{"id":104945,"date":"2019-04-15T09:27:20","date_gmt":"2019-04-15T09:27:20","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/04\/schaltegger-salvi-05-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:58:25","modified_gmt":"2023-08-23T20:58:25","slug":"schaltegger-salvi-05-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/04\/schaltegger-salvi-05-2019\/","title":{"rendered":"Pessimistische Budgetprognosen wegen der Schuldenbremse?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist wieder passiert: Die Rechnung des Bundes schloss im Jahr 2018 deutlich besser ab als budgetiert. Damit best\u00e4tigt sich der Trend seit der Einf\u00fchrung der Schuldenbremse im Jahr 2003: In 14 von 16 Jahren fiel die ordentliche Finanzierungsrechnung des Bundes besser aus als vorgesehen. Der \u00dcberschuss betr\u00e4gt allein im vergangenen Jahr 2,9 statt 0,3 Milliarden Franken. W\u00e4hrend die Einnahmen um \u00fcber 2 Milliarden Franken untersch\u00e4tzt wurden, resultierte ein ungenutzter Ausgabenspielraum in der H\u00f6he von fast einer halben Milliarde Franken. Das wird von verschiedener Seite kritisiert: Der Bund begrenze durch strategisch schlechte Prognosen den Ausgabenspielraum. Mitverantwortlich f\u00fcr diesen Budgetpessimismus sei nicht zuletzt die Schuldenbremse.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSind die Budgetabweichungen tats\u00e4chlich ein neueres Ph\u00e4nomen? Und ist die Schweiz international demnach gar ein Sonderfall? Ein Blick zur\u00fcck offenbart, dass die Sch\u00e4tzung der Einnahmen und Ausgaben seit je eine gewisse Ungenauigkeit aufweist (siehe <span style=\"color: #000000;\"><em>Abbildung 1<\/em>)<\/span>. So wurden die Bundeseinnahmen seit dem Jahr 1870 im Schnitt um rund 8 Prozent zu tief budgetiert. Der Bund sch\u00e4tzt die Einnahmen in der Tendenz \u00fcber alle Untersuchungsperioden hinweg zu pessimistisch ein (siehe <em>Tabelle<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Ausgaben des Bundes wurden im historischen Durchschnitt jedoch leicht untersch\u00e4tzt: Es wurde jeweils rund 2 Prozent mehr ausgegeben als budgetiert. Trotz der zum Teil beachtlichen Abweichungen in den letzten Jahren konnte die Budgetgenauigkeit aber merklich verbessert werden. Also alles in Ordnung?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNicht unbedingt, denn auf der Ausgabenseite hat sich die Richtung der Fehleinsch\u00e4tzungen im Verlauf der Neunzigerjahre ver\u00e4ndert: von einer Unter- zu einer \u00dcbersch\u00e4tzung der Ausgaben in den Voranschl\u00e4gen. Die get\u00e4tigten Ausgaben des Bundes lagen seit der Einf\u00fchrung der Schuldenbremse signifikant unter den bewilligten Ausgaben. Zwar weist die Analyse der Abweichungen bereits ein Jahrzehnt vor Einf\u00fchrung der Schuldenbremse vermehrt zu hoch budgetierte Ausgaben auf. Jedoch wurden die Bundesausgaben seit 2003 durchwegs untersch\u00e4tzt. In jedem einzelnen Jahr \u00fcberstiegen die nicht aufgebrauchten \u00abKreditreste\u00bb die nachtr\u00e4glich eingeforderten \u00abNachtragskredite\u00bb. Dies k\u00f6nnte ein Indiz sein, dass die Schuldenbremse etwas mit dem Budgetpessimismus zu tun hat. Um mehr Klarheit zu erlangen, haben wir auch die Budgetgenauigkeit in unseren deutschsprachigen Nachbarl\u00e4ndern n\u00e4her beleuchtet.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Budgetabweichungen vom Voranschlag seit 1870<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/04\/Schaltegger_Salvi_DE_1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-86442\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/04\/Schaltegger_Salvi_DE_1.png\" alt=\"\" width=\"2026\" height=\"1576\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: F\u00fcr die bessere Leserlichkeit wurden von 1870 bis 1990 die Durchschnittswerte pro Jahrzehnt dargestellt. Das Mittel der Prognosefehler in Prozent des Voranschlags misst den Durchschnitt des prozentualen Fehlers \u00fcber einen bestimmten Zeitraum. Er zeigt die Richtung der Abweichung. Ein positiver Wert entspricht einer Untersch\u00e4tzung und ein negativer Wert einer \u00dcbersch\u00e4tzung der tats\u00e4chlichen Werte. Bei den Ausgaben stellt eine Untersch\u00e4tzung eine zu optimistische, bei den Einnahmen eine zu pessimistische Prognose dar. Das Gegenteil gilt f\u00fcr die \u00dcbersch\u00e4tzung der Ausgaben und Einnahmen.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Salvi, Schaltegger und Jarck (2019) \/ Die Volkswirtschaft&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Sonderfall Verrechnungssteuer <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Vergleich \u00fcber die ganze Zeitreihe seit dem Jahr 1870 offenbart, dass auch Deutschland und \u00d6sterreich ihre Einnahmen tendenziell untersch\u00e4tzen. Die Schweiz prognostiziert ihre Einnahmen dabei am wenigsten genau. Insbesondere seit der Einf\u00fchrung der Verrechnungssteuer sind die Prognosefehler im Schnitt deutlich h\u00f6her als in Deutschland und \u00d6sterreich. Die beiden Nachbarl\u00e4nder kennen keine solche Quellensteuer, die unter anderem auf Zinsen und Dividenden erhoben wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNach 2003 sind die Einnahmensch\u00e4tzungen des Bundes im Vergleich zu den beiden L\u00e4ndern zwar durchschnittlich deutlich besser geworden. Dennoch scheint die Verrechnungssteuer die Budgetierung der Einnahmen in der Schweiz erheblich zu erschweren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf der Ausgabenseite zeigt sich ein differenzierteres Bild. \u00dcber den ganzen Beobachtungshorizont budgetieren alle drei L\u00e4nder ihre Ausgaben im Durchschnitt zu tief. Die Schweiz weist hier die h\u00f6chste Prognosegenauigkeit auf. Interessant sind die Jahre nach der Einf\u00fchrung der Schweizer Schuldenbremse: Sowohl die Schweiz als auch Deutschland sind ab 2003 im Gegensatz zu \u00d6sterreich in Sachen Genauigkeit besser geworden. Und beide scheinen ihre Ausgaben in der Tendenz nun zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Da die vorsichtigere Budgetierung auch f\u00fcr Deutschland bereits f\u00fcr die Neunzigerjahre beobachtet werden kann, scheint es sich mehr um einen allgemeinen Trend zu handeln \u2013 und weniger um eine Folge der Schuldenbremse.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Bundesfinanzen in der Schweiz, Deutschland und \u00d6sterreich: Durchschnittliche Abweichung des Budgets vom Voranschlag (in Prozent des Voranschlags)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<table width=\"0\">&#13;<\/p>\n<tbody>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\"><strong>1870\u20132018&#13;<br \/>\n(ohne Weltkriegsjahre)<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\"><strong>1946\u20132018 <\/strong><strong>(post Verrechnungssteuer)<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\"><strong>2003\u20132018&#13;<br \/>\n(post Schuldenbremse)<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\"><strong>Ausgaben<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\"><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\">Schweiz<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\">1,56<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\">0,25<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\">\u20131,76<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\">Deutschland<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\">1,70<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\">0,59<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\">\u20131,14<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\">\u00d6sterreich<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\">3,10<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\">3,02<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\">0,86<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\"><strong>Einnahmen<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\"><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\">Schweiz<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\">6,38<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\">5,47<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\">1,88<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\">Deutschland<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\">2,79<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\">1,16<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\">1,39<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"298\">\u00d6sterreich<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"123\">6,16<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"157\">3,63<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"132\">2,37<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tbody>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/table>\n<p>&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Verrechnungssteuer wurde 1944 eingef\u00fchrt; aufgrund des Zweiten Weltkrieges wird die zweite Zeitreihe ab 1946 aufgef\u00fchrt. Da sich positive oder negative Prognosefehler bei Ausgaben und Einnahmen \u00fcber den Zeitverlauf\u00a0gegenseitig ausgleichen k\u00f6nnen,\u00a0wurde\u00a0zus\u00e4tzlich das Mittel der absoluten Prognosefehler in Prozent des Voranschlags\u00a0berechnet. Diese Werte sind auf Anfrage bei den Autoren erh\u00e4ltlich.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Salvi, Schaltegger und Jarck (2019).<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSomit l\u00e4sst sich festhalten: Prognosefehler beim Budgetieren von Einnahmen und Ausgaben sind historisch nichts Ungew\u00f6hnliches, und sie werden immer kleiner. Die Muster der Sch\u00e4tzfehler \u00e4hneln sich zudem \u2013 insbesondere im Vergleich zu Deutschland. Die Schweiz ist also kein Sonderfall. Doch was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Budgetabweichungen?&#13;<\/p>\n<h2><strong>Kein Problem der Schuldenbremse<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDa die Einnahmenentwicklung stark von der Wirtschaftslage abh\u00e4ngt, ist es schwierig, genaue Prognosen zu formulieren. Besonders akzentuiert ist dieses grundlegende Problem bei der Verrechnungssteuer, deren Volumen entscheidend von den Unternehmensabschl\u00fcssen sowie den ausgesch\u00fctteten Dividenden abh\u00e4ngt. Hinzu kommt als weiterer Unsicherheitsfaktor der Zeitpunkt der R\u00fcckforderung. Gerade in Zeiten von Negativzinsen sind die Anreize f\u00fcr allf\u00e4llig verz\u00f6gerte R\u00fcckforderungen gross. Seit 2012 ein neues Sch\u00e4tzmodell f\u00fcr die Verrechnungssteuer verwendet wird, hat sich die Fehlerquote verringert. Dennoch bleibt sie nur schwer prognostizierbar und unterliegt im Zeitablauf erratischen Schwankungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch die Ausgabenseite unterliegt gewissen Unsicherheiten. Gerade Ausgabenposten, welche auf konkreten Fallzahlen basieren \u2013 wie etwa im Migrations- oder Sozialversicherungsbereich \u2013, sind schwierig im Voraus zu bestimmen. Zus\u00e4tzlich enth\u00e4lt die Ausgabenzuteilung eine starke polit\u00f6konomische Komponente. Jedes Ressort in der Budgeteingabe ist in Konkurrenz mit den anderen Ressorts um die gleichen \u00f6ffentlichen Mittel. Dieses Problem ist als \u00abfiskalische Allmende\u00bb bekannt: Was als \u00f6ffentliche Mittel der einen Verwaltungseinheit zugestanden wird, kann nicht gleichzeitig der anderen Verwaltungseinheit versprochen werden.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn dieser Situation ist jedes Ressort an einer hohen Sch\u00e4tzung der Kosten interessiert. Reicht das Budget Ende Jahr zur Finanzierung der gesetzlichen Aufgaben nicht aus, kann es die Mehrkosten nicht nachtr\u00e4glich einer anderen Verwaltungseinheit anlasten. Es m\u00fcsste den aufwendigen und verp\u00f6nten Weg eines Nachtragskredits gehen. Sind die Kosten hingegen geringer ausgefallen als vom Ressort urspr\u00fcnglich gesch\u00e4tzt, fallen einzig Kreditreste an \u2013 ohne Folgen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Das \u00abDezemberfieber\u00bb<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUntersuchungen von kantonalen Daten deuten darauf hin, dass Fiskalregeln die Genauigkeit der Einnahmenprognose grunds\u00e4tzlich verbessern.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Schuldenbremse beeinflusst die Einnahmenprognosen indirekt \u00fcber die erh\u00f6hte Transparenz (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Zudem begrenzt sie die maximal zul\u00e4ssigen Ausgaben sowohl im Voranschlag wie auch in der Rechnung. Die Anreizsituation im Budgetprozess der Ausgaben bleibt allerdings unabh\u00e4ngig von der Schuldenbremse: Die fiskalische Allmende wird durch den Ausgabenplafond zwar beschr\u00e4nkt, der individuelle \u00dcbernutzungsanreiz jeder Verwaltungseinheit im Budgetprozess jedoch nicht verringert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBudgetreste sind in erster Linie Ausdruck einer funktionierenden Verwaltung: W\u00e4hrend des Rechnungsjahres unterstehen die get\u00e4tigten Ausgaben der Ressorts einer strengen Kontrolle durch Politik, Medien und \u00dcberwachungsstellen wie der Finanzkontrolle. Daher sind unbegr\u00fcndete Mehrausgaben mittlerweile nicht mehr zu beobachten.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Auch Ph\u00e4nomene wie das \u00abDezemberfieber\u00bb, bei dem am Ende des Jahres noch versucht wird, den Ausgabenrahmen m\u00f6glichst auszusch\u00f6pfen, wurden effektiv adressiert. Was w\u00fcrde mit der Budgetgenauigkeit passieren, wenn die Schuldenbremse angepasst w\u00fcrde?&#13;<\/p>\n<h2><strong>Anpassungen versch\u00e4rfen das Problem<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Vorschlag fordert, dass Kreditreste statt f\u00fcr den Schuldenabbau f\u00fcr zus\u00e4tzliche Ausgaben in den Folgejahren verwendet werden d\u00fcrfen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Eine gute Idee? Leider m\u00fcsste mit noch gr\u00f6sseren Sch\u00e4tzfehlern auf der Ausgabenseite gerechnet werden: Der Anreiz zu strategischem Pessimismus der Verwaltungseinheiten im Budgetprozess w\u00fcrde n\u00e4mlich noch verst\u00e4rkt, denn die entstehenden Kreditreste verfielen jetzt nicht mehr, sondern behielten f\u00fcr das entsprechende Ressort ihren Wert in den kommenden Budgets.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Vermutung best\u00e4tigt ein Blick \u00fcber die Landesgrenze: In \u00d6sterreich wollte man vor zehn Jahren das Dezemberfieber durch eine Haushaltsreform aus der Welt schaffen. Nicht zuletzt mit der Erlaubnis, aus nicht ausgegebenen Geldern R\u00fccklagen zu bilden, die in den folgenden Jahren verbraucht werden k\u00f6nnen. Das Dezemberfieber wurde dadurch zwar kurzfristig etwas gesenkt, es entstand aber ein neues Problem: Die R\u00fccklagen t\u00fcrmten sich bis ins Jahr 2014 rasant auf und erreichten die Summe von knapp 18 Milliarden Euro.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> H\u00e4tte die Verwaltung die gesamten 18,4 Milliarden Euro abgerufen, w\u00e4re das Budgetdefizit explodiert und der Schuldenstand sprunghaft gestiegen. Die Budgetgenauigkeit wurde aber nicht verbessert.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2 <\/strong>Die Funktionsweise der Schweizer Schuldenbremse (vereinfachte Darstellung)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/04\/Schaltegger_Salvi_DE_2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-86444\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2019\/04\/Schaltegger_Salvi_DE_2.png\" alt=\"\" width=\"1997\" height=\"779\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">\u00a0<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Bremst die Schuldenbremse zu stark?<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDann doch lieber den Konjunkturfaktor anpassen? Dieser korrigiert den Ausgabenplafond gem\u00e4ss der konjunkturellen Lage. In Phasen der Hochkonjunktur liegt der Ausgabenplafond unter den Einnahmen: Das heisst, der Bund erwirtschaftet einen \u00dcberschuss. Umgekehrt l\u00e4sst die Formel in Rezessionen ein Defizit zu. Vielfach wurde allerdings moniert, die Schuldenbremse schr\u00e4nke die Ausgaben des Bundes zu stark ein und f\u00fchre zum Staatsabbau. Zu Recht?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNein, denn die Bundesausgaben sind stetig gestiegen, allein von 2003 bis 2018 von rund 50 auf knapp 71 Milliarden Franken \u2013 eine Steigerung von 41 Prozent. Das Bruttoinlandprodukt ist zwischen 2003 und 2017 ebenfalls um 41 Prozent gewachsen. Die Ausgabenquote ist entsprechend stabil. Mit der heutigen Ausgestaltung der Schuldenbremse als Ausgabenregel bewegen sich die Ausgaben im Gleichschritt mit der Wirtschaftsleistung.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Der Versuchung widerstehen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00fcrde der Ausgabenplafond um einen Korrekturfaktor erh\u00f6ht, dann w\u00e4re tendenziell mit einer stetig h\u00f6heren Ausgabenquote zu rechnen. Falls politisch allerdings gew\u00fcnscht ist, bei gleichzeitig stabiler Ausgabenquote mehr Schuldenfinanzierung zuzulassen, m\u00fcssten konsequenterweise die Steuern gesenkt werden. Hierf\u00fcr w\u00e4re ein Mechanismus notwendig, welcher die Ausgaben zwar begrenzt, die Aufteilung zwischen Steuer- und Schuldenfinanzierung aber vorgibt. Dies w\u00fcrde einer komplexen Anpassung der Schuldenbremse bed\u00fcrfen \u2013 was zulasten der Budgetgenauigkeit ginge.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas bleibt zu tun? Die Schuldenbremse hat zu einem erheblichen Schuldenabbau beigetragen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Sie hat aber durch die konjunkturadjustierte Deckelung des Ausgabenniveaus auch die M\u00f6glichkeit der Verschwendung \u00f6ffentlicher Mittel \u2013 insbesondere in Phasen der Hochkonjunktur \u2013 erheblich eingeschr\u00e4nkt. Die Ausgabenquote wurde stabilisiert. Gleichzeitig ist die dem Budgetprozess inh\u00e4rente Neigung zu Kreditresten im Rahmen der Schuldenbremse sichtbar geworden. Dies zu \u00e4ndern, bedarf, wenn \u00fcberhaupt, Anpassungen im Budgetprozess \u2013 nicht an der Schuldenbremse.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Buchanan und Wagner (1977); Weingast et al. (1981).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Luechinger und Schaltegger (2013); Chatagny (2015).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Schaltegger und Salvi (2018).\u00a0&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">\u00abNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">K\u00f6ppl-Turyna (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Salvi, Schaltegger und Schmid (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wieder passiert: Die Rechnung des Bundes schloss im Jahr 2018 deutlich besser ab als budgetiert. 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Fiscal Rules, Budget Deficits and Budget Projections. in: International Tax and Public Finance 20 (5), 785\u2013807.<\/li>&#13;\n \t<li>Neue Z\u00fcrcher Zeitung (2019). Die Finanzlage des Bundes ist pr\u00e4chtig \u2013 und sorgt doch f\u00fcr \u00c4rger. 13. Februar 2019.<\/li>&#13;\n \t<li>Salvi, M., Schaltegger, C. A. und Schmid, L. (2018). Do Fiscal Rules Cause Lower Debt? \u2013 A Case Study from Switzerland, Working Paper, Universit\u00e4t Luzern.<\/li>&#13;\n \t<li>Salvi, M.; Schaltegger, C. A. und Jarck, J. (2019). Erhebungen von Bundeseinnahmen und -ausgaben in den historischen Haushaltsrechnungen von der Schweiz, Deutschlands und \u00d6sterreichs in den jeweiligen Universit\u00e4tsbibliotheken. Wird im Verlauf des Jahres 2019 publiziert.<\/li>&#13;\n \t<li>Schaltegger, C. A. und Salvi, M. (2018). Die Verwaltung sollte ihren Budgetprozess \u00fcberdenken. Neue Z\u00fcrcher Zeitung NZZ, Gastbeitrag, 1. Juni 2018.<\/li>&#13;\n \t<li>Weingast B. R.; Shepsle, K. A. und Johnsen, C. (1981). The Political Economy of Benefits and Costs: A Neoclassical Approach to Distributive Politics, in: Journal of Political Economy 89(41), 642\u2013664.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":104948,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":104952,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"85372","post_abstract":"Der Bund wurde einmal mehr von unerwartet guten Zahlen \u00fcberrascht. Der \u00dcberschuss in der ordentlichen Finanzrechnung betrug im vergangenen Jahr 2,9 statt der geplanten 0,3 Milliarden Franken. Das sorgt f\u00fcr Kritik: Der Bund begrenze durch strategisch schlechtere Prognosen den Ausgabenspielraum. Hier kommt die Schuldenbremse ins Spiel: Wegen der Fiskalregel kann nur so viel f\u00fcr Ausgaben budgetiert werden, wie voraussichtlich auch eingenommen wird. Sollte, um den Pessimismus im Budget zu adressieren, also die Schuldenbremse angepasst werden? Eine Analyse zeigt: Die Budgetprognosen w\u00fcrden damit nicht genauer. 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