{"id":108219,"date":"2017-11-23T10:15:33","date_gmt":"2017-11-23T10:15:33","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/11\/schellenbauer-12-2017fr\/"},"modified":"2024-04-04T08:48:11","modified_gmt":"2024-04-04T06:48:11","slug":"schellenbauer-12-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/11\/schellenbauer-12-2017\/","title":{"rendered":"Das Bildungssystem ist gefordert"},"content":{"rendered":"<p>Drei Entwicklungen haben seit den Achtzigerjahren zu Erosionstendenzen in den westlichen Mittelschichten gef\u00fchrt: Durch den Eintritt der Schwellenl\u00e4nder in den Weltmarkt verdoppelte sich erstens der globale Arbeitskr\u00e4ftepool von 1,5 auf 3 Milliarden Menschen. Dies brachte f\u00fcr westliche Arbeitnehmer Niedriglohnkonkurrenz, und es verschob das Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und Kapital. Zweitens reduzierte der technologische Fortschritt die Nachfrage nach mittleren Qualifikationen und polarisierte den Arbeitsmarkt. Und drittens setzte nach 2007 die Finanz- und Wirtschaftskrise der Mittelschicht durch Rezession und Arbeitslosigkeit zu.<\/p>\n<p>Der Mittelstand in der Schweiz meisterte diese Herausforderungen gut: Hohe Wettbewerbsf\u00e4higkeit und gute Rahmenbedingungen machten die Schweiz zu einer Drehscheibe der Globalisierung und bescherten breiten Kreisen Prosperit\u00e4t.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Eine starke Berufsbildung und ein flexibler Arbeitsmarkt hielten die Arbeitslosigkeit im Zaum. Dank der Sonderkonjunktur durch die anhaltende Zuwanderung blieb die Schweiz zudem von der \u00abGrossen Rezession\u00bb von 2008\/2009 weitgehend verschont.<\/p>\n<h2><strong>Mittlere Qualifikation wird terti\u00e4r<\/strong><\/h2>\n<p>Die mittleren Schweizer L\u00f6hne sind in den letzten zwei Dekaden zwar etwas weniger gestiegen als die h\u00f6heren Geh\u00e4lter und auch weniger als die Tiefl\u00f6hne. Die Polarisierung war in der Schweiz aber nicht besonders ausgepr\u00e4gt. In Familienhaushalten wurde sie durch die verst\u00e4rkte Erwerbsbeteiligung der Frauen ausgeglichen. Mit dieser Mehranstrengung konnte der Mittelstand seine Position im Einkommensgef\u00fcge halten.<\/p>\n<p>Trotzdem war die Polarisierung des Arbeitsmarktes auf der Ebene der nachgefragten Qualifikationen st\u00e4rker am Werk, als die Stabilit\u00e4t der Lohnverteilung vermuten l\u00e4sst. So hat sich die Zahl traditioneller B\u00fcrojobs mit einer KV-Lehre als Grundlage seit 1995 halbiert. Der Mittelstand reagierte darauf mit verl\u00e4ngerter Grundbildung oder Weiterbildungen. Wichtig war die Einf\u00fchrung der Berufsmaturit\u00e4t. Mit ihr und im Zuge des Ausbaus der Gymnasien wurde die kombinierte Maturit\u00e4tsquote mehr als verdoppelt. Eine mittlere Qualifikation ist heute nicht mehr gleichbedeutend mit einer Berufslehre, sondern immer mehr mit einer terti\u00e4ren Bildung. Die Stabilit\u00e4t der Lohnverteilung ist somit vor allem den verst\u00e4rkten Bildungsanstrengungen des Mittelstandes zu verdanken.<\/p>\n<h2><strong>Allgemeinwissen als Plus<\/strong><\/h2>\n<p>Die Digitalisierung wird voranschreiten, und sie wird neue Stellen schaffen.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Da niemand genau weiss, wie die Jobs von morgen aussehen werden, lautet die entscheidende Frage: Sind Bildungssystem und Arbeitsmarkt vorbereitet auf punktuelle disruptive Entwicklungen und das Entstehen ganz neuer Anforderungen und Arbeitsformen?<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig ist das Bildungssystem kaum auf die digitale Umw\u00e4lzung von Wirtschaft und Gesellschaft eingestellt. Besonders gefordert ist die Berufsbildung, deren Erfolg auf spezifischen Fachkenntnissen beruht. Diese F\u00e4higkeiten k\u00f6nnten schon bald obsolet sein. Angesichts der beschriebenen Unsicherheit wird eine breite Allgemeinbildung wichtiger, denn sie beh\u00e4lt auch bei disruptivem Wandel ihren Wert und bef\u00e4higt die Menschen, sich anzupassen. Auch die Weiterbildung ist noch nicht f\u00fcr fundamentale Umbildungen in grosser Zahl vorbereitet.<\/p>\n<p>Bei der Digitalisierung liegt die Schweizer Volksschule international im R\u00fcckstand: Digitales Denken als zentrale Kompetenz des 21. Jahrhunderts ist hier erst in Ans\u00e4tzen erkennbar. Weiter m\u00fcssen die Hochschulen auf den Vormarsch der Humanwissenschaften reagieren. Zum einen m\u00fcssen digitale Techniken auch in den Humanwissenschaften Einzug halten, zum andern braucht es eine R\u00fccklenkung der Mittel in Richtung der \u00abMint-F\u00e4cher\u00bb (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Und zu guter Letzt: Ein flexibler Arbeitsmarkt ist die beste Strategie f\u00fcr die Anpassung an eine digitale Welt. Ihn gilt es daher unbedingt zu erhalten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Patrik Schellenbauer und Daniel M\u00fcller-Jentsch (2012), Der strapazierte Mittelstand, Avenir Suisse.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Marco Salvi und Tib\u00e9re Adler (2017), Wenn die Roboter kommen, Avenir Suisse (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Entwicklungen haben seit den Achtzigerjahren zu Erosionstendenzen in den westlichen Mittelschichten gef\u00fchrt: Durch den Eintritt der Schwellenl\u00e4nder in den Weltmarkt verdoppelte sich erstens der globale Arbeitskr\u00e4ftepool von 1,5 auf 3 Milliarden Menschen. Dies brachte f\u00fcr westliche Arbeitnehmer Niedriglohnkonkurrenz, und es verschob das Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeit und Kapital. Zweitens reduzierte der technologische Fortschritt die Nachfrage [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3961,"featured_media":197655,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[67,69],"post_opinion":[71],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3961,"seco_co_author":[3009],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr., Chef\u00f6konom, Avenir Suisse, Z\u00fcrich","seco_author_post_occupation_fr":"Chef \u00e9conomiste, Avenir Suisse, Zurich","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":3009,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Dr., Senior Fellow, Avenir Suisse, Z\u00fcrich","seco_co_author_post_occupation_fr":"Senior fellow, Avenir Suisse, Zurich"}],"short_title":"Das Bildungssystem ist gefordert","post_lead":"Der qualifizierte Schweizer Mittelstand hat in den vergangenen Jahren von der Globalisierung profitiert. Damit dies angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt ebenfalls gelingt, braucht es Reformen im Bildungssystem.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":108222,"main_focus":[156297,157018],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"73879","post_abstract":"","magazine_issue":"20240404","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[4127],"korrektor":"","planned_publication_date":"2017-11-23 09:15:33","original_files":[{"file":108226}],"external_release_for_author":"20171031","external_release_for_author_time":"23:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/59e8c483aad87"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/108219"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3961"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=108219"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/108219\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":197658,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/108219\/revisions\/197658"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3009"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3961"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157018"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156297"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/197655"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=108219"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=108219"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=108219"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=108219"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=108219"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=108219"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}