{"id":104972,"date":"2019-03-25T11:00:39","date_gmt":"2019-03-25T11:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/03\/rubiolo-04-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:58:22","modified_gmt":"2023-08-23T20:58:22","slug":"rubiolo-04-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/03\/rubiolo-04-2019\/","title":{"rendered":"Gute Arbeitsbedingungen f\u00f6rdern die Produktivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts des grenz\u00fcberschreitenden Charakters von Lieferketten spielen Arbeitsthemen bei der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit eine wichtige Rolle: Die Unternehmen und die Produzenten vor Ort m\u00fcssen nationale Arbeitsnormen einhalten, die im Einklang mit internationalen Verpflichtungen und Konventionen stehen. Auch Konsumenten und Abnehmer pochen zusehends auf die Einhaltung dieser Standards. Gleichzeitig sollten die Vorschriften f\u00fcr die produzierenden Unternehmen keinen Wettbewerbsnachteil verursachen. Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) unterst\u00fctzt die Partnerl\u00e4nder der Schweiz bei Arbeitsthemen rechtlich und technisch. Daf\u00fcr arbeitet das Amt eng mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zusammen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKleine und mittlere Unternehmen (KMU) stellen weltweit rund zwei Drittel aller Arbeitsstellen und sorgen f\u00fcr einen wesentlichen Teil der Einkommen der Bev\u00f6lkerung. Sie spielen daher eine Schl\u00fcsselrolle f\u00fcr eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Allerdings sind KMU tendenziell oft weniger produktiv als Grossunternehmen, und die Einhaltung von Arbeits- und Umweltstandards stellt f\u00fcr sie vielfach eine gewaltige Herausforderung dar. Aus Sicht der wirtschaftlichen Zusammenarbeit gilt deshalb: Wenn ein Unternehmen aufgrund guter Arbeitsbedingungen produktiver wird und seinen Marktanteil vergr\u00f6ssern kann, schafft es mehr und \u00abbessere\u00bb Arbeitspl\u00e4tze.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm diesen positiven Kreislauf in Gang zu setzen, braucht es praktische Instrumente und evidenzbasierte Beratung. Deswegen unterst\u00fctzt das Seco die beiden ILO-Programme \u00abBetter Work\u00bb und \u00abSustaining Competitive and Responsible Enterprises\u00bb (Score). Diese bilden das R\u00fcckgrat der Seco-Aktivit\u00e4ten auf diesem Gebiet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas \u00abScore\u00bb-Programm hat zum Ziel, die Produktivit\u00e4t und die Arbeitsbedingungen in kleinen und mittleren Zulieferbetrieben aus Entwicklungs- und Schwellenl\u00e4ndern zu verbessern. Seit 2009 erhalten KMU in den Seco-Partnerl\u00e4ndern Schulungen und Betriebsberatungen unter anderem zu Qualit\u00e4tsmanagement, Arbeitssicherheit, kooperativer Personalf\u00fchrung und umweltfreundlichen Produktionsmethoden. In den Genuss des \u00abScore\u00bb-Programms kommen beispielsweise KMU im verarbeitenden Gewerbe in Indonesien, in Ghana, in Myanmar und in Kolumbien \u2013 sowie Betriebe in der Agrarindustrie in Peru und in der Holzm\u00f6belproduktion in Vietnam. In praktischen Schulungen erfahren die KMU, wie sich die Arbeitsbedingungen verbessern lassen. So werden sie auf eine internationale Ausrichtung vorbereitet (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<\/p>\n<h2><strong>Textilsektor im Fokus<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Programm \u00abBetter Work\u00bb richtet sich haupts\u00e4chlich an Exportbetriebe im Bekleidungs- und Textilsektor. Es hilft den Unternehmen, die nationalen Arbeitsgesetze und die internationalen Arbeitsnormen einzuhalten. Dar\u00fcber hinaus f\u00f6rdert es den Dialog zwischen den Stakeholdern und erarbeitet L\u00f6sungen, die von der Regierung, den Unternehmen, den Arbeitnehmenden und internationalen Eink\u00e4uferorganisationen getragen werden. Auf globaler Ebene entwickelt \u00abBetter Work\u00bb praktische Hilfsmittel zur Bewertung von Unternehmen betreffend Einhaltung von Arbeitsstandards.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBeide Programme haben zum Ziel, Fachwissen zu generieren und die Relevanz guter Arbeitsbedingungen f\u00fcr mehr Wachstum und Wettbewerbsf\u00e4higkeit aufzuzeigen. Nebst der Schweiz nimmt bei \u00abScore\u00bb auch Norwegen teil \u2013 bei \u00abBetter Work\u00bb sind es unter anderem Australien, D\u00e4nemark, Deutschland, die Niederlande und die USA. Diese breitere Abst\u00fctzung erm\u00f6glicht es, eine Koalition f\u00fcr die identifizierten L\u00f6sungsans\u00e4tze zu bilden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Produktivit\u00e4t gesteigert<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00abScore\u00bb hat bisher in 15 L\u00e4ndern Schulungen f\u00fcr mehr als 300\u2019000 Arbeitnehmende durchgef\u00fchrt. Die Investitionen in gute Arbeitsbedingungen zahlen sich betriebswirtschaftlich aus: So stieg die Produktivit\u00e4t in den insgesamt 1400 KMU um bis zu 50 Prozent. Gleichzeitig fielen bis zu 64 Prozent weniger Ausschussware an. Die Abfallmenge reduzierte sich um 48 Prozent, die Zahl der Arbeitsunf\u00e4lle sank um 29 Prozent, und die krankheitsbedingten Personalausf\u00e4lle gingen um 22 Prozent zur\u00fcck (vgl. <em>Abbildungen<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Zeitersparnis beim Erreichen der Produktionsziele (\u00ab<\/strong><strong>Better Work\u00bb, Vietnam) <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Rubiolo_Gonzalez_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Rubiolo_Gonzalez_1_de').highcharts({\n     chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n     yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Minuten'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}'\n        },\n       \n    },\n    xAxis: {\n    title: {\n            text: 'Anzahl Jahre bei \u00abBetter Work\u00bb'\n        },\n        categories: ['1', '2', '3', '4', '5']\n    },\n       legend: {\n        enabled: false\n    },\n    credits: {\n        enabled: false\n    },\n    series: [{\n        name: 'Zeitersparnis (Minuten)',\n        data: [-9.6,-9.6,12,-30,-77.4]\n    }, ]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: ILO \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Rentabilit\u00e4t <\/strong><strong>(\u00ab<\/strong><strong>Better Work\u00bb, Vietnam)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Rubiolo_Gonzalez_2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Rubiolo_Gonzalez_2_de').highcharts({\n     chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n     yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Umsatz\/Kosten'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}'\n        },\n       \n    },\n    tooltip: {\n                pointFormat: 'Umsatz\/Kosten: {point.y:.2f}'\n    },\n    xAxis: {\n    title: {\n            text: 'Anzahl Jahre bei \u00abBetter Work\u00bb'\n        },\n        categories: ['Jahr 1', 'Jahr 4']\n    },\n       legend: {\n        enabled: false\n    },\n    credits: {\n        enabled: false\n    },\n    series: [{\n        name: '',\n        data: [2.48,3.10]\n    }, ]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Innerhalb von vier Jahren stieg die Rentabilit\u00e4t um 25 Prozent.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: ILO \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Impact-Analyse des Programms \u00abBetter Work\u00bb zeigt: Firmen, die am Programm teilnehmen, sind weniger anf\u00e4llig f\u00fcr den Einsatz von Zwangsmassnahmen. Zudem konnten die F\u00e4lle von sexueller Bel\u00e4stigung substanziell reduziert werden, und die Qualit\u00e4t der Arbeitspl\u00e4tze wurde allgemein verbessert. Dar\u00fcber hinaus tr\u00e4gt das Programm dazu bei, dass geschlechtsbedingte Lohngef\u00e4lle reduziert werden. Aus Unternehmenssicht sind die Vorteile ebenfalls zahlreich: h\u00f6here Produktivit\u00e4t, geringere Mitarbeiterfluktuation, Rentabilit\u00e4tssteigerung, bessere Gesch\u00e4ftsaussichten mit Grosseink\u00e4ufern und gr\u00f6ssere Einkaufsauftr\u00e4ge.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Resultate der beiden Programme verdeutlichen, dass f\u00fcr Firmen kein Zielkonflikt zwischen besseren Arbeitsbedingungen und h\u00f6herer Produktivit\u00e4t besteht. Nicht zuletzt profitieren auch Schweizer Unternehmen und Konsumenten, indem die Lieferketten nachhaltiger werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Lieferketten verantwortungsvoll gestalten <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas sich stetig ver\u00e4ndernde Handelsumfeld macht Ver\u00e4nderungen unumg\u00e4nglich. Gefordert sind auch die multinationalen Unternehmen: Im Rahmen der UNO-Agenda 2030 erwartet die Staatengemeinschaft, dass sie verantwortungsvoll handeln und einen Beitrag zum wirtschaftlichen, sozialen und \u00f6kologischen Fortschritt leisten.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Besonderes Augenmerk gilt ihren Lieferketten \u2013 was sich oft in verschiedenen Auflagen und multiplen Audits f\u00fcr Zulieferer und KMU manifestiert. Damit eine verantwortungsvollere Beschaffungspraxis der internationalen Abnehmer zu mehr Nachhaltigkeit in die Lieferkette f\u00fchrt und negative Nebenwirkungen vermieden werden, braucht es eine gute Einbettung in die nationalen Reformbem\u00fchungen. Denn die Entwicklungsl\u00e4nder sind selbst f\u00fcr die Umsetzung besserer Arbeitsbedingungen verantwortlich: Sie m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass die Gesetze eingehalten werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine weitere Herausforderung f\u00fcr die Arbeitspolitik ist die Digitalisierung, die bewirkt, dass sich bestehende komparative Vorteile \u00e4ndern. Da die k\u00fcnftigen Formen der Arbeit und die Auswirkungen der Digitalisierung f\u00fcr Arbeitnehmende, Arbeitgeberseite und Regierungen zurzeit nur ansatzweise vorhersehbar sind, bleibt die technische Beratung eine Herausforderung. Umso wichtiger werden Investitionen in die Berufsbildung und Trainings, welche die L\u00fccke zwischen vorhandenen Kompetenzen der Arbeitnehmenden und vom Markt nachgefragten Qualifikationen schliessen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe auch OECD-Leits\u00e4tze f\u00fcr multinationale Unternehmen: OECD (2018). <a href=\"http:\/\/mneguidelines.oecd.org\/due-diligence-guidance-for-responsible-business-conduct.htm\">OECD Due Diligence Guidance for Responsible Business Conduct.<\/a>&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts des grenz\u00fcberschreitenden Charakters von Lieferketten spielen Arbeitsthemen bei der wirtschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit eine wichtige Rolle: Die Unternehmen und die Produzenten vor Ort m\u00fcssen nationale Arbeitsnormen einhalten, die im Einklang mit internationalen Verpflichtungen und Konventionen stehen. 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