{"id":105570,"date":"2018-12-20T10:30:09","date_gmt":"2018-12-20T10:30:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/12\/schweizer-fiorito-01-02-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:00:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:00:08","slug":"schweizer-fiorito-01-02-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/12\/schweizer-fiorito-01-02-2019\/","title":{"rendered":"Vern\u00fcnftiger als vermutet: Das Sparverhalten der Millennials"},"content":{"rendered":"<p>Junge Erwachsene werden vielfach als wenig verbindlich, selbstbezogen, illoyal und kurzsichtig bezeichnet. Freude an der Arbeit sowie eine Balance zwischen Beruf und Freizeit\u00a0sind den Millennials (je nach Definition die heute 23- bis 37-J\u00e4hrigen) wichtiger als Status, Prestige und damit auch Geld. Freir\u00e4ume und die M\u00f6glichkeit der Selbstverwirklichung stehen \u00fcber starren Hierarchien. Gem\u00e4ss dem Jugendbarometer Schweiz 2016 der Credit Suisse ist das wichtigste Ziel dieser Generation, die eigenen Tr\u00e4ume zu verwirklichen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nViele Millennials stehen gegenw\u00e4rtig am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn und sind in einem Alter, in dem klassischerweise die Spart\u00e4tigkeit beginnt. Da sich Millennials anscheinend weniger als fr\u00fchere Generationen Gedanken \u00fcber ihre Zukunft machen, darf angenommen werden, dass sie sich auch in ihrem Sparverhalten von diesen unterscheiden. Gem\u00e4ss der Weltbank ist die Finanzkompetenz, die unter anderem das Sparen beeinflusst, bei jungen Erwachsenen wenig ausgepr\u00e4gt. So bekunden Millennials M\u00fche mit dem Verm\u00f6gensaufbau, wie im aktuellen Global Wealth Report der Credit Suisse nachzulesen ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Sparverhalten einer Generation hat volkswirtschaftliche Auswirkungen. Einerseits beeinflusst es die Bankenindustrie, f\u00fcr welche Sparguthaben ihrer Kunden eine wichtige Finanzierungsquelle darstellt. Andererseits bedeutet Sparen ein Konsumverzicht, respektive der Konsum wird in die Zukunft verschoben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch wie steht es tats\u00e4chlich um das Sparverhalten der Millennials in der Schweiz? Anhand einer Umfrage ist die Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) diesem Sachverhalt nachgegangen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Zus\u00e4tzlich wurden anonymisierte Kontobewegungen der Millennials bei der Z\u00fcrcher Kantonalbank untersucht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Befragung wurde mittels standardisierten Fragebogens zwischen Februar und April 2018 durchgef\u00fchrt. Der Versand erfolgte elektronisch an die Studierenden der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (ZHAW), \u00fcber die Schuldenberatungsstelle des Kantons Z\u00fcrich, \u00fcber Facebook sowie das gesch\u00e4ftliche und private Umfeld der Autoren. Eingegangen sind 1903 Antworten, wovon 1440 zur effektiven Zielgruppe, Personen mit Jahrgang 1981 bis 1995, gez\u00e4hlt werden. Dieser Teil der Stichprobe wurde detailliert ausgewertet, die anderen Kohorten nur selektiv zu Vergleichszwecken. Das Sample der Millennials setzt sich aus 58 Prozent M\u00e4nnern und 42 Prozent Frauen zusammen. Aufgrund der zur Verf\u00fcgung gestandenen Versandkan\u00e4le darf die Studie nicht als repr\u00e4sentativ bewertet werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Sparen f\u00fcr Reisen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Erkenntnisse aus der Umfrage \u00fcberraschen: 82 Prozent der Millennials verwenden bewusst einen Teil des frei verf\u00fcgbaren Einkommens f\u00fcrs Sparen, und 85 Prozent besitzen ein Sparkonto. Lediglich 18 Prozent wollen oder k\u00f6nnen aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht regelm\u00e4ssig sparen. Ein geschlechterspezifischer Vergleich zeigt: W\u00e4hrend 86 Prozent der Frauen bewusst sparen, sind dies bei den M\u00e4nnern nur 78 Prozent.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer meistgenannte Sparzweck ist das Reisen \u2013 was sich mit der allgemeinen Wahrnehmung der Millennials als konsumfreudige Geniesser deckt (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Demgegen\u00fcber handelt es sich bei den am zweit- bis f\u00fcnftmeisten genannten Sparzwecken um weitsichtige Sparvorhaben: R\u00fccklagen f\u00fcr Zukunftsunsicherheiten, Sparen f\u00fcr gr\u00f6ssere Anschaffungen, Altersvorsorge und Steuerrechnungen. Damit unterscheiden sich die Antworten der Millennials kaum von den Vertretern der Babyboomer-Generation und der Generation X. Diese bezeichnen zwar die Altersvorsorge als wichtigsten Spargrund, sie nennen jedoch dieselben f\u00fcnf Gr\u00fcnde wie die Millennials als Top-5-Spargr\u00fcnde.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Warum sparen Millennials?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='Fiorito_Schweizer_de_1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Fiorito_Schweizer_de_1').highcharts({\n    chart: {\n        type: 'bar'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n   \n    xAxis: {\n        categories: ['Reisen','R\u00fccklagen \/ Zukunftsunsicherheit','Gr\u00f6ssere Anschaffungen','Private Altersvorsorge','Steuern','Ausbildung','Eigenheim','Einkommen \u00fcbersteigt Konsum','Schulden abbauen','Andere'],\n        title: {\n            text: null\n        }\n    },\n    yAxis: {\n        min: 0,\n        title: {\n            text: 'befragte Millennials',\n        },\n        labels: {\n            overflow: 'justify'\n        }\n    },\n    tooltip: {\n        valueSuffix: ''\n    },\n    plotOptions: {\n        bar: {\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n   \n    credits: {\n        enabled: false\n    },\n    series: [{\n        name: 'Anzahl',\n        data: [972,847,572,537,502,443,354,201,83,52],\n        showInLegend: false,\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<\/div>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Anmerkung: Mehrfachnennungen m\u00f6glich,\u00a0Jahrg\u00e4nge 1981 bis 1995 (N =1440). Quelle: Fiorito und Schweizer (2018) \/ Die Volkswirtschaft.&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeben dem Sparwillen und dem Sparzweck interessiert auch, wie viel die Millennials f\u00fcr die einzelnen Kategorien reservieren. Die <em>Abbildung 2<\/em> zeigt die Aufteilung der monatlichen Sparbetr\u00e4ge pro Zweck f\u00fcr die sechs meistgenannten Kategorien. Die am h\u00e4ufigsten genannte betragliche Bandbreite (unter Ausklammerung der Nennungen \u00abgar nicht\u00bb und \u00abgelegentlich\u00bb) liegt bei allen Sparzwecken zwischen 50 und 200 Franken pro Monat. Bei den Reisen und den R\u00fccklagen\/Zukunftsunsicherheiten sowie bei den gr\u00f6sseren Anschaffungen nimmt der Anteil der Sparer mit h\u00f6heren Betr\u00e4gen relativ betrachtet rasch ab. F\u00fcr Steuern und die Altersvorsorge verl\u00e4uft die Entwicklung weniger extrem.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Monatlicher Betrag pro Sparzweck<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='Fiorito_Schweizer_de_2'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Fiorito_Schweizer_de_2').highcharts({\n    chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['Reisen','R\u00fccklagen','Steuern','Private Altersvorsorge','Gr\u00f6ssere Anschaffungen (z.B. 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Quelle: Fiorito und Schweizer (2018) \/ Die Volkswirtschaft.&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>M\u00e4nner und Frauen sparen anders<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOffenbar gehen die Millennials \u2013 wie andere Generationen vor ihnen \u2013 differenziert in ihren Sparanstrengungen vor. Konsumbezogene respektive wenig greifbare Zwecke wie Reisen oder R\u00fccklagen werden innerhalb der Alterskohorte mit einem relativ konstanten Betrag ber\u00fccksichtigt. F\u00fcr langfristiges, investitionsbezogenes Sparen wie die Altersvorsorge oder den Erwerb eines Eigenheims verteilen sich die Betr\u00e4ge hingegen wesentlich ausgepr\u00e4gter, da sie mutmasslich von den finanziellen M\u00f6glichkeiten der Einzelnen abh\u00e4ngen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer geschlechterspezifische Vergleich offenbart Unterschiede je nach Sparzweck: F\u00fcr Zukunftsunsicherheiten legt \u00fcber die H\u00e4lfte der Frauen Betr\u00e4ge ab 50 Franken pro Monat beiseite; bei den M\u00e4nnern liegt der Anteil deutlich unter 50 Prozent. Hingegen spart fast die H\u00e4lfte der m\u00e4nnlichen Millennials mindestens 50 Franken f\u00fcr die Altersvorsorge, beinahe jeder dritte gibt daf\u00fcr sogar \u00fcber 200 Franken aus. Bei den Frauen sind es nur 35 respektive 17 Prozent.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas aktuelle Zinsumfeld beeinflusst das Sparverhalten der Millennials erstaunlich wenig. 74 Prozent der Umfrageteilnehmer sagen, ihr Sparverhalten sei nicht vom Zinsniveau abh\u00e4ngig. Auch von den zinssensitiven 26 Prozent w\u00fcrden 60 Prozent ihr Sparverhalten bei einer weiteren Zinssenkung nicht \u00e4ndern. Nur 23 Prozent der zinssensitiven Gruppe ziehen bei einer weiteren Zinssenkung eine alternative Sparform wie beispielsweise B\u00f6rsenanlagen in Betracht. Hier offenbart sich ebenfalls ein geschlechterspezifischer Unterschied: W\u00e4hrend bei den Frauen lediglich ein F\u00fcnftel\u00a0das Sparverhalten vom Zinsniveau abh\u00e4ngig macht, ist es bei den M\u00e4nnern \u00fcber ein Drittel.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00dcber die H\u00e4lfte der befragten Millennials hat sich bereits mit der privaten Altersvorsorge besch\u00e4ftigt, ein Viertel will dies in n\u00e4chster Zeit tun. 87 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass ohne private Vorsorge immer mehr Leute im Alter arm sein werden. W\u00e4hrend sich zwei Drittel der m\u00e4nnlichen Befragten mit der privaten Vorsorge auseinandergesetzt haben und etwa 60 Prozent in die 3. S\u00e4ule einzahlen, liegt die Zahl bei den weiblichen Vertretern tiefer. Lediglich die H\u00e4lfte hat sich mit der Altersvorsorge befasst, und nur 45 Prozent verf\u00fcgen \u00fcber eine private Vorsorgel\u00f6sung. Dies ist unter anderem deshalb spannend, weil 55 Prozent der m\u00e4nnlichen Befragten der Bef\u00fcrchtung zustimmen, im Alter nur eine geringe Rente zu erhalten. Bei den weiblichen Vertretern sind dies 75 Prozent.&#13;<\/p>\n<h2>Sparziele werden umgesetzt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammenfassend kann festgehalten werden, dass Sparen f\u00fcr die Millennials durchaus eine Bedeutung aufweist und dass die Generation auch konkrete, langfristige Sparziele verfolgt. Zur Validierung dieser Erkenntnisse aus der Umfrage wurden als zweiter Teil des Forschungsprojektes auch die Kontobewegungen aus einem Teilkundenportfolio der Z\u00fcrcher Kantonalbank ausgewertet und mit den Erkenntnissen aus der Umfrage verglichen. Da beide Datens\u00e4tze anonymisiert waren, konnte keine Verbindung zwischen den Umfrageteilnehmern und den Bankkunden hergestellt werden. Die Transfers von Sal\u00e4r- auf Sparkonti best\u00e4tigen auf aggregierter Ebene die Umfrageresultate. Somit interessiert sich nicht nur eine grosse Mehrheit der Millennials grunds\u00e4tzlich f\u00fcrs Sparen, sie setzt dies auch entsprechend um.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die Studie wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit f\u00fcr die Z\u00fcrcher Kantonalbank durchgef\u00fchrt. Detaillierte Erkenntnisse werden nicht ver\u00f6ffentlicht.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge Erwachsene werden vielfach als wenig verbindlich, selbstbezogen, illoyal und kurzsichtig bezeichnet. Freude an der Arbeit sowie eine Balance zwischen Beruf und Freizeit\u00a0sind den Millennials (je nach Definition die heute 23- bis 37-J\u00e4hrigen) wichtiger als Status, Prestige und damit auch Geld. Freir\u00e4ume und die M\u00f6glichkeit der Selbstverwirklichung stehen \u00fcber starren Hierarchien. 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