{"id":105728,"date":"2018-11-22T11:00:00","date_gmt":"2018-11-22T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/11\/koch-12-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:00:21","modified_gmt":"2023-08-23T21:00:21","slug":"eu-liberalisierung-beguenstigt-die-energiewende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/11\/eu-liberalisierung-beguenstigt-die-energiewende\/","title":{"rendered":"EU: Liberalisierung beg\u00fcnstigt die Energiewende"},"content":{"rendered":"<p>Wettbewerbliche Energiem\u00e4rkte bringen Vorteile f\u00fcr Konsumenten<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>: Zu dieser Erkenntnis gelangte eine Studie der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schon 2005.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Autoren stellten aber auch treffend fest, die Liberalisierung der Energiem\u00e4rkte sei ein langfristiger Prozess, der nur gelingen k\u00f6nne, wenn der Staat einerseits bereit sei, ihn dauerhaft steuernd zu begleiten, und andererseits die politische Kraft habe, Debatten um den R\u00fcckgang bestehender Einnahmen etablierter Energieunternehmen \u2013 einschliesslich der K\u00fcrzung bestehender Quersubventionen \u2013 durchzustehen. Bis heute sind die sogenannten Verteilungseffekte, die mit der Umstellung von gesicherten Monopolen auf ein wettbewerbliches System verbunden sind, ein Kernproblem des europ\u00e4ischen Energieliberalisierungsprojektes. Erschwerend kommt hinzu, dass die Verteilungseffekte im EU-Binnenmarkt nicht nur auf nationaler Ebene, sondern auch zwischen den Mitgliedsstaaten auftreten.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Marktintegration als Knackpunkt<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDass sich ein EU-weiter Energiebinnenmarkt nicht auf Knopfdruck herstellen l\u00e4sst, hat der nunmehr \u00fcber 20 Jahre dauernde Konstruktionsprozess gezeigt \u2013 insbesondere da es nicht nur darum geht, Monopole im Interesse des Verbrauchers durch ein System miteinander konkurrierender Unternehmen zu ersetzen. Ziel ist es zugleich, die auf das eigene Territorium begrenzten nationalen M\u00e4rkte mit den M\u00e4rkten der Nachbarl\u00e4nder durch gemeinsame Infrastrukturen und Handelssysteme weitr\u00e4umig zu verkn\u00fcpfen und so einen europaweiten Energiebinnenmarkt f\u00fcr mehr als 500 Millionen Verbraucher zu schaffen. Die Idee der \u00fcberregionalen Marktintegration ist gerade in einer Zeit der Umstellung auf variable Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien von grosser Bedeutung. Ein europaweiter Markt erm\u00f6glicht es den EU-Mitgliedsstaaten, die notwendigen Flexibilit\u00e4tsreserven auch von ausserhalb zu beziehen. Da, vereinfacht gesprochen, irgendwo in Europa stets Wind weht, die Sonne scheint oder ein Reservekraftwerk zur Verf\u00fcgung steht, k\u00f6nnen die Kosten zur Sicherstellung der Versorgung auch im Fall einer \u00abDunkelflaute\u00bb zwischen mehreren Mitgliedsstaaten geteilt werden. Angesichts des weltweiten Umschwungs auf erneuerbare Energieerzeugung st\u00f6sst das Konzept der \u00fcberregionalen Marktintegration daher auch international zunehmend auf Interesse.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ein langer Weg<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie europ\u00e4ische Energieliberalisierung begann Mitte der Neunzigerjahre mit ersten Liberalisierungsrichtlinien f\u00fcr Strom und Gas. Diese gaben Energieunternehmen erstmals das Recht, ihre Energie in Konkurrenz zu den etablierten Versorgern anzubieten und dazu sogar deren Netze zu nutzen. Die Markt\u00f6ffnung beschr\u00e4nkte sich \u2013 vergleichbar mit der aktuellen Situation in der Schweiz \u2013 zun\u00e4chst auf grosse industrielle Kunden. Naturgem\u00e4ss hatten die etablierten Versorger wenig Anreiz, ihre Netze proaktiv f\u00fcr Wettbewerber zu \u00f6ffnen. Die in den Richtlinien enthaltenen Vorgaben f\u00fcr eine gewisse Trennung zwischen Netz und Vertriebsgesch\u00e4ft der etablierten Versorger (\u00abManagement- und Rechnungslegungsentflechtung\u00bb) erwiesen sich als ungeeignet, diesen Umstand zu \u00e4ndern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas zweite Energiepaket aus dem Jahr 2003 verst\u00e4rkte die rudiment\u00e4ren Entflechtungsregeln, indem es eine rechtliche Trennung zwischen Netz und Erzeugung\/Vertrieb vorschrieb. Nationale Energieregulierungsbeh\u00f6rden wurden errichtet, die als Schiedsrichter den diskriminierungsfreien Netzzugang von Wettbewerbern und insbesondere die daf\u00fcr verlangten Tarife kontrollieren sollten. Das Recht, seinen Energieversorger frei zu w\u00e4hlen, wurde bis 2007 auf alle Kunden, einschliesslich der Haushaltskunden, ausgeweitet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine umfangreiche Untersuchung der Fortschritte bei der Markt\u00f6ffnung zeigte allerdings bereits 2007, dass die Realit\u00e4t sowohl bei der Einf\u00fchrung von Wettbewerb als auch bei der grenz\u00fcberschreitenden Markt\u00f6ffnung hinter den Erwartungen zur\u00fcckblieb.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Nicht alle Versorger sahen die neu geschaffenen M\u00f6glichkeiten des europaweiten Wettbewerbs als willkommene Chance an. Vielmehr w\u00e4hlten viele Versorger \u00abkreative\u00bb L\u00f6sungen, um ihre Netze f\u00fcr Wettbewerber aus dem In- und Ausland zulasten des Verbrauchers zu verschliessen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Zudem z\u00f6gerten viele Mitgliedsstaaten, ihre M\u00e4rkte f\u00fcr Nachbarl\u00e4nder zu \u00f6ffnen und regulatorische H\u00fcrden f\u00fcr den grenz\u00fcberschreitenden Handel abzubauen, nicht zuletzt wohl, weil manche Nachteile f\u00fcr ihre nationalen Energieunternehmen f\u00fcrchten.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Was f\u00fcr die Verbraucher von Vorteil ist, fand also nicht immer Eingang in den nationalen Regulierungsrahmen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Drittes Paket kl\u00e4rt Spielregeln<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm diese Defizite anzupacken, setzte das dritte Energiepaket aus dem Jahr 2009 die bis heute geltenden Grundpfeiler der europ\u00e4ischen Energieliberalisierung fest:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>vollst\u00e4ndige Markt\u00f6ffnung, also diskriminierungsfreier Netzzugang f\u00fcr Erzeuger und freie Anbieterwahl f\u00fcr Verbraucher;<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>\u00dcberwachung des Fair Play im Markt durch unabh\u00e4ngige Regulierungsbeh\u00f6rden, die keine Weisungen von Regierungen entgegennehmen d\u00fcrfen;<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>verst\u00e4rkte Entflechtungsregeln (rechtliche Entflechtung f\u00fcr bestehende, sogenannte Eigentumsentflechtung f\u00fcr neue Netzbetreiber);<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>st\u00e4rkere Verbraucherrechte (zum Beispiel erleichterter Anbieterwechsel).<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nHinzu kamen Massnahmen, die besonders auf den Abbau bestehender Handelsbarrieren zwischen den Mitgliedsstaaten zielten. So wurde eine Agentur (Acer) geschaffen, welche die Arbeit der 28 nationalen Energieregulierer besser koordinieren soll. Auch die grossen \u00dcbertragungs- und Fernleitungsnetzbetreiber wurden verpflichtet, sich innerhalb der neuen Organisationen \u00abEntso-E\u00bb und \u00abEntso-G\u00bb gegenseitig besser abzusprechen. Zudem erhielt die EU-Kommission die Kompetenz, den Stromhandel und den Netzbetrieb in Kommissionsverordnungen zu regeln. Diese sogenannten Netzkodizes \u2013 im Umfang von 1000 Druckseiten \u2013 haben in den letzten zehn Jahren eine Schl\u00fcsselfunktion bei der Marktintegration \u00fcbernommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls flankierende Massnahmen wurden schliesslich Gesetze zur \u00dcberwachung der Grosshandelsm\u00e4rkte und zur Schaffung eines besser koordinierten Netzausbaus verabschiedet.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> All diese Massnahmen werden auch durch die aktuelle Reform der EU-Energiemarktregeln (\u00abWinterpaket\u00bb) nicht angetastet.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vorteile f\u00fcr Haushalte schwer sichtbar<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr den Verbraucher ist der zweifellos vorhandene Nutzen der Energiemarktliberalisierung keineswegs einfach erkennbar. So sind die Strompreise f\u00fcr Kunden im letzten Jahrzehnt tendenziell gestiegen und allenfalls f\u00fcr Grosskunden stabil geblieben (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Betrachtet man dagegen die Preise an der Stromb\u00f6rse, an der sich die Stromh\u00e4ndler eindecken, so ist das Preisniveau gegen\u00fcber 2008 gefallen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Dies ist ein Indiz daf\u00fcr, dass der Wettbewerb zumindest auf den Grosshandelsm\u00e4rkten wirksam ist.<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Entwicklung der Stromkosten in der EU-28 (2008\u20132017)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Koch_Abb1_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Koch_Abb1_DE').highcharts({\n      chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ' '\n    }, labels: {format: '{value}%'},\n    xAxis: {\n        categories: ['2008','2009', '2010','2011','2012','2013','2014','2015','2016','2017']\n    },\n    credits: {\n        enabled: false\n    }, \n    yAxis: {\n        \n        title: {\n            text: 'Eurocents\/kWh'\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Strompreis Haushalte',\n        data: [16.2, 16.4, 17, 18.2, 19.3, 20.1, 20.6, 21, 20.5, 20.4]\n    }, {\n        name: 'Strompreis Industrie',\n        data: [10.1, 10.3, 10.2, 11, 11.5, 11.7, 11.7, 11.6, 10.7, 10.4]\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Acer Market Monitoring Report (2017), Electricity and Gas Retail Markets Volume \/ Die Volkswirtschaft&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Grosshandelsstrompreise (EU-28, gewichteter Durchschnitt; 2008\u20132017)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/11\/05_Koch_Abb2_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-82885\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/11\/05_Koch_Abb2_DE.png\" alt=\"\" width=\"1998\" height=\"844\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs stellt sich also die Frage: Warum sind die Strompreise aus Verbrauchersicht nicht gefallen? Denn aus \u00f6konomischer Sicht ist klar: Markt\u00f6ffnung und -integration sind mit positiven Wohlfahrtseffekten verbunden.<a href=\"#footnote_10\" id=\"footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor\">[10]<\/a> Der Druck des Wettbewerbs sorgt idealerweise daf\u00fcr, dass Energieunternehmen effizienter arbeiten, was zu greifbaren und dauerhaften Vorteilen f\u00fcr Verbraucher f\u00fchren kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZahlreiche Fallstudien haben gezeigt, dass Liberalisierung und Marktintegration zu konkreten Kostensenkungen f\u00fchrten, von denen die europ\u00e4ischen Verbraucher profitieren \u2013 so etwa im Fall sinkender Verbraucherpreise nach der Koppelung des slowenischen Markts mit Italien oder nach dem Anschluss der L\u00e4nder des Baltikums an den skandinavischen Handelsverbund Nordpool. Allein die 2014 eingef\u00fchrte europaweite Marktkoppelung, die eine Aggregation von Angebot und Nachfrage von H\u00e4ndlern aus fast ganz Europa erlaubt, bringt Kosteneinsparungen f\u00fcr Verbraucher von sch\u00e4tzungsweise \u00fcber einer Milliarde Euro pro Jahr. Eine Studie von 2013 bezifferte das gesamte noch nicht ausgesch\u00f6pfte Einsparpotenzial des Binnenmarktes auf j\u00e4hrlich\u00a030\u00a0Milliarden Euro.<a href=\"#footnote_11\" id=\"footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor\">[11]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verbraucher zahlen f\u00fcr Klimapolitik<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Grund f\u00fcr den Preisanstieg liegt somit anderswo: Mit der \u2013 von einer grossen Bev\u00f6lkerungsmehrheit getragenen \u2013 Entscheidung f\u00fcr eine entschlossene, aber weitgehend staatlich gesteuerte Dekarbonisierung und eine massive F\u00f6rderung erneuerbarer Energien ist in den letzten zehn Jahren ein Politikziel hinzugekommen, das nicht ohne Auswirkungen auf die Funktionsf\u00e4higkeit des Binnenmarkts und die Verbraucherpreise geblieben ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass der sp\u00fcrbare Anstieg der Strompreise unter anderem mit der nationalen und EU-weiten Klimapolitik in Zusammenhang steht, zeigt eine Betrachtung der Komponenten des Haushaltsstrompreises (siehe <em>Abbildung 3<\/em>): W\u00e4hrend der \u00abwettbewerbliche\u00bb Anteil der Energie im EU-Durchschnitt von vormals 50 Prozent auf mittlerweile 35 Prozent gesunken ist, spielen Komponenten wie Beitr\u00e4ge f\u00fcr erneuerbare Energien oder Energiesteuern eine immer gr\u00f6ssere Rolle beim Preis, den der Verbraucher bezahlt. Auch der starke Anstieg der Netzkosten ist zumindest in Teilen auf die gr\u00f6ssere Rolle von Wind- und Solarstrom zur\u00fcckzuf\u00fchren, deren Anschluss- und Redispatchkosten (also Kosten im Fall unzureichender Netzkapazit\u00e4ten) vom Verbraucher zu tragen sind, ohne dass wettbewerbliche Mechanismen hier bislang eine nennenswerte Rolle spielen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 3: Komponenten des Strompreises f\u00fcr EU-Haushalte (Dezember 2017)&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/11\/05_Koch_Abb3_DE.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-82884\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/11\/05_Koch_Abb3_DE.png\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"964\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAngesicht des immer geringeren Anteils des reinen Energiepreises am Strompreis k\u00f6nnte man geneigt sein, sich mit einer generellen R\u00fcckkehr zu einem System regulierter Preise und Mengen abzufinden, in dem nationale Regierungen oder Regulierer nicht nur den Erzeugungsmix (erneuerbare Energien, Kohle, Kernkraft etc.), sondern auch die notwendigen Strommengen und die daf\u00fcr zu zahlenden Preise festsetzen \u2013 so wie es bei fr\u00fcheren Systemen zur F\u00f6rderung erneuerbarer Energien, bei vielen Subventionen f\u00fcr neue Kraftwerke oder bei den Netz- und Redispatchkosten der \u00dcbertragungsnetzbetreiber der Fall ist. Zudem k\u00f6nnte man \u2013 zumindest in wohlhabenderen L\u00e4ndern \u2013 argumentieren, dass ein hoher Strompreis angesichts des Klimawandels weniger problematisch sei, weil er ja immerhin Anreize zum effizienteren Umgang mit Energie gebe.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie voraussichtliche Entwicklung der Energiem\u00e4rkte in den n\u00e4chsten zehn Jahren spricht allerdings klar gegen ein Szenario der Renationalisierung und Re-Regulierung. Schon im Jahr 2030 wird mindestens die H\u00e4lfte des Stroms in Europa aus erneuerbaren Quellen, insbesondere Wind- und Solarkraft, stammen. Dadurch wird der Bedarf nach einem Ausgleich in Zeiten fehlender oder \u00fcbersch\u00fcssiger Produktion (etwa im Falle eines Netzengpasses) signifikant steigen. Solche Flexibilit\u00e4ten werden beispielsweise ben\u00f6tigt, wenn die Sonne nicht scheint, kein Wind weht oder wenn das Netz \u00fcberlastet ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie \u00f6konomischen Vorteile, sich diese Flexibilit\u00e4t durch Marktmechanismen und grenz\u00fcberschreitend zu beschaffen, d\u00fcrften so erheblich sein, dass es sich auch wohlhabende Staaten auf lange Sicht nicht leisten k\u00f6nnen, auf ein ungleich teureres und ineffizienteres System zu setzen. Die Digitalisierung und der Abbau bestehender H\u00fcrden f\u00fcr die Teilnahme von Verbrauchern am Handel (\u00abDemand Response\u00bb) werden diesen Prozess weiter beschleunigen. Hinzu kommt, dass gerade im Strombereich die physische Verbindung der europ\u00e4ischen Staaten durch das gemeinsam genutzte Verbundnetz und den europaweit organisierten Handel schon so weit fortgeschritten ist, dass eine R\u00fcckkehr zu einem staatlich regulierten Inselbetrieb nur mit grossem technischem Aufwand und mit erheblichen Kosten m\u00f6glich w\u00e4re.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Energiewende ohne \u00d6ffnung kaum bezahlbar<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch wenn der Fortschritt des europ\u00e4ischen Energieliberalisierungsprojekts l\u00fcckenhaft bleibt und die Vorteile f\u00fcr den Verbraucher schwer greifbar sein m\u00f6gen: Ohne eine enge, regelbasierte Zusammenarbeit mit den Nachbarn ist die Energiewende f\u00fcr die im Verbundnetz operierenden Staaten Mitteleuropas kaum bezahlbar. Das Projekt des Binnenmarktes ist damit gerade auch in Zeiten verst\u00e4rkter Staatseingriffe, die zum Umbau der Energiem\u00e4rkte n\u00f6tig sind, keineswegs obsolet. Allerdings sind die Herausforderungen f\u00fcr die Verantwortlichen gr\u00f6sser geworden. Zu den \u00abklassischen\u00bb Verteilungskonflikten zwischen etablierten und neu eintretenden Stromproduzenten kommen weitere Konkurrenzsituationen: Neue Konkurrenten f\u00fcr Stromerzeuger sind etwa Verbraucher, die durch koordinierte Verlagerung ihres Stromkonsums viel Geld sparen und so manches Reservekraftwerk obsolet machen k\u00f6nnen. Oder private Anbieter, die in Konkurrenz zu den Netzbetreibern Speicher- und Flexibilit\u00e4tsl\u00f6sungen anbieten. Dabei gewinnt die Frage an Bedeutung, wie staatliche Markteingriffe, etwa zur F\u00f6rderung erneuerbarer Energien oder zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit durch Subventionen f\u00fcr Kraftwerke (\u00abKapazit\u00e4tsm\u00e4rkte\u00bb), verzerrungsfrei gestaltet werden k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus stellt die steigende Volatilit\u00e4t der Erzeugung im europ\u00e4ischen Stromnetz h\u00f6here Anforderungen an die Zusammenarbeit zwischen Netz und Regulierung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas voraussichtlich 2020 in Kraft tretende Gesetzespaket zu einem \u00fcberarbeiteten Marktdesign widmet sich diesen Herausforderungen und h\u00e4lt damit f\u00fcr jeden Mitgliedsstaat die M\u00f6glichkeit offen, die Kosten der Energiewende durch eine Teilnahme am Binnenmarkt zu senken.<a href=\"#footnote_12\" id=\"footnote-anchor_12\" class=\"inline-footnote__anchor\">[12]<\/a> Inwieweit der politische Wille da ist, von diesem Angebot Gebrauch zu machen, werden die n\u00e4chsten Jahre zeigen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Der Artikel bringt ausschliesslich die pers\u00f6nliche Meinung des Autors zum Ausdruck.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">OECD (2005), S. 14.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. Wu (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Europ\u00e4ische Kommission (2007).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Koch und Gauer (2011).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Crampes und L\u00e9autier (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Remit-Verordnung (2011) und TEN-E-Verordnung (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Europ\u00e4ische Kommission (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">Vgl. dazu auch Europ\u00e4ische Kommission (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_10\" class=\"footnote--item\">Booz & Company (2013); Mulder und Willems (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_11\" class=\"footnote--item\">Booz & Company (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_12\" class=\"footnote--item\">Europ\u00e4ische Kommission (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_12\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wettbewerbliche Energiem\u00e4rkte bringen Vorteile f\u00fcr Konsumenten: Zu dieser Erkenntnis gelangte eine Studie der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schon 2005. Die Autoren stellten aber auch treffend fest, die Liberalisierung der Energiem\u00e4rkte sei ein langfristiger Prozess, der nur gelingen k\u00f6nne, wenn der Staat einerseits bereit sei, ihn dauerhaft steuernd zu begleiten, und andererseits die [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":4772,"featured_media":21196,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":4772,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. jur., Stellvertretender Referatsleiter f\u00fcr Binnenmarktfragen in der Generaldirektion Energie der Europ\u00e4ischen Kommission, Br\u00fcssel","seco_author_post_occupation_fr":"Chef adjoint de l\u2019unit\u00e9 en charge des questions li\u00e9es au march\u00e9 int\u00e9rieur \u00e0 la Direction g\u00e9n\u00e9rale de l\u2019\u00e9nergie de la Commission europ\u00e9enne, Bruxelles","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"EU: Liberalisierung beg\u00fcnstigt die Energiewende","post_lead":"In der EU bringen viele Konsumenten dem liberalisierten Strommarkt Skepsis entgegen. Will man die Energiewende umsetzen, ist ein grenz\u00fcberschreitender Markt jedoch unabdingbar.","post_hero_image_description":"Irgendwo in Europa weht immer Wind. Lanzarote, Kanarische Inseln.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"Keystone","post_references_literature":"<ul>&#13;\n \t<li>Booz &amp; Company (2013). Benefits of an Integrated European Energy Market, Bericht im Auftrag der Europ\u00e4ischen Kommission, 20.7.<\/li>&#13;\n \t<li>Crampes, Claude und Thomas-Olivier L\u00e9autier (2016). Lib\u00e9ralisation des march\u00e9s europ\u00e9ens de l\u2019\u00e9lectricit\u00e9: un verre \u00e0 moiti\u00e9 plein, in: La Tribune vom 26.4.<\/li>&#13;\n \t<li>Europ\u00e4ische Kommission (2007). DG Wettbewerb, Abschlussbericht zur Energiesektoruntersuchung vom 10.1.\/ SEC(2006)1724.<\/li>&#13;\n \t<li>Europ\u00e4ische Kommission (2014). Fortschritte auf dem Weg zur Vollendung des Energiebinnenmarktes, Mitteilung vom 13.10.\/ COM(2014) 634.<\/li>&#13;\n \t<li>Europ\u00e4ische Kommission (2016). Saubere Energie f\u00fcr alle Europ\u00e4er \u2013 Wachstumspotenzial Europas erschliessen, Medienmitteilung IP\/16\/4009 vom 30.11.<\/li>&#13;\n \t<li>Koch, Oliver und C\u00e9line Gauer (2011). Energy Liberalisation and Competition Law \u2013 The Commission\u2019s Recent Antitrust Case Practice, in: Dirk Buschle, Simon Hirsbrunner und Christine Kaddous, European Energy Law\/Droit Europ\u00e9en de l\u2019\u00e9nergie \u2013 Dossier de droit europ\u00e9en no 22.<\/li>&#13;\n \t<li>Mulder, Machiel und Bert Willems (2016). Competition in Retail Electricity Markets: An Assessment of Ten Year Dutch Experience (2016).<\/li>&#13;\n \t<li>OECD (2005). Lessons from Liberalised Electricity Markets.<\/li>&#13;\n \t<li>Wu, Yanrui (2012). Electricity Market Integration: Global Trends and Implications for the EAS Region.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":105731,"main_focus":[156184,156937],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":105735,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"81958","post_abstract":"Die Erfahrung in der EU hat gezeigt, dass die Liberalisierung der Strom- und Gasm\u00e4rkte ein komplexes Unterfangen ist. Dies liegt vor allem daran, dass die angestrebten Vorteile f\u00fcr den Verbraucher meist mit Einschnitten f\u00fcr angestammte Energieunternehmen einhergehen. Die Einf\u00fchrung von Marktmechanismen bedarf daher einer engen Begleitung durch einen Staat, der bereit sein muss, auch schwierige Umverteilungsdebatten durchzustehen. Zudem erfordert die Energiemarkt\u00f6ffnung eine enge Abstimmung mit der staatlichen Klimapolitik, deren Instrumente andernfalls das Potenzial haben, bereits erzielte Liberalisierungsbem\u00fchungen zu konterkarieren. Trotzdem gibt es gerade in Zeiten der Energiewende f\u00fcr die meisten europ\u00e4ischen L\u00e4nder kaum eine Alternative zu wettbewerblichen und grenz\u00fcberschreitenden Energiem\u00e4rkten, wenn sie ihre Energieversorgung sicher und bezahlbar halten wollen.","magazine_issue":"12-2018","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20181123","original_files":null,"external_release_for_author":"20181031","external_release_for_author_time":"23:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5bc48b9268b6a"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105728"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4772"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=105728"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126106,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/105728\/revisions\/126106"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4772"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156937"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156184"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21196"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=105728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=105728"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=105728"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=105728"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=105728"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=105728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}