{"id":105873,"date":"2018-11-19T09:00:39","date_gmt":"2018-11-19T09:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/11\/interview-12-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:00:41","modified_gmt":"2023-08-23T21:00:41","slug":"interview-12-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/11\/interview-12-2018\/","title":{"rendered":"\u00abDie Marktmacht der Konsumenten spielt nicht\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Frau Leuthard, geniessen Sie die letzten Wochen als Bundesr\u00e4tin?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGeniessen ist zu viel gesagt. Es gibt noch viele Vorlagen, die in den Bundesrat oder ins Parlament m\u00fcssen. Ich lehne mich nicht zur\u00fcck.&#13;<\/p>\n<h3>Sie gelten als \u00e4usserst dossierfest. Wie steht es um Ihre Physikkenntnisse?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch war in der Schule zwar in Mathematik gut. Aber in der Physik war ich nie top \u2013 da k\u00f6nnen Sie meine Zeugnisse anschauen. Ich habe mich inzwischen jedoch reingekniet, denn gerade beim Strommarkt braucht es ein physikalisches Grundverst\u00e4ndnis.&#13;<\/p>\n<h3>Vor zweieinhalb Jahren hat der Bundesrat die vollst\u00e4ndige \u00d6ffnung des Strommarktes noch abgeblasen. Warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Jahr 2016 waren die Strompreise extrem tief. Damals bef\u00fcrchteten die Schweizer Stromproduzenten, man sei nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig. Deshalb hat das Parlament f\u00fcr die Grosswasserkraft noch Marktst\u00fctzungen beschlossen. Inzwischen hat sich der Markt erholt \u2013 die Preise sind um 40 Prozent gestiegen. Die Zeit ist reif, sich dem Wettbewerb zu stellen.&#13;<\/p>\n<h3>Wann ist es so weit?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBis zur tats\u00e4chlichen Markt\u00f6ffnung dauert es vermutlich vier Jahre \u2013 die Vorlage muss zuerst durchs Parlament und eventuell durch eine Referendumsabstimmung.&#13;<\/p>\n<h3>Was bringt die Markt\u00f6ffnung den Konsumenten?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nViel. Der Markt ist heute durch die Teilmarkt\u00f6ffnung verzerrt. W\u00e4hrend die Grosskunden am Markt riesige Mengen frei einkaufen k\u00f6nnen, haben 99 Prozent aller Kunden \u2013 also alle Haushalte und viele KMU \u2013 keine Wahlfreiheit. Die Marktmacht der Konsumenten spielt nicht. Der Markt versagt auch, wenn es um Flexibilisierungen geht. Es gibt beispielsweise kaum Anreize f\u00fcr einen Hausbesitzer mit einer Fotovoltaikanlage, den Strom dann einzuspeisen, wenn Bedarf besteht.&#13;<\/p>\n<h3>Kann man als Konsument im freien Markt auf tiefere Preise hoffen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht zwingend. Zwar werden Stromproduzenten, die ein teures Portfolio oder eine limitierte Produktauswahl haben, unter Druck kommen. Aber man darf nicht vergessen: Der Energiepreis macht nur etwa 40 Prozent der Stromkosten aus. Der Grossteil des Endkundenpreises sind Netzkosten, Steuern und Abgaben. Bei den Netzkosten, die im internationalen Vergleich hoch sind, wollen wir mit versch\u00e4rften Regulierungen die Kosten senken. Und die F\u00f6rderung der Erneuerbaren ist zeitlich begrenzt. Sobald sie ausl\u00e4uft, entlastet das die Konsumenten.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Es geht nicht um Heimatschutz.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3>Privatkunden sollen in Zukunft den Lieferanten selber w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Sie schlagen ein Standardprodukt in der Grundversorgung vor, welches aus Schweizer Strom besteht und einen Mindestanteil an erneuerbarer Energie enth\u00e4lt. Warum dieser Heimatschutz?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs geht nicht um Heimatschutz, sondern darum, die erneuerbaren Energien statt durch weitere Subventionen durch Marktmechanismen zu f\u00f6rdern. Mit dem Standardprodukt erh\u00e4lt der Kunde ein Angebot, das den Zielen der Energiestrategie entspricht \u2013 n\u00e4mlich vor allem Schweizer Strom aus erneuerbaren Energien. Jeder der \u00fcber 5 Millionen Stromkunden hat aber die freie Wahl, ob er dieses Produkt kauft. Das ist keine Subvention und auch kein Markteingriff.&#13;<\/p>\n<h3>In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Energieversorger von 900 auf 630 gesunken. F\u00fchrt die Liberalisierung zu einer weiteren Konsolidierung?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGut m\u00f6glich. F\u00fcr ein kleines Land wie die Schweiz sind \u00fcber 600 Stromversorger immer noch eine stattliche Zahl \u2013 trotzdem ist eine Konsolidierung nicht das Ziel. Kleine Anbieter k\u00f6nnten aber vermehrt kooperieren, etwa beim Netzbetrieb oder der gemeinsamen Strombeschaffung. Eine gewisse Gr\u00f6sse braucht es, um professionell am Markt auftreten zu k\u00f6nnen. Heute gibt es viele kleine Genossenschaften, in denen jemand im Milizsystem nach Feierabend die Stromeink\u00e4ufe organisiert.&#13;<\/p>\n<h3>Als Eigent\u00fcmer von Elektrizit\u00e4tswerken sind Kantone und Gemeinden indirekt von der Strommarkt\u00f6ffnung betroffen. Sp\u00fcren Sie einen R\u00fcckhalt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nViele haben zwei H\u00fcte auf. Einerseits propagieren sie die Markt\u00f6ffnung, andererseits wollen sie an den Unternehmen mitverdienen. Im vergangenen Jahr konnten Kantone und Gemeinden \u00fcber eine Milliarde Franken Gewinn einstreichen. Nur wenige Verteilnetzbetreiber produzieren selber Strom. Die meisten kaufen diesen auf dem Markt g\u00fcnstig ein. Dabei sind sie h\u00e4ufig nicht solidarisch: Schweizer Strom hat oft keine Priorit\u00e4t; was z\u00e4hlt, ist der tiefere Preis.&#13;<\/p>\n<h3>Es ist somit mit Widerst\u00e4nden gegen die Vorlage zu rechnen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs wird kein Spaziergang. Aber der Bundesrat macht, was richtig ist f\u00fcr das Land und die \u00fcber 5 Millionen Konsumenten. Letztlich geht es um die Fragen: Weshalb darf man als Konsument nicht w\u00e4hlen? Warum verdienen die Verteilnetzbetreiber so gut am Netz zulasten der Kunden? Warum kann man Aroser Bergstrom an der Stromb\u00f6rse in Leipzig kaufen \u2013 aber nicht im Nachbarkanton? Mehr Wettbewerb schafft hier Abhilfe. Und die Konsumenten erhalten dank der Wahlm\u00f6glichkeit mehr Marktmacht.&#13;<\/p>\n<h3>Zahlreiche Politiker fordern zus\u00e4tzliche Subventionen f\u00fcr die Wasserkraft. Wie stehen Sie dazu?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch bin dagegen. Unsere Wasserkraft ist derzeit wettbewerbsf\u00e4hig, auch auf dem europ\u00e4ischen Strommarkt \u2013 nicht zuletzt, da man die Energie speichern kann. Viele Wasserkraftwerke sind heute abgeschrieben. Die Marktst\u00fctzung ist deshalb zu Recht befristet.&#13;<\/p>\n<h3>Bei den Wasserzinsen besteht ein Interessenkonflikt zwischen den Kraftwerkbetreibern und den Bergkantonen. Zeichnet sich hier eine L\u00f6sung ab?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wasserzinse werden derzeit im Parlament behandelt. Nach 2024 ist eine neue L\u00f6sung geplant: Kantone, die Wasser zur Verf\u00fcgung stellen, sollen k\u00fcnftig einen fixen Sockelbeitrag erhalten. Dazu ein flexibles Entgelt, dessen H\u00f6he von der Marktsituation abh\u00e4ngt. Man darf nicht vergessen: Derzeit machen die Wasserzinse ein Viertel der Gestehungskosten aus. Das ist nicht wenig.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der Bundesrat schl\u00e4gt im neuen Gesetz eine Speicherreserve vor. Studien zeigen allerdings, dass die Versorgungssicherheit in der Schweiz bis mindestens 2025 auch in Extremsituationen gew\u00e4hrleistet ist. Warum braucht es diese Reserve?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs stimmt: Das Risiko ist auch in zehn Jahren sehr klein. Unvorhersehbare, kurzfristige Extremsituationen k\u00f6nnten aber bei sehr kalten Wintertagen auftreten, wenn das Stromangebot europaweit knapp und der Stromverbrauch hoch ist. Wir wollen auch kleine Risiken minimieren \u2013 typisch schweizerisch.&#13;<\/p>\n<h3>Wie viel kostet diese Reserve?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas f\u00e4llt nicht gross ins Gewicht: Die Kosten daf\u00fcr belaufen sich auf zwischen 0,1 und 0,4 Prozent des Strompreises, je nachdem, wie das Parlament die Versicherung ausgestalten will. Das entspricht pro Haushalt 1 bis 2 Franken j\u00e4hrlich.&#13;<\/p>\n<h3>Die Stromrechnung besteht zur H\u00e4lfte aus Netzkosten. Wie wollen Sie hier die Effizienz verbessern?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBeim Hochspannungsnetz konnte Swissgrid in den letzten zehn Jahren dank intelligenter Planung die Effizienz steigern. Handlungsbedarf besteht jetzt noch bei den Verteilnetzen. Beim Netzbetrieb kann man durch bessere Steuerung die Stromproduktion und den Bedarf der Verbraucher besser aufeinander abstimmen. So lassen sich teure Netzausbauten vermeiden. Ein Pilotversuch mit einem K\u00fchlhaus der Migros im Kanton Solothurn hat gezeigt, dass man mit einer Computersteuerung ein F\u00fcnftel des Stromverbrauchs einsparen kann. Indem man die K\u00fchlanlagen jeweils zu Spitzenzeiten f\u00fcr ein paar Stunden etwas herunterf\u00e4hrt, steht dieser Strom dann den Haushalten und der Industrie zur Verf\u00fcgung. Das Verteilnetz wird entlastet und effizienter genutzt.&#13;<\/p>\n<h3>Erfordert das nicht weitere Investitionen, um die Netze stabil genug zu machen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie meisten Netze sind heute gen\u00fcgend dimensioniert. Aber: Die Netzbetreiber m\u00fcssten in intelligente Steuerung investieren. Das Problem ist, dass sie keinen Anreiz haben, dies zu tun. Sie sind in einem Monopol und k\u00f6nnen ihre Kosten weiterverrechnen.&#13;<\/p>\n<h3>Was schlagen Sie vor?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der Revision des Stromversorgungsgesetzes setzen wir auf mehr Flexibilit\u00e4t. Die Netztarife sollen st\u00e4rker auf die Leistung abstellen, die ein Kunde bezieht, und weniger auf die Kilowattstunden. Zudem wollen wir mehr Transparenz und Kosteneffizienz bei den Netzbetreibern. Falls dies nicht gut genug greift, k\u00e4me eine Anreizregulierung, wie sie in der EU existiert, zum Zuge. Gem\u00e4ss unseren Sch\u00e4tzungen k\u00f6nnte man damit rund 250 Millionen Franken pro Jahr einsparen.&#13;<\/p>\n<h3>Seit 2007 verhandelt die Schweiz mit der EU \u00fcber ein Stromabkommen. Warum ist der Zutritt zum europ\u00e4ischen Strommarkt so wichtig?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOhne Stromabkommen kann die Schweiz nicht gleichberechtigt am europ\u00e4ischen Strommarkt mitmachen und bleibt bei der weiteren Entwicklung des europ\u00e4ischen Stromnetzes, der Ausgestaltung des Handels und Krisen aussen vor. Seit 15 Jahren importiert die Schweiz im Winter mehr Strom, als sie exportiert. Derzeit kostet uns das Abseitsstehen 115 Millionen Euro im Jahr \u2013 das sp\u00fcren am Schluss die Unternehmen und die Konsumenten. Es wird je l\u00e4nger, je schmerzlicher.&#13;<\/p>\n<h3>Die Voraussetzung f\u00fcr das Stromabkommen ist ein Rahmenabkommen mit der EU.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDaran f\u00fchrt wohl kein Weg vorbei, denn es geht um einen Marktzugang. Auf technischer Ebene sind wir weitgehend startklar, aber wir sind im Beiboot zum Rahmenabkommen. Wenn der Bundesrat bis Ende Jahr dem Rahmenabkommen nahe kommt, k\u00f6nnte mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin im Fr\u00fchling das Stromabkommen paraphieren. Die Bedingungen werden danach zunehmend schwieriger, da die EU bis Ende 2019 mit dem Clean Energy Package neue Regulierungen f\u00fcr den Strombinnenmarkt in Kraft setzt. L\u00e4nger zuwarten bedeutet, dass es f\u00fcr die Schweizer Stromunternehmen zunehmend aufwendiger und teurer wird, Strom zu beschaffen und zu verkaufen. Und es g\u00e4be einen Zusatzaufwand, da einige Elemente des Abkommens wohl neu verhandelt werden m\u00fcssten.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Sie sind schon zw\u00f6lf Jahre Bundesr\u00e4tin. Wie haben Sie es immer wieder geschafft, sich zu motivieren?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch empfinde es als Privileg, als Bundesr\u00e4tin die Schweiz mitgestalten und einen Beitrag leisten zu k\u00f6nnen, um unser Land in die Zukunft zu f\u00fchren \u2013 das kann man sonst in keinem Job.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Bei der Digitalisierung st\u00f6sst unser f\u00f6deralistisches System an seine Grenzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3>Welche Baustellen m\u00fcssen Sie \u00fcbergeben?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEin wichtiges Thema ist die Digitalisierung. Hier st\u00f6sst unser f\u00f6deralistisches System an seine Grenzen. Auf Bundesebene haben wir vorw\u00e4rtsgemacht und stellen mittlerweile viele Daten digital zur Verf\u00fcgung. Mehrere Kantone und Gemeinden sind jedoch noch nicht so weit. Das zeigt sich etwa beim Verkehr: Jede Stadt hat mittlerweile ihre eigene Parkplatz- und Veloapp. Es braucht aber eine bessere Vernetzung, und das bedeutet viel Arbeit. Andere Staaten \u00fcberholen uns, da sie schneller entscheiden k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wenn Sie 160 Zeichen h\u00e4tten f\u00fcr eine SMS, was w\u00fcrden Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger raten?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEntscheiden, entscheiden, entscheiden. Man kann sich gut hinter Berichten verstecken, Arbeitsgruppen einsetzen und dar\u00fcber reden. Am Schluss n\u00fctzt das alles nichts. Eine Regierung muss Verantwortung \u00fcbernehmen und entscheiden \u2013 auch wenn es unangenehm ist. Im Uvek mache ich das tagt\u00e4glich. Unsicherheit ist ein Kostenfaktor.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Eine letzte Frage: Ihr Dienstfahrzeug ist ein strombetriebenes Auto, ein Tesla. Werden Sie diesen vom Bund abkaufen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n(lacht) Er passt leider nicht in meine Garage. Zudem geh\u00f6rt er dem Bund. Ich d\u00fcrfte ihn gar nicht \u00fcbernehmen. Ich hoffe, dass ein anderer Bundesrat ihn \u00fcbernimmt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau Leuthard, geniessen Sie die letzten Wochen als Bundesr\u00e4tin? &#13; Geniessen ist zu viel gesagt. Es gibt noch viele Vorlagen, die in den Bundesrat oder ins Parlament m\u00fcssen. Ich lehne mich nicht zur\u00fcck.&#13; Sie gelten als \u00e4usserst dossierfest. Wie steht es um Ihre Physikkenntnisse? &#13; Ich war in der Schule zwar in Mathematik gut. 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