{"id":106042,"date":"2018-10-24T10:00:03","date_gmt":"2018-10-24T10:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/10\/thalmann-vielle-11-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:00:52","modified_gmt":"2023-08-23T21:00:52","slug":"was-hat-die-schweizer-klimapolitik-bisher-bewirkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/10\/was-hat-die-schweizer-klimapolitik-bisher-bewirkt\/","title":{"rendered":"Was hat die Schweizer Klimapolitik bisher bewirkt?"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen 1990 und 2015 sind die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger in der Schweiz um 10,5\u00a0Prozent zur\u00fcckgegangen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Die Bev\u00f6lkerung ist im gleichen Zeitraum um 23\u00a0Prozent gewachsen; das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 47\u00a0Prozent. Es ist anzunehmen, dass die Emissionen ohne die getroffenen energie- und klimapolitischen Massnahmen zugenommen h\u00e4tten, dass jedoch die h\u00f6heren Energiepreise und der technische Fortschritt den Aufw\u00e4rtstrend gebremst haben. Wie gross die Nettowirkung aller in der Schweiz umgesetzten Massnahmen war, ist daher schwierig abzusch\u00e4tzen. Genau dies verlangt aber das Rahmen\u00fcbereinkommen der Vereinten Nationen \u00fcber Klima\u00e4nderungen (UNFCCC) in den nationalen Berichten. \u00dcberdies sind auch Prognosen zur Wirkung der nationalen Politik bis 2035 abzugeben.&#13;<\/p>\n<h2>Drei Szenarien \u2013 mit und ohne Massnahmen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie in den Simulationen (siehe <em>Kasten<\/em>) ber\u00fccksichtigten Massnahmen ergeben sich vor allem aus dem Energie- und dem CO<sub>2<\/sub>-Gesetz, den Verordnungen zum Energieverbrauch von Fahrzeugen, der leistungsabh\u00e4ngigen Schwerverkehrsabgabe sowie aus den kantonalen Bauvorschriften. Ein erstes Szenario (\u00abwith existing measures\u00bb; WEM) beinhaltet alle relevanten bisherigen Massnahmen und bildet den tats\u00e4chlichen Energieverbrauch und die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen der Schweizer Wirtschaft der Jahre 1990 bis 2015 ab (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Basierend auf den offiziellen Hypothesen zur Bev\u00f6lkerungsentwicklung und zur Wirtschaft, wurde das WEM-Szenario bis ins Jahr 2035 verl\u00e4ngert.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dabei wird davon ausgegangen, dass alle 2016 bestehenden oder beschlossenen Massnahmen bis 2035 auf demselben Niveau beibehalten werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin zweites Szenario (WEM+) bezieht zus\u00e4tzlich die Massnahmen mit ein, die vom Stimmvolk am 21.\u00a0Mai\u00a02017 im Rahmen des revidierten Energiegesetzes gutgeheissen wurden. Im dritten Szenario (\u00abwithout measures\u00bb; WOM) wird berechnet, wie sich der Energieverbrauch und die Treibhausgase ohne Massnahmen entwickeln w\u00fcrden. Der Vergleich der ersten beiden Szenarien mit dem letzten erm\u00f6glicht eine Beurteilung der bisherigen Wirkungen (1990 bis 2015) und der k\u00fcnftigen Wirkungen (2016 bis 2035) der Massnahmen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Emissionen sinken<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm WEM-Szenario gehen die energiebedingten CO<sub>2<\/sub>-Emissionen, die von 40,9 Millionen Tonnen im Jahr 1990 auf 36,6 Millionen Tonnen im Jahr 2015 abgenommen haben, weiter zur\u00fcck. Sie sinken gegen\u00fcber 1990 um 15 Prozent auf 34,8 Millionen Tonnen im Jahr 2020; im Jahr 2035 sind es noch 30,5 Millionen Tonnen (\u201325%). Mit dem ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 (Szenario WEM+) verringern sich die Emissionen gegen\u00fcber 1990 um 16,3 Prozent im Jahr 2020 und um 29 Prozent im Jahr 2035. Allerdings reicht auch dieser R\u00fcckgang nicht aus, um das Ziel des aktuellen CO<sub>2<\/sub>-Gesetzes zu erreichen, welches eine Reduktion um 20 Prozent bis 2020 verlangt. Bis 2030 m\u00fcsste die Reduktion im Inland laut der Revision des CO<sub>2<\/sub>-Gesetzes 30 Prozent betragen. Dazu w\u00e4ren st\u00e4rkere Kompensationsmassnahmen und der Einbezug von weiteren Treibhausgasen erforderlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas WOM-Szenario zeigt schliesslich, dass die energiebedingten CO<sub>2<\/sub>-Emissionen im Jahr 2015 ohne Massnahmen 4 Prozent h\u00f6her als 1990 ausgefallen w\u00e4ren. Insgesamt wurden von 1990 bis 2015 mit den getroffenen Massnahmen 48 Millionen Tonnen CO<sub>2<\/sub> eingespart. Das ist etwas mehr als die in einem Jahr ausgestossenen Emissionen. Hauptverantwortlich f\u00fcr die Einsparungen sind die CO<sub>2<\/sub>-Abgabe und das Geb\u00e4udeprogramm von Bund und Kantonen. Der Abstand zwischen den Emissionskurven ohne beziehungsweise mit den bestehenden Massnahmen vergr\u00f6ssert sich gem\u00e4ss den Szenarien nur noch geringf\u00fcgig.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nErw\u00e4hnenswert ist, dass sich die energiebedingten CO<sub>2<\/sub>-Emissionen selbst ohne Massnahmen stabilisiert h\u00e4tten \u2013 trotz des Bev\u00f6lkerungs- und Wirtschaftswachstums sowie der schrittweisen Stilllegung der Kernkraftwerke. Denn technische Fortschritte h\u00e4tten sich auch ohne F\u00f6rdermassnahmen in der Schweiz vollzogen, und die h\u00f6heren Preise f\u00fcr Erd\u00f6l und Erdgas h\u00e4tten ebenfalls bremsend gewirkt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: CO<sub>2<\/sub>-Emissionen in der Schweiz (3 Szenarien; 1990\u20132035)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='11_2018_Thalmann_Vielle_Abb1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#11_2018_Thalmann_Vielle_Abb1_de').highcharts({\n\n   chart: {\n        type: 'line'\n    },\n\n    title: {\n        text: ' '\n    }, credits: {enabled: false},\n\n\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Mio. 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Nicht ber\u00fccksichtigt sind Emissionen des Flugverkehrs und Kompensationen im Ausland.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Thalmann und Vielle (2017) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Erfolge bei Industrie und Geb\u00e4uden<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSowohl im WEM-Szenario als auch im WEM+-Szenario tragen die Sektoren Industrie sowie Wohn- und Nichtwohnbauten am meisten zur Reduktion der CO<sub>2<\/sub>-Emissionen bei. Bei der Stromproduktion steigen die Emissionen hingegen trotz eines Ausbaus der erneuerbaren Energien<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>, die von Bundesbeitr\u00e4gen profitieren. Verantwortlich f\u00fcr den Anstieg ist die schrittweise Abschaltung der Kernkraftwerke \u2013 was den Einsatz von Erdgaskraftwerken erfordert. Auch beim Verkehr werden die Emissionen bis 2023 \u00fcber dem Stand von 1990 liegen. Allerdings entwickeln sich beide Sektoren immerhin deutlich besser, als es ohne Massnahmen der Fall gewesen w\u00e4re (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Geb\u00e4udebereich haben sich die kantonalen Mustervorschriften (MuKEn seit 1992) als besonders wirkungsvoll gezeigt. Von den insgesamt zwischen 1990 bis 2035 eingesparten 236 Millionen Tonnen CO<sub>2<\/sub> entf\u00e4llt fast ein Viertel auf diese Vorschriften (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Die CO<sub>2<\/sub>-Abgabe \u2013 direkt und \u00fcber Befreiungsmechanismen (Verpflichtungen und Emissionshandelssystem) \u2013 steuert 17\u00a0Prozent zu diesen Einsparungen bei. Dies ist selbst dann der Fall, wenn sie bis 2035 auf dem aktuellen Stand von 96 Franken pro Tonne CO<sub>2 <\/sub>bleibt und nur auf Brennstoffe erhoben wird. Die Massnahmen im Verkehrsbereich leisten einen fast ebenso grossen Beitrag, wobei sich der Effekt gegen das Ende des Zeitraums verst\u00e4rkt, da erst dann Emissionsvorschriften f\u00fcr neue Personenwagen ihre volle Wirkung entfalten.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Insgesamt in der Schweiz eingesparte CO<sub>2<\/sub>-Emissionen (1990\u20132035)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='11_2018_Thalmann_Vielle_Abb2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#11_2018_Thalmann_Vielle_Abb2_de').highcharts({\n\n  chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ' '\n    }, credits: {enabled: false},\n    xAxis: {\n        categories: ['1990','1991','1992','1993','1994','1995','1996','1997','1998','1999','2000','2001','2002','2003','2004','2005','2006','2007','2008','2009','2010','2011','2012','2013','2014','2015','2016','2017','2018','2019','2020','2021','2022','2023','2024','2025','2026','2027','2028','2029','2030','2031','2032','2033','2034','2035']\n    },\n    yAxis: {\n        min: 0,\n        title: {\n            text: 'Mio. 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Zwischen 2016 und 2035 d\u00fcrften sich die Einsparungen auf 187 Millionen Tonnen belaufen. Die gesamten Einsparungen entsprechen damit 5,8-mal den Emissionen des Jahres 1990. Gem\u00e4ss unseren Prognosen wird es der Schweiz mit den aktuellen Massnahmen allerdings nicht gelingen, ihre Emissionen bis 2030 gegen\u00fcber 1990 um 30\u00a0Prozent zu senken. Deshalb sollte insbesondere die CO<sub>2<\/sub>-Abgabe nochmals angehoben werden, ausserdem gilt es Mittel zu finden, die den Treibstoffverbrauch st\u00e4rker eind\u00e4mmen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Summe 1A im Treibhausgasinventar des Bafu.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Szenario A-00-2015 des BFS, Seco, IEA World Energy Outlook 2016, Verkehrsperspektiven 2040 des ARE.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Teuerungskorrigierte Erd\u00f6lpreise pro Barrel (Basis = 2015): 1990 = 37 USD, 2015 = 51 USD, 2035 = 137 USD.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">+7,7 TWh im Jahr 2035 gem\u00e4ss WEM+.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Vgl. Beitrag von Jean-Marie Grether und Nicole A. Mathys in dieser Ausgabe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen 1990 und 2015 sind die CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger in der Schweiz um 10,5\u00a0Prozent zur\u00fcckgegangen. Die Bev\u00f6lkerung ist im gleichen Zeitraum um 23\u00a0Prozent gewachsen; das Bruttoinlandprodukt (BIP) um 47\u00a0Prozent. 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Diese Frage haben der Lehrstuhl f\u00fcr St\u00e4dte- und Umwelt\u00f6konomie der ETH Lausanne und das B\u00fcro Infras im Auftrag des Bundesamts f\u00fcr Umwelt (Bafu) untersucht. Zur Simulation wurde das Modell <em>Gemini-E3<\/em> verwendet, welches die Schweizer Wirtschaft durch 18 f\u00fcr den internationalen Handel offene Produktionssektoren, einen repr\u00e4sentativen Verbraucher und den Staat abbildet. Im Modell verhalten sich alle Akteure preisorientiert \u2013 auch bei der Wahl ihrer Energiequellen. Die Annahmen zum technischen Fortschritt sind in allen Szenarien identisch. Eine Ausnahme bilden die Massnahmen, die spezifisch die Energieleistung betreffen (wie zum Beispiel die Emissionsvorschriften f\u00fcr Fahrzeuge). 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