{"id":107855,"date":"2017-12-21T10:55:56","date_gmt":"2017-12-21T10:55:56","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/12\/schnyder-01-02-2018fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:03:57","modified_gmt":"2023-08-23T21:03:57","slug":"schnyder-01-02-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/12\/schnyder-01-02-2018\/","title":{"rendered":"Eine Robotersteuer ist keine gute Idee"},"content":{"rendered":"<p>Die Entwicklung von Robotern und k\u00fcnstlicher Intelligenz l\u00e4sst erahnen, welch tiefgreifender Wandel dem Arbeitsmarkt in den n\u00e4chsten Jahrzehnten bevorsteht. Bereits werden Szenarien wie das Verschwinden von Arbeitspl\u00e4tzen oder die Zunahme der Einkommensungleichheit skizziert. Entsprechend sind neue wirtschaftspolitische Massnahmen gefragt. Einige Kreise fordern deshalb eine Robotersteuer f\u00fcr die mit k\u00fcnstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter der neuen Generation. Dies soll in erster Linie die Verbreitung dieser Roboter verlangsamen, sodass sich die Gesellschaft an die zu erwartenden Ver\u00e4nderungen anpassen kann. Da eine solche Steuer Robotertechnologien verteuert, soll menschliche Arbeit wettbewerbsf\u00e4hig bleiben. Ausserdem will man damit Steuerausf\u00e4lle ausgleichen, die durch das Verschwinden von Arbeitspl\u00e4tzen entstehen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Diskussion \u00fcber die Form und das Ausmass der bef\u00fcrchteten Arbeitsmarktver\u00e4nderung ist vielf\u00e4ltig und widerspr\u00fcchlich.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dieser Artikel soll weder zu dieser Debatte beitragen noch eine Zusammenfassung davon bieten. Stattdessen soll untersucht werden, ob sich eine Robotersteuer \u00fcberhaupt eignet. Momentan wird vor allem die Ausgestaltung und Anwendung einer solchen Steuer kontrovers diskutiert. Andere wichtige Fragen gehen dabei fast unter. Beispielsweise: Um was f\u00fcr eine Art von Steuer w\u00fcrde es sich handeln? Was w\u00e4ren die m\u00f6glichen Auswirkungen? Und eignet sich eine Robotersteuer angesichts anderer, bereits bestehender Steuern \u00fcberhaupt?&#13;<\/p>\n<h2>Besteuerung von Produktivkapital<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Einf\u00fchrung einer Robotersteuer k\u00e4me einer Besteuerung von Produktivkapital gleich. Aus wirtschaftlicher Sicht ist sie deshalb weniger sinnvoll als die Besteuerung von Einkommen oder Konsum. Denn sie verteuert Investitionen und mindert den Anreiz zu investieren. Die Bildung von Produktivkapital und das Wirtschaftswachstum w\u00fcrden dadurch gebremst. Doch das ist nicht das einzige Problem: Hinzu kommen die steuerlichen und die administrativen Kosten. Damit die wirtschaftliche Zusatzbelastung einer Steuer m\u00f6glichst gering ist, muss die Steuer neutral sein und darf die Entscheidungen der Steuerpflichtigen nicht beeinflussen. Das bedeutet, dass Unternehmen nicht aufgrund einer Steuer entscheiden sollten, welche juristische Form sie w\u00e4hlen, in welche Projekte sie investieren und wie sie sich finanzieren. Andernfalls f\u00fchrt die Steuer zu Verzerrungen, da die Steuerpflichtigen ihre Situation zu optimieren versuchen. Die Verteilung der Ressourcen h\u00e4ngt dann nicht mehr nur von wirtschaftlichen Kriterien, sondern auch von Steueranreizen ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAber zuallererst m\u00fcsste definiert werden, was aus steuerlicher Sicht ein Roboter ist. Das heisst: Es m\u00fcsste unterschieden werden, f\u00fcr welche Kategorien von Produktivkapital eine Steuer anf\u00e4llt und f\u00fcr welche nicht. Unternehmen, die die gleichen Waren produzieren, w\u00fcrden dann aber aufgrund ihrer Produktionstechnologien unterschiedlich besteuert. Das w\u00fcrde sie dazu bewegen, in die am geringsten besteuerten anstatt in die effektivsten Technologien zu investieren. Die Folge w\u00e4re ein Produktivit\u00e4tsverlust, der sich negativ auf das Steuersubstrat auswirkte. Zu Steuerausf\u00e4llen k\u00e4me es auch, wenn sich die Unternehmen wegen der neuen Steuer zu stark eingeschr\u00e4nkt f\u00fchlten und deshalb lieber im Ausland investierten.&#13;<\/p>\n<h2>Arbeitnehmende tragen Teil der Kosten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00dcber Steuern lassen sich das Verhalten und die Entscheidungen von Unternehmen beeinflussen. Bei unternehmerischen Entscheidungen, deren externe Effekte f\u00fcr die Gesellschaft zu schwer wiegen, kann das sinnvoll sein. Mit einer Robotersteuer liesse sich wom\u00f6glich die Einkommensungleichheit verringern, die durch den Einsatz von Robotern zunehmen k\u00f6nnte. Denn durch die Steuer entstehen Zusatzkosten f\u00fcr diese Technologie, welche die Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Arbeitnehmenden steigern und deren L\u00f6hne st\u00fctzen w\u00fcrden. Um die sozialen Vorteile einer solchen Politik zu beurteilen, m\u00fcssen sie allerdings mit den entgangenen Effizienzgewinnen in Verh\u00e4ltnis gesetzt werden. Zudem m\u00fcssen sie mit den Kosten und Vorteilen anderer fiskalischer Instrumente verglichen werden, mit denen das gleiche Resultat h\u00e4tte erreicht werden k\u00f6nnen. Eine k\u00fcrzlich in den USA durchgef\u00fchrte Studie<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> hat untersucht, ob eine Robotersteuer zur Verringerung der Einkommensungleichheit wirksam ist. Die Studie zeigt, dass der Nutzen gering w\u00e4re. Die Einbussen bei der Wirtschaftseffizienz w\u00e4ren dagegen massiv. Die aufgrund der Robotisierung entstehenden Ungleichheiten liessen sich kosteng\u00fcnstiger verringern: durch eine angepasste Einkommensbesteuerung oder durch direkte Zahlungen an gewisse Arbeitnehmende. Doch die Gesamtkosten einer Steuer zu analysieren, reicht nicht. Es muss auch untersucht werden, wer diese letztlich tr\u00e4gt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Allgemeinen wird vor allem bef\u00fcrchtet, dass viele Arbeitspl\u00e4tze verschwinden werden. Aber die Automatisierung scheint in erster Linie die T\u00e4tigkeiten an sich zu betreffen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Der Grossteil der Arbeitspl\u00e4tze wird vermutlich nicht verschwinden, lediglich die T\u00e4tigkeiten werden sich ver\u00e4ndern. Die Roboter spielten im Produktionsprozess somit vielmehr eine erg\u00e4nzende Rolle. Beschr\u00e4nkt man ihre Zahl, w\u00fcrde dies auch das Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t bremsen. Da die Lohnentwicklung aber an die Arbeitsproduktivit\u00e4t gekoppelt ist,<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> w\u00fcrde ein Teil der wirtschaftlichen Kosten der Robotersteuer somit zulasten der Arbeitnehmenden gehen. Geringere Produktivit\u00e4tsgewinne f\u00fchren ausserdem dazu, dass Preissenkungen, die den Konsumenten zugutekommen, langsamer erfolgen. Die Konsumenten m\u00fcssten die Zeche f\u00fcr die Steuer also indirekt mitbezahlen.&#13;<\/p>\n<h2>Die Schweiz nicht benachteiligen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie j\u00fcngsten Entwicklungen betreffen auch den internationalen Steuerwettbewerb. Dieser d\u00fcrfte durch die Digitalisierung noch st\u00e4rker werden. Eine attraktive Unternehmensbesteuerung ist f\u00fcr die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft von grosser Bedeutung. Vor allem in den besonders mobilen Wirtschaftssektoren muss die effektive Gesamtsteuerlast deshalb niedrig gehalten werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAusserdem d\u00fcrfte die fortschreitende Robotisierung und Digitalisierung die globalen Wertsch\u00f6pfungsketten beeinflussen. Die Schweiz ist in diese Wertsch\u00f6pfungsketten gut integriert. Durch die neuen Technologien k\u00f6nnte die internationale Fragmentierung der Produktion an Attraktivit\u00e4t einb\u00fcssen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Ein immer gr\u00f6sserer Teil der Zwischen- und Endprodukte w\u00fcrde dann im Inland produziert, sodass die Industrieprodukte aus entwickelten Volkswirtschaften wieder wettbewerbsf\u00e4higer w\u00fcrden und es zu weniger Produktionsverlagerungen ins Ausland k\u00e4me. Diesen Aspekt gilt es aufmerksam zu pr\u00fcfen, bevor die Einf\u00fchrung neuer Technologien gebremst wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird es infolge des raschen technologischen Wandels zu strukturellen Ver\u00e4nderungen kommen. Das gilt sowohl f\u00fcr die Produktion an sich als auch f\u00fcr die Produktionstechniken und die weltweite Organisation. Dadurch sind bedeutende Produktivit\u00e4tsgewinne m\u00f6glich, aber es entstehen auch wirtschaftliche und soziale \u00dcbergangskosten. Deshalb braucht es wirksame und konkurrenzf\u00e4hige fiskalische Instrumente, sodass die Schweiz von den neuen M\u00f6glichkeiten profitieren kann und die Dynamik unseres Wirtschaftsstandortes sowie der Wohlstand des Landes bewahrt werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Gates (2017), Abbot und Bogenschneider (2017) sowie Oberson (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Bundesrat (2017) f\u00fcr eine Zusammenfassung.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Guerreiro, Rebelo und Teles (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">OECD (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Meager und Speckesser (2011).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">De Backer und Flaig (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entwicklung von Robotern und k\u00fcnstlicher Intelligenz l\u00e4sst erahnen, welch tiefgreifender Wandel dem Arbeitsmarkt in den n\u00e4chsten Jahrzehnten bevorsteht. 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Bericht des Bundesrates in Erf\u00fcllung der Postulate 15.3854\u00a0Reynard vom 16.09.2015 und 17.3222\u00a0Derder vom 17.03.2017, Bern, 8.\u00a0November.<\/li>&#13;\n \t<li>De Backer, K. und D. Flaig (2017). The Future of Global Value Chains: Business as Usual or \u2018a New Normal\u2019? Direktorat f\u00fcr Wissenschaft, Technologie und Innovation, Dokument Nr.\u00a041, OECD-Publikationen, Paris.<\/li>&#13;\n \t<li>Gates, Bill (2017). The Robot That Takes Your Job Should Pay Taxes, in: Quartz-Magazin, 17.\u00a0Februar.<\/li>&#13;\n \t<li>Meager N. und S. Speckesser (2011). Wages, Productivity and Employment: A Review of Theory and International Data, European Employment Observatory, Thematic Expert Ad-hoc Paper.<\/li>&#13;\n \t<li>Oberson, Xavier (2017). Taxing Robots? From the Emergence of an Electronic Ability to Pay to a Tax on Robots or the Use of Robots, in: World Tax Journal, No. 2, Mai.<\/li>&#13;\n \t<li>OECD (2016). Automation and Independent Work in a Digital Economy, Policy Brief on the Future of Work, OECD-Publikationen, Paris.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":107858,"main_focus":[156289,157012],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":107862,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"74847","post_abstract":"Die Arbeitswelt unterliegt einem tiefgreifenden Wandel. Die Automatisierung der Wirtschaft weckt die Angst vor Arbeitsplatzverlust und zunehmenden Ungleichheiten. Deshalb fordern einige eine Robotersteuer, damit sich die Gesellschaft an die Ver\u00e4nderungen anpassen kann. Doch daraus ergeben sich Probleme. Denn eine Robotersteuer ist eine Besteuerung von Produktivkapital und bremst Investitionen und Wachstum. Ausserdem m\u00fcsste definiert werden, was besteuert wird \u2013 und das k\u00f6nnte zu Diskriminierungen beim Produktionsapparat f\u00fchren. Die wirtschaftlichen Kosten dieser Verzerrungen w\u00fcrden teilweise auf die Arbeitnehmenden und die Konsumenten \u00fcberw\u00e4lzt. Die Robotisierung kann f\u00fcr die Schweiz aber auch eine Chance sein: Wenn gewisse Industriezweige dank Robotern wieder wettbewerbsf\u00e4hig werden, k\u00e4me es zu weniger Produktionsverlagerungen ins Ausland. Schliesslich soll aber auch unser Steuersystem attraktiv bleiben. 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