{"id":105372,"date":"2019-02-22T08:00:22","date_gmt":"2019-02-22T08:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/02\/interview-03-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:59:54","modified_gmt":"2023-08-23T20:59:54","slug":"interview-03-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/02\/interview-03-2019\/","title":{"rendered":"\u00abDie K\u00fche gehen dann zum Melken, wenn sie es wollen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr Finger, die Digitalisierung in der Landwirtschaft ist in Fachkreisen in aller Munde. Wie reagieren Landwirte darauf?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Interesse der Bauern an innovativen L\u00f6sungen ist gross. Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojekts als Teil des Nationalen Forschungsprogramms zur nachhaltigen Wirtschaft stehen wir zum Beispiel im engen Austausch mit Landwirten zum Thema Pr\u00e4zisionslandwirtschaft. Dabei geht es darum, die Bed\u00fcrfnisse der Pflanzen mithilfe von Sensoren besser zu erkennen und Inputs dort pr\u00e4ziser auszubringen, wo diese ben\u00f6tigt werden.&#13;<\/p>\n<h3>Wie funktioniert das konkret?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMithilfe dieser Informationen passt der Landwirt zum Beispiel die D\u00fcngung in jedem Teil des Feldes dem N\u00e4hrstoffbedarf der Pflanzen an. Dadurch spart er Kosten, und die Gew\u00e4sser werden weniger belastet. In anderen L\u00e4ndern ist diese Technologie bereits etabliert \u2013 die Schweiz steht hier am Anfang.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Warum wird also in der Schweiz dazu geforscht, wenn die Technologie bereits existiert?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nZum einen kann und muss die Technologie weiterentwickelt werden, um Landwirten verl\u00e4ssliche und pr\u00e4zise Informationen zu liefern. Im erw\u00e4hnten Forschungsprojekt kommen zum Beispiel Drohnen zum Einsatz. Eine andere Herausforderung ist die Kleinr\u00e4umigkeit. Die Pr\u00e4zisionslandwirtschaft kommt im Moment vor allem auf grossen Betrieben, etwa in den USA, zum Einsatz. Die Technologie ist oft f\u00fcr gr\u00f6ssere Strukturen ausgelegt und f\u00fcr kleine Betriebe oft nicht erschwinglich. Gleichzeitig fordern die Konsumenten mehr Nachhaltigkeit.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ist die Kleinr\u00e4umigkeit ein Nachteil?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht unbedingt. Kleinr\u00e4umigkeit kann ja auch Vorteile bringen \u2013 zum Beispiel f\u00fcr Biodiversit\u00e4t, Kulturlandschaft und Besiedlung. Wir sollten daher nicht die Struktur der Landwirtschaft an die Technologie anpassen, sondern Technologien entwickeln, die die von uns gew\u00fcnschte Landwirtschaft erm\u00f6glichen und st\u00e4rken. Zudem ist die Landwirtschaft weltweit mehrheitlich klein strukturiert. Hier eine Vorreiterrolle in Technologie und Nachhaltigkeit zu spielen, birgt also grosse Potenziale.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Es w\u00e4re fahrl\u00e4ssig, die technischen M\u00f6glichkeiten nicht zu nutzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was steht bei Ihrer Forschung in diesem Bereich im Vordergrund?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir Agrar\u00f6konomen interessieren uns vor allem, ob und wie sich die Technologie in der Praxis umsetzen l\u00e4sst: Beschafft jeder Landwirt neue Technologien wie Drohnen, oder schliessen sich mehrere Bauern eines Dorfes zusammen? Oder bestellen sie die Dienstleistung bei einem Auftragsunternehmen? Uns interessiert zudem, welche Rolle die Agrarpolitik bei diesen Prozessen spielen kann und soll.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wo kommen Drohnen bei uns bereits zum Einsatz?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMomentan werden Drohnen in der Schweiz beispielsweise genutzt, um Rehkitze in Wiesen zu erkennen \u2013 dies verhindert, dass die Tiere unter die M\u00e4hmaschinen geraten. Im Weinbau setzen Drohnen Pflanzenschutzmittel direkt \u00fcber den Rebst\u00f6cken frei. Und in der biologischen Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfung arbeitet man ebenfalls bereits mit Drohnen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Drohnen setzen zum Beispiel Schlupfwespen \u00fcber Maisfeldern ab, die helfen, den Sch\u00e4dling Maisz\u00fcnsler zu bek\u00e4mpfen.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGenau. Schlupfwespen werden in der Regel mithilfe von Drohnen in tennisballgrossen Kugeln \u00fcber dem Maisfeld ausgebracht. Die Schlupfwespen legen ihre Eier dann in die Eigelege der Maisz\u00fcnsler und verhindern so deren Ausbreitung, ohne dass Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden m\u00fcssen. Landwirte k\u00f6nnen die Dienstleistung bei einem externen Anbieter anfordern. Im Kanton Bern wird diese im Rahmen eines Pilotprojekts vom Bund gef\u00f6rdert.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie stark ist die Digitalisierung in der Landwirtschaft verbreitet?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSie hat, wie \u00fcberall in der Wirtschaft, in allen Betrieben Einzug gehalten. Die Landwirte erhalten Wetter- und Sch\u00e4dlingsprognosen auf ihren Smartphones, und administrative Schritte werden digitalisiert. Zudem sammeln moderne Ger\u00e4te zunehmend automatisch Daten. Der springende Punkt ist aber, was man mit den gewonnenen Informationen macht. Wie kann man damit das Management verbessern? Hier besteht Nachholbedarf. Die angesprochene Pr\u00e4zisionslandwirtschaft wird in der Schweiz im Ackerbau noch wenig praktiziert, und auch in der Tierproduktion gibt es Potenziale. Auch Melkroboter, die das Melken automatisieren, sind noch selten.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie sieht die Verbreitung der Melkroboter in Zahlen aus?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend in den Niederlanden bereits jeder vierte Betrieb einen Melkroboter einsetzt, ist es in der Schweiz circa jeder zwanzigste.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ein niederl\u00e4ndischer Anbieter stellt ganze Anlagen zur direkten Verarbeitung der Milch auf dem Hof her. Wie beeinflusst die Digitalisierung die Wertsch\u00f6pfungsketten?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDank solcher Technologien werden Teile der Wertsch\u00f6pfungskette direkt auf den Betrieb geholt. Nach dem Melken mit dem Melkroboter wird die Milch in einer kleinen Anlage bearbeitet und verkaufsfertig in Flaschen abgef\u00fcllt. Dabei kann die Milch verschiedener K\u00fche separiert verarbeitet und angeboten werden. Das Produkt Milch wird so differenzierter und ist schneller, direkter beim Kunden. Die Landwirte k\u00f6nnen direkt an den Konsumenten herantreten und haben unter dem Motto \u00abJede Kuh schmeckt anders\u00bb ein zus\u00e4tzliches Verkaufsargument. F\u00fcr die Schweizer Landwirtschaft sind solche Mehrwerte durch h\u00f6here Qualit\u00e4t und Differenzierung besonders wichtig. Solange es nur um den undifferenzierten Rohstoff \u2013 zum Beispiel Zucker oder Weizen \u2013 geht, fehlt bei uns der komparative Vorteil gegen\u00fcber dem Ausland. Um Mehrwert zu schaffen, spielen auch Labelorganisationen wie IP Suisse und Bio Suisse eine wichtige Rolle.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ist die Ertragssteigerung oberstes Ziel beim Melkroboter?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein, es geht nicht darum, mehr, sondern besser und effizienter zu produzieren. Mit Melkrobotern wird schwere k\u00f6rperliche Arbeit ersetzt, und Landwirte k\u00f6nnen ihre Arbeitszeit flexibler einsetzen. Zudem gibt es positive Effekte auf das Tierwohl. K\u00fche gehen dann zum Melken, wenn sie es wollen, nicht wenn der Landwirt daf\u00fcr Zeit hat. Zudem kann dank der gesammelten Daten die Kontrolle der Tiergesundheit verbessert werden.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Das Interesse der Bauern f\u00fcr die neuen Technologien ist vorhanden. Aber sind die Bauern bereit f\u00fcr diesen Wandel?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Heute braucht ein Landwirt ein anderes Know-how als vor 30 Jahren, auch aufgrund neuer Technologien. Jedoch k\u00f6nnen und werden Landwirte in Zukunft nicht alle Daten selbst eigenh\u00e4ndig verkn\u00fcpfen und analysieren. Private Anbieter wie zum Beispiel Saatgutunternehmen wie Monsanto, Maschinenhersteller wie John Deere, aber auch viele Start-ups entwickeln Managementinformationssysteme, die dies \u00fcbernehmen. Die Idee: Der Bauer erh\u00e4lt zum Beispiel auf seinem Tablet aufgrund von Wetter- und Bodenanalysen Empfehlungen, wo er D\u00fcnge- und Pflanzenschutzmittel ausbringen muss. Gleichzeitig werden immer mehr Arbeitsschritte automatisiert. Das Spin-off Ecorobotix der ETH Lausanne hat beispielsweise einen Roboter entwickelt, der das Unkraut autonom erkennt und bek\u00e4mpft.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Welche Rolle spielt die k\u00fcnstliche Intelligenz in der Agrarforschung?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEine immer gr\u00f6ssere \u2013 auch Ecorobotix arbeitet damit. Ein anderes Beispiel ist die Anwendung k\u00fcnstlicher Intelligenz, um auf Satellitenbildern zu erkennen, welche Pflanzensorten sich wo befinden und wie die Ertragsentwicklungen sind. An diesen Daten sind auch Rohstoffh\u00e4ndler interessiert: Wenn man weiss, wie viele Hektaren Weizen in der Welt angebaut werden und wie gross die Ertr\u00e4ge sein werden, lassen sich die Preise besser vorhersagen. Da entstehen neue Gesch\u00e4ftsfelder. F\u00fcr die Agrarpolitik ist diese Art von Daten ebenfalls interessant \u2013 es m\u00fcssen vielleicht bald keine Kontrollen mehr durchgef\u00fchrt und Formulare versandt werden.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Wem geh\u00f6ren die Daten, die ein Traktor sendet?<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><strong>Welche \u00e4usseren Zw\u00e4nge treiben die Digitalisierung in der Schweiz an?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Landwirtschaft setzt auf Nachhaltigkeit. Es w\u00e4re fahrl\u00e4ssig, die technischen M\u00f6glichkeiten nicht zu nutzen: Dank der Digitalisierung l\u00e4sst sich potenziell der \u00f6kologische Fussabdruck senken und die Produktion effizienter machen. Hinzu kommt das Monitoring: Die Agrarpolitik und Label-Organisationen k\u00f6nnen besser und billiger \u00fcberpr\u00fcfen, ob die Nachhaltigkeitsvorgaben und Auflagen eingehalten werden. Der Staat kann kontrollieren, ob die Vorgaben eingehalten worden sind: Fl\u00e4chennutzung, Bodenbearbeitung, Auslauf der K\u00fche, all das wird wesentlich transparenter werden. Solche Anwendungen werden die Beziehung Staat &#8211; Landwirt ver\u00e4ndern.&#13;<\/p>\n<h3><strong>In der Agrarpolitik fand eine Verlagerung von der Marktpreisst\u00fctzung zu den Direktzahlungen statt. Was bedeutet das f\u00fcr die fortschreitende Digitalisierung?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Direktzahlungen sind oft auch mit Umweltvorgaben verkn\u00fcpft. Umweltfreundliche Technologien werden also beg\u00fcnstigt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die Agrarpolitik 22+ befindet sich in der Vernehmlassung. Der Bundesrat will die Digitalisierung in der Landwirtschaft vorantreiben. Wie soll das gehen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bund hat die T\u00fcr f\u00fcr Innovationen ge\u00f6ffnet. So gibt es momentan diverse Pilotprojekte, in denen auch innovative Ans\u00e4tze gezielt getestet werden. Dies beinhaltet die erw\u00e4hnten Drohnen, die Schlupfwespen aufs Maisfeld fliegen, aber auch Anwendungen der Pr\u00e4zisionslandwirtschaft. Neben dem Subventionieren von Technologien k\u00f6nnten kritische Inputs wie D\u00fcnger oder Pflanzenschutzmittel auch durch Lenkungsabgaben verteuert werden \u2013 was neue Technologien attraktiver machen w\u00fcrde.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Gibt es Datenschutzbedenken im Zuge der Digitalisierung?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa klar. Es kommt aber darauf an, welche Daten erhoben werden. Der Auslauf einer Kuh ist vermutlich weniger heikel als der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Auch die Landwirte haben Einw\u00e4nde, da sie ja nicht dauernd kontrolliert werden m\u00f6chten. Umgekehrt scheint eine gewisse Transparenz bei Direktzahlungen gerechtfertigt. Bedenken gibt es auch hinsichtlich der Datenhoheit: Wem geh\u00f6ren die Daten, die zum Beispiel ein Traktor sendet? In der Schweiz werden aktuell zwei Plattformen zum sicheren Datenaustausch entwickelt, aber auch im Ausland gibt es diverse Entwicklungen. Der Staat kann mit klaren Regeln den Datenschutz gew\u00e4hrleisten. Technologische Entwicklungen, wie zum Beispiel die Blockchain, werden hier in Zukunft eine Rolle spielen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie wird die Schweizer Landwirtschaft in 20 Jahren aussehen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn 20 Jahren werden die H\u00f6fe st\u00e4rker digitalisiert und vernetzt sein. Tierwohl und Umweltschutz werden dank digitalen L\u00f6sungen st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt sein. Umgekehrt sind immer mehr neue private Anbieter involviert. Neue Technologien rufen aber auch \u00c4ngste hervor. Der Roboter als Feindbild, der das Handwerk zerst\u00f6rt, ist so ein Beispiel. So hat die Branchenorganisation Walliser Raclette AOP vergangenes Jahr ein Melkroboter-Verbot ausgesprochen. Die Technologieablehnung haben wir schon bei den gentechnisch ver\u00e4nderten Organismen gesehen. Auch dort geht es um eine Technologie, die wissenschaftlich gesehen viele Mehrwerte bringt \u2013 und dennoch auf Widerstand st\u00f6sst.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie ernst muss man diese Widerst\u00e4nde nehmen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs lohnt sich, den Kritikern zuzuh\u00f6ren. Der Widerstand hat auch gute Seiten. Er hilft, einen Digitalisierungsschritt so umzusetzen, dass Probleme adressiert und Mehrwert identifiziert werden muss. Digitalisierung in der Landwirtschaft ist kein Selbstzweck, sondern muss allen Involvierten Vorteile bringen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Finger, die Digitalisierung in der Landwirtschaft ist in Fachkreisen in aller Munde. Wie reagieren Landwirte darauf? &#13; Das Interesse der Bauern an innovativen L\u00f6sungen ist gross. 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