{"id":107493,"date":"2018-02-26T11:02:05","date_gmt":"2018-02-26T11:02:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/02\/scheidegger-03-2018\/"},"modified":"2025-06-16T10:53:59","modified_gmt":"2025-06-16T08:53:59","slug":"scheidegger-03-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/02\/scheidegger-03-2018\/","title":{"rendered":"Das BIP als unerl\u00e4sslicher Kompass"},"content":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandprodukt (BIP) geniesst als makro\u00f6konomische Kerngr\u00f6sse einen umstrittenen Ruf. F\u00fcr die einen sind das BIP und das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) eine unverzichtbare Grundlage f\u00fcr die Erfassung der wirtschaftlichen Leistungsf\u00e4higkeit. F\u00fcr die anderen gilt die Kennzahl geradezu als Sinnbild weltweiter Probleme wie Armut, Umweltverschmutzung, Verteilungsk\u00e4mpfe. Das Ende des BIP als Leitindikator der wirtschaftlichen Entwicklung wird schon seit Jahrzehnten proklamiert. Es ist m\u00f6glicherweise diese stetige Kritik, welche dem Konzept heute mehr denn je Glaubw\u00fcrdigkeit verleiht.<\/p>\n<p>Die methodologischen Urspr\u00fcnge des Bruttosozialproduktes, des Vorl\u00e4ufers des BIP, gehen auf die Dreissigerjahre des 20. Jahrhunderts zur\u00fcck. Es brauchte offensichtlich den historischen Einschnitt der Grossen Depression, um den Grundlagenarbeiten zur systematischen Erhebung von gesamtwirtschaftlichen Grunddaten den Durchbruch zu erm\u00f6glichen: Nach langen Krisenjahren wollten die Regierungen in Grossbritannien und den USA verstehen, wie sich das Nationaleinkommen unter diesen ausserordentlich schwierigen Umst\u00e4nden entwickelt hatte.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2><strong>Keine Alternativen in Sicht <\/strong><\/h2>\n<p>Die konzeptionellen Grundlagen des BIP wurden nicht als Indikator zur Messung der Lebensqualit\u00e4t geschaffen. Es ging vielmehr um den Anspruch einer buchhalterischen Erfassung aller Wirtschaftsaktivit\u00e4ten. So gesehen ist es nicht erstaunlich, dass selbst nach j\u00fcngsten umfassenden \u00dcberpr\u00fcfungen des Konzeptes der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) der Stellenwert des BIP als Indikator f\u00fcr die landesweite Wirtschaftsleistung faktisch alternativlos ist.<\/p>\n<p>Allerdings stellt keine seri\u00f6se \u00f6konomische Analyse des Wirtschaftsverlaufes allein auf die Entwicklung des BIP respektive der entsprechenden Komponenten ab. Weitere Indikatoren wie Konsumentenstimmung, Unternehmensumfragen zum Auftragseingang oder zum Investitionsverhalten, Besch\u00e4ftigung oder Arbeitslosigkeit erg\u00e4nzen die Orientierung am BIP. Auch gibt es f\u00fcr alle Industriel\u00e4nder etablierte komplement\u00e4re Konzepte f\u00fcr die Messung einer nachhaltigen Entwicklung und Lebensqualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Zurzeit steht die VGR unter einem scheinbar neuen Rechtfertigungsdruck. Legitimerweise wird diskutiert, wie internetbasierte Dienstleistungen, die wir vermeintlich kostenlos konsumieren, geb\u00fchrend in die Wertsch\u00f6pfungsmessung einfliessen. Neue Gesch\u00e4ftsmodelle \u2013 etwa der \u00abGafa-Konzerne\u00bb (Google, Apple, Facebook, Amazon) \u2013 scheinen durch Einsatz neuer Technologien, sehr hohe Skaleneffekte sowie das rigorose Erschliessen von Netzwerkeffekten die VGR auf den Kopf zu stellen. Gratisleistungen f\u00fchren allerdings nicht zwingend zur systematischen Untersch\u00e4tzung der in Geldeinheiten gemessenen Wertsch\u00f6pfung. Denn auch die meisten dieser neuartigen Dienstleistungen werden bezahlt, entweder direkt oder indirekt, zum Beispiel \u00fcber Werbeeinnahmen.<\/p>\n<p>Diese aktuelle Debatte zeigt jedenfalls, wie der technische Fortschritt die konzeptionellen statistischen Grundlagen immer wieder herausfordert. Solche technische Neuerungen mussten auch schon fr\u00fcher ber\u00fccksichtigt werden. So f\u00fchrte das Aufkommen des Personal Computers in den Achtzigerjahren zu einer langen Debatte, wie die Produktion von immer g\u00fcnstigeren und leistungsf\u00e4higeren Computern real \u2013 sprich: korrigiert um die deutlich zunehmende Qualit\u00e4t \u2013 erfasst werden kann. Sp\u00e4ter verlagerte sich die Diskussion auf die angemessene Erfassung der Softwareherstellung sowie von Forschung und Entwicklung, die als \u00abimmaterielle\u00bb Leistung bis vor wenigen Jahren nicht als Investitionen in die VGR einfloss.<\/p>\n<h2><strong>Politische Wachstumsvorgaben sind heikel<\/strong><\/h2>\n<p>Ein anderes Missverst\u00e4ndnis zur Finalit\u00e4t der VGR geht davon aus, dass eine BIP-Zunahme zu den vordringlichen Zielen der Politik geh\u00f6rt. Dabei gibt es hierzulande keine politischen Vorgaben f\u00fcr ein \u00abZielwachstum\u00bb. Die viertelj\u00e4hrlichen Prognosen, die der Bund, die Schweizerische Nationalbank (SNB) und private Instituten erstellen, geben den privaten und \u00f6ffentlichen Entscheidungstr\u00e4gern Orientierung, wie sich die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t in den kommenden Quartalen entwickeln k\u00f6nnte. In der kurzen Frist sind sie gewissermassen eine exogene Gr\u00f6sse, aber kein politisches Versprechen \u00fcber die Entwicklung des wirtschaftlichen Wohlstandes der B\u00fcrger.<\/p>\n<p>Dieser Umstand ist erw\u00e4hnenswert, weil in anderen L\u00e4ndern mit der k\u00fcnftigen Wirtschaftsentwicklung st\u00e4ndig Wahlkampf betrieben wird. Ob Regierungsparteien oder Oppositionsparteien: Im Ausland ist die Verlockung deutlich gr\u00f6sser, der W\u00e4hlerschaft eine rosige wirtschaftliche Zukunft zu versprechen. Zur Jahrtausendwende liess sich etwa der Europ\u00e4ische Rat, das Gremium der Staats- und Regierungschefs der EU, in der \u00abLissabon Agenda 2010\u00bb zu einem explizit angepeilten j\u00e4hrlichen realen Wachstum von 3 Prozent \u00fcber zehn Jahre verleiten. Die Eurokrise liess diese Tr\u00e4ume platzen. Seither sind die EU-Gremien mit solchen Versprechen zur\u00fcckhaltender geworden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kommt dem langfristigen Wirtschaftswachstum auch in der Schweizer Wirtschaftspolitik ein hoher Stellenwert als politischer Kompass zu \u2013 und damit auch dem BIP respektive dem BIP pro Kopf als dem international anerkannten Mass hierf\u00fcr. Wirtschaftswachstum bedeutet auf die L\u00e4nge nicht nur, dass sich die Haushalte mehr oder teurere Autos, Fernseher oder Ferien leisten k\u00f6nnen. Aus dem von Innovation getriebenen Wachstum resultieren im Endeffekt auch eine bessere Gesundheitsversorgung, eine bessere Ern\u00e4hrung, ein l\u00e4ngeres Leben, mehr Freizeit, eine bessere Altersvorsorge und anderes mehr. Daran d\u00fcrften ausnahmslos alle Menschen in der Schweiz interessiert sein, und deswegen muss dieses Verst\u00e4ndnis von Wohlstandsmehrung weiterhin ein Ziel der Wirtschaftspolitik sein. Aber selbstverst\u00e4ndlich gilt dies nicht uneingeschr\u00e4nkt, sondern nur unter Ber\u00fccksichtigung anderer Ziele wie zum Beispiel Umweltschutz oder Umverteilung. Die Austarierung unterschiedlicher Ziele und m\u00f6glicher Zielkonflikte ist eine Konstante der Politik. Dies soll auch in Zukunft so sein.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Zu den Anf\u00e4ngen der BIP-Messung vgl. <a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch218\/2\/kuettel-indergand-3-218\/\">Beitrag<\/a> von Ronald Indergand und Philippe K\u00fcttel in dieser Ausgabe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bruttoinlandprodukt (BIP) geniesst als makro\u00f6konomische Kerngr\u00f6sse einen umstrittenen Ruf. F\u00fcr die einen sind das BIP und das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) eine unverzichtbare Grundlage f\u00fcr die Erfassung der wirtschaftlichen Leistungsf\u00e4higkeit. F\u00fcr die anderen gilt die Kennzahl geradezu als Sinnbild weltweiter Probleme wie Armut, Umweltverschmutzung, Verteilungsk\u00e4mpfe. 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GDP \u2013 A Brief but Affectionate History, Princeton.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Haskel, Jonathan, Westlake, Stian (2018). Capitalism Without Capital \u2013 The Rise of the Intangible Economy. Princeton University Press, Princeton.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Sachverst\u00e4ndigenrat, Conseil d\u2019Analyse Economique (2010). Wirtschaftsleistung, Lebensqualit\u00e4t und Nachhaltigkeit: Ein umfassendes Indikatorensystem. Wiesbaden, Paris.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Stiglitz-Sen-Fitoussi Commission SSFC (2009). <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/eurostat\/documents\/118025\/118123\/Fitoussi+Commission+report\">Report by the Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress<\/a>.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"Im BIP ist die Wertsch\u00f6pfung eines Landes erfasst.","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":107496,"main_focus":[156275,157002],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":211257,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"76056","post_abstract":"Das Konzept der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gibt immer wieder Anlass zu Kritik. Bei diesen Vorbehalten ist zu unterscheiden zwischen methodischen Bem\u00e4ngelungen und falschen Erwartungen an das Bruttoinlandprodukt (BIP) als makro\u00f6konomische Kerngr\u00f6sse. Die methodologischen Grundlagen zur Messung der gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung mussten seit je an die technologische Entwicklung und an neue Erkenntnisse angepasst werden. Dies ist den zust\u00e4ndigen Fachgremien bisher recht gut gelungen, weshalb das BIP als Indikator f\u00fcr die landesweite Wirtschaftsleistung faktisch alternativlos ist. Auch die Kritik am BIP als Gradmesser des Wohlstandes ist kein Grund, auf den international anerkannten wirtschaftspolitischen Kompass zu verzichten. Eine politische Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung durch erg\u00e4nzende Indikatoren ist heute Standard.","magazine_issue":"20250616","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":"","korrektor":"","planned_publication_date":"2018-02-26 10:02:05","original_files":null,"external_release_for_author":"20180129","external_release_for_author_time":"23:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5a5f23ce8002c"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107493"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2752"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107493"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":211376,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107493\/revisions\/211376"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157002"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156275"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2752"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/211257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=107493"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=107493"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=107493"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=107493"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=107493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}