{"id":106997,"date":"2018-05-18T09:30:10","date_gmt":"2018-05-18T09:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/05\/schlaepfer-06-2018fra\/"},"modified":"2023-08-23T23:02:41","modified_gmt":"2023-08-23T21:02:41","slug":"themen-schlaepfer-06-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/05\/themen-schlaepfer-06-2018\/","title":{"rendered":"Neubauten ohne Mieter"},"content":{"rendered":"<p>Lange Zeit sorgte die schwierige Wohnungssuche f\u00fcr Schlagzeilen. Mittlerweile hat sich die Lage auf dem Schweizer Wohnungsmarkt deutlich entspannt, und Wohnungsnot herrscht vor allem noch in den Grossst\u00e4dten. Gesamthaft ist die Zahl der leer stehenden Mietwohnungen seit 2009 kontinuierlich angewachsen, wobei sich die Zunahme in den letzten zwei Jahren beschleunigte. Am 1. Juni 2017 z\u00e4hlte das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) 52\u2019700 bewohnbare, aber leer stehende Wohnungen, die zur dauerhaften Vermietung ausgeschrieben waren. Das sind knapp 2,4 Prozent des Mietwohnungsbestands.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUrsachen gibt es dreierlei. Einmal verl\u00e4uft die Marktabsorption von Mietwohnungen weniger gut als von Wohneigentum, da angesichts der tiefen Zinsen der Kauf von Wohneigentum weiterhin attraktiv ist. So wuchs die Zahl der leer stehenden Mietwohnungen zwischen 2008 und 2017 um 21\u2019000 Einheiten \u2013 gegen\u00fcber einer Zunahme von 3000 Einheiten beim Wohneigentum. Zweitens hat sich in diesem Zeitraum die Zahl der Baubewilligungen bei den Mietwohnungen mehr als verdoppelt, w\u00e4hrend sie sich beim Wohneigentum um ein Drittel reduzierte. Institutionelle Investoren bevorzugen unter anderem den Bau von Mietwohnungen, da Wohneigentum den Anlagenotstand nicht entsch\u00e4rft: Deren Einmalerl\u00f6se m\u00fcssen schliesslich wieder angelegt werden \u2013 und das in Zeiten von Negativzinsen. Drittens hat das Haushaltswachstum wegen der tieferen Nettozuwanderung abgenommen. Zu- und Wegz\u00fcger sind in der Regel Mieter und leben h\u00e4ufig in kleinen Haushalten. Der R\u00fcckgang der Zuwanderung hat daher grossen Einfluss auf die Anzahl der Mietwohnungshaushalte.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Lage ist entscheidend<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOb eine Wohnung belegt ist oder nicht, ist massgeblich von der Lage, dem Baujahr und dem Mietzins abh\u00e4ngig. In den grossen St\u00e4dten Z\u00fcrich, Genf, Basel, Bern, Lausanne und Winterthur liegt die Mietleerwohnungsquote unter 1 Prozent. Demgegen\u00fcber liegen die Quoten von mittelgrossen St\u00e4dten wie St. Gallen oder Biel mit rund 2 Prozent nur leicht unter dem schweizerischen Durchschnitt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Analyse der Leerstandsquoten der Gemeinden zeigt bestimmte Muster. So verf\u00fcgen Gemeinden mit guter Erreichbarkeit zum Beispiel tendenziell \u00fcber einen tieferen Leerstand. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die attraktivsten St\u00e4dte. Insgesamt ist das Leerstandsrisiko auf der (Makro-)Ebene \u00abGemeinde\u00bb aber nicht systematisch erkl\u00e4rbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Zusammenhang zwischen Lage und Leerstand wird deutlicher, wenn man auch die Mikrolage innerhalb einer Gemeinde betrachtet. Auch hier gilt: Je attraktiver eine Wohnung liegt, beispielsweise in Bahnhofsn\u00e4he oder mit Seesicht, desto tiefer ist der Leerstand. W\u00e4hrend aber eine sehr gute Makrolage vor Leerstand sch\u00fctzt, gilt dies nicht uneingeschr\u00e4nkt f\u00fcr die Mikrolagen. Denn der Leerstand ist auch an den Top-Mikrolagen zwischen 2011 und 2016 sp\u00fcrbar angestiegen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Rolle bei der Leerstandsquote spielt auch das Alter einer Liegenschaft. So nimmt der Leerstand einer Mietwohnliegenschaft mit zunehmendem Geb\u00e4udealter ab (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Das hat einerseits mit der Lage zu tun: Liegenschaften an besserer Lage sind tendenziell \u00e4lter, und jede Neuvermietung braucht Zeit. Andererseits \u2013 und das ist ein anderer entscheidender Punkt \u2013 k\u00f6nnten bei einigen neueren Liegenschaften die Mietzinsforderungen f\u00fcr eine Vollvermietung zu hoch sein. Dies gilt umso mehr, als vielerorts die Anfangsmieten sp\u00fcrbar h\u00f6her liegen als die Bestandesmieten von langj\u00e4hrigen Mietern. Nicht nur die Lage- oder Objektqualit\u00e4ten alleine, sondern auch der verlangte Mietzins entscheidet dar\u00fcber, ob eine Wohnung leer steht oder nicht: Je mehr Mietzins f\u00fcr eine Wohnung verlangt wird, desto h\u00f6her ist das Leerstandsrisiko.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Leerstand nach Baujahr der Mietwohnliegenschaften (2016)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='schlaepfer_de_abb1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#schlaepfer_de_abb1').highcharts({\n       \n    chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ' '\n    },\n   \n    xAxis: {\n        categories: [\n            'Vor 1919',\n'1919\u20131945',\n'1946\u20131960',\n'1961\u20131970',\n'1971\u20131980',\n'1981\u20131990',\n'1991\u20132000',\n'2001\u20132005',\n'2006\u20132010',\n'2011\u20132013',\n'2014\u20132016'\n        ],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n       labels: {\n                format: '{value}%' }, min: 0,\n        title: {\n            text: ' '\n        }\n    }, legend: {\n            enabled: false\n        },\n\n    tooltip: {\n        headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br\/>',\n        pointFormat: '{point.y}%'\n    },\n    plotOptions: {\n        column: {\n            pointPadding: 0.2,\n            borderWidth: 0\n        }\n    },\n    series: [{\n      \nlegend: {\n            enabled: false\n        },\n        data: [0.4,\n0.2,\n0.6,\n1.2,\n1.9,\n2.4,\n2.6,\n2.7,\n4.0,\n9.5,\n22.7]\n\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Berechnet werden leerstandsbedingte Einnahmeausf\u00e4lle in den Jahresabrechnungen 2016. Dargestellt ist der Leerstandsmedian von Liegenschaften mit vorwiegender Mietwohnungsnutzung. Die Leerstandsquote ist nicht mit derjenigen des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) vergleichbar.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: W\u00fcest Partner \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInsgesamt reagiert der Leerstand allerdings \u00abunelastisch\u00bb auf Mietpreis\u00e4nderungen. Mit anderen Worten: Der positive Zusammenhang zwischen den prozentualen Mietzinsver\u00e4nderungen und dem in Prozenten gemessenen Leerstand ist schwach ausgepr\u00e4gt, wie die Berechnungen der Preiselastizit\u00e4t zeigen. Als Datenbasis dienten uns Abrechnungen von Mietwohnungen, f\u00fcr welche Lage- und Objektqualit\u00e4ten bekannt sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZur Maximierung der Mietzinseinnahmen kann es sich f\u00fcr den Vermieter somit unter Umst\u00e4nden lohnen, einen gewissen Leerstand in Kauf zu nehmen. Allerdings ist der Einzelfall zu betrachten, denn in einzelnen Teilm\u00e4rkten kann eine Mietpreissenkung den Leerstand ausreichend reduzieren. Hinzu kommt, dass der Leerstand dem Eigent\u00fcmer nebst dem Ausfall von Mietertragseinnahmen einen zus\u00e4tzlichen Aufwand einbrockt: Auch eine leer stehende Wohnung muss geheizt und der Umschwung muss gereinigt werden. Schliesslich fallen bei einer Wiedervermietung h\u00f6here Ausgaben an. Wenn die Leerstandsquote sehr hoch ist, k\u00f6nnen die Verwaltungskosten um bis zu 10 Prozent des Jahresmietertrages h\u00f6her ausfallen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Mieterwechsel d\u00fcrfte zunehmen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie ist der Mietwohnungsleerstand von 2,4 Prozent zu werten? Zun\u00e4chst: Der Leerstand nimmt Druck von den Wohnungsmieten und erm\u00f6glicht den Bewohnern eine ergiebigere Wohnungssuche. Und damit d\u00fcrfte es gerade in St\u00e4dten, in denen sich der Mietwohnungsmarkt etwas entspannt hat, h\u00e4ufiger Mieterwechsel geben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin gewisser Wohnungsleerstand ist normal, weil sowohl der Markt f\u00fcr Mietzinse als auch jener f\u00fcr Baut\u00e4tigkeiten lange Zyklen aufweisen respektive rigide sind. Zum Vergleich: Am Ende der Immobilienkrise in den Neunzigerjahren war die Mietwohnungsleerstandsquote rund 0,5 Prozentpunkte h\u00f6her als heute.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Weiteren f\u00fchrt der aktuelle Bauboom dazu, dass die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen des Wohnungsparks im laufenden Betrieb zur\u00fcckgehen, weil moderne Geb\u00e4ude deutlich klimavertr\u00e4glicher sind als Altbauten. Eine bessere Klimavertr\u00e4glichkeit kann auch durch \u00f6kologische Sanierungen von bestehenden Geb\u00e4uden erreicht werden. Umfassende \u00f6kologische Sanierungen werden durch die Leerstandszunahme allerdings eher gehemmt. Denn je anspruchsvoller die Vermietungssituation ist, desto harziger verl\u00e4uft die \u00dcberw\u00e4lzung der beim Eigent\u00fcmer anfallenden Sanierungskosten auf die Wohnungsmieter.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nProblematisch an der jetzigen Situation sind die hohen Leerstandsziffern in einzelnen Gegenden. In den vom Bundesamt f\u00fcr Statistik festgelegten \u00abMS-Regionen\u00bb Oberaargau und Siders ist mehr als jede zehnte Mietwohnung unbewohnt. Indirekt betroffen ist auch die Altersvorsorge, da Pensionskassen wie auch andere Immobilieninvestoren eine tiefere Rendite mit ihren Renditeliegenschaften erzielen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Weniger Neubauten ab 2020<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn den n\u00e4chsten Jahren wird die Leerstandsquote wohl weiter steigen (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Denn erstens bleibt die Wohnbaut\u00e4tigkeit bis im n\u00e4chsten Jahr hoch, da viele Projekte umgesetzt werden. Zweitens d\u00fcrften die Mieten nur leicht sinken, was die Nachfrage nach zus\u00e4tzlichen Wohnungen nur schwach belebt. Und drittens ist die Nettozuwanderung limitiert, solange es der europ\u00e4ischen Wirtschaft gut geht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAb 2020 wird sich wohl zumindest die Zunahme des Leerstandes abschw\u00e4chen. Der Grund ist die schwierigere und l\u00e4nger andauernde Vermarktung von Neubauten. So stand im Juni 2017 \u2013 gem\u00e4ss der Berechnungsmethode des BFS \u2013 von den weniger als zweij\u00e4hrigen Wohneinheiten jede zehnte Einheit leer (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Das entspricht beinahe einer Verdoppelung gegen\u00fcber dem Jahr 2009. Dies d\u00fcrfte die Planung von Neubauprojekten insgesamt d\u00e4mpfen und dazu f\u00fchren, dass die Investoren die Lagekriterien st\u00e4rker gewichten.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Leerstandsquoten (1995\u20132017)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='schlaepfer_de_2'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#schlaepfer_de_2').highcharts({\n     chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: {\n        categories: ['1995', '1996', '1997', '1998', '1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015', '2016', '2017'],\n        \n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        },labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n        \n    },\n    tooltip: {\n        headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br\/>',\n        pointFormat: '{series.name}: {point.y}%'\n    },\n    \n    series: [\n    {\n        name: 'Alle Wohneinheiten',\n        data: [1.4, 1.6, 1.8, 1.8, 1.6, 1.5, 1.2, 1.0, 0.9, 0.9, 1.0, 1.0, 1.1, 0.9, 0.9, 0.9, 0.9, 1.0, 1.0, 1.1, 1.2, 1.3, 1.5],\n           marker: {\n            enabled: false\n        },\n    }, {\n        name: 'Mietwohnungen',\n        data: [1.9, 2.3, 2.7, 2.9, 2.6, 2.3, 1.9, 1.6, 1.3, 1.4, 1.5, 1.6, 1.6, 1.4, 1.3, 1.4, 1.5, 1.5, 1.5, 1.7, 1.8, 2.1, 2.4],\n           marker: {\n            enabled: false\n        },\n    }, {\n        name: 'Neubauten (nicht \u00e4lter als 2 Jahre)',\n        data: [10.9, 12.8, 12.6, 9.7, 6.9, 5.5, 4.9, 3.9, 3.5, 4.2, 5.2, 5.1, 5.5, 5.3, 5.3, 5.0, 5.4, 5.4, 6.4, 7.4, 7.5, 8.4, 9.8],\n           marker: {\n            enabled: false\n        },\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS und W\u00fcest Partner \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa der Leerstand ein immer wichtigeres Thema bei der Planung von neuen Mietwohnungen wird, bestehen heute st\u00e4rkere Anreize als fr\u00fcher, die Projektentwicklungen an gut erschlossenen Wohnlagen zu realisieren. Es besteht also die Hoffnung, dass zuk\u00fcnftig vermehrt dort gebaut wird, wo viele Menschen leben m\u00f6chten. Eine solche Fokussierung der Baut\u00e4tigkeit an den gut erschlossenen Lagen strebt auch die Raumplanung an: Der zunehmende Leerstand d\u00fcrfte der nach innen gerichteten Siedlungsentwicklung also erheblich Schub verleihen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit sorgte die schwierige Wohnungssuche f\u00fcr Schlagzeilen. Mittlerweile hat sich die Lage auf dem Schweizer Wohnungsmarkt deutlich entspannt, und Wohnungsnot herrscht vor allem noch in den Grossst\u00e4dten. Gesamthaft ist die Zahl der leer stehenden Mietwohnungen seit 2009 kontinuierlich angewachsen, wobei sich die Zunahme in den letzten zwei Jahren beschleunigte. Am 1. 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