{"id":105283,"date":"2019-02-25T11:00:22","date_gmt":"2019-02-25T11:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/02\/loi-gentile-saguatti-esposti-03-2019\/"},"modified":"2023-08-23T22:59:37","modified_gmt":"2023-08-23T20:59:37","slug":"loi-gentile-saguatti-esposti-03-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/02\/loi-gentile-saguatti-esposti-03-2019\/","title":{"rendered":"Direktzahlungen beeinflussen die Ausgaben der Bauernh\u00f6fe"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweizer Landwirtschaft wird im internationalen Vergleich nach wie vor substanziell subventioniert<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>: Sie profitiert von einer Kombination aus Grenzschutzmassnahmen und Finanzhilfen an die Landwirtschaftsbetriebe, haupts\u00e4chlich in Form von Direktzahlungen. Im Jahr 2016 beliefen sich die Direktzahlungen auf 2,8 Milliarden Franken, was fast 77\u00a0Prozent der Gesamtausgaben des Bundes f\u00fcr die Landwirtschafts- und Lebensmittelpolitik entsprach. Die Direktzahlungen bilden zusammen mit der St\u00fctzung der Marktpreise<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> eine der wichtigsten Hilfsmassnahmen f\u00fcr die Schweizer Landwirtschaft.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie \u00f6konomische Theorie besagt, dass bei steigendem Einkommen die Zahlungsbereitschaft f\u00fcr Waren und Dienstleistungen zunimmt. Doch existiert ein solcher Mechanismus auch zwischen Landwirtschaftssubventionen und sogenannten Inputfaktoren? Das italienische Forschungs- und Beratungsb\u00fcro Aret\u00e9 hat im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) die Auswirkungen der Direktzahlungen auf die Ausgaben f\u00fcr variable Inputfaktoren und Dienstleistungen empirisch untersucht.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Beispiele f\u00fcr Dienstleistungen sind Versicherungen und Beratungen sowie Auftragsarbeiten mit Maschinen, die ein Landwirt nicht selber besitzt. Zu den variablen Inputfaktoren z\u00e4hlen D\u00fcnger, Pestizide und Kraftfutter. Nicht untersucht wurden fixe Inputfaktoren wie Maschinen, Ausr\u00fcstungen und Geb\u00e4ude. Anhand von Wirtschaftsdaten aus der \u00abZentralen Auswertung von Buchhaltungsdaten\u00bb von Agroscope wurden die Ausgaben f\u00fcr die erw\u00e4hnten Inputfaktoren und Leistungen von Schweizer Landwirtschaftsbetrieben verglichen, die jeweils unterschiedlich hohe Direktzahlungen erhalten, im \u00dcbrigen aber \u00e4hnliche Eigenschaften aufweisen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas den Einfluss der Direktzahlungen auf den Einsatz von variablen Inputfaktoren betrifft \u2013 und somit auf die Ausgaben f\u00fcr diese Faktoren \u2013, sind zwei entgegengesetzte Reaktionen zu erwarten: Falls die Produktionstechnologie, die Kombination der Produktionst\u00e4tigkeiten und die Ausstattung mit Personal, Kapital oder Land nicht ge\u00e4ndert werden k\u00f6nnen, d\u00fcrften h\u00f6here Direktzahlungen einen finanziellen Effekt haben. Dieser erm\u00f6glicht es den Betrieben, insbesondere bei einem schwierigen Zugang zu Krediten, den Einsatz von variablen Inputfaktoren pro Produkteinheit oder pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit zu erh\u00f6hen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Es kommt in diesem Fall zu einer \u00abIntensivierung\u00bb. Ist es hingegen m\u00f6glich, die Produktionstechnologie, die Kombination der Produktionst\u00e4tigkeiten oder die Ausstattung mit Personal, Kapital oder Land anzupassen, k\u00f6nnen h\u00f6here Direktzahlungen den Einsatz von variablen Inputfaktoren pro Produkteinheit oder pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit mindern. Hier spricht man von einer \u00abExtensivierung\u00bb.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBei der Intensivierungsreaktion sind die Landwirtschaftsbetriebe allerdings mit einer abnehmenden Grenzproduktivit\u00e4t<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> der variablen Inputfaktoren konfrontiert, beim Szenario der Extensivierung mit zunehmenden Anpassungskosten. Deshalb ist theoretisch in beiden F\u00e4llen damit zu rechnen, dass sich der Einsatz von variablen Inputfaktoren bei den Landwirtschaftsbetrieben nicht im gleichen Verh\u00e4ltnis ver\u00e4ndert wie die Zahlungen, sondern sich verlangsamt.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Erwartungen<\/strong><strong> best\u00e4tigt<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSo weit die Theorie \u2013 was passiert aber in der Praxis? Die tats\u00e4chliche Reaktion der Landwirtschaftsbetriebe wurde anhand eines \u00f6konometrischen Ansatzes gemessen. Die Wirkung der Direktzahlungen wurde dabei als \u00abReaktion\u00bb auf eine bestimmte \u00abDosis\u00bb einer \u00abBehandlung\u00bb verstanden (\u00abtreatment effect\u00bb). Dazu wurden mit beobachteten Daten die statistischen Bedingungen eines Experiments nachgestellt. Der gew\u00e4hlte Ansatz tr\u00e4gt gleichzeitig der Tatsache Rechnung, dass die beobachtete Reaktion auch durch andere Faktoren als die Subventionsbeitr\u00e4ge bedingt sein kann. Ber\u00fccksichtigt wurde in der Analyse auch der potenzielle Einfluss der H\u00f6henlage und der Typologie der Bauernh\u00f6fe, des Bildungsstands und des Alters der Bauern sowie der bewirtschafteten Fl\u00e4che und des Tierbestands der Bauernh\u00f6fe.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Analyse von 1399\u00a0Landwirtschaftsbetrieben im Zeitraum 2010\u00a0bis\u00a02013 zeigt: Die Reaktion der Landwirtschaftsbetriebe auf die h\u00f6heren Direktzahlungen pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit besteht im Wesentlichen darin, dass sie ihre Ausgaben f\u00fcr die variablen Inputfaktoren pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit leicht \u2013 weniger als proportional \u2013 erh\u00f6hen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Dieses Ergebnis deckt sich mit den meisten bisherigen Forschungsarbeiten und den theoretischen Annahmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas bedeuten die Erkenntnisse f\u00fcr die Agrarpolitik? Allgemein l\u00e4sst sich festhalten: Bei einer Senkung der Direktzahlungen ist davon auszugehen, dass die Betriebe weniger variable Inputfaktoren pro Produkteinheit einsetzen d\u00fcrften. Es kommt also zu einer Extensivierung. Umgekehrt d\u00fcrfte eine Anhebung der Direktzahlungen zu einer Intensivierung f\u00fchren. Im Einzelfall sind diese Schlussfolgerungen allerdings mit Vorsicht zu behandeln, da auf jedem Landwirtschaftsbetrieb unterschiedliche Bedingungen vorherrschen und jeder Hof unterschiedlich auf eine Erh\u00f6hung der Direktzahlungen reagiert. Theoretisch ist, wie eingangs erw\u00e4hnt, bei h\u00f6heren Direktzahlungen sowohl eine Intensivierung als auch eine Extensivierung denkbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWenn man die variablen Inputfaktoren nach Kategorien aufschl\u00fcsselt, fallen die Resultate unterschiedlich aus. Bei D\u00fcnger, Versicherungen und extern vergebenen Arbeiten entsprechen die Ergebnisse f\u00fcr den Zeitraum 2010 bis 2013 den theoretischen Erwartungen: Wenn die Direktzahlungen pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit steigen, geben die Landwirtschaftsbetriebe pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit mehr Geld f\u00fcr diese Inputfaktoren aus \u2013 jedoch ist der Effekt nicht proportional, sondern weniger stark ausgepr\u00e4gt. Beim Kraftfutter bewirkte die Erh\u00f6hung der Direktzahlungen hingegen eine Reduktion der Ausgaben pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit. Zu erkl\u00e4ren ist dies mit den Bauernh\u00f6fen der Stichprobe, die auf Viehzucht spezialisiert sind. Diese erhielten anteilsm\u00e4ssig mehr Beitr\u00e4ge, welche vermutlich einen geringeren Kraftfuttereinsatz bewirkten.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vorwiegend positiver Effekt<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZur Erinnerung: Das System der Direktzahlungen wurde Ende 2013 reformiert. Um die Zusammenh\u00e4nge zwischen Direktzahlungen und Ausgaben f\u00fcr variable Inputfaktoren und Dienstleistungen der Landwirtschaftsbetriebe nach der Reform zu analysieren, wurden deshalb auch die Daten f\u00fcr den Zeitraum 2015 bis 2016 anhand einer Stichprobe mit 1453 Betrieben analysiert. Auch hier deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Erh\u00f6hung der Direktzahlungen pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit eine Erh\u00f6hung der Ausgaben f\u00fcr variable Inputfaktoren pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit bewirkt \u2013 sprich, es resultiert eine Intensivierung. Die Ergebnisse sind jedoch statistisch weniger signifikant als diejenigen f\u00fcr den Zeitraum 2010 bis 2013.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus der Studie lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen: Erstens besteht zwischen den staatlichen Hilfsbeitr\u00e4gen und den Ausgaben der Schweizer Landwirtschaftsbetriebe f\u00fcr variable Inputfaktoren und Dienstleistungen durchaus ein Zusammenhang \u2013 zumindest im Fall der Direktzahlungen, welche zu den wichtigsten Formen der Unterst\u00fctzungspolitik f\u00fcr die Landwirtschaft in der Schweiz geh\u00f6ren. Und zweitens ist die Wirkung der Direktzahlungen vom Betrag der Hilfe pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit und gewissen anderen Faktoren abh\u00e4ngig \u2013 wobei dieser Effekt vorwiegend positiv ist. Das heisst: Die Erh\u00f6hung der Direktzahlungen pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit bewirkt h\u00e4ufig eine Erh\u00f6hung der Ausgaben f\u00fcr variable Inputfaktoren pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit. Allerdings ist der Effekt unterproportional.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Weitere Einzelheiten siehe OECD (2015): <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1787\/9789264226715-fr\">OECD-Studie zur Agrarpolitik: Schweiz 2015<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Gem\u00e4ss OECD entfiel auf die Marktpreisst\u00fctzung im Zeitraum 2015\u20132017 in der Schweiz noch immer rund die H\u00e4lfte der Gesamtbeitr\u00e4ge an die Landwirtschaft: OECD (2018): <a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/agriculture-and-food\/agricultural-policy-monitoring-and-evaluation-2018_agr_pol-2018-en\">Agricultural Policy Monitoring and Evaluation 2018<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Gentile E., Loi. A., Esposti R. et al. (2019): <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Publikationen_Dienstleistungen\/Publikationen_und_Formulare\/Strukturwandel_Wachstum\/Branchenanalysen.html\">Impact of agricultural subsidies on farmers\u2019 willingness to pay for input goods and services,\u00a0<\/a>Aret\u00e9, Studie im Auftrag des Seco.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Als \u00ablandwirtschaftliches Einkommen\u00bb gilt hier das Einkommen aus dem Anbau und der Tierhaltung, nicht aber das Einkommen aus \u00ablandwirtschaftsnahen T\u00e4tigkeiten\u00bb (z. B. Hofverkauf von verarbeiteten Landwirtschaftsprodukten) und Direktzahlungen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Die Grenzproduktivit\u00e4t der variablen Inputfaktoren misst die zus\u00e4tzliche Produktionsmenge, die aus einer zus\u00e4tzlichen Einheit eines variablen Produktionsfaktors erzeugt wird.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Die relativ wenigen H\u00f6fe der Stichprobe, bei denen die Direktzahlungen nur einen geringen Anteil des Einkommens ausmachen, zeigten keine statistisch signifikante Reaktion auf eine Anhebung der Direktzahlungen, was die Ausgaben f\u00fcr die variablen Inputfaktoren betrifft.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweizer Landwirtschaft wird im internationalen Vergleich nach wie vor substanziell subventioniert: Sie profitiert von einer Kombination aus Grenzschutzmassnahmen und Finanzhilfen an die Landwirtschaftsbetriebe, haupts\u00e4chlich in Form von Direktzahlungen. 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In der Theorie wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass zus\u00e4tzliche Mittel in Form von Unterst\u00fctzungsbeitr\u00e4gen die Zahlungsbereitschaft der Landwirtschaftsbetriebe f\u00fcr Inputfaktoren erh\u00f6hen. In einer vom Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) in Auftrag gegebenen Studie wurde der Zusammenhang zwischen Direktzahlungen und Ausgaben f\u00fcr variable Inputfaktoren (D\u00fcnger, Pestizide, Kraftfutter usw.) und Dienstleistungen (Versicherungen, Arbeiten durch Dritte) analysiert. Die Studie hat gezeigt, dass bei einer Erh\u00f6hung der Direktzahlungen pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit in der Folge auch die Ausgaben f\u00fcr variable Inputfaktoren und Dienstleistungen pro landwirtschaftliche Einkommenseinheit im Allgemeinen ansteigen. 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