{"id":107106,"date":"2018-04-24T10:30:51","date_gmt":"2018-04-24T10:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/04\/comment-lagenda-mediatique-influence-celui-des-parlementairesa\/"},"modified":"2023-08-23T23:02:56","modified_gmt":"2023-08-23T21:02:56","slug":"sciarini-05-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/04\/sciarini-05-2018\/","title":{"rendered":"Der Einfluss der Medien auf die parlamentarische Agenda"},"content":{"rendered":"<p>Es ist nicht m\u00f6glich, all den verschiedenen politischen Themen die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen. Angesichts der F\u00fclle an Ereignissen m\u00fcssen Medienschaffende eine Auswahl treffen und entscheiden, welche Ereignisse eine Berichterstattung verdienen. Eine solche Auswahl m\u00fcssen auch die Politiker treffen. Umso mehr, wenn sie \u2013 wie die Schweizer Parlamentsmitglieder \u2013 ihre T\u00e4tigkeit in einem Milizsystem aus\u00fcben und ihre Ressourcen somit begrenzt sind. Die Aufmerksamkeit, die den verschiedenen Themen zukommt, ist denn auch ausschlaggebend f\u00fcr die \u00abAgenda\u00bb einer Organisation wie etwa einem Verband oder einer Partei.&#13;<\/p>\n<h2>Hauptthemen korrelieren stark<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn einer f\u00fcr den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) durchgef\u00fchrten Studie haben wir die Wechselwirkung zwischen Medienagenda und parlamentarischer Agenda untersucht. Es zeigt sich, dass eine starke Korrelation in Bezug auf die H\u00e4ufigkeit besteht, mit der Themen in den Medien und im Parlament behandelt werden (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">H\u00e4ufigkeit von Themen in NZZ-Artikeln und in parlamentarischen Vorst\u00f6ssen<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='sciarini_de_1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#sciarini_de_1').highcharts({\n  chart: {\n        type: 'bubble',\n        plotBorderWidth: 1,\n        zoomType: 'xy'\n    },\n\n    legend: {\n        enabled: false\n    },\n\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n    \n    xAxis: {\n        gridLineWidth: 1,\n        title: {\n            text: 'NZZ-Artikel'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}'\n        },\n        \n    },\n\n    yAxis: {\n        startOnTick: false,\n        endOnTick: false,\n        title: {\n            text: 'Parlamentarische Vorst\u00f6sse'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}'\n        },\n        value: 65,\n        maxPadding: 0.2,\n       \n    },\n\n\n    plotOptions: {\n      bubble: {\n            minSize: 20,\n            maxSize:20\n        },\n        series: {\n            dataLabels: {\n                enabled: false,\n                format: '{point.name}'\n            },\n          \n        }\n    }, tooltip: {\n        useHTML: true,\n        headerFormat: '<table>',\n        pointFormat: '<h3>{point.country}<\/h3>' +\n            'NZZ-Artikel: {point.x}<br\/>' + \n            'Parlamentarische Vorst\u00f6sse: {point.y}',\n           \n        footerFormat: '<\/table>',\n        followPointer: true\n    },\n\n    series: [{\n    \n        data: [\n          { x:7.5, y: 4.4, name: 'Wirtschaft', country: 'Wirtschaft' },\n            { x:3.8, y: 2.7, name: 'Rechte und Freiheiten', country: 'Rechte und Freiheiten' },\n           { x:5, y: 7.7, name: 'Gesundheit', country: 'Gesundheit' },\n           { x:3.3, y: 5.2, name: 'Landwirtschaft', country: 'Landwirtschaft' },\n            { x:4.5, y: 5.9, name: 'Arbeit und Besch\u00e4ftigung', country: 'Arbeit und Besch\u00e4ftigung' },\n           { x:5.3, y: 5.5, name: 'Bildung, Kultur und Sport', country: 'Bildung, Kultur und Sport' },\n            { x:1.9, y: 3.6, name: 'Umwelt', country: 'Umwelt' },\n            { x:2.3, y: 2.1, name: 'Energie', country: 'Energie' },\n            { x:4.5, y: 5.6, name: 'Zuwanderung und Integration', country: 'Zuwanderung und Integration' },\n            { x:11.1, y: 11.6, name: 'Verkehr', country: 'Verkehr' },\n            { x:4.2, y: 4.7, name:'Justiz', country: 'Justiz' },\n           { x:2, y: 2.8, name: 'Sozialwesen', country: 'Sozialwesen' },\n           { x:1.6, y: 2.3, name: 'Wohnungswesen und Stadtentwicklung', country: 'Wohnungswesen und Stadtentwicklung' },\n            { x:5.9, y: 6.2, name: 'Banken, Finanzwesen und Binnenhandel', country: 'Banken, Finanzwesen und Binnenhandel' },\n            { x:5.2, y: 4.9, name:'Verteidigung', country: 'Verteidigung' },\n         { x:3.2, y: 4.1, name: 'Wissenschaft, Technik und Kommunikation', country: 'Wissenschaft, Technik und Kommunikation' }, \n           { x:1.2, y: 1.3, name:'Aussenhandel', country: 'Aussenhandel' }, \n           { x:8.4, y: 7.8, name: 'Aussenpolitik', country: 'Aussenpolitik' }, \n           { x:18.9, y: 11.1, name: 'Organisation des Staates', country: 'Organisation des Staates' }, \n           { x:0.2, y: 0.5, name: '\u00f6ffentlicher Grund und nat\u00fcrliche Ressourcen', country: '\u00f6ffentlicher Grund und nat\u00fcrliche Ressourcen' }\n        ]\n    },\n    {\n        type: 'line',\n        name: 'Regressionslinie',\n        data: [[0, 2], [19, 13]],\n        marker: {\n            enabled: false\n        },\n       \n        enableMouseTracking: false\n    }, ]\n\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Anzahl parlamentarische Vorst\u00f6sse: 9948; Anzahl NZZ-Artikel: 5044.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: SNF \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nThemen mit sehr grosser Medienpr\u00e4senz \u2013 wie Fragen zur Organisation des Staates, zum Transportwesen oder zur Auslandspolitik \u2013 sind auch bei den parlamentarischen Vorst\u00f6ssen stark vertreten. Wie l\u00e4sst sich diese \u00dcbereinstimmung erkl\u00e4ren? Orientieren sich die Parlamentsmitglieder bei der Themenwahl f\u00fcr ihre Anfragen, Interpellationen, Motionen und parlamentarischen Initiativen an der medialen Berichterstattung? Und in welchem Masse beeinflussen sie mit ihren Vorst\u00f6ssen umgekehrt, wie h\u00e4ufig die verschiedenen Themen in den Medien behandelt werden?&#13;<\/p>\n<h2>Ergebnisse variieren je nach System<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Ergebnisse der Studie lassen sich in drei Punkten zusammenfassen. Erstens: Eine in der Schweiz und sechs weiteren L\u00e4ndern durchgef\u00fchrte Vergleichsanalyse in Zusammenarbeit mit Forschenden des internationalen Projekts \u00abComparative Agendas Project\u00bb (siehe <em>Kasten<\/em>) verdeutlicht, dass der Einfluss der Medienagenda auf die parlamentarische Agenda st\u00e4rker wirkt als umgekehrt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dieselbe Analyse zeigt ausserdem, dass die Parlamentsmitglieder der Oppositionsparteien sich bei der Themenwahl st\u00e4rker an den Medien orientieren als die Mitglieder der Regierungsparteien. Letztere sind durch Koalitionsvertr\u00e4ge gebunden und daher zur\u00fcckhaltender. Die Opposition kann die von den Medien gelieferten Informationen dagegen nach Belieben ausschlachten, um die Regierung zu hinterfragen und herauszufordern. In L\u00e4ndern, in denen die Regierung nur von einer einzigen Partei gestellt wird, wie Spanien oder Grossbritannien, ist dies ausgepr\u00e4gter zu beobachten. Weniger deutlich ist es in L\u00e4ndern, die von Koalitionen regiert werden, wie etwa D\u00e4nemark oder die Niederlande.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens: Wie sieht die Wechselwirkung zwischen Medienagenda und politischer Agenda in der Schweiz aus?<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Situation in unserem Land unterscheidet sich von der anderer L\u00e4nder, in denen ebenfalls mehrere Parteien an der Regierung beteiligt sind. Ein Grund daf\u00fcr ist, dass der Bundesrat gegen\u00fcber den grossen Parteien sehr integrativ ist \u2212 schliesslich sind sie alle im Bundesrat vertreten. Gleichzeitig sind die kleinen Parteien fast automatisch ausgeschlossen, da sie so gut wie keine Chance haben, in den Bundesrat aufgenommen zu werden. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass unsere Parlamentsmitglieder wegen der direkten Demokratie den Botschaften der Medien und der \u00f6ffentlichen Meinung besonders grosse Beachtung schenken. Gem\u00e4ss unseren Analysen gilt auch in der Schweiz: Die Medienagenda beeinflusst die parlamentarische Agenda st\u00e4rker als umgekehrt. Die in den Medien behandelten Themen wirken sich hierzulande allerdings st\u00e4rker auf den Inhalt der gestellten Fragen von Nichtregierungsparteien aus. Weniger stark wirken sie auf die Agenda der Regierungsparteien. In dieser Beziehung hat die Schweiz paradoxerweise mehr \u00c4hnlichkeiten mit L\u00e4ndern, die von einer Partei regiert werden, als mit L\u00e4ndern, die von einer Koalition regiert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDrittens sind beim Einfluss der Medien Unterschiede festzustellen, je nachdem, ob es bei der Berichterstattung um Europathemen geht oder nicht.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> So bedienen sich die Parlamentsmitglieder eher der Informationen in den Medien, wenn es um innenpolitische Themen geht. Weniger h\u00e4ufig tun sie dies, wenn die Artikel Europafragen behandeln. Zur\u00fcckzuf\u00fchren ist dies wohl darauf, dass die politische Mitbestimmung der Parlamentsmitglieder bei Europathemen eingeschr\u00e4nkter ist als bei innenpolitischen Fragen. Aus dem gleichen Grund lassen sich die Parlamentsmitglieder bei europ\u00e4ischen Themen vor allem im Rahmen ihrer T\u00e4tigkeiten zur Kontrolle der Exekutive von den Medien inspirieren, d. h. f\u00fcr Anfragen und Interpellationen. In der Innenpolitik beeinflusst die Medienagenda dar\u00fcber hinaus auch den Inhalt von parlamentarischen Vorst\u00f6ssen \u2013 wie Postulate, Motionen und parlamentarische Initiativen \u2013, mit denen ein Entscheidungsprozess in Gang gesetzt werden kann.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vliegenthart, Rens et al. \u00abDo the Media Set the Parliamentary Agenda? A Comparative Study in Seven Countries\u00bb, in: European Journal of Political Research, 55, 2016, S.\u00a0283\u2212301.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Sciarini, Pascal,\u00a0 Anke Tresch und Rens Vliegenthart (2018). Partisan Moderators of the Relationships Between Media Agenda and Parliamentary Agenda in the Netherlands and Switzerland, Genf (nicht ver\u00f6ffentlicht), Departement f\u00fcr Politikwissenschaften und internationale Beziehungen der Universit\u00e4t Genf.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Sciarini Pascal und Anke Tresch (2018). The Political Agenda-setting Power of the Media: The Europeanisation Nexus, Genf (nicht ver\u00f6ffentlicht), Departement f\u00fcr Politikwissenschaften und internationale Beziehungen der Universit\u00e4t Genf.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht m\u00f6glich, all den verschiedenen politischen Themen die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen. Angesichts der F\u00fclle an Ereignissen m\u00fcssen Medienschaffende eine Auswahl treffen und entscheiden, welche Ereignisse eine Berichterstattung verdienen. Eine solche Auswahl m\u00fcssen auch die Politiker treffen. 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Dieses gemeinsame Schema umfasst 20 politische Themen, wie etwa Gesundheit, Einwanderung, internationale Fragen, sowie mehr als 250 Unterthemen. Das erleichtert den internationalen Vergleich der Agenden F\u00fcr diesen Artikel wurden die Daten der Jahre 1995\u22122003 verwendet. Jeden zweiten Tag wurden alle in der <em>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/em> <em>(NZZ)<\/em> auf der Titelseite und der ersten Seite der nationalen Meldungen erschienenen Artikel codiert. Das bedeutet, dass insgesamt fast 10\u2019000 Artikel sowie etwa 10\u2019000 parlamentarische Vorst\u00f6sse (Anfragen, Interpellationen, Postulate, Motionen und parlamentarische Initiativen) codiert wurden."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":107109,"main_focus":[156261,156992],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":107113,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"77125","post_abstract":"Die Parlamentsmitglieder nutzen die Medien, um die Bed\u00fcrfnisse der Gesellschaft zu erfahren und sich die Informationen zu beschaffen, die sie f\u00fcr die Aus\u00fcbung ihrer Gesetzgebungs- und Kontrollfunktionen ben\u00f6tigen. 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