{"id":105448,"date":"2018-12-20T11:00:31","date_gmt":"2018-12-20T11:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/12\/stutz-1-2-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:59:58","modified_gmt":"2023-08-23T20:59:58","slug":"stutz-1-2-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/12\/stutz-1-2-2019\/","title":{"rendered":"T\u00fcren zu asiatischen Finanzm\u00e4rkten \u00f6ffnen"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Titelbild des aktuellen Jahresberichts einer Schweizer Grossbank blickt der Leser vorbei am h\u00f6chsten Wolkenkratzer Hongkongs westw\u00e4rts auf den Victoria Harbour. Durch die Wasserstrasse zwischen der Hong Kong Island und dem Festland passiert ein Drittel des globalen marinen G\u00fcterverkehrs. Nordw\u00e4rts gelangt man zur zweit- und zur drittgr\u00f6ssten Volkswirtschaft der Welt, China und Japan; s\u00fcdw\u00e4rts durch die Strasse von Malakka und vorbei an Singapur zur sechstgr\u00f6ssten Volkswirtschaft Indien. Dazwischen liegen Indonesien mit der viertgr\u00f6ssten Bev\u00f6lkerung und die aufstrebenden \u00d6konomien S\u00fcdostasiens.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Bildwahl ist nicht zuf\u00e4llig: Schweizer Banken und Versicherungen setzen auf Asien. Denn der asiatisch-pazifische Raum sorgt im Finanzbereich f\u00fcr Superlative. So beheimatet die Region unter anderem die f\u00fcnf gr\u00f6ssten Banken der Welt, vier der zehn wichtigsten globalen Finanzpl\u00e4tze und vier der zehn gr\u00f6ssten B\u00f6rsen und Versicherungsm\u00e4rkte. Zudem hat die Zahl der Reichen stark zugenommen: Mittlerweile lebt jeder vierte Million\u00e4r in Asien. Und: Fintech-Applikationen sind in Asien am meisten verbreitet.&#13;<\/p>\n<h2>Asiens Aufstieg<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDen Anfang des asiatischen (Wieder-)Aufstiegs an die Weltspitze machte Japan mit einem rasanten Wirtschaftswachstum in den Sechzigerjahren. Damals wurde unter anderem die regionale, multilaterale Entwicklungsbank Asian Development Bank (ADB) gegr\u00fcndet \u2013 mit Japan als gr\u00f6sstem Eigent\u00fcmer. Im Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) wurde Japan bald zum zweitgr\u00f6ssten Anteilseigner. Als Ende der Achtzigerjahre die Immobilienfirma der japanischen Mitsubishi Group das Rockefeller Center in New York kaufte, schien der Aufstieg zur dominierenden Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts unaufhaltsam. Nebst Japan pr\u00e4gten Hongkong, S\u00fcdkorea, Singapur und Taiwan das \u00abostasiatische Wirtschaftswunder\u00bb. Die zehn s\u00fcdostasiatischen Staaten, welche sich zum Verband S\u00fcdostasiatischer Nationen (Asean) zusammengeschlossen haben, erwirtschaften mittlerweile 3 Prozent der globalen Wertsch\u00f6pfung und sind bestrebt, die Finanzm\u00e4rkte der Region enger zusammenzuf\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nChina, dessen Reform- und \u00d6ffnungspolitik in den Achtzigerjahren begonnen hatte, \u00fcberholte Japan im Jahr 2010 und ist hinter den USA zur zweitgr\u00f6ssten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Auch im internationalen Finanzbereich strebt China eine F\u00fchrungsrolle an: Im IWF ist das Land inzwischen der drittgr\u00f6sste Eigent\u00fcmer, und sp\u00e4testens seit der G-20-Pr\u00e4sidentschaft vor zwei Jahren geh\u00f6rt es zu den gewichtigen Mitgliedern des exklusiven Staatenclubs. Weitere Meilensteine setzte China im Jahr 2016 mit der Inklusion der chinesischen W\u00e4hrung in den Weltw\u00e4hrungskorb des IWF und 2018 mit der Aufnahme der chinesischen Festlandaktien in den MSCI Emerging Markets Index. Die Integration der regionalen Finanzm\u00e4rkte treibt China mit der \u00abBelt and Road Initiative\u00bb voran. Zu diesem Zweck gr\u00fcndete China im Jahr 2015 unter anderem die regionale, multilaterale Entwicklungsbank Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB). Weitere regionale Gremien und Organisationen unter chinesischer F\u00fchrung zur Entwicklung von Standards im Finanzbereich zeichnen sich ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIndien schiebt bis heute sein Potenzial vor sich her. Nichtsdestotrotz ist das mehr als 1,3 Milliarden Einwohner z\u00e4hlende Land ein wichtiger Akteur auf der internationalen Ebene und verf\u00fcgt \u00fcber einen Markt mit hohen Wachstumsraten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInteressant aus Schweizer Perspektive ist insbesondere auch der Aufstieg von Hongkong und Singapur zu internationalen Finanzzentren. W\u00e4hrend die Gr\u00f6sse der Finanzkennzahlen von China, Indien und Japan angesichts der Bev\u00f6lkerungszahl, der Wirtschaftsleistung und der Marktkonzentration nicht erstaunt, stechen Hongkong und Singapur durch ihre hohe Spezialisierung auf Finanzdienstleistungen hervor. Beide liegen auf internationalen Handelsrouten, bieten Stabilit\u00e4t, verf\u00fcgen \u00fcber starke Institutionen und Rechtssysteme sowie \u00fcber gut qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte \u2013 und sind damit der Schweiz nicht un\u00e4hnlich.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Hohe H\u00fcrden&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Schweizer Finanzplatz beteiligt sich am Wachstum der grossen asiatischen Volkswirtschaften. Doch der Zugang ist h\u00fcrdenreich. So machten die Einnahmen aus Finanzdienstleistungen (ohne Versicherungen) gegen\u00fcber Asien letztes Jahr nur rund 3 Prozent aller ausl\u00e4ndischen Einnahmen in der Schweizer Zahlungsbilanz aus.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Rund 70 Prozent dieser Einnahmen stammen aus Hongkong und Singapur, w\u00e4hrend China und Japan nur je rund 8 Prozent beisteuern, Indien lediglich 2 Prozent. Die Versicherungen in der Schweiz generierten 2017 rund 10 Prozent ihrer ausl\u00e4ndischen Einnahmen in Asien. Davon kommen je rund 30 Prozent aus China und Japan, 12 Prozent stammen aus Singapur und 3 Prozent aus Hongkong. Indien bildet auch hier mit 2 Prozent das Schlusslicht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Zahlen zeigen: Insbesondere f\u00fcr die Schweizer Banken ist es schwierig, f\u00fcr Kunden aus Japan, China und Indien Dienstleistungen zu erbringen. W\u00e4hrend im Fall von China und Indien Kapitalverkehrskontrollen die grenz\u00fcberschreitende Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit erschweren, ist die Bedienung japanischer Kunden von der Schweiz aus zu einem grossen Teil durch das japanische Finanzmarktrecht eingeschr\u00e4nkt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchweizer Banken und Versicherungen haben daher relativ fr\u00fch begonnen, eine physische Pr\u00e4senz in Asien zu etablieren. Allerdings bestehen auch vor Ort Restriktionen. So k\u00f6nnen Banken in China und Indien nur mit der Beteiligung lokaler Eigent\u00fcmer gegr\u00fcndet werden. Zudem werden Banken mit ausl\u00e4ndischer Beteiligung bei der Vergabe von Lizenzen und Bewilligungen teilweise schlechtergestellt als ihre lokale Konkurrenz. Entsprechend ist der Marktanteil ausl\u00e4ndischer Banken beispielsweise in China bei unter 1 Prozent und seit Jahren sinkend. Im Versicherungsbereich liegt der Anteil seit L\u00e4ngerem konstant bei rund 4,5 Prozent. Kommt hinzu: Nur 2 Prozent der chinesischen Aktien sind im Besitz ausl\u00e4ndischer Investoren. Bei den Obligationen ist der Wert sogar noch tiefer.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotz alledem: Die grossen Schweizer Banken und Versicherungen erwirtschaften mittlerweile jeden sechsten Franken in Asien, und sie besch\u00e4ftigen 15 Prozent ihrer Mitarbeiter dort. Als Sprungbrett zu den grossen Volkswirtschaften der Region dienen ihnen dabei Singapur und Hongkong.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUmgekehrt bauen auch die asiatischen Finanzinstitute Br\u00fccken in die Schweiz, wo insgesamt 16 Banken aus Asien pr\u00e4sent sind. Seit der Er\u00f6ffnung einer Pr\u00e4senz der China Construction Bank (CCB) in Z\u00fcrich im Jahr 2016 k\u00f6nnen in der Schweiz Zahlungen in der chinesischen W\u00e4hrung abgewickelt werden. Als zweites chinesisches Institut hat die Industrial and Construction Bank (ICBC) dieses Jahr eine Filiale in der Limmatstadt er\u00f6ffnet.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Diplomatie als Werkzeug&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Staatssekretariat f\u00fcr internationale Finanzfragen (SIF) setzt sich f\u00fcr die Interessen der Schweiz und des Schweizer Finanzplatzes in Asien ein. Im Fokus stehen dabei die Ber\u00fccksichtigung internationaler Standards bei der regionalen Integration der Finanzm\u00e4rkte, die Sicherung der Finanzstabilit\u00e4t angesichts der steigenden Bedeutung der asiatischen M\u00e4rkte f\u00fcr das globale Finanzsystem sowie die Verbesserung der Rahmenbedingungen f\u00fcr den Marktzugang.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf multilateraler Ebene leitet die Schweiz eine Stimmrechtsgruppe des IWF, der unter anderem die zentralasiatischen Staaten Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan angeh\u00f6ren. Weiter ist die Schweiz Mitglied der Asian Development Bank (ADB) und der Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB). Vergangenes Jahr nahm sie zudem auf h\u00f6chster Stufe am ersten \u00abBelt and Road Forum\u00bb in Peking teil. Sowohl in den etablierten Finanzinstitutionen IWF und Weltbank als auch in den regional ausgerichteten Institutionen ADB und AIIB setzt sich die Schweiz daf\u00fcr ein, dass die Integration der asiatischen Wachstumsm\u00e4rkte geordnet erfolgt und sich diese an hohen Standards ausrichtet. Weil die Schweiz an keinen geopolitischen Block gebunden ist, kann sie dabei effektiv und glaubw\u00fcrdig vorgehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf bilateraler Ebene pflegt die Schweiz regelm\u00e4ssige Finanzdialoge mit den Partnerbeh\u00f6rden in China, Hongkong, Indien, Japan und Singapur. Im Rahmen solcher Dialoge findet ein regelm\u00e4ssiger Meinungs- und Erfahrungsaustausch statt, bei dem auch die Zusammenarbeit in Bereichen von gegenseitigem Interesse vertieft wird. Die Gespr\u00e4che fokussieren sich auf die Entwicklungen im internationalen Finanzsystem, die Finanzmarktpolitik und Regulierungsfragen sowie die Positionierung in internationalen Finanzforen. Die bilateralen Kontakte bieten auch die Gelegenheit, die Anliegen der Finanzbranche einzubringen, insbesondere in Bezug auf den Marktzugang und die rechtlichen Rahmenbedingungen in Asien. So reiste der Vorsteher des Eidgen\u00f6ssischen Finanzdepartements (EFD), Ueli Maurer, im April 2017 zusammen mit hochrangigen Vertretern des Finanzplatzes nach Asien, um die konkrete Zusammenarbeit auf staatlicher und privatwirtschaftlicher Ebene zu f\u00f6rdern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz unterst\u00fctzt und beteiligt sich an der \u00d6ffnung und der Integration der asiatischen Finanzm\u00e4rkte in das globale Finanzsystem. Trotz des Aufflammens protektionistischer Tendenzen in j\u00fcngster Zeit sind die asiatischen M\u00e4rkte bestrebt, ihre \u00d6ffnungspolitik weiterzuverfolgen und die Fr\u00fcchte der Globalisierung zu ernten. Die Schweiz wird sich auch in Zukunft daf\u00fcr einsetzen, dass die Schweiz und der Schweizer Finanzplatz die Chancen nutzen k\u00f6nnen, die sich daraus ergeben.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">SNB (2017), Zahlungsbilanz der Schweiz \u2013 Leistungsbilanz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Titelbild des aktuellen Jahresberichts einer Schweizer Grossbank blickt der Leser vorbei am h\u00f6chsten Wolkenkratzer Hongkongs westw\u00e4rts auf den Victoria Harbour. Durch die Wasserstrasse zwischen der Hong Kong Island und dem Festland passiert ein Drittel des globalen marinen G\u00fcterverkehrs. 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Mittlerweile verdienen sie dort jeden sechsten Franken. Das erstaunt nicht, denn die L\u00e4nder Asiens sind seit den Sechzigerjahren im stetigen Aufstieg. Japan und die s\u00fcdasiatischen Tigerstaaten machten den Anfang, heute scheint der Weg Chinas zur dominierenden Wirtschaftsmacht im 21. Jahrhundert vorgezeichnet. Damit verschiebt sich das Gravitationszentrum der globalen Finanzm\u00e4rkte ostw\u00e4rts. Der Schweizer Finanzplatz ist bestrebt, sich am Wachstum dieser M\u00e4rkte zu beteiligen. Er ist daf\u00fcr gut positioniert. Doch der Marktzugang in China, Japan und Indien ist h\u00fcrdenreich. 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