{"id":105601,"date":"2018-12-18T07:00:27","date_gmt":"2018-12-18T07:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/12\/interview-01-02-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:00:12","modified_gmt":"2023-08-23T21:00:12","slug":"interview-01-02-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/12\/interview-01-02-2019\/","title":{"rendered":"\u00abDer chinesische Markt ist Chefsache\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr N\u00fctzi, Sie sind erst k\u00fcrzlich von einem einw\u00f6chigen China-Aufenthalt zur\u00fcckgekommen. Haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch habe in einem Emba-Programm in Lanzhou F\u00fchrungskr\u00e4fte unterrichtet und konnte parallel dazu Gespr\u00e4che mit Leuten f\u00fchren, die ich zum Teil bereits seit 25 Jahren kenne. Dabei habe ich festgestellt, dass die zuvor vorherrschende Zuversicht abgenommen hat und die Unsicherheit und der Druck steigen. Die wirtschaftlichen und politischen Ver\u00e4nderungen haben nochmals an Tempo gewonnen.&#13;<\/p>\n<h3>Wie zeigt sich das?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nPrivate chinesische Firmen scheinen mehr kontrolliert zu werden als fr\u00fcher. Es macht den Eindruck, als wolle die Regierung dem in den letzten Jahren ungez\u00fcgelten Kapitalismus Einhalt gebieten.&#13;<\/p>\n<h3>Sie empfangen auch hier in Olten an der Hochschule f\u00fcr Wirtschaft FHNW immer wieder chinesische Gesch\u00e4ftsleute, die eine Managementausbildung absolvieren. Was sagen diese \u00fcber die Schweiz?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz wird als wettbewerbsf\u00e4hig und innovativ angesehen. Es wird auch wahrgenommen, dass es ihr gelingt, mit der Heterogenit\u00e4t einer Gesellschaft umzugehen. Zudem hat die Schweiz einen Vorbildcharakter, weil sie es als ehemals armes Land innerhalb von 150 Jahren geschafft hat, zum wettbewerbsf\u00e4higsten Land der Welt zu werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Chinesen und Schweizer sind sich \u00e4hnlicher, als man gemeinhin denkt.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<h3>Und bez\u00fcglich der Mentalit\u00e4t?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nChina ist ein guter Spiegel f\u00fcr Schweizer Werte. Man nimmt uns als bodenst\u00e4ndig und leistungsstark wahr. Ohnehin sind sich Chinesen und Schweizer \u00e4hnlicher, als man gemeinhin denkt. Die beiden L\u00e4nder teilen eine pragmatische Grundeinstellung.&#13;<\/p>\n<h3>Gibt es Mentalit\u00e4tsunterschiede, die Schwierigkeiten bereiten?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich. Die Schweiz z\u00e4hlt 8,5 Millionen Individualisten. Im Gegensatz dazu sehen sich die Menschen in China als Teil eines grossen Ganzen. Das ist kein Stereotyp, sondern pr\u00e4gt die Menschen stark. Wichtig ist auch, die Eigenheiten der chinesischen Sprache zu verstehen. Selbst wenn man Chinesisch gelernt hat, bleibt einem die Sprache fremd, denn sie funktioniert indirekt. Die Bedeutung des Gesagten muss man aus dem Kontext ableiten.&#13;<\/p>\n<h3>Zu welchen Problemen f\u00fchrt das konkret?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nChina ist eine Top-down-Gesellschaft. Als Direktor der Hochschule f\u00fcr Wirtschaft erfahre ich von meinen chinesischen G\u00e4sten nicht direkt, was sie denken. Das erfahre ich \u00fcber Umwege, indem meine chinesischen Mitarbeitenden sich umh\u00f6ren.&#13;<\/p>\n<h3>Seit 25 Jahren hat die Hochschule f\u00fcr Wirtschaft FHNW Kooperationen mit China. Was ist der Hintergrund?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nUnser Ziel ist, dank unseren Kontakten und Aktivit\u00e4ten aktuelles China-Know-how zu generieren und an unsere Studierenden und an KMU weiterzugeben. In dieser Breite ist unser Angebot einmalig in der Schweiz: In den letzten f\u00fcnf Jahren haben wir 900 chinesische CEOs zu Besuch gehabt. Wir f\u00fchren Managementprogramme f\u00fcr chinesische Kaderleute durch. Ausserdem bieten wir mit dem Swiss-China-Update jedes Jahr eine Plattform f\u00fcr den Wissenstransfer, an dem sich Schweizer CEOs zum Thema China austauschen. Zudem beraten wir auch Schweizer KMU bei der Marktabkl\u00e4rung. Aktuell erarbeiten wir anhand konkreter Erfahrungen einen Leitfaden f\u00fcr KMU, die in den chinesischen Markt einsteigen wollen.&#13;<\/p>\n<h3>Worauf kommt es an beim Business mit China?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nViele Gesch\u00e4ftsleute untersch\u00e4tzen die kulturellen Differenzen. Daher muss man sich intensiv mit China auseinandersetzen. Ein Schweizer KMU ist typischerweise ein Gewerbebetrieb mit 5 bis 15 Leuten, in dem der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer vieles selber machen muss. Da kann er den Einstieg in den chinesischen Markt nicht auch noch aufbauen. Also delegiert er das. Und das ist der erste Fehler. Der chinesische Markt ist Chefsache. Wer dort t\u00e4tig sein will, muss regelm\u00e4ssig pers\u00f6nlich vor Ort sein.&#13;<\/p>\n<h3>Wie verschafft man sich als KMU Zugang zum riesigen chinesischen Absatzmarkt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Vorstellung, dass man mit einem guten Produkt ohne Weiteres in diesen Markt einsteigen kann, ist zu naiv. Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen fundierte Kenntnisse \u00fcber den chinesischen Markt und die chinesische Kultur. Unsere Passion ist es, sie mit aktuellem Know-how zu unterst\u00fctzen. Wenn dann nach einer soliden Abkl\u00e4rung ein begr\u00fcndetes Nein herauskommt, dann ist das eine gute Entscheidung. Das mag paradox klingen, aber es gibt viele KMU, die wie beim Roulette in die Hoffnung investieren, dass es sich irgendwann auszahlt. Sie spielen und spielen und verlieren. Schnelle Gewinne gibt es in diesem Markt nicht. Es braucht eine Langzeitperspektive.&#13;<\/p>\n<h3>Was sind weitere Schwierigkeiten von KMU, um in China Fuss zu fassen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOft herrscht ein falsches Bild der chinesischen Wirtschaft vor. China ist in vielen Bereichen innovativ, etwa bei Big Data, Drohnen oder k\u00fcnstlicher Intelligenz. Wenn man nach Shenzhen f\u00e4hrt, sieht man, dass wir in der Schweiz bei diesen Technologien nicht mehr Early Front-Runner, sondern bestenfalls noch Follower sind. Das zeigt sich beispielsweise bei Huawei. Durch globale Allianzen hat sich das Telekomunternehmen zum Weltkonzern entwickelt und ist Innovator in der Branche. Huawei investiert viel Geld in Forschung und Entwicklung, in seine Mitarbeitenden und geht strategische Partnerschaften mit Firmen auf der ganzen Welt ein, zum Beispiel auch mit Swisscom. Schweizer Unternehmen m\u00fcssen sich permanent mit den neuen Realit\u00e4ten in China auseinandersetzen.&#13;<\/p>\n<h3>Trotzdem ist China immer noch ein Hersteller von Massenprodukten. Das Land sucht gegenw\u00e4rtig mit dem Infrastrukturprojekt \u00abBelt and Road Initiative\u00bb einen Ausweg, um diese Produkte schneller nach Europa und Afrika zu schaffen. Wie k\u00f6nnte die Schweiz an dieser Initiative teilhaben?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBeispielsweise mit spezifischem Know-how im Umweltschutzbereich. Und schliesslich m\u00fcssen diese Projekte auch alle finanziert werden. Da k\u00f6nnten Schweizer Banken zusammen mit chinesischen Banken, die in Z\u00fcrich Fuss gefasst haben, ihre Erfahrung einbringen.&#13;<\/p>\n<h3>K\u00f6nnten sich auch Schweizer KMU an dieser Initiative beteiligen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr KMU gestaltet sich das bei diesen gigantischen Projekten schwierig. Es gibt aber M\u00f6glichkeiten in Nischenbereichen. Ein Schweizer Ingenieurunternehmen etwa erarbeitet bereits seit zehn Jahren Abwasserreinigungskonzepte f\u00fcr chinesische Provinzen und St\u00e4dte. F\u00fcr eine Firma, die den chinesischen Markt bereits kennt, k\u00f6nnte eine Beratungsleistung in einem Teilprojekt infrage kommen.&#13;<\/p>\n<h3>Besch\u00e4ftigt der Handelskrieg zwischen den USA und China die Unternehmen in der Schweiz?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, weil er zu Unsicherheiten f\u00fchrt. Und gerade im Austausch mit einem Partner wie China, wo es \u00fcblicherweise schon genug Unsicherheiten gibt, ist ein solches Klima Gift.&#13;<\/p>\n<h3>Wie offen ist denn der chinesische Markt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nChina macht, was andere Volkswirtschaften auch schon gemacht haben: Es spricht von Freihandel und setzt dann selektiv Limiten. Staatspr\u00e4sident Xi Jinping pr\u00e4sentierte sich am WEF in Davos zwar als Verteidiger des freien Handels, aber gleichzeitig gibt es auf Provinzebene zahlreiche M\u00f6glichkeiten, ausl\u00e4ndischen Firmen Steine in den Weg zu legen. Hilfreich sind daher ein gutes Netzwerk und Zugang zu politischen Kreisen. Viele Leute aus der Schweizer Wirtschaft stehen dieser vordergr\u00fcndigen \u00d6ffnung trotzdem positiv gegen\u00fcber und sehen das als Teil des Spiels.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Generell sind die Spiesse nicht gleich lang.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3>Schweizer Firmen k\u00f6nnen in China nicht problemlos Akquisitionen t\u00e4tigen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGenerell sind die Spiesse nicht gleich lang. Chinesische Investoren k\u00f6nnen in der Schweiz Firmen kaufen. Umgekehrt gibt es zwar mittlerweile Lockerungen f\u00fcr Schweizer Unternehmen und Investoren in China. Aber grunds\u00e4tzlich sind Akquisitionen in China nicht ungehindert m\u00f6glich. Solche Ungleichheiten m\u00fcssen angesprochen werden, zum Beispiel im Rahmen der Weiterentwicklung des Freihandelsabkommens.&#13;<\/p>\n<h3>Die Schweiz kennt keine Kontrolle bei ausl\u00e4ndischen Direktinvestitionen in Schweizer Unternehmen. Bef\u00fcrworten Sie eine sogenannte staatliche Investitionskontrolle?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch habe kein Patentrezept f\u00fcr eine Investitionskontrolle. Die Schweiz muss aber eine Debatte dar\u00fcber f\u00fchren, was f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investoren generell nicht k\u00e4uflich ist. Ich spreche hier nicht nur von K\u00e4ufern aus China, sondern zum Beispiel auch von Investments mittels der Staatsfonds arabischer L\u00e4nder. Einerseits sind unsere offenen Grenzen ein Erfolgsfaktor, andererseits besteht auch eine gewisse Gefahr, wenn eine Weltmacht gezielt Unternehmen aufkauft. Dieses Dilemma gilt es zu l\u00f6sen. Denn es ist eben ein Unterschied, ob ein Privatunternehmen kauft oder ein chinesisches Unternehmen, bei dem letztlich immer der Staat mit einem Plan dahintersteht. Deutschland zum Beispiel, das auch exportstark ist und sich als Innovationsgesellschaft versteht, versch\u00e4rfte die Bedingungen f\u00fcr ausl\u00e4ndische Firmen\u00fcbernahmen. Das k\u00f6nnte ich mir auch in der Schweiz vorstellen.&#13;<\/p>\n<h3>Laut der Denkfabrik Avenir Suisse ist das Volumen von chinesischen Direktinvestitionen in der Schweiz im Vergleich zu jenen aus den USA und Europa gering.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch bin immer vorsichtig, wenn man mit Volumina argumentiert. Die chinesische Stadt Shenzhen hat heute 13 Millionen Einwohner. Vor 30 Jahren waren es nur ein paar Tausend. In vielen Bereichen hat China klein begonnen und dann eine unglaubliche Geschwindigkeit entwickelt. So haben beispielsweise die Deutschen und die Franzosen den Chinesen das Know-how f\u00fcr den Bau von Schnellz\u00fcgen zur Verf\u00fcgung gestellt. Und innerhalb von f\u00fcnf Jahren sind sie ausgebootet worden.&#13;<\/p>\n<h3>K\u00f6nnten Sie sich vorstellen, in China zu leben?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein. (lacht) Aber das hat nichts mit China zu tun. Ich bin Schweizer Patriot und lebe gerne in der Schweiz. Der Blick auf China hebt f\u00fcr mich die guten Seiten der Schweiz hervor. Wenn Chinesen hierherkommen, f\u00e4llt ihnen am meisten auf, dass es hier ruhig ist, dass die Luft frisch ist, dass die Leute Arbeit haben und das Berufsbildungssystem gut ist. Ich sehe so viele Vorteile hier, dass ich mir sage: Ich bleibe lieber hier und versuche diese Vorteile weiterzuentwickeln.&#13;<\/p>\n<h3>Und was gef\u00e4llt Ihnen an China nicht?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Beispiel ist die hierarchische Denkweise. Und die chinesische Gesellschaft ist extrem prestigeorientiert. Man muss dort studiert haben, und zwar nicht an irgendeiner Universit\u00e4t, sondern an einer ganz bestimmten. In der Schweiz machen zwei Drittel der Leute eine Lehre, und das duale Bildungssystem ist ein wichtiger Teil unserer Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Aber aus Sicht der Chinesen hat eine Berufslehre kein Prestige.&#13;<\/p>\n<h3>Sie planen neue und vertiefte Kooperationen mit Indonesien und Vietnam. Weshalb gerade in diesen beiden L\u00e4ndern?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir wollen unseren Studierenden die Vielf\u00e4ltigkeit von Asien vermitteln. In meiner Wahrnehmung tickt Vietnam kulturell v\u00f6llig anders als China. In Vietnam sind wir seit zehn Jahren t\u00e4tig. Wir haben dort Kooperationen aufgebaut und bieten MBA-Weiterbildungen an. Im Fall von Indonesien kam der indonesische Botschafter in der Schweiz, ein ehemaliger Gesch\u00e4ftsmann, auf uns zu, weil er von unseren Aktivit\u00e4ten in China und Vietnam geh\u00f6rt hatte. Er sagte, er k\u00f6nne sich vorstellen, dass wir in Indonesien ein KMU-Center er\u00f6ffnen. Wir werden unsere Aktivit\u00e4ten im Land nun Schritt f\u00fcr Schritt ausbauen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr N\u00fctzi, Sie sind erst k\u00fcrzlich von einem einw\u00f6chigen China-Aufenthalt zur\u00fcckgekommen. Haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen? &#13; Ich habe in einem Emba-Programm in Lanzhou F\u00fchrungskr\u00e4fte unterrichtet und konnte parallel dazu Gespr\u00e4che mit Leuten f\u00fchren, die ich zum Teil bereits seit 25 Jahren kenne. 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