{"id":105349,"date":"2019-02-25T10:30:25","date_gmt":"2019-02-25T10:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/02\/scheidegger-03-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:59:50","modified_gmt":"2023-08-23T20:59:50","slug":"scheidegger-03-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/02\/scheidegger-03-2019\/","title":{"rendered":"Schicksalhafte Tragik der Allmende"},"content":{"rendered":"<p>Nicht nur Menschen, auch deren intellektuelle Leistungen feiern runde Geburtstage. Vor f\u00fcnfzig Jahren wurde in der Fachzeitschrift \u00abScience\u00bb ein Beitrag eines Mikrobiologen publiziert, dessen Kerngedanke das \u00f6konomische Denken heute noch pr\u00e4gt. Unter dem Titel \u00abThe Tragedy of the Commons\u00bb (Die Tragik der Allmende) beklagte Garrett Hardin die weitverbreitete Tendenz der Ressourcen\u00fcbernutzung und zeigte deren folgenschwere Logik anhand eines eing\u00e4ngigen Beispiels auf: Bei der gemeinsamen Nutzung einer Viehweide (Allmende) durch mehrere Bauern bietet die Grasfl\u00e4che genug Nahrung, solange die Summe der K\u00fche begrenzt bleibt. \u00dcberschreitet diese eine bestimmte Schwelle, w\u00e4chst das Gras nicht mehr rasch genug nach; es kommt zu einer \u00dcbernutzung der Allmende. So weit, so einfach.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nStatt dieses Gruppenverhalten moralisch anzuprangern, erkl\u00e4rte Hardin das Ph\u00e4nomen mit dem rationalen Verhalten des Einzelnen: Erh\u00f6ht ein einzelner Bauer St\u00fcck um St\u00fcck seinen Bestand, steht ihm der zus\u00e4tzliche Gewinn des wachsenden Viehbestandes allein zu; die zus\u00e4tzlichen Kosten der Weidennutzung tragen aber alle anderen Viehhalter mit. \u00abTragisch\u00bb ist in dieser Logik der Anreiz anderer Bauern, dieser Expansionslogik zu folgen und damit unweigerlich den Keim der \u00dcbernutzung zu legen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHardin nutzte das Bild der Allmende zur Erkl\u00e4rung des damals bedrohlich scheinenden Bev\u00f6lkerungswachstums und pl\u00e4dierte f\u00fcr eine staatliche Geburtenkontrolle \u2013 eine Forderung, die heute einen faden Beigeschmack hat. Die Stringenz der Gedankenf\u00fchrung bleibt aber relevant. Wir nutzen t\u00e4glich zahlreiche Allmendeg\u00fcter: gute Luftqualit\u00e4t etwa, Verkehrsachsen im Strassenverkehr, unversehrte Gew\u00e4sser oder attraktive Reisedestinationen. In der Anonymit\u00e4t der Massen ignorieren viele Menschen, dass ihr Verhalten zur \u00dcbernutzung f\u00fchrt. Klimaerw\u00e4rmung, Stau, \u00dcberfischung und \u00abOvertourism\u00bb sind logische Folgen. Wie kann solchen Entwicklungen entgegengetreten werden?&#13;<\/p>\n<h2><strong>Genossenschaften als Vorbild<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Idealfall l\u00e4sst sich der Zugang zu Allmendeg\u00fctern durch Privatisierung beschr\u00e4nken. Der Nutzungsanspruch wird in diesem Fall klar definierten Eigent\u00fcmern zugeteilt. In Afrika beispielsweise geh\u00f6ren private Safariparks zu den erfolgreichen Formen des Wildtier- und Naturschutzes. In der Regel wird die Nachfrage bei solchen G\u00fctern aber eher durch staatliche Einschr\u00e4nkungen gesteuert. So bezweckt die Raumplanung eine Eind\u00e4mmung der Zersiedelung; die Gefahr einer \u00dcbernutzung von Fischbest\u00e4nden wird durch die amtliche Vergabe von Fischereipatenten reduziert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Tr\u00e4gerin des Wirtschaftsnobelpreises von 2009, die Amerikanerin Elinor Ostrom, pl\u00e4dierte f\u00fcr eine Art \u00abDritten Weg\u00bb: Allmendeg\u00fcter k\u00f6nnen von privaten Gemeinschaften nachhaltig genutzt werden, falls Letztere \u00fcberschaubar sind und die Mitglieder die Nutzungsregeln bestimmen sowie Regelverst\u00f6sse sanktionieren k\u00f6nnen. Anhand von Fallstudien, darunter auch die genossenschaftliche Bewirtschaftung der historischen Bew\u00e4sserungskan\u00e4le im Oberwallis, zeigte sie auf, warum private Verhandlungsl\u00f6sungen nicht vorschnell durch staatliche Regelungen ausgeschlossen werden sollten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotz aller Erkenntnisse bleibt das Problem der Ressourcen\u00fcbernutzung allgegenw\u00e4rtig. Ein Patentrezept gibt es nicht. Gerade bei grenz\u00fcberschreitenden Herausforderungen wie dem Klima oder dem Schutz der Meere sind Nutzen und Kosten des kollektiven Handelns international ungleich verteilt. Die Kosten der Nutzungseinschr\u00e4nkung fallen je nach Land unterschiedlich hoch aus. Der Nutzen einer weitsichtigen Zur\u00fcckhaltung hingegen kommt allen zugute. Solche Sachzw\u00e4nge erschweren eine dauerhafte Einigung auf globale Spielregeln und setzen Anreize f\u00fcr Trittbrettfahren. Anhaltendes kooperatives Verhalten in der anonymen Masse der \u00abWeltgemeinschaft\u00bb ist eben ungleich schwieriger zu sichern als in einem Dorf, einem Quartierverein oder einer Genossenschaft mit einer gewissen sozialen Kontrolle. Dies ist die schicksalhafte Tragik internationaler Allmendeg\u00fcter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur Menschen, auch deren intellektuelle Leistungen feiern runde Geburtstage. Vor f\u00fcnfzig Jahren wurde in der Fachzeitschrift \u00abScience\u00bb ein Beitrag eines Mikrobiologen publiziert, dessen Kerngedanke das \u00f6konomische Denken heute noch pr\u00e4gt. Unter dem Titel \u00abThe Tragedy of the Commons\u00bb (Die Tragik der Allmende) beklagte Garrett Hardin die weitverbreitete Tendenz der Ressourcen\u00fcbernutzung und zeigte deren folgenschwere [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":2752,"featured_media":20216,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":2752,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. rer. pol., Leiter der Direktion f\u00fcr Wirtschaftspolitik und stv. Direktor, Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco), Bern","seco_author_post_occupation_fr":"Chef de la Direction de la politique \u00e9conomique et directeur suppl\u00e9ant, Secr\u00e9tariat d\u2019\u00c9tat \u00e0 l\u2019\u00e9conomie (Seco), Berne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Schicksalhafte Tragik der Allmende","post_lead":"","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":105352,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"83956","post_abstract":"","magazine_issue":"20190301","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20190226","original_files":null,"external_release_for_author":"20190204","external_release_for_author_time":"23:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5c3c66d37d678"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105349"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2752"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=105349"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126071,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105349\/revisions\/126071"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2752"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=105349"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=105349"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=105349"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=105349"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=105349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}