{"id":106172,"date":"2018-09-24T10:30:59","date_gmt":"2018-09-24T10:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/09\/felder-vollmer-10-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:01:18","modified_gmt":"2023-08-23T21:01:18","slug":"soziale-sicherheit-felder-vollmer-10-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/09\/soziale-sicherheit-felder-vollmer-10-2018\/","title":{"rendered":"Gemeinsam gegen Armut"},"content":{"rendered":"<p>Armut hat vielf\u00e4ltige Ursachen, und Armutspr\u00e4vention ist deshalb eine Querschnittsaufgabe, die verschiedene Politikfelder und staatliche Ebenen betrifft. Aus diesem Verst\u00e4ndnis heraus beauftragte der Bundesrat<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> das Bundesamt f\u00fcr Sozialversicherungen (BSV) damit, das Nationale Programm zur Pr\u00e4vention und Bek\u00e4mpfung von Armut umzusetzen. Ziel des Programms war es, fundierte wissenschaftliche Grundlagen sowie Praxishilfen f\u00fcr die Ausgestaltung von Massnahmen der Armutspr\u00e4vention zu entwickeln, neue Ans\u00e4tze zu erproben und Beispiele guter Praxis zu verbreiten. Zudem sollten der Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen verantwortlichen Akteuren der Armutspr\u00e4vention verst\u00e4rkt werden. Damit hat das Programm eine Wissens-, eine Impuls- und eine Vernetzungsfunktion \u00fcbernommen und adressierte sich vorrangig an die Fachpersonen und Entscheidungstr\u00e4ger von Kantonen, St\u00e4dten und Gemeinden.&#13;<\/p>\n<h2>Output mit hoher Reichweite<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn enger Partnerschaft mit den betroffenen Bundesstellen, der Sozialdirektoren- und der Erziehungsdirektorenkonferenz, dem Schweizerischen St\u00e4dte- und dem Schweizerischen Gemeindeverband sowie Caritas Schweiz setzte das BSV das Programm zwischen 2014 und 2018 um. Bereits in\u00a0die Vorarbeiten waren die relevanten Akteure einbezogen. Dazu geh\u00f6ren die Kantone, St\u00e4dte, Gemeinden, Organisationen der Zivilgesellschaft (z. B. Betroffenenorganisationen), Sozialpartner (z. B. Travailsuisse, Schweizerischer Arbeitgeberverband) sowie verschiedene Bundesstellen. In den letzten f\u00fcnf Jahren begleiteten zudem rund 100 Fachpersonen aus den Bereichen Soziales, Bildung, Arbeit, Integration und Gesundheit die Umsetzungsarbeiten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSeit 2014 wurden insgesamt 16 wissenschaftliche Studien und\u00a07 Praxisinstrumente erarbeitet und publiziert. Mit finanzieller Unterst\u00fctzung durch das Programm konnten 27 Pilot- und Evaluationsprojekte zur St\u00e4rkung von Bildungschancen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen realisiert werden. Wissensaustausch und Vernetzung wurden im Rahmen von nationalen Fachtagungen, Workshops oder regionalen Seminaren sowie zwei nationalen Konferenzen gegen Armut<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> gef\u00f6rdert. Dar\u00fcber hinaus wurden rund 30 regionale oder nationale Tagungen von Dritten finanziell unterst\u00fctzt und inhaltlich begleitet. Mittels der Website <a href=\"http:\/\/www.gegenarmut.ch\/\">Gegenarmut.ch<\/a> wurde regelm\u00e4ssig \u00fcber die Ergebnisse des Programms berichtet.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Insgesamt konnte damit ein hoher Output mit hoher Reichweite erzielt werden. Eine externe wissenschaftliche Evaluation stellte dem Programm unter dem Strich ein gutes Zeugnis aus, identifiziert aber auch einen gewissen Verbesserungsbedarf (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<\/p>\n<h2>Bildungschancen st\u00e4rken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Bildungsabschluss und berufliche Qualifikationen sind zentrale Faktoren, um Armut zu verhindern oder um Wege aus der Armut zu finden. Deshalb fokussierte das Nationale Programm gegen Armut speziell auf die F\u00f6rderung von Bildungschancen ab der fr\u00fchen Kindheit sowie auf die soziale und die berufliche Integration.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie wichtig die F\u00f6rderung von Bildungschancen ab dem Kleinkindalter, bei den \u00dcberg\u00e4ngen ins Bildungssystem, w\u00e4hrend der Schulzeit und der Berufsbildung sowie im Erwachsenenalter ist, zeigen die Ergebnisse deutlich. Insbesondere f\u00fcr benachteiligte Familien, armutsgef\u00e4hrdete Personen und Menschen mit tiefer beruflicher Qualifizierung sind gezielte Unterst\u00fctzungsmassnahmen notwendig. Die aktuelle Situation in der Schweiz und das Wirkungspotenzial von Angeboten wurden in verschiedenen Publikationen des Programms thematisiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSo zeigt sich etwa, dass in der fr\u00fchen Kindheit neben universellen Angeboten auch gezielte Unterst\u00fctzungsmassnahmen f\u00fcr Kinder, wie etwa Sprachf\u00f6rderung, bereitgestellt werden sollten. Auch den Familien der Kinder sollten gezielte Hilfestellungen wie z. B. niederschwellige Elternbildungsangebote bereitgestellt werden. Ob solche Massnahmen etwas bewirken, h\u00e4ngt allerdings von der Verf\u00fcgbarkeit und der Qualit\u00e4t ab. Zentrale Akteure bei der Bereitstellung dieser Angebote sind die St\u00e4dte und die Gemeinden.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUntersucht wurde zudem, wie die Sozialhilfeabh\u00e4ngigkeit von Jugendlichen reduziert werden kann. Laut der Studie bestehen f\u00fcr gef\u00e4hrdete Jugendliche in der Phase der Berufsbildung zwar zahlreiche Unterst\u00fctzungsangebote, die Herausforderung besteht jedoch darin, Gef\u00e4hrdungen m\u00f6glichst fr\u00fch zu erkennen und Jugendliche angemessen zu unterst\u00fctzen. Ebenfalls zentral ist die Koordination zwischen den involvierten Unterst\u00fctzungssystemen im Rahmen der Interinstitutionellen Zusammenarbeit (IIZ). Triagestellen, welche die Jugendlichen den Angeboten zuweisen und sie kontinuierlich begleiten, haben sich als erfolgversprechend erwiesen. Wichtig dabei ist, dass auch die Eltern oder andere Bezugspersonen in die Unterst\u00fctzungsprozesse eingebunden sind.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie die Erfahrungen zeigen, ist die Umsetzung von Massnahmen zur F\u00f6rderung der Grundkompetenzen und beruflichen Qualifikation von armutsbetroffenen Erwachsenen in der Regel sehr anspruchsvoll. So m\u00fcssen etwa je nach Qualifikationsniveau und Lebenssituation die richtigen Bildungsmassnahmen ergriffen werden. Zudem m\u00fcssen L\u00f6sungen gefunden werden sowohl f\u00fcr die Betreuung der Kinder w\u00e4hrend der Ausbildungszeit als auch f\u00fcr die Sicherung des Haushaltseinkommens. Dabei sind auch die Betriebe wichtige Partner. Eine vom Programm mitfinanzierte Studie nennt die daf\u00fcr notwendigen Rahmenbedingungen und zeigt, wo Betriebe in den drei Branchen Gastronomie, Gesundheit und Baugewerbe als Chancengeber fungierten. Gem\u00e4ss dem Programm m\u00fcssen die verschiedenen Massnahmen aufeinander abgestimmt werden und in eine Gesamtstrategie der kontinuierlichen F\u00f6rderung von Bildungschancen ab der fr\u00fchen Kindheit bis ins Erwachsenenalter eingebettet werden.&#13;<\/p>\n<h2>Soziale und berufliche Integration<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIntegration in den Arbeitsmarkt ist f\u00fcr Menschen im Erwerbsalter eine zentrale Voraussetzung f\u00fcr die eigenst\u00e4ndige Existenzsicherung, f\u00fcr eine selbstst\u00e4ndige Lebensf\u00fchrung und damit auch f\u00fcr die soziale Teilhabe. Vom Arbeitsmarkt ausgeschlossene Menschen sind deshalb auf integrierende Massnahmen angewiesen. Dabei spielen die Invaliden-, die Arbeitslosenversicherung und die Sozialhilfe eine wichtige Rolle. Wichtige Partner dieser Sozialwerke sind die mehr als 400 Unternehmen der sozialen und beruflichen Integration (USBI) in der Schweiz. Sie bieten befristete Arbeitseins\u00e4tze kombiniert mit Beratungs-, Aus- und Weiterbildungsangeboten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Rahmen des Nationalen Programms gegen Armut wurden die Erfolgsfaktoren von USBI untersucht. Die USBI m\u00fcssen sich gleichzeitig am Markt behaupten und eine soziale Zielsetzung verfolgen, sie m\u00fcssen auf Entwicklungen und ver\u00e4nderte Rahmenbedingungen rasch reagieren und ihren Klienten gleichzeitig ein gesch\u00fctztes, f\u00f6rderndes Umfeld bieten. Da sich daraus auch besondere Herausforderungen f\u00fcr die Steuerung der Zusammenarbeit ergeben, wurde ein Leitfaden f\u00fcr die Vollzugsstellen von Sozialhilfe, Arbeitslosen- und Invalidenversicherung erarbeitet, um sie dabei zu unterst\u00fctzen, Leistungsvereinbarungen mit USBI zielgerichtet auszugestalten.&#13;<\/p>\n<h2>Bundesrat verl\u00e4ngert sein Engagement<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bundesrat ist der Ansicht, dass sich die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen, St\u00e4dten, Gemeinden und Organisationen der Zivilgesellschaft bew\u00e4hrt hat, und\u00a0hat in seinem abschliessenden Bericht \u00fcber die Ergebnisse des Nationalen Programms gegen Armut eine positive Bilanz gezogen. Er erachtet es als notwendig, sich in reduzierter Form weiterhin in der Armutspr\u00e4vention zu engagieren und die Kantone, St\u00e4dte und Gemeinden bis 2024 bei der Umsetzung der erarbeiteten Empfehlungen zu unterst\u00fctzen. Zu diesem Zweck sollen etablierte Austauschm\u00f6glichkeiten weitergef\u00fchrt und weitere wissenschaftliche Grundlagen und Praxishilfen in Themen mit besonders dringlichem Handlungsbedarf erarbeitet werden. Mit Verweis auf bestehende statistische Grundlagen verzichtet er aber auf die Einf\u00fchrung eines Armutsmonitorings sowie auf die Fortf\u00fchrung der F\u00f6rderung von Praxisprojekten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Beschluss des Bundesrates vom 15. Mai 2013 zum Konzept des \u00abNationalen Programms zur Pr\u00e4vention und Bek\u00e4mpfung von Armut\u00bb.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Am 22. November 2016 in Biel sowie am 7. September 2018 in Bern.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Alle Publikationen des Programms wie Forschungspublikationen, Praxisinstrumente usw. sind online verf\u00fcgbar auf Gegenarmut.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Zwei Praxishilfen des Programms zur Wirkung verschiedener Angebote der fr\u00fchen F\u00f6rderung (<a href=\"http:\/\/www.gegenarmut.ch\/studien\/studien-nationales-programm\/detail\/document1\/Studie\/show\/leitfaden-kriterien-wirksamer-praxis-in-der-fruehen-foerderung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leitfaden<\/a>) und zur Ausgestaltung von Strategien auf kommunaler Ebene (<a href=\"http:\/\/www.gegenarmut.ch\/studien\/studien-nationales-programm\/detail\/document1\/Studie\/show\/fruehe-foerderung-orientierungshilfe-fuer-kleine-und-mittlere-gemeinden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Orientierungshilfe<\/a>) thematisieren diese Aspekte. Mehr Infos auf Gegenarmut.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Der Aspekt der Elternzusammenarbeit wird in einem <a href=\"http:\/\/www.gegenarmut.ch\/studien\/studien-nationales-programm\/detail\/document1\/Studie\/show\/leitfaden-eltern-und-die-berufswahl-ihrer-kinder-wirksame-unterstuetzungsangebote\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Leitfaden<\/a> thematisiert. Mehr Infos auf Gegenarmut.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armut hat vielf\u00e4ltige Ursachen, und Armutspr\u00e4vention ist deshalb eine Querschnittsaufgabe, die verschiedene Politikfelder und staatliche Ebenen betrifft. 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Bern.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Programm stiftet positiven Nutzen","kasten_box":"Im Rahmen einer externen wissenschaftlichen Evaluation hat das Forschungsb\u00fcro Ecoplan das Programm bewertet. Die Evaluation kommt zum Schluss, dass die Ziele des Programms insgesamt erreicht wurden: Die fachliche Debatte wurde intensiviert, das Wissen der zentralen Akteure erweitert, die Zusammenarbeit verbessert und neue Ans\u00e4tze gegen Armut erprobt. Die Evaluation verweist darauf, wie wichtig es sei, die Wirtschaft sowie von Armut betroffene Menschen bei der Konzeption und der Umsetzung von Massnahmen der Armutspr\u00e4vention st\u00e4rker einzubeziehen \u2013 insbesondere im Bereich der Berufsbildung sowie der beruflichen Integration. 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