{"id":107519,"date":"2018-02-26T11:00:45","date_gmt":"2018-02-26T11:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2018\/02\/martinez-mueller-03-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:03:26","modified_gmt":"2023-08-23T21:03:26","slug":"martinez-03-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2018\/02\/martinez-03-2018\/","title":{"rendered":"Eng verbunden: Budgetplanung des Bundes und BIP-Prognosen"},"content":{"rendered":"<p>Das Bundesbudget ist ein zentrales Planungsinstrument des Bundesrates. Der Voranschlag mit integriertem Aufgaben- und Finanzplan zeigt auf, welche \u00f6ffentlichen G\u00fcter und Dienstleistungen der Bund bereitstellt, welche Massnahmen er f\u00fcr die Erreichung seiner Verteilungs- und Stabilisierungsziele ergreift und welche Ressourcen ihm daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung stehen. Eine entscheidende Rolle f\u00fcr die Budgetierung spielt das wirtschaftliche Umfeld.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDamit die Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung (EFV) ein m\u00f6glichst pr\u00e4zises Budget erstellen kann, muss sie \u00fcber ein detailliertes Bild der aktuellen und k\u00fcnftigen Verfassung der Wirtschaft verf\u00fcgen. Wichtige Arbeitsinstrumente sind dabei die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sowie die Konjunkturprognosen der Expertengruppe des Bundes. Auf Basis dieser Werte analysiert die Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung die Haushaltslage und passt die Finanzpolitik entsprechend an.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZu Beginn des Budget- und Finanzplanungsprozesses werden die volkswirtschaftlichen Referenzgr\u00f6ssen f\u00fcr das Budgetjahr und die drei folgenden Finanzplanjahre festgelegt. Dazu werden die entsprechenden Prognosen der Expertengruppe \u00fcbernommen und f\u00fcr die Finanzplanjahre erg\u00e4nzt. Neben den Prognosen zum realen Wirtschaftswachstum umfassen sie auch Arbeitsmarktprognosen wie Lohnentwicklung und Arbeitslosenquote sowie Annahmen zum monet\u00e4ren Umfeld wie Zinsen, Inflation und Wechselkurse. Die EFV stellt dadurch sicher, dass die unterschiedlichen \u00c4mter der Bundesverwaltung auf einer einheitlichen und konsistenten Grundlage budgetieren.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Einnahmen: BIP als zentrale Gr\u00f6sse<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Sch\u00e4tzung der Einnahmen ist das makro\u00f6konomische Referenzszenario, welches sich aus den Prognosen ergibt, von grosser Relevanz. Je genauer die Wirtschaftsprognose ausf\u00e4llt, umso kleiner sind auch die Budgetabweichungen bei den Einnahmen (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Prognosefehler bei den ordentlichen Bundeseinnahmen und dem nominalen BIP (2000\u20132016)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='martinez_de_1_1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#martinez_de_1_1').highcharts({\n      chart: {\n        type: 'scatter',        plotBorderWidth: 0.5,\n\n          marker: {\n                radius: 1.5,\n                \n            },\n        zoomType: 'xy'\n    },\n\n    \n\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n   \n\n    xAxis: {\n        gridLineWidth: 1,\n        title: {\n            text: 'Prognosefehler nominales BIP'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n        \n    },\n\n    yAxis: {\n        startOnTick: false,\n        endOnTick: false,\n        title: {\n            text: 'Prognosefehler ordentliche Einnahmen'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n        maxPadding: 0.2,\n   \n    },\n\n     \n            \n             tooltip: {\n        useHTML: true,\n        headerFormat: '<table>',\n        pointFormat: '<h3>{point.name}<\/h3>' +\n            'Prognosefehler BIP: {point.x}%<br\/>' +\n            'Prognosefehler ord. 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Auf der y-Achse sind die Prognosefehler bei den ordentlichen Einnahmen des Bundes dargestellt. Auf der x-Achse sind die Abweichungen zwischen dem prognostizierten nominalen BIP gem\u00e4ss Budget und dem tats\u00e4chlich realisierten nominalen BIP gem\u00e4ss den vorl\u00e4ufigen Sch\u00e4tzungen des Seco abgetragen. Die Punkte entsprechen den Jahreswerten von 2000 bis 2016.&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--kasten\">Quelle: EFV, Seco, Berechnungen Mart\u00ednez (y = 1.1854x, R\u00b2 = 0.5035) <\/span><span class=\"text__quelle--kasten\">\/ Die Volkswirtschaft<\/span><span class=\"text__quelle--ground\">&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa die Einnahmenentwicklung meist ausserhalb des Einflussbereiches von Bundesrat und Verwaltung liegt, wird f\u00fcr die Sch\u00e4tzungen auf Modelle zur\u00fcckgegriffen, welche die Einnahmenentwicklung in Abh\u00e4ngigkeit von exogenen Einflussgr\u00f6ssen beschreiben. Beispielsweise fliessen die Prognosen zum nominalen Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) unmittelbar in die Sch\u00e4tzung der Mehrwertsteuereinnahmen ein, da zwischen der Ver\u00e4nderung des BIP und jener der Mehrwertsteuereinnahmen ein enger Zusammenhang besteht. So stellt der private Konsum sowohl f\u00fcr die Bemessungsgrundlage der Mehrwertsteuer als auch f\u00fcr das BIP die wichtigste Bestimmungskomponente dar. \u00d6konometrische Sch\u00e4tzungen zeigen, dass die kurzfristige Elastizit\u00e4t der Mehrwertsteuerforderungen in Bezug auf das BIP sehr nahe bei 1 liegt. Mit anderen Worten: In der Vergangenheit f\u00fchrte ein BIP-Wachstum von 1 Prozent zu einer gleich hohen Expansion der Mehrwertsteuerforderungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch bei der direkten Bundessteuer \u2013 neben der Mehrwertsteuer die ergiebigste Fiskaleinnahme des Bundes \u2013 w\u00e4re eine Budgetierung ohne Prognosen zu einzelnen makro\u00f6konomischen Variablen undenkbar. Neben dem Wirtschaftswachstum (Unternehmensgewinnsteuern) werden f\u00fcr die Sch\u00e4tzung beispielsweise die Inflation (\u00abkalte Progression\u00bb) sowie die erwartete Entwicklung der Haushaltseinkommen (Einkommenssteuer) ber\u00fccksichtigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie BIP-Prognosen fliessen nicht nur in die Sch\u00e4tzung der einzelnen Steuern ein, sondern werden auch f\u00fcr die Plausibilisierung der aggregierten Einnahmensch\u00e4tzungen verwendet. \u00c4hnlich wie die Mehrwertsteuereinnahmen sind auch die gesamten ordentlichen Einnahmen des Bundes eng mit der nominalen Wertsch\u00f6pfung verkn\u00fcpft (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn die entsprechenden Einnahmen um Strukturbr\u00fcche wie beispielsweise Mehr- oder Mindereinnahmen aus Steuerreformen bereinigt werden. Auf diese Weise wird bei der Budgetierung die erwartete Einnahmenentwicklung mit dem BIP verglichen und \u00fcberpr\u00fcft, ob die langfristig beobachtete Aufkommenselastizit\u00e4t der Bundeseinnahmen auch in den Budget- und Finanzplanjahren eingehalten wird.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Entwicklung der ordentlichen Bundeseinnahmen im Vergleich zum BIP (1990\u20132016)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='martinez_de_2'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#martinez_de_2').highcharts({\n   chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n    xAxis: [{\n        categories: ['1990', '1991', '1992', '1993', '1994', '1995', '1996', '1997', '1998', '1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015', '2016'],\n        crosshair: true\n    }],\nplotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n\n\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n        labels: {\n            format: '{value}',\n          \n        },\n        title: {\n            text: 'In Mrd. 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Entsprechend muss die aktuelle Wirtschaftslage in der Budgetierung ber\u00fccksichtigt und in Relation gesetzt werden zu ihrem langfristigen Potenzial, das nicht beobachtbar ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls Mass f\u00fcr die tats\u00e4chliche wirtschaftliche Entwicklung dient das preisbereinigte BIP. Anhand eines statistischen Filters<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> wird daraus die nicht beobachtbare stetige Entwicklung, der sogenannte BIP-Trend, bestimmt. Die Budgetierung basiert dabei auf dem BIP der Vorjahre und den j\u00fcngsten Sch\u00e4tzungen f\u00fcr das aktuelle sowie den Prognosen f\u00fcr das Budgetjahr. Die Sch\u00e4tzung f\u00fcr das laufende Jahr erstellt das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) im Rahmen der Quartalssch\u00e4tzungen, w\u00e4hrend die Expertengruppe des Bundes wie erw\u00e4hnt die BIP-Prognosen macht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Kernst\u00fcck der Budgetierung ist es, eine Ausgabenobergrenze festzulegen, die den strukturellen bzw. konjunkturell bereinigten Einnahmen des Bundes entspricht. Diese Bereinigung geschieht mithilfe des sogenannten Konjunkturfaktors, des Quotienten aus BIP-Trend und -Jahreswert. Vereinfacht gesagt, d\u00fcrfen die Ausgaben h\u00f6chstens im Umfang der erwarteten Produktionsl\u00fccke von den Einnahmen abweichen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ausgaben: Konjunktur ebenfalls wichtig<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf die Budgetausgaben haben makro\u00f6konomische Prognosen naturgem\u00e4ss einen kleineren Einfluss als auf die Einnahmen. So sind die Ausgaben in der Regel keine exogenen Gr\u00f6ssen, sondern das Ergebnis staatlichen Handelns. Bundesrat und Parlament legen sie als verbindliche Vorgabe fest, zum Beispiel in Form rechtlicher Erlasse oder mehrj\u00e4hriger Sachplanung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDennoch gibt es Ausgabenbereiche, in denen Konjunkturprognosen eine Rolle spielen. So beeinflusst die Konjunkturentwicklung indirekt Ausgaben, die von den Einnahmen abh\u00e4ngig sind. Dazu geh\u00f6ren insbesondere die Anteile der Kantone und der Sozialversicherungen an den Bundeseinnahmen sowie die R\u00fcckerstattung von Lenkungsabgaben und die Einlagen in die beiden Verkehrsfonds, Bahninfrastrukturfonds und Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds. Zusammen machen diese Ausgaben immerhin rund ein F\u00fcnftel des Budgets aus.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDirekt beeinflussen die Prognosen, wie hoch der Zinsaufwand des Bundes budgetiert wird, welcher einerseits durch das Schuldenniveau und andererseits durch die Zinsentwicklung bestimmt wird. In der Regel \u00fcbernimmt die EFV f\u00fcr das Bundesbudget sowohl die kurzfristigen als auch die langfristigen Zinsprognosen der Expertengruppe.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine besondere Bedeutung im Budgetprozess haben j\u00fcngst die Teuerungsannahmen erlangt. Ab dem Voranschlag 2019 wird der Bundesrat die Teuerung nur noch ausgleichen, wenn diese auch tats\u00e4chlich anf\u00e4llt. Das Parlament hat im Fr\u00fchjahr 2017 eine entsprechende Motion \u00fcberwiesen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Hintergrund des Beschlusses ist die Tatsache, dass das Preisniveau gemessen am Landesindex der Konsumentenpreise seit dem Jahr 2009 kaum mehr gestiegen ist. Gleichzeitig wurde den gesetzlich schwach gebundenen Ausgaben, welche \u00fcber mehrj\u00e4hrige Finanzbeschl\u00fcsse gesteuert werden, jeweils eine Teuerung von rund 1 Prozent gew\u00e4hrt. Dadurch kam es zu einem ungeplanten realen Ausbau der staatlichen T\u00e4tigkeit, der mit entsprechenden Sparprogrammen wieder gebremst werden musste.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbschliessend l\u00e4sst sich sagen: \u00dcber die Budgetierung des Bundes hinaus bildet das BIP in der Finanzpolitik grunds\u00e4tzlich eine wichtige Referenzgr\u00f6sse. Auf ihm basieren die wichtigsten finanzpolitischen Kennzahlen, mit denen die Nachhaltigkeit der \u00f6ffentlichen Finanzen beurteilt wird (bspw. Fiskal-, Staats- und Schuldenquote). Es ist daher aus finanzpolitischer Sicht wichtig, dass die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung die wirtschaftlichen Realit\u00e4ten in der Schweiz m\u00f6glichst genau abbildet.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Modifizierter Hodrick-Prescott-Filter. Siehe Bruchez Pierre-Alain (2003a), A Modification of the HP Filter Aiming at Reducing the End-Point Bias, Working Paper, Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung, \u00d6T\/2003\/3.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Motion 16.3705 des St\u00e4nderats Josef Dittli (FDP, UR).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bundesbudget ist ein zentrales Planungsinstrument des Bundesrates. Der Voranschlag mit integriertem Aufgaben- und Finanzplan zeigt auf, welche \u00f6ffentlichen G\u00fcter und Dienstleistungen der Bund bereitstellt, welche Massnahmen er f\u00fcr die Erreichung seiner Verteilungs- und Stabilisierungsziele ergreift und welche Ressourcen ihm daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung stehen. 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Sektionsleiter Finanzpolitik\/Finanzberichterstattung, Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung (EFV), Bern","seco_author_post_occupation_fr":"\u00c9conomiste, D\u00e9partement f\u00e9d\u00e9ral des finances (DFF), Berne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Budgetplanung des Bundes st\u00fctzt sich auf BIP-Prognosen","post_lead":"Bei der Berechnung des Bundesbudgets st\u00fctzt sich die Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung auf die BIP-Prognosen. 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Diese Angaben wirken sich direkt auf die H\u00f6he des Bundesbudgets aus. Insbesondere bei den Einnahmensch\u00e4tzungen ist der konjunkturelle Einfluss gross. Aber auch bei den Ausgaben spielen Konjunkturprognosen indirekt eine Rolle, da beispielsweise die Kantonsanteile an den Bundeseinnahmen von der Wirtschaftslage abh\u00e4ngen. Einen direkten Einfluss auf die Ausgabenh\u00f6he wiederum haben die Zinsprognosen. 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