{"id":108181,"date":"2017-11-23T10:18:05","date_gmt":"2017-11-23T10:18:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/11\/wolter-12-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:05:10","modified_gmt":"2023-08-23T21:05:10","slug":"wolter-12-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/11\/wolter-12-2017\/","title":{"rendered":"Der Bildungsmittelstand steigt auf"},"content":{"rendered":"<p>Das Bildungswesen ist in drei Stufen gegliedert: in die obligatorische Schule, welche mit der Sekundarstufe I schliesst, in die Sekundarstufe II, welche die berufliche Grundbildung, die Gymnasien und Fachmittelschulen umfasst, und in die Terti\u00e4rstufe, welche im Hochschulteil aus Universit\u00e4ten und den beiden ETH, Fachhochschulen und P\u00e4dagogischen Hochschulen zusammengesetzt ist und im Nichthochschulteil aus der h\u00f6heren Berufsbildung. In Analogie zu den Begrifflichkeiten von Mittelstand, Unterschicht und Oberschicht kann man also Personen, die als h\u00f6chsten Bildungsabschluss einen Lehrabschluss gemacht oder eine Maturit\u00e4t erworben haben, als den Bildungsmittelstand bezeichnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Mittelstand wird einerseits dadurch gest\u00e4rkt, dass es dem erkl\u00e4rten politischen Willen entspricht, die Zahl der Personen ohne nachobligatorischen Bildungsabschluss auf maximal f\u00fcnf Prozent der 25-J\u00e4hrigen zu reduzieren und somit mehr Personen dem Bildungsmittelstand zuzuf\u00fchren. Auf der anderen Seite haben die Bildungsreformen Anfang der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts dazu gef\u00fchrt, dass heute deutlich mehr Personen den Aufstieg vom Mittelstand in die Bildungsoberschicht, d. h. in die terti\u00e4re Bildung schaffen. Hatte 1996 von den 25- bis 36-j\u00e4hrigen Personen in der Schweiz die Mehrheit noch einen Sekundarstufe-II-Abschluss als h\u00f6chsten Bildungsabschluss, hat die Mehrheit dieser Alterskategorie 20 Jahre sp\u00e4ter einen terti\u00e4ren Bildungsabschluss (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: H\u00f6chster Bildungsabschluss der 30- bis 39-J\u00e4hrigen (1996 und 2016)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Wolter_abb1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Wolter_abb1_de').highcharts({\n    chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    }, credits: {enabled: false},\n    \n    xAxis: {\n        categories: ['1996', '2016']\n    },\n    yAxis: { labels: { format: '{value}%'},\n        min: 0,\n        title: {\n            text: 'Anteile in Prozent'\n        }\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '<span style=\"color:{series.color}\">{series.name}<\/span>:<\/b> {point.percentage:.0f}%<br\/>',\n        shared: false\n    },\n    plotOptions: {\n        column: {\n            stacking: 'percent'\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Terti\u00e4rstufe',\n        data: [24.25, 49.55]\n    },\n{        name: 'Sekundarstufe II',\n        data: [63.75, 41.36]\n    },\n{        name: 'Obligatorische Schule',\n        data: [12.01, 9.08]\n    }\n]\n});\n\n});\n\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Sake (BFS) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Aufstiegsm\u00f6glichkeiten dank kluger Reformen <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine starke Verbreitung terti\u00e4rer Bildungsabschl\u00fcsse geh\u00f6rte vor 20 Jahren in jedes bildungspolitische Arbeitsprogramm einer Bildungsministerin oder eines Bildungsministers eines OECD-Landes. W\u00e4hrend dies praktisch alle L\u00e4nder \u00fcber eine Ausweitung der allgemeinbildenden Ausbildungstypen auf der Sekundarstufe II (Gymnasien) und auf der Terti\u00e4rstufe durch ein Aufbl\u00e4hen des Universit\u00e4tssystems bewerkstelligten, differenzierte die Schweizer Bildungspolitik die Zugangswege zur terti\u00e4ren Bildung \u00fcber die Schaffung der Berufsmaturit\u00e4t, der \u00abPasserelle Dubs\u00bb, d. h. die M\u00f6glichkeit des Zugangs zu Universit\u00e4ten nach der Berufsmaturit\u00e4t und den Fachmaturit\u00e4ten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Wachstum auf der Terti\u00e4rstufe in der Schweiz ist denn auch weniger die Folge einer Erh\u00f6hung der gymnasialen Maturit\u00e4tsquote (die eigentlich seit Mitte der Neunzigerjahre mehr oder weniger stagniert) als vielmehr eines starken Wachstums der Berufsmaturit\u00e4ten, eines noch kleinen Beitrags durch Fachmaturit\u00e4ten und nicht zuletzt der h\u00f6heren Berufsbildung, bei welcher eine Maturit\u00e4t nicht immer die Voraussetzung f\u00fcr einen Abschluss darstellt. Die Vorteile der Differenzierung der Zugangswege auf der Sekundarstufe II gegen\u00fcber einer simplen Ausweitung der Gymnasien waren vielf\u00e4ltig. Auf der einen Seite konnte dadurch die Attraktivit\u00e4t der Berufsbildung erhalten werden, auf der anderen Seite war sie eine Grundbedingung f\u00fcr eine ebensolche Differenzierung auf der Terti\u00e4rstufe mit Universit\u00e4ten, Fachhochschulen und der h\u00f6heren Berufsbildung. W\u00fcrde der Zugang zur Terti\u00e4rstufe uniform erfolgen, dann w\u00fcrde es auf der Terti\u00e4rstufe weniger eine Ausdifferenzierung nach Bildungstypen geben als vielmehr eine Qualit\u00e4tsdifferenzierung zwischen den Hochschulen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Terti\u00e4r, aber mit welchem Wert?<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSchon seit den Sechzigerjahren wird bef\u00fcrchtet, dass der Aufstieg in die Bildungsoberschicht von immer gr\u00f6sseren Teilen der Bev\u00f6lkerung nicht nur Positives mit sich bringt. Stichw\u00f6rter wie Akademikerschwemme waren ein Hinweis auf die Bef\u00fcrchtung, dass man bildungsm\u00e4ssig zwar mehr Leute formal h\u00f6her qualifizieren k\u00f6nne, da aber die entsprechende Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt fehlt, diese h\u00f6here Qualifikation nicht mit dem erwarteten Aufstieg in die einkommensm\u00e4ssige Oberschicht verbunden w\u00e4re. In der Schweiz zeigen neueste Analysen, dass sich diese Bef\u00fcrchtung nicht bewahrheitet hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie quantitativ starke Ausweitung des terti\u00e4ren Sektors ist weder in absoluten noch relativen Zahlen mit einer Minderung der Einkommen der l\u00e4nger ausgebildeten Personen einhergegangen. Zudem zeigen die typenspezifischen Bildungsrenditen, dass der im Durchschnitt zu erwartende Einkommenszuwachs aller terti\u00e4ren Ausbildungstypen \u00e4hnlich hoch ausf\u00e4llt und tendenziell sogar besser in den nicht universit\u00e4ren Typen. Auch hier zeigt sich wiederum ein Vorteil der Ausweitung der terti\u00e4ren Bildung durch die Ausbildungsdifferenzierung. In den L\u00e4ndern, in denen das Wachstum durch eine Qualit\u00e4tsdifferenzierung zwischen den Universit\u00e4ten aufgefangen wurde, haben sich auch dementsprechende Einkommensabstufungen ergeben. Diese gehen so weit, dass man bei Institutionen minderer Qualit\u00e4t nicht einfach etwas tiefere Bildungsrenditen erwarten, sondern \u2013 wie neue Studien zu den \u00abFor-Profit Colleges\u00bb in den USA zeigen \u2013 mit negativen Renditen rechnen muss, d. h., hier w\u00e4ren die Studierenden einkommensm\u00e4ssig besser gefahren, wenn sie ganz auf den Bildungsaufstieg, sprich das Studium, verzichtet h\u00e4tten.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Soziale Determinanten der Bildungswahl<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch wenn es keine guten Statistiken dazu gibt, kann man davon ausgehen, dass der Bildungsaufstieg aus der Bildungsmittelschicht in den letzten drei Jahrzehnten wohl mehrheitlich durch Personen geschafft wurde, welche selbst keine terti\u00e4r gebildeten Eltern hatten. Der Anteil der Eltern mit terti\u00e4rer Bildung war in der Schweiz schlicht zu klein, um die Ausweitung durch eine bessere Aussch\u00f6pfung bei dieser Gruppe zu bedienen. Auch wenn also die fortschreitende Tertiarisierung des Bildungswesens vor allem von jenen Personen genutzt wurde, die nicht aus einer Akademikerfamilie stammten, sind die Zug\u00e4nge zur terti\u00e4ren Bildung und die Wahl des Bildungstyps weiterhin stark sozio\u00f6konomisch bestimmt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nJugendliche aus Akademikerfamilien w\u00e4hlen selbst bei weniger guten schulischen Leistungen eher den Weg \u00fcber das Gymnasium, und umgekehrt w\u00e4hlen Jugendliche aus Nichtakademikerfamilien eher den Weg \u00fcber die berufliche Grundbildung, was sich auf der terti\u00e4ren Stufe wiederum in einer unterschiedlichen Wahrscheinlichkeit ausdr\u00fcckt, an einer Universit\u00e4t oder den anderen Hochschultypen oder der h\u00f6heren Berufsbildung den Abschluss zu erzielen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Anteil der Studierenden mit terti\u00e4r gebildeten Eltern<\/strong><strong> nach Studienfach und Hochschultyp<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Wolter_abb2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Wolter_abb2_de').highcharts({\n     chart: {\n        type: 'scatter',\n    }, \n    credits: {\n      enabled: false\n  },\n    title: {\n        text: ''\n\n    },\n    xAxis: {\n    labels: { format: '{value}%'},\n        title: {\n            text: 'Anteil V\u00e4ter mit Terti\u00e4rbildung'\n        },\n        \n    },\n    yAxis: {\n    \n    labels: { format: '{value}%'},\n    \n        title: {\n            text: 'Anteil M\u00fctter mit Terti\u00e4rbildung'\n        }\n    },\n   \n   \n         plotOptions: {\n        scatter: {\n          marker: {\n             radius: 6,\n\n            symbol: 'circle'\n       \n        } ,\n         \n            tooltip: {\n                headerFormat: '<b>{series.name}<\/b><br>',\n                pointFormat: '{point.x}% V\u00e4ter, {point.y}% M\u00fctter'\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Universit\u00e4re F\u00e4cher',\n        color: '#00b3d4',\n        data: [[34, 22],[42, 30], [40, 26], [47, 31], [47, 33], [49, 36]\n           ],\nmarker: {\n             radius: 6,\n\n            symbol: 'circle'\n       \n        } \n\n    }, {\n        name: 'Fachhochschulstudieng\u00e4nge',\n        color: '#37a932',\n        data: [[22,15],[21,12],[20,13],[22,13],[22,12],[26,24],[19,16],[38,33],[29,16],[20,13],[26,10],[17,12]\n           ] ,\nmarker: {\n             radius: 6,\n\n            symbol: 'circle'\n       \n        }        \n\n\n          \n           \n             }, {\n        name: 'P\u00e4dagogische Hochschule',\n        color: '#d2d803',\n        data: [[25,12]           ],\nmarker: {\n             radius: 6\n        }\n       \n           \n    }]\n});\n\n\n\n});\n\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: SSEE (Soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden, 2013); Berechnungen SKBF \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin \u00e4hnliches Bild l\u00e4sst sich im Ausland in Bezug auf das Studium an Elitehochschulen vs. anderen Hochschulen oder bei der Dauer der Ausbildung feststellen, d. h. des Bachelors, des Masters oder eines Doktorates. W\u00e4hrend sich im Ausland der sozio\u00f6konomisch bestimmte Studienort und die Studiendauer wieder eins zu eins in den weiteren Erwerbsaussichten niederschlagen, hat die sozio\u00f6konomisch bestimmte Wahl des Ausbildungstyps diese Folgen in der Schweiz nicht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotzdem sind zwei Konsequenzen der sozio\u00f6konomisch bestimmten Studienwahl auch in der Schweiz beobachtbar: Auf der einen Seite haben nicht alle Formen der Ausbildung den gleichen sozialen Status, mit einem Vorteil auf der Seite der akademischen Laufbahnen.\u00a0Auf der anderen Seite haben selbst an den Universit\u00e4ten nicht alle Studienf\u00e4cher die gleichen Erwerbsaussichten, und es l\u00e4sst sich beobachten, dass sozio\u00f6konomisch bessergestellte Studierende auch h\u00e4ufiger jene F\u00e4cher w\u00e4hlen, die bessere Arbeitsmarktchancen versprechen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bildungswesen ist in drei Stufen gegliedert: in die obligatorische Schule, welche mit der Sekundarstufe I schliesst, in die Sekundarstufe II, welche die berufliche Grundbildung, die Gymnasien und Fachmittelschulen umfasst, und in die Terti\u00e4rstufe, welche im Hochschulteil aus Universit\u00e4ten und den beiden ETH, Fachhochschulen und P\u00e4dagogischen Hochschulen zusammengesetzt ist und im Nichthochschulteil aus der h\u00f6heren [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3061,"featured_media":24023,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[76,154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3061,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur en \u00e9conomie de l\u2019\u00e9ducation, Universit\u00e9 de Berne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Der Bildungsmittelstand steigt auf","post_lead":"In der Schweiz verf\u00fcgen immer mehr Personen \u00fcber einen Abschluss an einer Hochschule oder der h\u00f6heren Berufsbildung. 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W\u00e4hrend der Anteil der Personen, die als h\u00f6chsten Abschluss \u00fcber ein Zeugnis auf Sekundarstufe I\u00a0oder\u00a0Sekundarstufe II verf\u00fcgen, seit den Neunzigerjahren abgenommen hat, nehmen die Terti\u00e4rabschl\u00fcsse zu. Diese Mobilit\u00e4t ist vor allem auf die Flexibilisierung des Bildungswesens in den Neunzigerjahren zur\u00fcckzuf\u00fchren, welche die Zugangsm\u00f6glichkeiten zur terti\u00e4ren Bildung vervielfacht hat, ohne gleichzeitig den Wert der h\u00f6heren Bildung zu beeintr\u00e4chtigen. 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