 21 Nullen. Das t\u00f6nt beeindruckend, doch relevant ist nicht die Menge, sondern die Qualit\u00e4t. Banken und Detailh\u00e4ndler verf\u00fcgen \u00fcber aussagekr\u00e4ftigere Daten als die von mir verwendeten Suchmaschinen. Zudem verlieren Angaben rasch an Relevanz: So sind meine Nutzerdaten von 2017 bereits veraltet. Und schliesslich sind Daten spezielle \u00abProdukte\u00bb: Sie sind nicht ausschliessende und nicht abnutzende G\u00fcter. Das heisst, dieselben von mir produzierten Daten k\u00f6nnen von verschiedenen Unternehmen immer wieder erhoben und verwendet werden. Sie m\u00fcssen nicht zwingend nur auf ein Unternehmen konzentriert sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens ist eine beeindruckende Marktstellung von digitalisierten Unternehmen nicht per se mit beeintr\u00e4chtigtem Wettbewerb gleichzusetzen. Denn die starke Position spiegelt eben auch den Erfolg eines Gesch\u00e4ftsmodelles. Entscheidend ist vielmehr, dass grosse Marktakteure ihre Stellung nicht missbrauchen, um etwa den Markteintritt neuer Konkurrenten zu erschweren. Und gerade bei digitalen Plattformen sind die Voraussetzungen f\u00fcr potenziellen Wettbewerb grunds\u00e4tzlich g\u00fcnstig. In Teilbereichen einzelner elektronischer Angebote \u2013 wie etwa an Werbeeinnahmen gekoppelte Nachrichtendienste mit Fotoaustausch \u2013 befinden sich grosse Plattformen in Konkurrenz. Allein im Markt f\u00fcr Musik- und Filmstreaming gibt es verschiedene erfolgreiche Konkurrenten mit leistungsf\u00e4higer Technologie und wertvollen Kundendaten.&#13;<\/p>\n<h2>Verh\u00e4ltnism\u00e4ssig niedrige Eintrittsh\u00fcrden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZudem sind die Marktzutrittsh\u00fcrden bei digitalen Gesch\u00e4ftsmodellen grunds\u00e4tzlich \u00fcberwindbar. Vereinfacht gesagt: Potenzielle Konkurrenten mit aussichtsreichen Gesch\u00e4ftsideen ben\u00f6tigen f\u00fcr den Markteintritt nur Zugang zu Servern, Datenzentren, Software, Ingenieuren, Businesspartnern und B\u00fcror\u00e4umen; sie m\u00fcssen keine industriellen Produktionsanlagen mit hohen Fixkosten aufbauen. Und falls sie nach dem Markteintritt nicht erfolgreich sind, k\u00f6nnen sie ihre Sachg\u00fcter relativ einfach wieder ver\u00e4ussern. Das galt damals auch f\u00fcr Google. F\u00fcr den Neuank\u00f6mmling war es deshalb einfach, den damaligen Platzhirsch Altavista als st\u00e4rkste Suchmaschine zu verdr\u00e4ngen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Wettbewerbsbeh\u00f6rden verfolgen die Digitalisierung der M\u00e4rkte mit Aufmerksamkeit. Aufgrund der Vielfalt innovativer Gesch\u00e4ftsmodelle richten sie ihr Augenmerk gezielt auf Einzelf\u00e4lle. Angesichts der dynamischen Entwicklungen \u00fcben sie sich bewusst in Zur\u00fcckhaltung und bewahren ruhig Blut. Denn vermeintliche digitale Problemf\u00e4lle k\u00f6nnen sich dank des Wettbewerbs von allein l\u00f6sen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Modell scheint einfach: Wer auf elektronischen Plattformen viele Daten sammelt, diese geschickt auswertet und in ein internetbasiertes Gesch\u00e4ftsmodell integriert, st\u00f6sst bei den Nutzern auf Begeisterung. Er erh\u00e4lt dadurch t\u00e4glich Unsummen von Klicks, wird zum Shootingstar der Plattformen und zum milliardenschwer bewerteten Unternehmen. 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