{"id":107894,"date":"2017-12-21T10:30:49","date_gmt":"2017-12-21T10:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/12\/scheidegger-01-02-2018fr-aufgegriffen\/"},"modified":"2023-08-23T23:04:00","modified_gmt":"2023-08-23T21:04:00","slug":"scheidegger-01-02-2018-aufgegriffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/12\/scheidegger-01-02-2018-aufgegriffen\/","title":{"rendered":"Wann ist nach der Krise vor der Krise?"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren hat man weltweit Vorkehrungen getroffen, um ein \u00e4hnliches Krisendesaster zu vermeiden. Wichtige Lehren aus der Erkenntnis, dass systemrelevante Finanzunternehmen im Extremfall ganze Volkswirtschaften in Schieflage bringen k\u00f6nnen, wurden gezogen. \u00abToo big to fail\u00bb wurde zum gefl\u00fcgelten Begriff. Rund um den Globus wurde die Aufsicht \u00fcber die Finanzindustrie unter Inkaufnahme einer weiteren Regulierungswelle verst\u00e4rkt. Die systemrelevanten Finanzunternehmen sind bez\u00fcglich ihrer Krisenresistenz dank Kapitalst\u00e4rkung und verst\u00e4rkter Aufsicht internationaler Standards grunds\u00e4tzlich besser aufgestellt. Ende gut, alles gut?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00abThis time is different\u00bb geh\u00f6rt offenbar zu den wiederkehrenden Fehlschl\u00fcssen unserer Beobachtungsgabe, wie die \u00d6konomen Carmen M. Reinhart und Kenneth S. Rogoff in ihrer bahnbrechenden Untersuchung der Geschichte von Krisen aus dem Jahr 2009 zeigen. Diese Erkenntnis sollten sich insbesondere Investoren und H\u00e4ndler an den Finanzm\u00e4rkten hinter die Ohren schreiben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDenn Zweifel, dass dieses Mal alles anders ist, sind angebracht. Die Verschuldung des \u00f6ffentlichen Sektors, der Unternehmen (ausserhalb des Finanzsektors) und der Privathaushalte hat in den G-20-L\u00e4ndern auch nach der \u00dcberwindungen der Finanzkrise stetig zugenommen. In dieser L\u00e4ndergruppe erreichte der Schuldenberg (brutto) gemessen an ihrem Bruttoinlandprodukt mittlerweile einen historischen Stand von 235 Prozent. M\u00f6glicherweise in der breiteren \u00d6ffentlichkeit wenig bemerkt, ist das ungest\u00fcme Schuldenwachstum in den letzten Jahren vor allem auch vom zunehmenden Kredithunger des Privatsektors getrieben. Historisch tiefe Zinsen und die fortw\u00e4hrende \u00abJagd nach Rendite\u00bb haben mit Ausnahme von Deutschland, Japan, Grossbritannien und Argentinien in allen G-20-L\u00e4ndern zu einer deutlichen Zunahme der Unternehmensverschuldung gef\u00fchrt. Die Schweiz f\u00e4llt als Nichtmitglied dieses Clubs vor allem durch die weltweit h\u00f6chste Verschuldung der Privathaushalte auf.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Zinsanstieg als Risikoquelle<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSolange die internationale B\u00f6rsen- und Bondmarktrally ihren Schwung beibeh\u00e4lt und die wichtigsten Zentralbanken ihre ausserordentlich lockere Geldpolitik weiterf\u00fchren, kann die Rechnung an den H\u00e4ndlerringen der Finanzm\u00e4rkte noch eine Zeit lang aufgehen. Ein erhebliches Risiko d\u00fcrfte jedoch schon allein von einer unerwartet raschen Zinswende ausgehen. Die finanzielle Tragbarkeitsrechnung s\u00e4he dann f\u00fcr Staatshaushalte und viele private Schuldner wegen der zunehmenden Zins- und damit Schuldenlast schlagartig anders aus. Aus diesem Grund warnen seit einigen Quartalen grosse internationale Organisationen wie der IMF, die OECD oder die Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor der erheblichen Verwundbarkeit der grossen Wirtschaftsr\u00e4ume gegen\u00fcber starken Zinsanstiegen: Viele OECD-L\u00e4nder seien wegen ihrer schon ausserordentlich hohen Staatsschulden kaum noch in der Lage, eine neuerliche Krise mit staatlichen St\u00fctzungs- und Rettungsmassnahmen in Milliardenh\u00f6he abzufedern. Sie haben es verpasst, nach 2009 den Spielraum durch Budget\u00fcbersch\u00fcsse zu erweitern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeltweit sind die Marktakteure und Regierungen unmissverst\u00e4ndlich vorgewarnt. Nach der Krise ist vor der Krise. Ungl\u00fccklicherweise zeigt die Kulturgeschichte von Wirtschaftskrisen eine weitere Gesetzm\u00e4ssigkeit auf. Der Zeitpunkt und das Szenario der n\u00e4chsten Krise sind kaum vorhersehbar. Deshalb betonen die Politikempfehlungen gegenw\u00e4rtig vor allem grundlegende Prinzipien der Vorsorge: vorhersehbare, schrittweise Normalisierung der Geldpolitik, Vermeidung sorgloser Kreditvergabe im Privatsektor, Sicherung der Finanzierbarkeit der Altersvorsorge, Vermeiden struktureller Defizite im \u00f6ffentlichen Sektor. In der Schweiz von besonderer Bedeutung ist die tr\u00e4ge politische Debatte um eine Korrektur falscher Verschuldungsanreize im Steuersystem. Die erw\u00e4hnte hohe Verschuldung der Schweizer Haushalte geht auf steuerliche Anreize zur Hypothekarkreditaufnahme zur\u00fcck. \u00abH\u00e4uslebauer\u00bb zu f\u00f6rdern, ist sch\u00f6n und gut. Im aktuellen Risikoumfeld kann dies jedoch zum Einfallstor der neuen Krise nach der Krise werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren hat man weltweit Vorkehrungen getroffen, um ein \u00e4hnliches Krisendesaster zu vermeiden. 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