{"id":106146,"date":"2018-09-24T11:00:22","date_gmt":"2018-09-24T11:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/09\/zehnder-10-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:01:21","modified_gmt":"2023-08-23T21:01:21","slug":"zehnder-11-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/09\/zehnder-11-2018\/","title":{"rendered":"Verhaltens\u00f6konomie revolutioniert die Wirtschaftsforschung"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber lange Zeit wurde die wirtschaftswissenschaftliche Verhaltensforschung vom Menschenbild des Homo oeconomicus gepr\u00e4gt \u2013 einem zentralen Konzept aus der \u00f6konomischen Standardtheorie. Der Homo oeconomicus ist ein rationaler Entscheidungstr\u00e4ger, der ausschliesslich seine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas traditionelle Modell hat zweifellos gewichtige St\u00e4rken. Zum einen basiert es auf wenigen, einfachen Annahmen und ist somit breit anwendbar. Diese Allgemeing\u00fcltigkeit ist ein Vorteil der \u00d6konomie gegen\u00fcber anderen Sozialwissenschaften wie der Psychologie oder der Soziologie, in welchen Theorien oft stark kontextbezogen und schwierig zu verallgemeinern sind. Zum anderen vermag die Theorie des rationalen Eigennutzes in bestimmten Kontexten erstaunlich pr\u00e4zise Prognosen zu machen. Vernon Smith, einer der Pioniere der experimentellen Wirtschaftsforschung, hat zum Beispiel bereits in den F\u00fcnfziger- und Sechzigerjahren mit Experimenten gezeigt, dass die Standardtheorie die Handelsgleichgewichte von kompetitiven M\u00e4rkten erfolgreich und genau vorhersagen kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Voraussetzungen f\u00fcr die Verhaltens\u00f6konomie wurden gelegt, als sich \u00d6konomen vermehrt f\u00fcr strategische Interaktionen ausserhalb der klassischen Marktstrukturen zu interessieren begannen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren gewann beispielsweise die Spieltheorie \u2013 ein mathematisches Konzept zur Analyse von strategischen Entscheidungen \u2013 an Bedeutung. In der Folge begannen kreative \u00d6konomen Anfang der Achtzigerjahre spieltheoretische Prognosen zu sozialer Interaktion anhand von Experimenten zu testen. Dadurch wurde bald klar, dass die traditionellen Annahmen der Rationalit\u00e4t und des Eigennutzes das menschliche Verhalten in strategischen Situationen nur unzureichend zu erkl\u00e4ren verm\u00f6gen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMotiviert durch diese Diskrepanz zwischen beobachtetem Verhalten und den Prognosen der Standardtheorie, haben Verhaltens\u00f6konomen seit den sp\u00e4ten Achtzigerjahren \u2013 anfangs gegen starke Widerst\u00e4nde in der eigenen Profession \u2013 versucht, die Wirtschaftstheorie so zu modifizieren, dass sie das tats\u00e4chliche menschliche Verhalten besser erkl\u00e4ren und voraussagen kann. Oft st\u00fctzten sie sich bei ihrer Arbeit auf bestehende Erkenntnissen aus Nachbardisziplinen wie der Psychologie, der Biologie, der Soziologie und der Neurowissenschaften.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDabei ging es den meisten Verhaltens\u00f6konomen nie darum, das traditionelle Modell v\u00f6llig zur\u00fcckzuweisen. So gilt Eigennutz weiterhin als ein wichtiges Motiv f\u00fcr menschliches Handeln, und die meisten Verhaltens\u00f6konomen sind ebenfalls der Meinung, dass die Leute versuchen, ihre Entscheidungen m\u00f6glichst rational zu f\u00e4llen. Im Unterschied zu Anh\u00e4ngern der Standardtheorie haben sie aber eingesehen, dass neben dem Eigennutz auch andere Motive relevant sind und der Versuch, rational zu sein, manchmal auch scheitert.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verlustaversion als \u00f6konomischer Faktor<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Verhaltens\u00f6konomie hat \u00fcber die letzten drei Jahrzehnte eine Vielzahl von menschlichen Verhaltensweisen dokumentiert, die das Standardmodell nicht erkl\u00e4ren kann. Ob wir als Menschen zufrieden sind oder nicht, h\u00e4ngt beispielsweise nicht so sehr davon ab, wie viel wir von etwas haben, sondern wie sehr sich der Stand der Dinge ver\u00e4ndert hat. So sind Leute, die unerwartet reich werden, vor\u00fcbergehend zufriedener als vorher. Im Gegensatz dazu sind Personen, die schon immer reich waren und sich daran gew\u00f6hnt sind, im Durchschnitt nicht enorm viel gl\u00fccklicher als andere.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs scheint, dass wir unsere Errungenschaften fortw\u00e4hrend mit sogenannten Referenzpunkten vergleichen. W\u00e4hrend uns positive \u00dcberraschungen wie ein \u00fcbererwartet hoher Bonus gl\u00fccklich machen, d\u00e4mpfen negative \u00dcberraschungen wie ein Aktienkurseinbruch unser Wohlbefinden. Interessanterweise gewichten wir in diesen Vergleichen die Verluste st\u00e4rker als die Gewinne. In anderen Worten: Ein Verlust von 1000 Franken \u00e4rgert die meisten Menschen viel mehr, als sie ein Gewinn von 1000 Franken freut. Diese sogenannte Verlustaversion wurde zum ersten Mal von den Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky in den sp\u00e4ten Siebzigerjahren dokumentiert und ist seither in zahlreichen Experimenten im Labor und im Feld immer wieder best\u00e4tigt worden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass Menschen typischerweise in Vergleichen denken und Verluste unser Wohlbefinden stark beeintr\u00e4chtigen, hat wichtige Implikationen f\u00fcr \u00f6konomische Entscheidungen. So bringt die Verlustaversion die Leute dazu, Risiken zu vermeiden, selbst wenn dies mit hohen Kosten verbunden ist. Ein typisches Beispiel sind Versicherungen f\u00fcr Mietwagen oder Elektronikger\u00e4te. Weil Leute Verluste auf jeden Fall vermeiden m\u00f6chten, sind sie bereit, enorm hohe Preise f\u00fcr solche Versicherungen zu zahlen, selbst wenn das objektive Risiko eines hohen Schadens gering ist. Hinzu kommt die Tendenz, kleine Wahrscheinlichkeiten massiv zu \u00fcbersch\u00e4tzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine weitere Implikation von Verlustaversion ist, dass Konsumenten anf\u00e4llig auf gewisse Verkaufstechniken werden. Lockvogel-Angebote, zum Beispiel, funktionieren, weil Leute es als Verlust empfinden, wenn sie das Produkt nicht erhalten. Sie sind deshalb gerne bereit, einen hohen Preis f\u00fcr ein alternatives Produkt zu bezahlen, wenn das urspr\u00fcngliche Angebot nicht mehr erh\u00e4ltlich ist. Das gleiche Prinzip erkl\u00e4rt, weshalb Autoverk\u00e4ufer oft zuerst ein Modell mit allen m\u00f6glichen Optionen zeigen: Danach empfindet der K\u00e4ufer jedes fehlende Extra als Verlust.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Unfaire Lohnk\u00fcrzungen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine weitere zentrale Erkenntnis der Verhaltens\u00f6konomie ist: Menschen weichen bei strategischen Entscheidungen oft von der Maximierung des Eigennutzes ab. Fr\u00fche Experimente von Verhaltensforschern wie Werner G\u00fcth, Richard Thaler oder Ernst Fehr haben \u00fcberzeugend aufgezeigt, dass viele Leute bereit sind, andere Menschen f\u00fcr faires Handeln zu belohnen oder f\u00fcr unfaire Aktionen zu strafen \u2013 selbst wenn dies mit betr\u00e4chtlichen Kosten f\u00fcr sie selber verbunden ist. Allerdings ist Fairness nicht allen Leuten gleich wichtig: W\u00e4hrend einige Menschen bereit sind, viel in Kauf zu nehmen, um ein faires Ergebnis zu erzielen, gibt es auch eine betr\u00e4chtliche Zahl von Leuten, die sich eher eigenn\u00fctzig verhalten. Zudem sinkt die Fairness, wenn man sich unbeobachtet f\u00fchlt \u2013 oder wenn man seinen Egoismus verschleiern kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Einbezug von sozialen Motiven in die Wirtschaftstheorie erlaubt es, empirische Ph\u00e4nomene zu erkl\u00e4ren, die nicht im Einklang mit dem Standardmodell sind. So entlassen Arbeitgeber in Rezessionen eher Angestellte, als dass sie deren L\u00f6hne k\u00fcrzen. Der Grund: Lohnk\u00fcrzungen werden oft als unfair empfunden. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Angestellten den Arbeitgeber bestrafen, indem sie ihre Arbeitsleistung reduzieren. Fairnessmotive k\u00f6nnen ebenfalls erkl\u00e4ren, weshalb Leute bereit sind, soziale Normen durchzusetzen und gegen Verst\u00f6sse vorzugehen. Beispiele sind Zivilcourage angesichts achtloser Abfallentsorgung in einem Park oder bei Bel\u00e4stigungen in der \u00d6ffentlichkeit. Umgekehrt sind Fremde, die sich nie wieder sehen werden, oft bereit, einander zu helfen. Denken wir an anonyme Spenden oder die Hilfe bei einem Unfall.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSoziale Motive k\u00f6nnen auch die Ausgestaltung von Vertr\u00e4gen und den F\u00fchrungsstil von Vorgesetzten beeinflussen. In gemeinsamen Arbeiten mit Ernst Fehr und Oliver Hart zeigen wir auf, dass es \u2013 im Widerspruch zur Standardtheorie \u2013 Sinn macht, Vertr\u00e4ge sehr unflexibel zu gestalten, weil dadurch Konflikte in Handelsbeziehungen verhindert werden k\u00f6nnen. In einer aktuellen Arbeit mit John Antonakis, Giovanna d\u2019Adda und Roberto Weber haben wir den Effekt von Motivationsansprachen von Vorgesetzten analysiert. Dabei zeigte sich: Der Motivationsschub, der von einer charismatischen Ansprache an die Mitarbeitenden ausgeht, ist mit dem Effekt von finanziellen Anreizen vergleichbar.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Leben in der Gegenwart<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWichtig in der Verhaltens\u00f6konomie sind auch intertemporale Entscheidungen: Viele Entscheidungen, die wir im Alltag treffen, haben nicht nur eine unmittelbare Auswirkung im Moment, sondern auch Konsequenzen in der Zukunft. Dies trifft f\u00fcr alle Arten von Investitionen zu (Finanzanlagen, Ausbildungen, Sicherheit), aber auch f\u00fcr viele Konsumentscheidungen (Rauschmittel, gesundes Essen). Die Standardtheorie besagt: Rationale Akteure w\u00e4gen die unmittelbaren und zuk\u00fcnftigen Konsequenzen sorgf\u00e4ltig ab und treffen dann die optimale Entscheidung. Demgegen\u00fcber legen Arbeiten von Forschern wie David Laibson oder Matthew Rabin nahe, dass die meisten Menschen die langfristigen Auswirkungen gegen\u00fcber den unmittelbaren Folgen unterbewerten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie \u00dcbergewichtung der Gegenwart gegen\u00fcber der Zukunft erkl\u00e4rt viele problematische wirtschaftliche Verhaltensweisen. Beispiele sind die ungen\u00fcgende Altersvorsorge in L\u00e4ndern wie den USA, die Zunahme von \u00dcbergewicht, Drogensucht und \u00dcberschuldung. Indem Verhaltens\u00f6konomen die Ursachen von solchen Ph\u00e4nomenen identifizierten, war es m\u00f6glich, gezielte L\u00f6sungsans\u00e4tze wie \u00abNudges\u00bb oder \u00abDefaults\u00bb zu entwickeln (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbschliessend l\u00e4sst sich sagen: Die Verhaltens\u00f6konomie hat durch den Einbezug von Einsichten aus Nachbardisziplinen das \u00f6konomische Modell so erweitert und modifiziert, dass es das menschliche Verhalten in vielen relevanten Entscheidungsprozessen besser erkl\u00e4ren und voraussagen kann. Ein realistisches Menschenbild ist notwendig, weil \u00d6konomen nur dann sinnvolle Analysen liefern und erfolgversprechende Interventionen vorschlagen k\u00f6nnen, wenn sie die Ursache von wirtschaftlichen Entwicklungen auf der Verhaltensebene verstehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber lange Zeit wurde die wirtschaftswissenschaftliche Verhaltensforschung vom Menschenbild des Homo oeconomicus gepr\u00e4gt \u2013 einem zentralen Konzept aus der \u00f6konomischen Standardtheorie. Der Homo oeconomicus ist ein rationaler Entscheidungstr\u00e4ger, der ausschliesslich seine eigenen wirtschaftlichen Interessen verfolgt.&#13; &#13; Das traditionelle Modell hat zweifellos gewichtige St\u00e4rken. 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Freakonomics: \u00dcberraschende Antworten auf allt\u00e4gliche Lebensfragen, Riemann Verlag.<\/li>&#13;\n \t<li>Thaler, Richard und Cass Sunstein (2009). Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anst\u00f6sst, Econ.<\/li>&#13;\n \t<li>Zehnder, Christian, Holger Herz und Jean-Philippe Bonardi (2017). A Productive Clash of Cultures: Injecting Economics into Leadership Research, in: Leadership Quarterly, 28(1), 65\u201385.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Nudges und Defaults","kasten_box":"<em>Nudge<\/em> bedeutet auf Englisch \u00abStups\u00bb. Darunter wird eine subtile Intervention verstanden, die Menschen dazu bringen soll, bessere Entscheidungen zu treffen, ohne ihre Entscheidungsfreiheit einzuschr\u00e4nken. Ein einfaches Beispiel: Um Konsumenten zu ermuntern, ges\u00fcnder zu essen, werden beim Dessertbuffet Fr\u00fcchte vor den S\u00fcssigkeiten platziert.&#13;\n&#13;\n<em>Defaults<\/em> sind eine Form von Nudges. Darunter wird eine vorgegebene Standardoption verstanden. Die Idee ist, dass man Leuten bei gewissen Entscheidungen (zum Beispiel bei der Altersvorsorge) eine gute Standardoption vorgibt, weil es dann wahrscheinlicher ist, dass Leute diese Option w\u00e4hlen. Wichtig ist, dass dabei die Wahlfreiheit nicht eingeschr\u00e4nkt wird und die Option jederzeit ge\u00e4ndert werden kann."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":106149,"main_focus":[156205,156952],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":106153,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"80807","post_abstract":"In den letzten 30 Jahren hat die Wirtschaftsforschung eine Revolution erlebt. 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