{"id":106524,"date":"2018-07-19T10:30:00","date_gmt":"2018-07-19T10:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/07\/bruchez-07-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:02:22","modified_gmt":"2023-08-23T21:02:22","slug":"bruchez-07-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/07\/bruchez-07-2018\/","title":{"rendered":"Wie beeinflusst die Immigration die \u00f6ffentlichen Finanzen in der Schweiz?"},"content":{"rendered":"<p>In der Schweiz ist knapp ein Drittel der Wohnbev\u00f6lkerung im Ausland geboren, und der Trend zeigt nach oben. Dies wirkt sich auf die Staatsfinanzen aus.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend das Bruttoinlandprodukt (BIP) durch die Zuwanderung insgesamt zunimmt, ist dies beim BIP pro Kopf nicht zwingend der Fall. Dieser f\u00fcr den Wohlstand massgebende Pro-Kopf-Wert h\u00e4ngt einerseits vom Anteil der Erwerbst\u00e4tigen an der Bev\u00f6lkerung und andererseits von ihrer Produktivit\u00e4t ab. Wenn relativ viele Erwerbst\u00e4tige einwandern und der Einfluss auf die Arbeitslosigkeit nicht (oder nur geringf\u00fcgig) negativ ist, steigt mit der Immigration die Erwerbsquote. Die Zuwanderung beeinflusst auch die Produktivit\u00e4t der Erwerbst\u00e4tigen, sowohl durch die Anteile der verschiedenen Produktionsfaktoren (zumindest kurzfristig) als auch durch die Innovationst\u00e4tigkeit. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Immigration, die in der internationalen Fachliteratur ausf\u00fchrlich besprochen worden sind, fallen je nach Studie unterschiedlich aus. Allgemein wird festgehalten, dass der Einfluss auf das BIP pro Kopf des Gastlandes gering ist. M\u00f6glich sind allerdings Umverteilungseffekte zwischen Arbeit und Kapital oder zwischen verschiedenen Arten von Erwerbst\u00e4tigen.&#13;<\/p>\n<h2>Zeithorizont entscheidend<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm den direkten Einfluss auf die \u00f6ffentlichen Finanzen zu messen, berechnet man die Differenz zwischen den Steuern und Sozialbeitr\u00e4gen, welche die Zugewanderten einzahlen, und den staatlichen Leistungen und Sozialleistungen, die sie beziehen. F\u00fcr die Schweiz liegen diesbez\u00fcglich verschiedene Studien vor.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Eine Arbeit der Universit\u00e4t Basel aus dem Jahr 2012 hat einen gr\u00f6sseren Zeitraum untersucht.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Sie hebt sich damit von kurzfristig ausgerichteten Studien ab, die zum Beispiel die von den Zugewanderten entrichteten AHV-Beitr\u00e4ge ber\u00fccksichtigen, nicht aber ihre k\u00fcnftigen Rentenanspr\u00fcche. Die Autoren kommen zum Schluss, dass die Herkunft der Zugewanderten, ihre Qualifikation und ihre Verweildauer in der Schweiz die Fiskalbilanz wesentlich beeinflussen (siehe <em>Tabelle<\/em>).<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Kurzfristig ist die Fiskalbilanz insgesamt positiv: Die Zugewanderten zahlen mehr ein, als sie beziehen. Pro Haushalt resultieren in der Fiskalbilanz monatlich 729 Franken mehr. Langfristig ist die Fiskalbilanz bei der \u00abGleichgewichtsbev\u00f6lkerung\u00bb (siehe <em>Kasten<\/em>), die aus der Immigration resultiert, hingegen mit einem monatlichen Minus von 405 Franken pro Haushalt negativ.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Grund f\u00fcr das Minus liegt darin, dass die zugewanderte Bev\u00f6lkerung ebenso altert wie die einheimische. Dies hebt das Alter der Gleichgewichtsbev\u00f6lkerung an, die im \u00dcbrigen auch weniger qualifiziert ist, da gut ausgebildete Zugewanderte tendenziell weniger lange in der Schweiz bleiben als weniger gut ausgebildete.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSomit stellt sich die Frage, ob die anf\u00e4nglichen \u00dcbersch\u00fcsse gespart werden sollten, um die k\u00fcnftige negative Bilanz zumindest teilweise zu kompensieren. Beispielsweise k\u00f6nnte der AHV-Fonds in der \u00dcbergangsphase, in der die Bilanz positiv ausf\u00e4llt, angesichts der prognostizierten k\u00fcnftigen Renten erh\u00f6ht werden. Dabei ginge es nicht darum, ein Umlageverfahren in ein Kapitaldeckungsverfahren umzuwandeln, sondern die Schwankungen zu gl\u00e4tten. Allerdings ist zu ber\u00fccksichtigen, dass sich bei einer gleichbleibenden Politik die Fiskalbilanz der Wohnbev\u00f6lkerung aufgrund der Alterung der Bev\u00f6lkerung ung\u00fcnstig entwickeln wird. Eine budgetpolitische Richtungs\u00e4nderung scheint daher in jedem Fall unausweichlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine wichtige Rolle spielt der Diskontfaktor: Wenn eine positive Fiskalbilanz resultiert, bedeutet dies, dass mit einer Investition der \u00dcbersch\u00fcsse zu einer Rendite, die gleich gross ist wie der Diskontfaktor, die negative Bilanz der Gleichgewichtsbev\u00f6lkerung mehr als kompensiert werden k\u00f6nnte. Falls der diskontierte Betrag negativ ist, reicht dieser \u00dcberschuss hingegen nicht aus, um die negativen Bilanzen voll zu kompensieren.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Fiskalbilanz f\u00fcr einen durchschnittlichen Immigrantenhaushalt nach Herkunft<\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<table width=\"0\">&#13;<\/p>\n<tbody>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\"><strong>Herkunft<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td colspan=\"2\" width=\"255\"><strong>Monatliche Fiskalbilanz (in Fr.)<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td colspan=\"3\" width=\"266\"><strong>Summe der diskontierten Fiskalbilanz (in Fr.)<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\"><strong>Kurzfristig<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\"><strong>Langfristig<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td colspan=\"3\" width=\"266\"><strong>Diskontfaktor<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\"><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\">(Zugewanderte 2003\u20132009)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\">(Gleichgewichts-bev\u00f6lkerung)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"88\">0%<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"93\">2%<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"85\">3%<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\">EU17 Nord\/Efta<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\">1754<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\">544<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"88\">108\u2019850<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"93\">117\u2019532<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"85\">118\u2019562<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\">EU17 S\u00fcd<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\">424<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\">\u2013515<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"88\">\u2013104\u2019594<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"93\">\u201311\u2019538<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"85\">7101<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\">\u00dcbriges Europa<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\">\u2013937<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\">\u20131448<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"88\">\u2013770\u2019683<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"93\">\u2013414\u2019807<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"85\">\u2013328\u2019039<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\">\u00dcbrige Welt<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\">611<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\">398<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"88\">76\u2019683<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"93\">69\u2019854<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"85\">66\u2019200<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td width=\"98\"><strong>Total<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"122\"><strong>729<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"133\"><strong>\u2013405<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"88\"><strong>\u2013106\u2019050<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"93\"><strong>\u201318\u2019536<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td width=\"85\"><strong>1091<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tbody>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/table>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Tabelle zeigt, dass die Fiskalbilanz im Durchschnitt zu Beginn positiv ist und langfristig negativ wird. Der diskontierte Betrag ist negativ bei einem Diskontfaktor von 0 oder 2 Prozent und leicht positiv bei einem Faktor von 3 Prozent.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Ramel und Sheldon (2012) sowie neue Werte von Sheldon&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<\/p>\n<h2>Indirekte Auswirkungen schwierig messbar<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Zuwanderung beeinflusst indirekt auch die Fiskalbilanz der \u00fcbrigen Bev\u00f6lkerung. Die Studie der Universit\u00e4t Basel hat diese indirekten Effekte nicht berechnet, da sie sehr schwierig zu quantifizieren sind. Wir begn\u00fcgen uns hier damit, einige qualitative Anhaltspunkte zu geben.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Die indirekten Auswirkungen auf die Staatsfinanzen erfolgen \u00fcber verschiedene Kan\u00e4le, wobei Produktion, Ausbildung, Wohnen und Gesundheit von besonderem Interesse sind (siehe <em>Abbildung<\/em>):&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Kan\u00e4le f\u00fcr die indirekten Auswirkungen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-02-um-16.41.50.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-80128\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/07\/Bildschirmfoto-2018-07-02-um-16.41.50.png\" alt=\"\" width=\"2372\" height=\"1694\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h3>Produktion<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNehmen wir als Beispiel den vor\u00fcbergehenden Migrationsschock von 2008, als die Zuwanderung besonders gross war. Allgemein geht man davon aus, dass die Einwanderung in einem solchen Fall keine langfristigen Auswirkungen auf das allgemeine Lohnniveau hat. W\u00e4hrend sie sich negativ f\u00fcr Erwerbst\u00e4tige auswirkt, die mit Zuwanderern im Wettbewerb stehen, profitieren diejenigen, deren Arbeit komplement\u00e4r ist. Selbst wenn es sich lediglich um eine Verlagerung von einer Kategorie in eine andere handelt, kann dies die Fiskalbilanz beeinflussen. Denn wenn die Gewinnergruppe anfangs nicht das gleiche Durchschnittseinkommen hat wie die Verlierergruppe, kann dies Ver\u00e4nderungen bei den Steuereinnahmen (aufgrund der Progression) und bei den Sozialausgaben mit sich bringen. Bei einer unterschiedlichen Sparneigung wiederum k\u00f6nnen sich die Einnahmen aus indirekten Steuern (Mehrwertsteuer) \u00e4ndern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKurzfristig, das heisst, bevor sich der Kapitalstock anpasst, ist das Lohnniveau insgesamt niedriger, als es ohne den Migrationsschock w\u00e4re. Diesem R\u00fcckgang steht eine Gewinnsteigerung in etwa gleicher Gr\u00f6ssenordnung gegen\u00fcber. Diese Verlagerung kann die Staatsfinanzen beeinflussen. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&#8211; Der Anteil der im Ausland lebenden Kapitalinhaber unterscheidet sich vom Anteil der im Ausland lebenden Arbeitnehmer (Grenzg\u00e4nger).&#13;<br \/>\n&#8211; Der Steuersatz f\u00fcr Kapitalertr\u00e4ge entspricht nicht dem Steuersatz f\u00fcr Arbeitseinkommen. So werden beispielsweise Kapitalgewinne in der Schweiz nicht besteuert.&#13;<br \/>\n&#8211; Kapitalinhaber sind in der Regel wohlhabender als Arbeitskr\u00e4fte und haben einen h\u00f6heren Einkommenssteuersatz (Steuerprogression).&#13;<br \/>\n&#8211; Unterschiede in der Sparneigung k\u00f6nnen auch die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer ver\u00e4ndern.&#13;<br \/>\n&#8211; Der R\u00fcckgang der L\u00f6hne bewirkt einen Anstieg der Sozialausgaben, der in der Regel nicht durch einen entsprechenden R\u00fcckgang der Sozialausgaben f\u00fcr die Kapitalinhaber ausgeglichen wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWir haben nun die Auswirkungen eines vor\u00fcbergehenden Migrationsschocks besprochen. Eine st\u00e4ndige Zunahme der Immigration durch steigende Kontingente entspricht einer Kumulation vor\u00fcbergehender Schocks. Dabei verschwinden zwar die Auswirkungen der einzelnen Schocks auf das allgemeine Lohn- und Gewinnniveau jeweils nach einer gewissen Zeit, sie werden jedoch kontinuierlich vom n\u00e4chsten Schock neu belebt. Der freie Personenverkehr bedeutet eine vollst\u00e4ndige \u00d6ffnung des Arbeitsmarktes gegen\u00fcber der EU. Die L\u00f6hne n\u00e4hern sich einem Gleichgewicht an, in dem sie dauerhaft niedriger sind, als sie es bei einer geringeren Zuwanderung gewesen w\u00e4ren. Sie bleiben jedoch \u00fcber dem Niveau in der EU. Das Gleichgewicht h\u00e4ngt von der relativen Mobilit\u00e4t der Arbeit und des Kapitals ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Einfluss eines Migrationsschocks auf die Produktivit\u00e4t der \u00fcbrigen Arbeitnehmenden ist schwierig abzusch\u00e4tzen. Indirekte Auswirkungen sind m\u00f6glich, soweit dieser Effekt nicht bereits in der Entl\u00f6hnung der Zugewanderten enthalten ist: Ein Beispiel hierf\u00fcr ist der Wissenstransfer von den eingewanderten zu den ans\u00e4ssigen Arbeitnehmenden. Die Auswirkungen der Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit sind in der Schweiz im Allgemeinen gering, wobei es in Einzelf\u00e4llen Ausnahmen geben kann.&#13;<\/p>\n<h3>Bildung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn der Anteil der Sch\u00fcler, die die Unterrichtssprache nicht verstehen, einen gewissen Schwellenwert \u00fcberschreitet, kann dies die Ausbildung der einheimischen Jugendlichen beeintr\u00e4chtigen. Ein weiterer Effekt der Zuwanderung macht sich bei der Berufslehre bemerkbar: Wenn sich der Anreiz der Unternehmen, die Lehrlingsausbildung zu koordinieren, dadurch verringert, dass sie Zugewanderte einstellen k\u00f6nnen, erschwert dies wom\u00f6glich die Lehrstellensuche. Sind die neu angekommenen Arbeitskr\u00e4fte besser ausgebildet als die einheimischen, kann die Einwanderung dem Staat erm\u00f6glichen, Ausbildungskosten zu sparen. Umgekehrt ist der Effekt, wenn die Zugewanderten weniger gut ausgebildet sind als die Einheimischen. In beiden F\u00e4llen muss ber\u00fccksichtigt werden, dass eine Ver\u00e4nderung des Ausbildungsniveaus der lokalen Bev\u00f6lkerung auch Auswirkungen auf deren Einkommen und die von ihr bezahlten Steuern hat.&#13;<\/p>\n<h3>Wohnen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der Zuwanderung steigt die Nachfrage nach Wohnungen, und der Preis nimmt zu. Ohne Eingewanderte w\u00e4ren die L\u00f6hne im Baugewerbe allerdings h\u00f6her, was die Kosten verteuern w\u00fcrde. Steigende Wohnungspreise wiederum schlagen sich in h\u00f6heren Steuereinnahmen im Immobiliensektor nieder. Wenn der Eigenmietwert angepasst wird, erh\u00f6ht dies auch die Besteuerung von Eigent\u00fcmern, die in ihrer eigenen Wohnung wohnen. Andererseits k\u00f6nnten die f\u00fcr die h\u00f6heren Mieten aufgewendeten Mittel gespart oder f\u00fcr den Konsum von G\u00fctern und Dienstleistungen ausgegeben werden, die \u2013 im Gegensatz zu den Mieten \u2013 mehrwertsteuerpflichtig sind. W\u00e4re mit diesem Geld mehr konsumiert worden, h\u00e4tten die Produzenten wom\u00f6glich mehr Einkommenssteuern bezahlt als die Wohnungseigent\u00fcmer. Dies kann der Fall sein, wenn der Anteil von im Ausland wohnhaften Liegenschaftseigent\u00fcmern nicht gleich hoch ist wie der Anteil der Importe. Bei den \u00f6ffentlichen Ausgaben bewirken h\u00f6here Mieten tendenziell einen Anstieg der Sozialausgaben.&#13;<\/p>\n<h3>Gesundheitswesen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAusl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte sind beim Gesundheitspersonal \u00fcbervertreten. Ohne sie m\u00fcssten die L\u00f6hne erh\u00f6ht werden, um diese Berufe f\u00fcr Einheimische attraktiv zu machen, was die Gesundheitskosten f\u00fcr den Staat und die Haushalte erh\u00f6hen w\u00fcrde. Der Mangel an Schweizer \u00c4rzten ist teilweise dem Numerus clausus zuzuschreiben. Dieser wirkt sich indirekt auf die Staatsfinanzen aus, wenn einheimische Personen, die das Medizinstudium h\u00e4tten absolvieren k\u00f6nnen, durch Zugewanderte ersetzt wurden. Es kommt zu einem \u00abVerdr\u00e4ngungswettbewerb\u00bb. Gleichzeitig gilt es aber auch die vermiedenen Ausbildungskosten zu ber\u00fccksichtigen. Da die medizinische Versorgung zum Teil eine eigene Nachfrage erzeugt, erh\u00f6ht der Zustrom ausl\u00e4ndischer Spezialisten tendenziell die Gesundheitskosten.&#13;<\/p>\n<h3>Gesellschaftssystem<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer wirtschaftliche Wohlstand und damit die Gesundheit der \u00f6ffentlichen Finanzen ist weitgehend auf das zur\u00fcckzuf\u00fchren, was der britische \u00d6konom Paul Collier als \u00absocial model\u00bb bezeichnet: eine Kombination aus Institutionen, Regeln, Normen und Organisationen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Eine zentrale Rolle im Sozialsystem spielen insbesondere die Institutionen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Das Gesellschaftssystem kann durch Immigration beeinflusst werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe K\u00fcnzi und Sch\u00e4rrer (2004), Liebig und Mo (2013), Ramel und Sheldon (2012), Weber (1993) sowie Weber und Straubhaar (1996). Die Arbeiten von Nathalie Ramel und George Sheldon behandeln die Frage am detailliertesten.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Ramel und Sheldon (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Da es um die Auswirkungen der Immigration geht, werden alle Zugewanderten ber\u00fccksichtigt, auch Personen, die inzwischen die Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft besitzen. Ramel und Sheldon (2012) berechnen auch die Fiskalbilanz ohne eingeb\u00fcrgerte Zugewanderte.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Bruchez (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Collier (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Acemoglu und Robinson (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweiz ist knapp ein Drittel der Wohnbev\u00f6lkerung im Ausland geboren, und der Trend zeigt nach oben. 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Exodus, Penguin Books.<\/li>&#13;\n \t<li>K\u00fcnzi, Kilian und Markus Sch\u00e4rrer (2004). <a href=\"https:\/\/www.buerobass.ch\/fileadmin\/Files\/2004\/NFP45_Inzidenz_erw_Zusammenfassung.pdf\">Wer zahlt f\u00fcr die Soziale Sicherheit und wer profitiert davon? Eine Analyse der Sozialtransfers in der Schweiz<\/a>, BASS, Verlag R\u00fcegger: Z\u00fcrich.<\/li>&#13;\n \t<li>Liebig, Thomas und Mo Jeffrey (2013). <a href=\"https:\/\/read.oecd-ilibrary.org\/social-issues-migration-health\/perspectives-des-migrations-internationales-2013_migr_outlook-2013-fr#page135\">L\u2019impact fiscal de l\u2019immigration dans les pays de l\u2019OCDE, Perspectives des migrations internationales<\/a>, Paris, OECD, Kapitel 3.<\/li>&#13;\n \t<li>Ramel, Nathalie und Sheldon George (2012). <a href=\"https:\/\/www.sem.admin.ch\/dam\/data\/sem\/eu\/fza\/personenfreizuegigkeit\/expertise-fiskalbilanz-d.pdf\">Fiskalbilanz der Neuen Immigration in die Schweiz<\/a>, Universit\u00e4t Basel.<\/li>&#13;\n \t<li>Weber, Ren\u00e9 (1993). Einwanderung und staatliche Umverteilung: Eine \u00f6konomische Wirkungsanalyse f\u00fcr die Schweiz, Chur, Verlag R\u00fcegger.<\/li>&#13;\n \t<li>Weber, Ren\u00e9 und Straubhaar Thomas (1996). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/content\/pdf\/10.1007\/BF02707810.pdf\">Immigration and the Public Transfer System: Some Empirical Evidence for Switzerland<\/a>, Review of World Economics, 132(2), 330\u2013355.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Wohnbev\u00f6lkerung und Gleichgewichtsbev\u00f6lkerung","kasten_box":"In diesem Artikel bezeichnet der Begriff <em>Wohnbev\u00f6lkerung<\/em> die Einwohner ohne Unterscheidung nach Staatsangeh\u00f6rigkeit. Der Begriff bildet einen Gegensatz zur Migrationsbev\u00f6lkerung, die durch Immigrationswellen zu dieser Wohnbev\u00f6lkerung hinzukommt. 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