{"id":105930,"date":"2018-10-24T11:07:06","date_gmt":"2018-10-24T11:07:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/10\/cox-lagarde-11-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:01:08","modified_gmt":"2023-08-23T21:01:08","slug":"kein-widerspruch-weitsichtige-klimapolitik-und-wirtschaftswachstum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/10\/kein-widerspruch-weitsichtige-klimapolitik-und-wirtschaftswachstum\/","title":{"rendered":"Kein Widerspruch: Weitsichtige Klimapolitik und Wirtschaftswachstum"},"content":{"rendered":"<p>Ohne Gegenmassnahmen hat der Klimawandel betr\u00e4chtliche \u00f6kologische, soziale und gesundheitliche Kosten zur Folge. Wirtschaftswachstum und Produktivit\u00e4tssteigerung stehen dabei nicht im Widerspruch zu den Klimazielen von Paris. Wie ein nachhaltiges Wachstum bewerkstelligt werden kann, hat die Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im Bericht \u00abInvesting in Climate, Investing in Growth\u00bb vom Mai 2017 erl\u00e4utert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Pariser Klimaabkommen von 2015 war f\u00fcr die internationale Gemeinschaft ein wichtiger Schritt, da es ihr gelang, langfristige Klimaziele festzulegen und einen umfassenden Rahmen zu schaffen. Allerdings reichen die zugesicherten nationalen Beitr\u00e4ge<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> nicht aus, um den durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen und um die Anstrengungen zur Beschr\u00e4nkung der Temperaturerh\u00f6hung auf 1,5 Grad fortzusetzen. W\u00fcrden alle nationalen Beitr\u00e4ge vollst\u00e4ndig umgesetzt, w\u00fcrde die globale Erw\u00e4rmung Sch\u00e4tzungen zufolge immer noch rund 3 Grad betragen \u2013 was mit betr\u00e4chtlichen \u00f6kologischen und wirtschaftlichen Kosten verbunden ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass Regierungen und Unternehmen vor ehrgeizigeren Klimaschutzmassnahmen zur\u00fcckschrecken, h\u00e4ngt oft mit einem bef\u00fcrchteten Verlust der Wettbewerbsf\u00e4higkeit zusammen. Diese Denkweise ist gef\u00e4hrlich, denn ein mit hohen Emissionen verbundenes Wachstum erh\u00f6ht die Klimarisiken und die damit verbundenen negativen Umwelteffekte signifikant. Beispielsweise steigt als Folge der Meeresspiegel an, extreme Wetterereignisse treten h\u00e4ufiger auf, und die Luftverschmutzung nimmt zu \u2013 was die Sterblichkeit erh\u00f6ht. All diese Effekte wirken sich negativ auf die Wirtschaftsleistung und den Wohlstand im Allgemeinen aus. Da die k\u00fcnftige Gef\u00e4hrdung durch den Klimawandel von den heute getroffenen Entscheidungen abh\u00e4ngt, sind die Planung von Anpassungsmassnahmen und einer h\u00f6heren Resilienz sowie entsprechende Investitionen entscheidend, um die Exposition gegen\u00fcber Klimarisiken zu verringern.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Die richtige Formel finden<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie im OECD-Bericht angewendeten Modelle zeigen: Wenn die Klimaschutzmassnahmen mit wirksamen steuer- und strukturpolitischen Reformen kombiniert werden, kann ein stabiles, inklusives und nachhaltiges Wachstum erzielt werden. Beim verh\u00e4ltnism\u00e4ssig ehrgeizigen Szenario (Wahrscheinlichkeit von 66\u00a0Prozent, dass das 2-Grad-Ziel erreicht wird) steigt die Wirtschaftsleistung in den G-20-Staaten bis im Jahr 2050 im Vergleich zur gegenw\u00e4rtigen Politik um 2,5\u00a0Prozent (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">BIP-Wachstum in den G-20-Staaten dank Klimaschutzmassnahmen und Wirtschaftsreformen (Prognosen f\u00fcr 2050)<span style=\"color: #ff00ff;\">&#13;<br \/>\n<\/span><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/10\/Bildschirmfoto-2018-10-16-um-11.36.01.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-82013\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/10\/Bildschirmfoto-2018-10-16-um-11.36.01.png\" alt=\"\" width=\"1784\" height=\"1186\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Im verwendeten Szenario betr\u00e4gt die Wahrscheinlichkeit, dass das 2-Grad-Ziel erreicht wird, 66 Prozent.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">OECD (2017) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus bringt die Vermeidung kostenintensiver Klimasch\u00e4den weitere wirtschaftliche Vorteile. Diese fallen je nach geografischer Lage eines Landes unterschiedlich aus und sind schwierig abzusch\u00e4tzen. Im erw\u00e4hnten Szenario wird davon ausgegangen, dass im Jahr 2050 der Nettowachstumseffekt 4,6 Prozent betragen k\u00f6nnte, wenn man die vermiedenen Sch\u00e4den zum Wirtschaftswachstum addiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus den tieferen langfristigen Kosten und den geringeren \u00fcbrigen Risiken des Klimawandels ergeben sich weitere wirtschaftliche, \u00f6kologische und soziale Vorteile. So werden neue M\u00e4rkte erschlossen, und es ergeben sich Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeiten im Zusammenhang mit emissionsarmen Infrastrukturen, Technologien und Dienstleistungen. Klare, langfristige politische Rahmenbedingungen, die auf ehrgeizige Klimaschutzmassnahmen ausgerichtet sind, erh\u00f6hen dabei das Marktvertrauen in klimafreundliche Investitionen, f\u00f6rdern die Forschung und Innovationen und steigern die Produktivit\u00e4t in allen Branchen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Strukturreformen umsetzen&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm die klimafreundliche Umstellung erfolgreich zu bewerkstelligen, m\u00fcssen die Klimaziele in umfassendere Strukturreformen und nationale Entwicklungsprogramme integriert werden. Diese helfen den Volkswirtschaften, sich auf emissionsarme und klimaresistente Entwicklungsans\u00e4tze auszurichten \u2013 wodurch starke und integrative Wachstumsmodelle gef\u00f6rdert werden. Wichtig sind insbesondere Strukturreformen, mit denen sich sowohl die Produktivit\u00e4t als auch die Wirtschaftst\u00e4tigkeit steigern lassen. Dabei muss man darauf fokussieren, die Ressourcen wirksam neu zu verteilen, die Entwicklung und die Verbreitung neuer Technologien zu beschleunigen, die Arbeitsm\u00e4rkte dynamischer zu gestalten sowie den Eintritt von Unternehmen in bestimmte Wirtschaftssektoren zu erleichtern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEntsprechende Reformpakete sollten darauf abzielen, das Unternehmertum zu erleichtern \u2013 insbesondere in Dienstleistungsbranchen mit starkem Wachstum und hoher Wertsch\u00f6pfung. Eine gr\u00f6ssere Marktflexibilit\u00e4t ist besonders wichtig, da der \u00dcbergang zu emissionsarmen und klimaresistenten Volkswirtschaften deutlich weniger disruptiv gestaltet werden kann, wenn es in zentralen Sektoren und M\u00e4rkten zu weniger Friktionen kommt. Dadurch k\u00f6nnen neue Anbieter einfacher in den Markt eintreten, und es k\u00f6nnen neue Unternehmen entstehen und neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen werden, w\u00e4hrend gleichzeitig der Ausstieg aus emissionsintensiven Sektoren erleichtert wird. Wenn der Wettbewerb auf den M\u00e4rkten und die Arbeitsflexibilit\u00e4t gef\u00f6rdert werden, sind die Unternehmen eher in der Lage, auf sich \u00e4ndernde Marktbedingungen zu reagieren, Innovationen zu entwickeln und ihre Produktivit\u00e4t zu steigern. Mit einer solchen Politik kann man unter anderem die Entwicklung von wissensbasiertem Kapital, hoch produktiven Technologien und hoch qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften ankurbeln. Dies w\u00fcrde zu einer h\u00f6heren Wirtschaftsleistung und zu h\u00f6heren Einkommen f\u00fchren, wodurch die Binnennachfrage gest\u00fctzt w\u00fcrde.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Steuerliche Anreize schaffen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine wichtige Rolle spielt die Fiskalpolitik: Um allf\u00e4llige politische Fehlausrichtungen zu erkennen, muss die Steuerpolitik umfassend auf klimapolitische Fehlanreize gepr\u00fcft werden. Insbesondere l\u00e4sst sich mit der Aufhebung von Energiesubventionen wie verg\u00fcnstigten Stromtarifen ein Anreiz f\u00fcr emissionsarmes Wachstum schaffen. Indem derzeit Energiepreise k\u00fcnstlich tief gehalten werden und nicht die tats\u00e4chlichen Kosten widerspiegeln, bieten Investitionen in technologische Verbesserungen (zum Beispiel Nachr\u00fcstungen zur Steigerung der Energieeffizienz) unter Umst\u00e4nden weniger attraktive Renditen, wodurch ein verschwenderischer Verbrauch gef\u00f6rdert wird und h\u00f6here Kosten f\u00fcr den Staat anfallen. Demgegen\u00fcber schafft ein schrittweiser Abbau solcher Subventionen einen Anreiz f\u00fcr Investitionen \u2013 was Ineffizienzen reduziert und die Produktivit\u00e4t erh\u00f6ht. Ein weiteres Beispiel f\u00fcr widersinnige steuerliche Regelungen ist die M\u00f6glichkeit, Arbeitnehmenden aus steuerlichen Gr\u00fcnden Firmenwagen zur privaten Nutzung zu \u00fcberlassen oder die Autofahrkosten f\u00fcr den Arbeitsweg von der Einkommenssteuer abzuziehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch bestimmte Steuer- und Rechnungslegungsvorschriften k\u00f6nnen Investitionen in CO<sub>2<\/sub>-intensive Anlagen beg\u00fcnstigen. Wenn beispielsweise die variablen Kosten von Energieinvestitionen unmittelbar als Aufwand verbucht werden d\u00fcrfen, beg\u00fcnstigt dies stark umweltsch\u00e4dliche Stromerzeugungstechnologien, da dies weniger stark auf den Gewinn schl\u00e4gt. Technologien mit einem hohen Anteil an Vorlaufkosten hingegen, wie beispielsweise Technologien f\u00fcr erneuerbare Energien, werden durch solche Rechnungslegungsbestimmungen tendenziell benachteiligt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUmgekehrt k\u00f6nnen durchdachte fiskalische Massnahmen \u2013 wie beispielsweise CO<sub>2<\/sub>-Steuern und h\u00f6here Abschreibungen \u2013 die Investitionen in erneuerbare Energien erh\u00f6hen. Indem man Verluste von einem Gesch\u00e4ftsjahr auf ein anderes \u00fcbertragen darf, l\u00e4sst sich die Wirtschaftlichkeit von Projekten im Bereich der erneuerbaren Energien ebenfalls verbessern, da diese in der Investitionsphase relativ kostenintensiv sind. Ein zentraler Punkt ist die steuerliche Beg\u00fcnstigung von Forschung und Entwicklung, die auf den Klimawandel ausgerichtet ist. Zusammen mit der Bevorzugung klimafreundlicher Innovationen k\u00f6nnen die Forschungsprojekte positive \u00dcbertragungseffekte ausl\u00f6sen, die es letztlich den Staaten erm\u00f6glichen, CO<sub>2<\/sub>-intensive Entwicklungskonzepte aufzugeben. Um Treibhausgasemissionen aus der Industrie und aus dem Strassenverkehr, der Schifffahrt und der Luftfahrt zu beseitigen sowie um unter anderem einen Durchbruch bei der Energiespeicherung zu erzielen, ist Forschung und Entwicklung fundamental.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbschliessend l\u00e4sst sich sagen: Ein emissionsarmes und klimaresistentes Wachstum erreicht man am besten mit einer Kombination von Klimapolitik und wachstumsf\u00f6rdernden Steuer- und Strukturreformen. Die Regierungen sollten ihre nationale Struktur- und Steuerpolitik \u00fcberdenken, um Investitionen auf emissionsarme und klimaresistente L\u00f6sungen zu lenken \u2013 beispielsweise von \u00abharten\u00bb Infrastrukturinvestitionen zu \u00abweichen\u00bb Investitionen in Forschung und Entwicklung. Wesentlich sind gr\u00f6ssere Anstrengungen, um mehr private und \u00f6ffentliche Investitionen zu mobilisieren. Eine Schl\u00fcsselrolle spielen dabei Entwicklungsbanken sowie multilaterale, bilaterale und nationale Finanzinstitutionen. Vor diesem Hintergrund haben die Umweltbeh\u00f6rde der Vereinten Nationen, die Weltbank-Gruppe und die OECD deshalb die Initiative \u00ab<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/environment\/cc\/climate-futures\/\">Financing Climate Futures: Rethinking Infrastructure<\/a>\u00bb gegr\u00fcndet. Damit wollen sie die Regierungen dabei unterst\u00fctzen, die Finanzstr\u00f6me auf emissionsarme L\u00f6sungen und eine klimaresistente Entwicklung zu lenken \u2013 um so die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">OECD (2017). <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1787\/9789264273528-en\">Investing in Climate, Investing in Growth<\/a>, Paris.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Nationally Determined Contributions (NDC).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne Gegenmassnahmen hat der Klimawandel betr\u00e4chtliche \u00f6kologische, soziale und gesundheitliche Kosten zur Folge. 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Dazu sind Strukturreformen, steuerliche Massnahmen und eine Angleichung der rechtlichen Rahmenbedingungen erforderlich. Werden Klimaschutzmassnahmen und Wirtschaftsreformen kombiniert, steigt die Produktivit\u00e4t, und neue Wachstumsquellen werden erschlossen. Das gesch\u00e4tzte Wirtschaftswachstum in den G-20-Staaten betr\u00e4gt 2,5 Prozent im Jahr 2050 (Nettoeffekt), sofern man von einem verh\u00e4ltnism\u00e4ssig ehrgeizigen Szenario ausgeht, bei dem eine Wahrscheinlichkeit von 66\u00a0Prozent besteht, dass das 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens erreicht wird. 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