{"id":107973,"date":"2017-11-23T10:19:32","date_gmt":"2017-11-23T10:19:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/11\/oesch-12-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:04:37","modified_gmt":"2023-08-23T21:04:37","slug":"murphy-oesch-2017-12d","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/11\/murphy-oesch-2017-12d\/","title":{"rendered":"Keine Polarisierung in der Schweizer Berufsstruktur"},"content":{"rendered":"<p>Seit der industriellen Revolution sind Beobachter des sozialen Wandels fasziniert von der Frage nach der Entwicklung der Berufsstruktur: F\u00fchren technologischer Fortschritt und Strukturwandel zu einer breiten Mittelschicht? Oder h\u00f6hlen sie diese im Gegenteil aus und f\u00fchren zu einer Polarisierung der Gesellschaft?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Nachkriegszeit lautet die Antwort nein: \u00dcberall in Westeuropa nahm die Besch\u00e4ftigung in wenig qualifizierten Berufen der Landwirtschaft und der Industrie ab. Zugleich wurden bei den Unternehmensdienstleistungen, in der Gesundheit und der Bildung viele hoch qualifizierte Stellen geschaffen. Das Resultat war ein starkes Wachstum der Mittelklasse (zum Begriff siehe <em>Kasten 1<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNach der Jahrtausendwende hat sich der Glaube an die stete Aufwertung der Berufsstruktur verfl\u00fcchtigt. Mit der Digitalisierung der Wirtschaft sind nicht mehr nur Landarbeiter und Maschinenbediener von der Automatisierung betroffen, sondern auch kaufm\u00e4nnische Angestellte und Postbeamte. Als Folge verbreitete sich in der \u00d6konomie die These, dass der technologische Wandel zur Polarisierung der Berufsstruktur und der Erosion der Mittelklasse f\u00fchre. Ob sie stimmt, haben wir f\u00fcr die Schweiz mit der Volksz\u00e4hlung und der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake) untersucht (siehe <em>Kasten 2<\/em>).&#13;<\/p>\n<h2><strong>Topberufe legen zu<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZwischen 1970 und 2010 ist die Besch\u00e4ftigung in der Schweiz in jedem Jahrzehnt am st\u00e4rksten im obersten Quintil gewachsen. Dieses umfasst jene 20 Prozent der Erwerbst\u00e4tigen, die in den am h\u00f6chsten bezahlten Berufen arbeiten (siehe <em>Abbildung<\/em>). Der Besch\u00e4ftigungszuwachs hat sich dabei von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verst\u00e4rkt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Gegensatz dazu schrumpfte die Besch\u00e4ftigung in den am schlechtesten bezahlten Berufen (unterstes Quintil). Der Stellenr\u00fcckgang am unteren Ende des Arbeitsmarkts war nach der \u00d6lkrise 1973 sowie nach der Rezession Anfang der Neunzigerjahre besonders ausgepr\u00e4gt. W\u00e4hrend des Baubooms der Achtzigerjahre nahm die Besch\u00e4ftigung im untersten Quintil, und damit in den niedrig entlohnten Berufen, hingegen nochmals zu. Damit sind die Achtzigerjahre das einzige Jahrzehnt, in welchem sich die Besch\u00e4ftigungsstruktur polarisiert hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den zwei folgenden Jahrzehnten wurden hingegen nirgends so wenige Stellen geschaffen wie im untersten Quintil. Seit 1990 finden wir keinerlei Anzeichen f\u00fcr einen polarisierten Wandel der Berufsstruktur. Im Gegenteil: In den Neunziger- und Nullerjahren wuchs die Besch\u00e4ftigung am deutlichsten im obersten Quintil und nahm im untersten Quintil am st\u00e4rksten ab.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ver\u00e4nderung in der schweizerischen Besch\u00e4ftigungsstruktur (1970 bis 2010)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Oesch_Murphy_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Oesch_Murphy_1_de').highcharts({\n  chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['1970\u20131980',\t'1980\u20131990',\t'1990\u20132000',\t'2000\u20132010']\n    },\n    yAxis: [{\n        labels: {\n            format: ' {value}',\n\n        },\n        title: {\n            text: 'Anzahl Stellen',\n          \n        }\n    }],\n    credits: {\n        enabled: false\n    },\n    series: [{\n        name: 'Quintil 1',\n        data: [-113000,277000,-315000,-14000]\n    }, {\n        name: 'Quintil 2',\n        data: [-34000,-21000,17000,-11000]\n    }, {\n        name: 'Quintil 3',\n        data: [7000,-3000,98000,67000]\n    },\n     {\n        name: 'Quintil 4',\n        data: [28000,141000,170000,87000]\n    },\n    {\n        name: 'Quintil 5',\n        data: [136000,261000,325000,348000]\n    }]\n});\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Lesebeispiel: Zwischen 1970 und 1980 nahm die Besch\u00e4ftigung im Quintil 1, welches 1970 jene 20 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung umfasste, die in den am tiefsten entlohnten Berufen arbeiteten, um 113\u2019000 Stellen ab.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Volksz\u00e4hlungen (1970\u20132010), Strukturerhebung (2010) \/ Die Volkswirtschaft&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Die \u00abneue\u00bb Mittelklasse<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizerische Arbeitskr\u00e4fteerhebung zeigt, welche Berufsklassen sich seit Anfang der Neunzigerjahre hinter den wachsenden und schrumpfenden Quintilen verbergen. Die Berufsstruktur wurde in den letzten 25 Jahren dank des starken Wachstums der lohnabh\u00e4ngigen Mittelklasse aufgewertet: Zwischen 1991 und 2016 legte der Besch\u00e4ftigungsanteil von Managern und Projektmitarbeitern um 8,5 Prozentpunkte zu, jener von soziokulturellen Experten wie \u00c4rzten, Lehrern und Sozialarbeitern stieg um 3,3 Punkte, und der Besch\u00e4ftigungsanteil von technischen Experten wie Ingenieuren, Informatikern und Technikern erh\u00f6hte sich um 2,1 Punkte (siehe <em>Tabelle<\/em>). Insgesamt ist in den letzten zwei Jahrzehnten der Anteil dieser \u00abneuen\u00bb Mittelklasse an der Besch\u00e4ftigung von 34 auf 48 Prozent gestiegen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Ver\u00e4nderung der Besch\u00e4ftigung nach Berufsklassen (zwischen 1991\/92 und 2015\/16)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/11\/Oesch_Murphy_Tabelle_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-74658\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/11\/Oesch_Murphy_Tabelle_DE.png\" alt=\"\" width=\"2554\" height=\"1162\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Tabelle zeigt die Verteilung der Besch\u00e4ftigung der 18- bis 65-J\u00e4hrigen mit einer Wochenarbeitszeit von 20 Stunden oder mehr. Es sind jeweils die Durchschnitte von 1991 und 1992 sowie von 2015 und 2016 aufgef\u00fchrt. Die Berechnungsbasis ist der detaillierte Berufscode (ISCO 4-Digit).<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZwei Berufsgruppen haben zwischen 1991 und 2016 stark an Gewicht verloren: Der Besch\u00e4ftigungsanteil von Produktionsarbeitern hat sich um 7 Prozentpunkte verringert, und jener von B\u00fcrohilfskr\u00e4ften \u2013 dem Backoffice \u2013 ging um 8 Prozentpunkte zur\u00fcck. Bei beiden Gruppen handelt es sich nicht um den Kern der Mittelschicht, sondern um die traditionelle Arbeiterklasse einerseits sowie die wenig gesicherte untere Mittelklasse andererseits.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNur eine Kategorie der Arbeiterklasse konnte seit 1991 zulegen: Die pers\u00f6nlichen Dienstleistungsangestellten steigerten ihren Besch\u00e4ftigungsanteil um 2 Prozentpunkte. Dieses Wachstum war jedoch bei Weitem zu schwach, um den Abbau in den wenig qualifizierten Stellen der Landwirtschaft, der Industrie und des Backoffice zu kompensieren. Anders als von der Polarisierungsthese erwartet, wurden in der Schweiz neue Arbeitspl\u00e4tze vor allem in den hoch qualifizierten Dienstleistungsberufen geschaffen: bei Programmierern, Juristen und Beratern \u2013 und nicht bei Haushaltshilfen, Verk\u00e4ufern oder Barkeepern.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Bildungsexpansion als Treiber<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie in den meisten westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern gibt es somit in der Schweiz \u2013 im Gegensatz zu den USA und Grossbritannien \u2013 keine Anzeichen f\u00fcr eine Polarisierung der Besch\u00e4ftigungsstruktur.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Der Strukturwandel der letzten Jahrzehnte hat nicht die Mittelklasse erodiert, sondern die R\u00e4nge der Industriearbeiter und B\u00fcrohilfskr\u00e4fte ausged\u00fcnnt. In der Folge schrumpfte die Arbeiterklasse. Dennoch ist sie keineswegs verschwunden. Auch heute noch finden wir beim Medianlohn Berufe wie Maurer, Mechaniker, st\u00e4dtische Reiniger und Lastwagenfahrer \u2013 Berufe, die traditionell den Arbeitern, und nicht der Mittelschicht, zugeordnet werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist bemerkenswert, dass diese Aufwertung der Berufsstruktur nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit oder einem R\u00fcckgang der Erwerbsquote in der Schweiz gef\u00fchrt hat. So lag die Erwerbsquote zwischen 1991 und 2010 konstant bei 82 Prozent. Die Arbeitslosenquote, wiederum, betrug zwischen 1991 und 2000 durchschnittlich 3,5 Prozent und zwischen 2001 und 2010 3,1 Prozent.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Grund f\u00fcr diese Stabilit\u00e4t ist, dass das Bildungssystem in den letzten Jahrzehnten eine wachsende Anzahl von Schulabg\u00e4ngern mit mittleren und h\u00f6heren Abschl\u00fcssen hervorgebracht hat. Die Bildungsexpansion hat mit dem technologischen Wandel Schritt gehalten und \u2013 gemeinsam mit den zunehmend besser ausgebildeten Einwanderern \u2013 die wachsende Qualifikationsnachfrage der Unternehmen befriedigt.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnser Ergebnis der Aufwertung der Berufsstruktur widerlegt somit zwei unerfreuliche Annahmen: Erstens f\u00fchrt die Digitalisierung der Wirtschaft nicht zwingend zu einer Polarisierung der Besch\u00e4ftigung. Und zweitens ist auch die Annahme falsch, dass postindustrielle Volkswirtschaften nur Vollbesch\u00e4ftigung erreichen k\u00f6nnen, wenn sie ihr Lohngef\u00fcge nach unten hin \u00f6ffnen und viele gering bezahlte Dienstleistungsstellen schaffen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Oesch (2013), Eurofound (2015).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Murphy and Oesch (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der industriellen Revolution sind Beobachter des sozialen Wandels fasziniert von der Frage nach der Entwicklung der Berufsstruktur: F\u00fchren technologischer Fortschritt und Strukturwandel zu einer breiten Mittelschicht? Oder h\u00f6hlen sie diese im Gegenteil aus und f\u00fchren zu einer Polarisierung der Gesellschaft?&#13; &#13; F\u00fcr die Nachkriegszeit lautet die Antwort nein: \u00dcberall in Westeuropa nahm die Besch\u00e4ftigung [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3932,"featured_media":23797,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3932,"seco_co_author":[4613,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Professor f\u00fcr Soziologie am Institut f\u00fcr Sozialwissenschaften der Universit\u00e4t Lausanne","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur de sociologie \u00e0 l\u2019Institut des sciences sociales, universit\u00e9 de Lausanne","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":4613,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"PhD in Social Sciences, Research Officer am Centre on Skills, Knowledge and Organisational Performance (Skope), University of Oxford","seco_co_author_post_occupation_fr":"Sociologue, charg\u00e9e de recherche au Centre on Skills, Knowledge and Organisational Performance (Skope) de l\u2019universit\u00e9 d\u2019Oxford"}],"short_title":"Keine Polarisierung in der Schweizer Berufsstruktur","post_lead":"Hoch qualifizierte Berufe haben in der Schweiz seit den Siebzigerjahren an Bedeutung gewonnen, w\u00e4hrend viele Tieflohnjobs verschwunden sind. Dies wirkt sich positiv auf die Berufsstruktur aus.","post_hero_image_description":"Guter Lohn dank hoher Qualifikation: Technische Experten testen eine Drohne.","post_hero_image_description_copyright_de":"Shutterstock","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"<ul>&#13;\n \t<li>Eurofound (2015). Upgrading or Polarisation? Long-term and Global Shifts in the Employment Structure: European Jobs Monitor 2015. Dublin: European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions.<\/li>&#13;\n \t<li>Kocka, J. (1995). The Middle Classes in Europe. Journal of Modern History 67(4): 783\u2013806.<\/li>&#13;\n \t<li>Murphy, E. und Oesch, D. (2017). Is Employment Polarization Inevitable? Occupational Change in Ireland and Switzerland, 1970\u20132010. Work, Employment and Society, im Erscheinen.<\/li>&#13;\n \t<li>Oesch, D. (2013). Occupational Change in Europe. How Technology and Education Transform the Job Structure. Oxford: Oxford University Press.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Kasten 1: Der Begriff der Mittelklasse","kasten_box":"Die Mittelklasse wird in der Schweiz umgangssprachlich auch als <em>Mittelschicht<\/em> oder <em>Mittelstand<\/em> bezeichnet und oft als mittlere Einkommensgruppe definiert. Das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) z\u00e4hlt Personen (und Haushalte) mit Einkommen zwischen 70 Prozent und 150 Prozent des medianen Einkommens zur Mittelklasse. Nicht dazu geh\u00f6rt jenes F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung, das weniger als 70 Prozent des Medianeinkommens verdient. Dieses F\u00fcnftel liegt nahe an der Armutsgrenze und lebt mehrheitlich von Sozialleistungen. Eine <em>Arbeiterklasse<\/em> gibt es gem\u00e4ss dieser Definition nicht: Entweder man ist arm oder Teil der Mittelklasse. Ebenso wenig zur Mittelklasse geh\u00f6rt jenes F\u00fcnftel, welches mehr als 150 Prozent des medianen Einkommens verdient. Diese Definition f\u00fchrt zu einer aufgebl\u00e4hten <em>Oberklasse<\/em>, die auch Gymnasiallehrer, Ingenieure und Apotheker mit einschliesst.&#13;\n&#13;\nAus historischer Sicht ergibt diese Definition keinerlei Sinn. Der Begriff der Mittelklasse bezeichnete nie die arithmetische, sondern die hierarchische Mitte der Sozialstruktur. Er wurde im 19. Jahrhundert f\u00fcr eine kleine Gruppe von Erwerbst\u00e4tigen wie Bankiers und Unternehmer, \u00c4rzte und h\u00f6here Beamte verwendet, die ihr Einkommen nicht mit manuellen, sondern intellektuellen Fertigkeiten verdienten.<sup>a<\/sup> In der Klassenhierarchie war die Mittelklasse unterhalb der noch kleineren Oberklasse von Adligen und Grossgrundbesitzern angesiedelt, welche von ihrem Kapital lebten. Zugleich befand sie sich oberhalb der grossen Masse von Land- und Fabrikarbeitern, Handwerkern und Dienstboten, die von manueller Arbeit lebten und der Arbeiterklasse zugerechnet wurden. Die Mittelklasse war eine Minderheit und erstreckte sich gerade nicht \u00fcber die Mitte der Einkommensverteilung.&#13;\n&#13;\n<span class=\"text__quelle--kasten\"><sup>a<\/sup>Kocka (1995)<\/span>"},{"kasten_title":"Kasten 2: Die Studie im Detail","kasten_box":"Die Studie von <em>Murphy und Oesch (2017)<\/em> unterscheidet in einer ersten Analyse die Berufe aller Erwerbst\u00e4tigen (Lohnabh\u00e4ngige und Selbstst\u00e4ndige aller Sektoren) so pr\u00e4zise wie m\u00f6glich und gruppiert sie, basierend auf ihrem Medianlohn, in f\u00fcnf gleich grosse und hierarchisch geordnete Berufsklassen, sogenannte Quintile. Zu Beginn jedes Jahrzehnts umfasst jedes Quintil 20 Prozent der Gesamtbesch\u00e4ftigung. Das unterste Quintil enth\u00e4lt jene 20 Prozent, die in den Berufen mit dem niedrigsten Medianeinkommen arbeiten (z. B. Haushaltshilfen und Reinigungsangestellte), w\u00e4hrend das oberste Quintil jene 20 Prozent umfasst, die in Berufen mit dem h\u00f6chsten Medianeinkommen t\u00e4tig sind (z. B. Anw\u00e4lte und \u00c4rzte). Die Daten der <em>Volksz\u00e4hlungen<\/em> von 1970 bis <span style=\"color: #ff00ff;\">2010<\/span> sowie der <em>Strukturerhebung<\/em> 2010 dokumentieren, wie sich die Besch\u00e4ftigung in den einzelnen Quintilen ver\u00e4ndert hat.&#13;\n&#13;\nEine zweite Analyse untersucht mit der <em>Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake)<\/em>, wie sich der Besch\u00e4ftigungswandel zwischen 1991 und 2016 auf die Klassenstruktur ausgewirkt hat. Das Klassenschema beruht auf zwei Dimensionen: dem Anforderungsniveau eines Berufs und der Arbeitslogik (siehe <em>Tabelle<\/em>). Drei Klassen bilden das R\u00fcckgrat der neuen lohnabh\u00e4ngigen Mittelklasse: soziokulturelle Experten, technische Experten sowie Manager und Projektmitarbeitende. Eine vierte Klasse vereint die beiden Komponenten der alten Mittel- und Oberklasse, Unternehmer und die freien Berufe. Kleingewerbler und Bauern sowie B\u00fcrohilfskr\u00e4fte werden der unteren Mittelklasse zugerechnet. In den zwei letzten (Arbeiter-)Klassen (Produktionsarbeiter und pers\u00f6nliche Dienstleistungsangestellte) finden wir vor allem Arbeiterberufe."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":107976,"main_focus":[156297,157018],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":107980,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"73769","post_abstract":"In der Wirtschaftswissenschaft wird oft behauptet, der technologische Wandel f\u00fchre zu einer Polarisierung der Berufsstruktur: Stellen w\u00fcrden vor allem an den R\u00e4ndern des Arbeitsmarkts geschaffen, w\u00e4hrend die Mittelklasse ausgeh\u00f6hlt werde. Konzeptuell macht diese These wenig Sinn, da mit \u00abMittelklasse\u00bb historisch betrachtet nie die arithmetische, sondern die hierarchische Mitte der Sozialstruktur gemeint war. Auch die Empirie widerspricht der Polarisierungsthese. Die Auswertung der Volksz\u00e4hlungen zwischen 1970 und 2010 sowie der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung von 1991 bis 2016 zeigt, dass in den letzten Jahrzehnten vor allem hoch qualifizierte Stellen bei Managern und Projektmitarbeitern, Programmierern und Lehrern geschaffen wurden. Zugleich sind viele niedrig qualifizierte Stellen in der Landwirtschaft, der Industrie und dem Backoffice verschwunden. Der Strukturwandel hat daher nicht die Mittelklasse erodiert, sondern die R\u00e4nge der Industriearbeiter und B\u00fcrohilfskr\u00e4fte ausged\u00fcnnt.","magazine_issue":"20171201","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20171124","original_files":null,"external_release_for_author":"20171031","external_release_for_author_time":"15:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/59e5a602ccf83"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107973"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3932"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107973"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126303,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107973\/revisions\/126303"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4613"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3932"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157018"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156297"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23797"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=107973"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=107973"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=107973"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=107973"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=107973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}