{"id":108075,"date":"2017-11-23T10:18:08","date_gmt":"2017-11-23T10:18:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/11\/scheidegger-12-2017-aufgegriffenfr\/"},"modified":"2023-08-23T23:04:55","modified_gmt":"2023-08-23T21:04:55","slug":"scheidegger-12-2017-aufgegriffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/11\/scheidegger-12-2017-aufgegriffen\/","title":{"rendered":"Freiwillige vor!"},"content":{"rendered":"<p>Freiwilligenarbeit stiftet einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand. Gem\u00e4ss dem Bundesamt f\u00fcr Statistik engagieren sich 43 Prozent der Frauen und M\u00e4nner in der Schweiz aus freien St\u00fccken. Grob gesch\u00e4tzt, waren diese Leistungen (ohne Haushaltarbeiten) 2013 gut 40 Milliarden Franken wert. Unser Milizsystem ist ohne Freiwilligenarbeit undenkbar: Insbesondere auf Gemeindeebene werden wichtige politische Aufgaben in der Regel nicht von fest angestellten Magistraten, sondern von B\u00fcrgern ehrenamtlich wahrgenommen. Das Ausland bewundert die Schweiz denn auch f\u00fcr diese traditionsreiche Verankerung der Zivilgesellschaft in das politische System: die Schweiz, das Land der Freiwilligkeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOft wird beklagt, der Wert der Freiwilligenarbeit werde gesellschaftlich untersch\u00e4tzt, weil diese statistisch schwer zu fassen sei und nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung fliesse. Aus \u00f6konomischer Sicht ist diese Argumentation nicht besonders relevant. Denn wie der Begriff betont: Es handelt sich beim Engagement der Leute um freiwillige Arbeit. Kein Freiwilliger erwartet, dass seine T\u00e4tigkeit bezahlt wird und sie in Statistiken erscheint. Angesichts dieser Ausgangslage stellt sich jedoch die Frage, wie man aus wirtschaftspolitischer Sicht mit \u00abFreiwilligkeit\u00bb umgehen soll.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Antwort liefert das Konzept des kollektiven Handelns. Demnach begr\u00fcssen zwar die allermeisten Menschen ein bestimmtes gesellschaftliches Verhalten \u2013 wie den sorgsamen Umgang mit nat\u00fcrlichen Ressourcen oder die Gleichbehandlung von Frauen und M\u00e4nnern in der Karriereentwicklung. Da aber viele Trittbrettfahrer sich selber nicht an solche Prinzipien halten, muss der Staat mit gesetzlichen Vorgaben nachhelfen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verzicht auf Raschels\u00e4cke<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine besondere Form staatlicher Eingriffe ist in diesem Zusammenhang der Ansatz der Selbstverpflichtung. Dieses in der Umweltpolitik etablierte Prinzip sieht vor, dass sich Unternehmen und Verb\u00e4nde \u00abfreiwillig\u00bb dazu verpflichten, bestimmte Umweltziele \u2013 etwa die Verbannung von Raschels\u00e4cken im Detailhandel \u00fcber eine Branchenl\u00f6sung \u2013 zu erf\u00fcllen. Die Umsetzung umweltpolitischer Vorgaben sollte dadurch f\u00fcr die Wirtschaft flexibler und kosteng\u00fcnstiger sein. Harte staatliche Vorgaben wie Verbote k\u00f6nnen so vermieden werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAllerdings funktioniert das Prinzip freiwilliger Vereinbarungen im Bereich der politischen Selbstverpflichtung nur, wenn die Summe der Engagements Einzelner als gen\u00fcgend bewertet wird. In solchen F\u00e4llen kommt man nicht um subjektive politische Beurteilungen des \u00abgen\u00fcgend starken\u00bb kollektiven Engagements herum. Nachdem beispielsweise freiwillige Programme zur F\u00f6rderung von Frauen in Kaderfunktionen nicht die politisch erwartete Wirkung hatten, beschloss der Bundesrat f\u00fcr grosse b\u00f6rsenkotierte Unternehmen Richtwerte zur Geschlechtervertretung im Verwaltungsrat und in der Gesch\u00e4ftsleitung. Verfehlen Unternehmen diese Vorgaben, m\u00fcssen sie die Zielverfehlung begr\u00fcnden und entsprechende Massnahmen angeben. Damit bewegt sich die staatliche Intervention im Graubereich zwischen formellen Vorgaben von quantitativen Zielen und der \u00abfreiwilligen\u00bb Wahl von angemessenen Massnahmen zur Korrektur der Zielverfehlung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKurzfristig sind solche L\u00f6sungsans\u00e4tze starren Geschlechterquoten sicherlich vorzuziehen. Aber gerade bei hohen Erwartungen ist zuweilen fraglich, ob das kollektive Versprechen der Wirtschaft wirklich eine regulative Erleichterung darstellt. Denn in der Regel werden politische Vorgaben in diesem Kontext \u2013 mindestens implizit \u2013 mit Sanktionen im Falle der Zielverfehlung verkn\u00fcpft. Ansonsten setzten sich die Beh\u00f6rden dem Vorwurf aus, auf das Prinzip Hoffnung zu setzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDann aber ist der \u00dcbergang zur erzwungenen Freiwilligkeit fliessend, und man wird an die unsch\u00f6ne Taktik des Aufrufes \u00abFreiwillige vor!\u00bb erinnert: Wenn sich niemand meldet, bestimmt in der Schule oder in der Armee die Obrigkeit den Freiwilligen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiwilligenarbeit stiftet einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand. Gem\u00e4ss dem Bundesamt f\u00fcr Statistik engagieren sich 43 Prozent der Frauen und M\u00e4nner in der Schweiz aus freien St\u00fccken. Grob gesch\u00e4tzt, waren diese Leistungen (ohne Haushaltarbeiten) 2013 gut 40 Milliarden Franken wert. 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