{"id":106779,"date":"2018-06-20T08:00:25","date_gmt":"2018-06-20T08:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/06\/interview-mit-br-schneider-ammann-07-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:02:16","modified_gmt":"2023-08-23T21:02:16","slug":"interview-mit-johann-schneider-ammann-07-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/06\/interview-mit-johann-schneider-ammann-07-2018\/","title":{"rendered":"\u00abDie Berufsbildung liegt mir besonders am Herzen\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Welchen Beruf wollten Sie als Kind erlernen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBergf\u00fchrer oder Zimmermann. Das waren meine ersten ernsthaften Berufsw\u00fcnsche.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was empfehlen Sie heute einem Neuntkl\u00e4ssler? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEr soll auf Interesse und Begabung schauen. Der erste Entscheid f\u00fcr einen beruflichen Weg wird mit Sicherheit nicht der letzte sein. Dank unserem durchl\u00e4ssigen System sind sp\u00e4ter Abzweigungen m\u00f6glich.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Bilden wir gen\u00fcgend Techniker aus?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit sieben Jahren steigen die Studierendenzahlen in den Fachbereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik an den Hochschulen st\u00e4rker als in den \u00fcbrigen F\u00e4chern. Das ist erfreulich.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Jeder zehnte Jugendliche verf\u00fcgt weder \u00fcber einen Lehrabschluss noch \u00fcber eine Maturit\u00e4t, sondern hat lediglich die obligatorische Schule abgeschlossen. Bund und Kantone wollen die Quote auf 5 Prozent senken. Ist dieses Ziel \u00fcberhaupt realistisch?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs ist ambitioniert. Bei den in der Schweiz geborenen Jugendlichen sind wir bereits nahe dran: Von den 25-J\u00e4hrigen verf\u00fcgen 94 Prozent \u00fcber einen nachobligatorischen Abschluss.\u00a0Hingegen ist das Ziel f\u00fcr Personen, die erst sp\u00e4ter in die Schweiz kamen und somit unser Bildungssystem nicht vollst\u00e4ndig durchlaufen haben, mit lediglich 73 Prozent noch nicht erreicht. Hier sind weitere Anstrengungen n\u00f6tig.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Welche? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJugendlichen, die keine Lehrstelle finden oder Schwierigkeiten in der Lehrzeit haben, stehen Br\u00fccken-, Coaching- und Mentoring-Angebote zur Verf\u00fcgung. Diese Angebote gilt es zu nutzen und zu koordinieren. Bund und Kantone wollen zudem anerkannten Fl\u00fcchtlingen und vorl\u00e4ufig Aufgenommenen den Eintritt in eine Berufslehre erleichtern.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der berufliche Erfolg h\u00e4ngt in der Schweiz vom sozialen Status der Eltern ab. Was tut der Staat?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nZwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg besteht am Ende der neunten Klasse effektiv ein gewisser Zusammenhang, wie die Pisa-Erhebungen zeigen. Allerdings ist der Zugang zur Terti\u00e4rbildung in der Schweiz deutlich weniger stark von der Bildung der Eltern abh\u00e4ngig als in L\u00e4ndern wie beispielsweise Deutschland oder D\u00e4nemark. Das liegt insbesondere an der von Bund und Kantonen engagiert verfolgten hohen Durchl\u00e4ssigkeit unseres Bildungssystems, das solche Disparit\u00e4ten zu mindern vermag.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Ein Neuntkl\u00e4ssler soll auf Interesse und Begabung schauen.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><strong>Anfang Jahr haben Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt das Leitbild \u00abBerufsbildung 2030\u00bb einstimmig verabschiedet. Die Grunds\u00e4tze sind allgemein gehalten. Handelt es sich um einen Papiertiger?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein, das ist ein n\u00fctzliches Papier, das nun aber noch in Projekten konkretisiert werden muss. Daran arbeiten die Verbundpartner der Berufsbildung \u2013 Bund, Kantone, Organisationen der Arbeitswelt \u2013 gemeinsam.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die von Ihnen im Jahr 2011 lancierte Fachkr\u00e4fteinitiative setzt unter anderem auf die Berufsbildung f\u00fcr Erwachsene: Ungelernte Erwachsene k\u00f6nnen einen staatlich anerkannten Abschluss nachholen. Wie erfolgreich ist dieses Instrument?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir sind zufrieden: Seither hat die Zahl der Erwachsenen ohne Berufsabschluss um \u00fcber 10 Prozent abgenommen, und die Zahl der Berufsabschl\u00fcsse von Erwachsenen steigt von Jahr zu Jahr.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Sie betonen die Wichtigkeit des lebenslangen Lernens. Wo beginnt die Eigenverantwortung des Einzelnen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nLebenslanges Lernen ist ein Muss \u2013 jeder ist selber daf\u00fcr verantwortlich. Der Staat soll nur unterst\u00fctzend eingreifen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Lohnt es sich f\u00fcr den Staat, eine Weiterbildung zu finanzieren? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMan muss \u00fcber das eigene K\u00e4sseli hinausdenken \u2013 dann lohnt es sich gesamtwirtschaftlich. So entlastet eine von der Arbeitslosenversicherung bezahlte Weiterbildung m\u00f6glicherweise \u2013 ohne das direkt zu beabsichtigen \u2013 die Gesundheitskosten und tr\u00e4gt zu h\u00f6heren Steuereinnahmen bei. Oder: Indem der Staat einen Sprachkurs finanziert, sinken die Sozialhilfekosten.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Am wenigsten unterst\u00fctzen Arbeitgeber Mitarbeiter ohne Berufsabschluss.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><strong>\u00c4ltere Arbeitnehmende, Niedrigqualifizierte oder Teilzeit arbeitende Frauen sind benachteiligt, wenn es um Weiterbildung geht: Arbeitgeber erm\u00f6glichen ihnen nur selten eine Weiterbildung, wie Daten des Bundesamtes f\u00fcr Statistik zeigen. Sollten die Unternehmen hier nicht mehr tun?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs steht im Interesse der Arbeitgeber, die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter auf allen Stufen zu beg\u00fcnstigen. Meines Wissens lassen sich aufgrund des Geschlechts keine signifikanten Unterschiede feststellen. Auch bei den Teilzeitbesch\u00e4ftigten mit einem Besch\u00e4ftigungsgrad zwischen 50 und 90 Prozent kommen zwei Drittel der Betroffenen in den Genuss von arbeitgeberunterst\u00fctzter Weiterbildung. Personen, die weniger als 50 Prozent arbeiten, werden hingegen seltener unterst\u00fctzt. Am wenigsten unterst\u00fctzen Arbeitgeber Mitarbeiter ohne Berufsabschluss. Die Weiterbildung von Niedrigqualifizierten f\u00f6rdert der Bund deshalb mit dem Programm \u00abGrundkompetenzen am Arbeitsplatz\u00bb.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der Bundesrat hat j\u00fcngst beschlossen, mehr Geld f\u00fcr die h\u00f6here Berufsbildung auszugeben. Wer sich auf eine eidgen\u00f6ssische Pr\u00fcfung vorbereitet, wird seit Anfang Jahr finanziell unterst\u00fctzt. Warum?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz braucht mehr hoch qualifizierte Fachkr\u00e4fte. Mit den Bundesbeitr\u00e4gen wollen wir die Kursteilnehmer finanziell entlasten und zu einer H\u00f6herqualifizierung motivieren. Zudem wollen wir mehr Gerechtigkeit auf der terti\u00e4ren Bildungsstufe schaffen. Im Vergleich zu den Hochschulen erh\u00e4lt die h\u00f6here Berufsbildung wenig \u00f6ffentliche Mittel.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Woher nimmt der Bund das Geld?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWirtschaft, Kantone und Bund finanzieren die h\u00f6here Berufsbildung gemeinsam. Sie ist einer der Schwerpunkte in der laufenden F\u00f6rderperiode. Die daf\u00fcr notwendigen Mittel hat das Parlament bewilligt. Insgesamt sind f\u00fcr die Jahre 2017 bis 2020 rund 360 Millionen Franken vorgesehen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der liberale Thinktank Avenirsuisse kritisiert, bei den Hochschulen finde eine Nivellierung gegen unten statt. Was sagen Sie dazu?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nVerbesserungen sind immer m\u00f6glich. Wir sprechen hier von Optimierungen auf hohem Niveau. Schweizer Universit\u00e4ten spielen in der Topliga: Die ETH Z\u00fcrich gilt als die beste kontinentaleurop\u00e4ische Hochschule. Die Leistungen unserer Hochschulen sind unter anderem auch deswegen so gut, weil wir in der Schweiz das Ph\u00e4nomen der Massenuniversit\u00e4ten nicht kennen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was sagen Sie zum Vorwurf, die B\u00fcrokratie in Lehre und Forschung nehme zu?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSchon fr\u00fcher klagten Professoren \u00fcber viel B\u00fcrokratie, weil sie sich mit Dingen wie Immatrikulation, Testaten und der Organisation von Pr\u00fcfungsaufsichten befassen mussten. \u00a0Diesbez\u00fcglich werden sie inzwischen von einer professionellen Hochschuladministration entlastet. Heute kritisieren sie den Mehraufwand, der bei der Qualit\u00e4tssicherung, der F\u00fchrung oder der Drittmittelakquisition entsteht. Es gilt, unn\u00f6tige B\u00fcrokratie zu vermeiden. Letztlich muss eine Balance zwischen der Forschungsfreiheit und einem sorgf\u00e4ltigen Umgang mit \u00f6ffentlichen Geldern gefunden werden.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Jeder vierte Student bricht das Studium ab. Was kann dagegen getan werden? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese hohe Zahl t\u00e4uscht: Sie beinhaltet auch Studierende, die ihr Fach oder die Ausbildung wechseln. Wirklich problematisch sind nur diejenigen F\u00e4lle, wo Studierende am Schluss ohne Abschluss dastehen. Als Pr\u00e4sident der Schweizerischen Hochschulkonferenz setze ich mich daf\u00fcr ein, die Studienabbr\u00fcche so stark zu reduzieren wie m\u00f6glich. Die Hochschulen sind nicht unt\u00e4tig geblieben. So informieren sie beispielsweise die Gymnasiasten \u00fcber die Studienvoraussetzungen, f\u00fchren Assessments durch und haben ein Mentorsystem aufgebaut.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ein radikaler Weg w\u00e4re ein fl\u00e4chendeckender Numerus clausus.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Gegensatz zu unseren Nachbarl\u00e4ndern haben wir eine tiefe gymnasiale Maturit\u00e4tsquote. Wer in der Schweiz eine Maturit\u00e4t in der Tasche hat, kann grunds\u00e4tzlich direkt an einer Hochschule studieren. Das soll weiterhin so bleiben. Ausnahmen kennen wir zurzeit nur in speziellen Bereichen wie in der Medizin, wo die Ausbildung auch qualifizierte und teure Praxispl\u00e4tze erfordert.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die Berufswelt wird zusehends akademisiert. So fordern die Rektoren der p\u00e4dagogischen Hochschulen einen Masterabschluss f\u00fcr Primarlehrer und Kinderg\u00e4rtner. Ist das in Ihrem Sinn?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAusbildungswege sollten wir nur dann verl\u00e4ngern, wenn es notwendig ist und die Arbeitswelt dies auch ausdr\u00fccklich verlangt. Die Verl\u00e4ngerung von Ausbildungen ist teuer, und sie geht erfahrungsgem\u00e4ss zulasten sozial benachteiligter Studierender und bereits im Einsatz stehender Fachkr\u00e4fte, die nicht \u00fcber ein neues Diplom verf\u00fcgen. Kommt dazu: L\u00e4ngere Ausbildungswege entziehen dem Arbeitsmarkt wertvolle Fachkr\u00e4fte beziehungsweise verz\u00f6gern deren Eintritt in die Arbeitswelt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was heisst dies im Fall der Primarlehrer?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDar\u00fcber m\u00fcssen die Kantone als Arbeitgeber der Lehrer und Zust\u00e4ndige f\u00fcr die Lehrerbildung entscheiden \u2013 derzeit erachtet die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren einen Bachelorabschluss f\u00fcr Primarlehrer als ausreichend.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Sie sind der erste Bundesrat, der die Bildung komplett unter sich hat. Welche bildungspolitischen Ziele wollen Sie bis zum Ende Ihrer Bundesratszeit noch erreichen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch engagiere mich voll und ganz f\u00fcr die Bildung. Besonders am Herzen liegt mir die Berufsbildung. Mein Ziel ist es, allen Menschen in unserem Land eine Stelle anbieten zu k\u00f6nnen und so praktisch Vollbesch\u00e4ftigung zu sichern. Bildung ist die beste Einladung zum Erfolg. Dadurch bleiben wir an der Spitze der Innovationsrankings.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wenn Sie auf Ihren beruflichen Werdegang zur\u00fcckblicken, was w\u00fcrden Sie anders machen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch habe eine Begabung f\u00fcr alles im Zusammenhang mit Zahlen. Darum schloss ich ein wissenschaftliches Studium ab. Im R\u00fcckblick w\u00fcrde ich es so machen wie mein Sohn, der sein Studium teilweise in franz\u00f6sischer und teilweise in englischer Sprache absolviert hat.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was m\u00f6chten Sie gerne noch lernen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWie bereits gesagt, sind Sprachen in Zeiten der Globalisierung das A und O, und das je l\u00e4nger, je mehr. Neben Franz\u00f6sisch und Englisch w\u00e4ren auch die anderen Sprachen der Weltm\u00e4rkte, insbesondere Spanisch und Chinesisch, von Nutzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Das Interview wurde schriftlich gef\u00fchrt.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welchen Beruf wollten Sie als Kind erlernen? &#13; Bergf\u00fchrer oder Zimmermann. Das waren meine ersten ernsthaften Berufsw\u00fcnsche.&#13; Was empfehlen Sie heute einem Neuntkl\u00e4ssler? &#13; Er soll auf Interesse und Begabung schauen. Der erste Entscheid f\u00fcr einen beruflichen Weg wird mit Sicherheit nicht der letzte sein. 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In den Siebzigerjahren studierte er an der ETH Z\u00fcrich Elektrotechnik. Im Jahr 1990 \u00fcbernahm er die Leitung des Langenthaler Maschinenbauunternehmens Ammann Group. Neun Jahre sp\u00e4ter wurde der Berner FDP-Politiker in den Nationalrat gew\u00e4hlt. Gleichzeitig pr\u00e4sidierte er den Verband der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem. 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