{"id":108362,"date":"2017-10-24T08:36:05","date_gmt":"2017-10-24T08:36:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/10\/brunetti-11-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:04:31","modified_gmt":"2023-08-23T21:04:31","slug":"brunetti-11-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/10\/brunetti-11-2017\/","title":{"rendered":"Die unbegr\u00fcndete Angst vor einer Verknappung der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Starten wir mit einem aktuellen Beispiel: Eine Erh\u00f6hung des Rentenalters w\u00e4re angesichts der steigenden Lebenserwartung eigentlich die mit Abstand effektivste Massnahme zur Sicherung der Altersvorsorge. Eine solche Massnahme hat es in der Schweiz allerdings ausserordentlich schwer, wie man in der politischen Debatte rund um die Altersvorsorge 2020 wieder beobachten konnte. Ein Hauptgrund daf\u00fcr ist die Bef\u00fcrchtung, dass es nicht gen\u00fcgend Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr \u00e4ltere Personen habe. Dabei handelt es sich um die j\u00fcngste Variante eines Dauerbrenners der \u00f6konomischen Fehl\u00fcberlegungen, der in verschiedensten Zusammenh\u00e4ngen immer wieder auftaucht: Seien es neue Technologien wie bei der Roboterisierung, die ausl\u00e4ndische Konkurrenz durch China oder die Verdr\u00e4ngung inl\u00e4ndischer Arbeitskr\u00e4fte durch Immigration \u2013 immer wieder h\u00f6rt man die Bef\u00fcrchtung, dass die Anzahl Arbeitspl\u00e4tze wegen Ver\u00e4nderungen nicht gen\u00fcgen k\u00f6nnte.&#13;<\/p>\n<h2>Seit Jahrzehnten w\u00e4chst die Besch\u00e4ftigung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWoher kommt diese tiefsitzende Angst vor einer bevorstehenden Verknappung der Arbeit? Ein Grund daf\u00fcr ist sicher, dass Stellenabbau \u00f6ffentlich st\u00e4rker wahrgenommen wird, w\u00e4hrend Stellenaufbau kaum Beachtung findet. Streicht ein Unternehmen in einer bestimmten Region 200 Stellen, dann ist dies eine Nachricht mit regionalem, oft auch nationalem Echo. Der Aufbau neuer Stellen dagegen erfolgt in der Regel verstreut \u00fcber viele einzelne Unternehmen und \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum \u2013 deshalb bleibt er medial meist unbeachtet. Dadurch entsteht der Eindruck, viel \u00f6fter mit Stellenabbau als mit Stellenaufbau konfrontiert zu sein. Tats\u00e4chlich zeigt aber ein Blick in die Statistik, dass dieser Eindruck t\u00e4uscht. Die Besch\u00e4ftigung in der Schweiz steigt seit Jahrzehnten an. Gab es 1996 noch knapp 4 Millionen Erwerbst\u00e4tige, so waren es zwanzig Jahre sp\u00e4ter schon \u00fcber 5 Millionen! Die Menge an Arbeit erh\u00f6hte sich auch in Zeiten starker technologischer Umbr\u00fcche und intensivierter Globalisierung laufend. Auch die starke Erh\u00f6hung der Frauenerwerbst\u00e4tigkeit hat die Besch\u00e4ftigung der M\u00e4nner nicht reduziert \u2013 ein schlagendes Argument daf\u00fcr, dass die Arbeitsmenge nicht fix oder gar r\u00fcckl\u00e4ufig ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotzdem ist diese statistische Realit\u00e4t f\u00fcr viele nicht \u00fcberzeugend genug \u2013 es k\u00f6nnte ja immer noch sein, dass es diesmal anders ist. Deshalb ist es wichtig, die \u00f6konomische Begr\u00fcndung f\u00fcr diese statistischen Fakten zu verstehen. Der Grund f\u00fcr die Fehl\u00fcberlegung, dass eine Verknappung der Arbeit droht, stammt daher, dass man sich meist nur auf die Effekte in Einzelsektoren beschr\u00e4nkt. Die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft werden dabei zu wenig ber\u00fccksichtigt. Nehmen wir das Beispiel der Schreibmaschine, die durch den Computer verdr\u00e4ngt wurde. Analysiert man nur die Situation der Schreibmaschinenproduzenten, dann hat die neue Textverarbeitungstechnologie in der Tat zu einem bedeutenden Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen gef\u00fchrt. Doch wir m\u00fcssen auch die Wirkung auf andere Sektoren mitber\u00fccksichtigen.&#13;<\/p>\n<h2>Zus\u00e4tzliches Einkommen f\u00fchrt zu mehr Konsum<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der gesamten Wirtschaft f\u00fchrte der Einsatz von Computern zu einem Produktivit\u00e4tsgewinn und damit zu zus\u00e4tzlichen Einkommen. Und diese Einkommen k\u00f6nnen genau drei Gruppen zufliessen: den jetzt produktiveren Arbeitskr\u00e4ften in Form von Lohnerh\u00f6hungen, den Eigent\u00fcmern der Unternehmen in Form h\u00f6herer Gewinne oder den Konsumenten in Form niedrigerer Preise. Diese drei Gruppen werden aber das zus\u00e4tzliche Einkommen verwenden, um zus\u00e4tzliche Waren und Dienstleistungen nachzufragen. Und diese wiederum m\u00fcssen von jemandem produziert werden. Das bedeutet, dass zus\u00e4tzliche Arbeit geleistet werden muss, wodurch die Nachfrage nach Arbeit und damit die Besch\u00e4ftigung ansteigen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHistorische Erfahrung, Statistiken sowie \u00f6konomische Theorie kommen einm\u00fctig zum gleichen Resultat: Funktioniert der Arbeitsmarkt \u2013 wie es in der Schweiz ohne Zweifel der Fall ist \u2013, spricht nichts f\u00fcr eine bevorstehende Verknappung der Arbeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Starten wir mit einem aktuellen Beispiel: Eine Erh\u00f6hung des Rentenalters w\u00e4re angesichts der steigenden Lebenserwartung eigentlich die mit Abstand effektivste Massnahme zur Sicherung der Altersvorsorge. Eine solche Massnahme hat es in der Schweiz allerdings ausserordentlich schwer, wie man in der politischen Debatte rund um die Altersvorsorge 2020 wieder beobachten konnte. 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