{"id":106593,"date":"2018-06-25T11:00:16","date_gmt":"2018-06-25T11:00:16","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/06\/renold-07-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:01:38","modified_gmt":"2023-08-23T21:01:38","slug":"bildung-renold-07-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/06\/bildung-renold-07-2018\/","title":{"rendered":"Berufsbildung: Governance in der Schweiz vorbildlich"},"content":{"rendered":"<p>Das Interesse am Schweizer Berufsbildungssystem ist weltweit gross. Davon zeugt die rege Teilnahme von ausl\u00e4ndischen Politikern und Unternehmern am dritten Internationalen Berufsbildungskongress von Anfang Juni in Winterthur. Ausl\u00e4ndische Bildungsexperten hoffen, dank einer verbesserten Berufsbildung die Jugendarbeitslosigkeit zu senken sowie Angebot und Nachfrage nach Arbeitskr\u00e4ften besser aufeinander abzustimmen. Allerdings ist die \u00dcbertragbarkeit von Elementen aus einem Land in das andere anspruchsvoll, weil die rechtlichen, historischen, kulturellen und \u00f6konomischen Rahmenbedingungen stark variieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Schweizer System besticht mit positiven Outcome-Effekten wie einer tiefen Jugendarbeitslosigkeit und vergleichsweise guten Arbeitsbedingungen. Ein wichtiger Grund daf\u00fcr ist die Steuerung (Governance). Mit anderen Worten: Die interinstitutionelle Zusammenarbeit der massgebenden Stakeholder funktioniert, und die Steuermechanismen setzen die richtigen Anreize.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Folgenden konzentrieren wir uns auf die Berufsbildungssysteme der Schweiz, von Deutschland, \u00d6sterreich und D\u00e4nemark \u2013 sowie auf das Entwicklungsland Nepal, wo die Ausgangslage f\u00fcr eine Verbesserung des Bildungssystems optimal ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz verf\u00fcgt seit 2004 \u00fcber ein \u00abintegriertes\u00bb Berufsbildungssystem, das vielf\u00e4ltige Anschl\u00fcsse zu weiterf\u00fchrenden formalen Bildungsg\u00e4ngen erm\u00f6glicht. Integriert bedeutet, dass ein einziges Bundesamt \u2013 das Staatssekretariat f\u00fcr Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) \u2013 die Steuerung s\u00e4mtlicher Berufe und die Koordination aller Akteure verantwortet. Die im Berufsbildungsgesetz (BBG) von 2004 festgelegten Governance-Mechanismen setzen Anreize, um eine m\u00f6glichst hohe Leistungsf\u00e4higkeit zu erzielen. So regelt das Berufsbildungsgesetz beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und den Organisationen der Arbeitswelt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Schweiz ist die Koppelungsintensit\u00e4t in der Zusammenarbeit zwischen Akteuren des Bildungs- und des Besch\u00e4ftigungssystems hoch.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Da in vielen L\u00e4ndern die Entscheidungskompetenzen einseitig bei Bildungsbeh\u00f6rden liegen, findet diese Zusammenarbeit nicht im selben Ausmass statt. Entsprechend schwierig ist es, die dortigen Unternehmen f\u00fcr ein substanzielles Engagement zu gewinnen. Pilotprojekte m\u00f6gen eine wichtige Experimentierphase sein. Sie reichen aber nicht aus, um ein nachhaltiges Berufsbildungssystem aufzubauen. Vielmehr muss das Zusammenspiel der beteiligten Akteure in der Governance abgebildet und entsprechende Anreizmechanismen gemeinsam festgelegt werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Formale und nonformale Bildung<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz ist die formale Berufsbildung klar von nonformalen Weiterbildungen abgegrenzt. Beispiele f\u00fcr die formale Berufsbildung sind die berufliche Grundbildung sowie die h\u00f6here Berufsbildung. Demgegen\u00fcber z\u00e4hlen Arbeitsmarktintegrationsprogramme wie das Motivationssemester oder Kurzzeitkurse, welche von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren angeboten werden, zu den nicht formalen Angeboten. Der nonformale Bildungsbereich ist seit 2017 im Weiterbildungsgesetz geregelt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Klarheit herrscht nicht in allen L\u00e4ndern. Insbesondere in Entwicklungsl\u00e4ndern wird oft nicht zwischen formalen Kurzzeitkursen und formalen Bildungsabschl\u00fcssen unterschieden \u2013 was den sozialen Status der Berufsbildung schw\u00e4cht. Es gilt daher zu pr\u00fcfen, welche formalen Programme den Namen \u00abBerufsbildung\u00bb verdienen, d. h. staatlich anerkannt werden und welche Programme nonformale Kurse sind, die eine andere Funktion erf\u00fcllen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese beiden Bildungsformen \u2013 formal und nicht formal \u2013 unterscheiden sich in wesentlichen normativen Steuerungsfragen. So sind formale Bildungswege oft staatlich anerkannt, und auch die Zulassungen und Qualit\u00e4tsanforderungen sind h\u00e4ufig gesetzlich geregelt. W\u00e4hrend eine formale berufliche Grundbildung prim\u00e4r den Ersteinstieg in den Arbeitsmarkt sicherstellt, ist der Zweck von nicht formalen Kursen, sich auf den neusten Stand der Erkenntnisse zu bringen oder den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt anzustreben. Dies geschieht zum Beispiel, indem Kompetenzen nachgeholt werden, die aufgrund des Verfahrens zur Anerkennung von bereits erworbenen Kompetenzen fehlen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Governance-Modelle erleichtern Analyse<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDa Berufsbildungsprogramme dem steten Wandel unterworfen sind, erlassen oft verschiedene Ministerien und Institutionen eigene Richtlinien. Dieses historische Wachstum f\u00fchrt manchmal dazu, dass Bildungsprogramme vom Bildungsministerium nicht anerkannt sind. Besonders akut ist dieses Problem im Gesundheitswesen, in der Land- und Forstwirtschaft, im Tourismus (in Entwicklungsl\u00e4ndern) \u2013 oder bei gewissen sicherheitsrelevanten Berufen wie zum Beispiel bei Elektroinstallateuren. Auch in der Schweiz waren vor dem Inkrafttreten des Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2004 etliche Berufe durch unterschiedliche Bundes- und Kantonsbeh\u00f6rden reguliert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHinzu kommt, dass dort, wo die Berufsbildungsprogramme dual aufgebaut sind, d. h. ein hoher Anteil des Lernens in den Betrieben stattfindet, oft auch das Wirtschaftsministerium eine gewisse Regelungskompetenz hat. Dies ist beispielsweise in Deutschland der Fall.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSolche Fragmentierungen tragen nicht dazu bei, dass die Berufsbildung als Institution gest\u00e4rkt werden kann. Zugleich erschweren sie die Erforschung der Outcome-Effekte. Eine Studie aus Deutschland aus dem Jahr 2009 hat Governance-Modelle entwickelt, die f\u00fcr die L\u00e4nder D\u00e4nemark, Deutschland, \u00d6sterreich und Schweiz erprobt wurden.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Autoren kamen zum Schluss, dass drei der vier L\u00e4nder eine \u00e4hnliche Steuerung haben, aber nur die Schweiz seit 2004 eine Steuerung aus einer Hand aufweist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Studie unterscheidet bei der Steuerung zwischen dem Intergrationsgrad der beteiligten Akteursgruppen, der entweder fragmentiert oder koordiniert ist, und dem Steuerungsmodus, der output- oder inputorientiert ist. Daraus ergeben sich vier Steuerungstypen, welche mittels Expertenfokusgruppen und eines Fragebogens f\u00fcr die untersuchten L\u00e4nder eruiert wurden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Schweiz findet sich seit 2004 eine koordiniert-outputorientierte Steuerung. Das heisst, auf Bundesebene ist das SBFI f\u00fcr alle Berufe verantwortlich. Pro Beruf gibt es ein Rahmencurriculum f\u00fcr alle Lernorte, und die Finanzierung der Lernenden ist pro Kopf geregelt. Zudem arbeiten die rund 600 Organisationen der Arbeitswelt in Koordination mit Bund und Kantonen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDemgegen\u00fcber war die Governance in der Schweiz vor 2004 fragmentiert-inputorientiert. Damals waren verschiedene Bundes\u00e4mter, Kantone und andere Institutionen f\u00fcr die Regelung der Berufe verantwortlich. Zudem gab es je ein eigenes Curriculum f\u00fcr den Lernort Betrieb und Schule; das Finanzierungssystem war inputorientiert und die Berufsverb\u00e4nde waren zum Teil national und zum Teil kantonal organisiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNebst der Schweiz weisen auch D\u00e4nemark und \u00d6sterreich eine mehr oder weniger koordiniert-outputorientierte Governance auf. In Deutschland hingegen ist die Steuerung fragmentiert-inputorientiert. Das hat damit zu tun, dass Deutschland mit der letzten Verfassungs\u00e4nderung den Bundesl\u00e4ndern mehr Kompetenzen im Bildungsbereich gab.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Nepal: Erkenntnisse als Chance<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSolche Governance-Modelle sind f\u00fcr die Steuerung von Berufsbildungssystemen wichtig, weshalb wir an der ETH Z\u00fcrich derzeit ein Benchmark-Instrument f\u00fcr weitere L\u00e4nder entwickeln. Da insbesondere Entwicklungsl\u00e4nder von einer verbesserten Governance in der Berufsbildung profitieren k\u00f6nnen, haben wir vergangenes Jahr in Nepal solche Steuerungsmechanismen untersucht. Das Projekt bot Gelegenheit, die oben beschriebenen Governance-Modelle anzupassen und zu messen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Nepal dr\u00e4ngt sich diesbez\u00fcglich geradezu f\u00fcr eine solche Messung auf, da es sich mitten in einem komplexen F\u00f6deralisierungsprozess befindet und auch die Berufsbildung neu organisiert werden muss. Eine \u00c4nderung in Richtung wirksamer Steuerung ist in einer solchen Situation einfacher zu realisieren, als wenn zuerst s\u00e4mtliche Ministerien von einer Reform hin zu einer besseren Koordination \u00fcberzeugt werden m\u00fcssen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn einer Umfrage wollten wir wissen, wie Experten die Situation heute und f\u00fcr das Jahr 2030 einsch\u00e4tzen (siehe <em>Abbildung<\/em>). Gegenw\u00e4rtig sind die Berufsbildungsaktivit\u00e4ten und die nonformalen Arbeitsmarktintegrationsprogramme in Nepal nicht getrennt behandelt und auf rund 17 Ministerien verteilt. Entsprechend fassen die Experten ihre heutige Situation als fragmentiert-inputorientiert auf. Die Zukunft soll einheitlicher sein. Nepal strebt eine hohe Koordination und Outputorientierung an, welche es im neuen Berufsbildungsgesetz regeln will.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Steuerungstypen von Governance-Modellen in der Berufsbildung&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/06\/Renold_DE_1_1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-79003\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2018\/06\/Renold_DE_1_1.png\" alt=\"\" width=\"1914\" height=\"1554\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die horizontale Achse dr\u00fcckt die Werte auf dem Kontinuum zwischen einem tiefen Integrationsgrad von Akteuren (Wert = 1) und einem hohen Integrationsgrad (10) aus. Die vertikale Achse zeigt das Kontinuum zwischen Input- (10) und Outputorientierung (1) von Anreizmechanismen.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZusammenfassend l\u00e4sst sich f\u00fcr Nepal sagen: Die F\u00f6deralisierung der Bildung und die damit verbundene Neukonzeption des Berufsbildungswesens in Nepal sind eine einmalige Chance, die Steuerungsmechanismen neu zu definieren. Dazu muss beispielsweise gekl\u00e4rt werden, wie viele Ministerien k\u00fcnftig f\u00fcr die Regelung der Berufsbildung zust\u00e4ndig sein sollen oder welche Anreize gesetzt werden k\u00f6nnen, damit Firmen sich substanziell an der Ausbildung beteiligen. Erfreulicherweise zeigte unsere Studie bereits Wirkung. So ist in der neuen nationalen Regierung nur noch das Bildungsministerium f\u00fcr die formale Berufsbildung zust\u00e4ndig.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Benchmark-Instrument entwickeln wir laufend weiter, damit es in weiteren L\u00e4ndern zum Zug kommen kann. Ziel ist es, dereinst weltweit die Zusammenh\u00e4nge zwischen der Leistungsf\u00e4higkeit von Berufsbildungssystemen und den Governance-Modellen zu analysieren.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Renold und Bolli (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Renold und Bolli (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Rauner und Wittig (2009).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Interesse am Schweizer Berufsbildungssystem ist weltweit gross. 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A Report in Support of Developing Understanding and Finding the Way Forward for Federalizing the TVET Sector in Nepal. KOF Studies, No. 89. April 2017.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":106596,"main_focus":[156233,156972],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":106600,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"78801","post_abstract":"Da bei der Berufsbildung unz\u00e4hlige Akteure eine Rolle spielen, sind Steuerungsmechanismen (Governance) entscheidend. Die Governance ist in der Schweiz gut aufgegleist: Die Zusammenarbeit zwischen den Stakeholdern funktioniert, und die Steuermechanismen setzen die richtigen Anreize. Technisch gesprochen verf\u00fcgt die Schweiz somit wie D\u00e4nemark und \u00d6sterreich \u00fcber eine koordiniert-outputorientierte Governance. Demgegen\u00fcber ist die Steuerung in Deutschland fragmentiert-inputorientiert. Eine Studie der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich hat die Governance-Erkenntnisse auf die Situation in Nepal \u00fcbertragen, wo derzeit das Bildungssystem umgebaut wird. 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