{"id":108809,"date":"2017-09-25T11:45:48","date_gmt":"2017-09-25T11:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/09\/mueller-jentsch-10-2017\/"},"modified":"2023-08-23T23:04:59","modified_gmt":"2023-08-23T21:04:59","slug":"mueller-jentsch-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/09\/mueller-jentsch-10-2017\/","title":{"rendered":"Strategien zur Erschliessung neuer Wertsch\u00f6pfungsquellen"},"content":{"rendered":"<p>In Standortrankings offenbaren sich die strukturellen Schw\u00e4chen der gebirgigen Landesteile. So finden sich etwa im \u00abKantonalen Wettbewerbsindikator\u00bb der UBS auf den letzten 10 R\u00e4ngen ausschliesslich Bergkantone. Auch bei der kleinr\u00e4umigeren Betrachtung von 108 Schweizer Regionen zeigt sich ein Gef\u00e4lle bei der Wettbewerbsf\u00e4higkeit zwischen Ober- und Unterland. Betrachtet man die 50 Einzelindikatoren genauer, die dem Ranking zugrunde liegen, so zeigt sich, dass nur ein Teil des schlechten Abschneidens auf das \u00abtopografische Schicksal\u00bb \u2013 d. h. auf die schlechte Erreichbarkeit und die d\u00fcnne Besiedlung \u2013 zur\u00fcckzuf\u00fchren ist (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Standortfaktoren wie Staatsfinanzen und regionale Innovationssysteme lassen sich durch gute Politik auch im Berggebiet verbessern. Wie, zeigt eine Studie der Denkfabrik Avenir Suisse.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Die Standortst\u00e4rken und -schw\u00e4chen ausgew\u00e4hlter Bergkantone<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='mueller_jentsch_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#mueller_jentsch_1_de').highcharts({\n  chart: {\n        polar: true,\n        type: 'line'\n    },\n\n    title: {\n        text: '',\n       \n    },\n\n    \n\n    xAxis: {\n        categories: ['Wirtschaftsstruktur', 'Innovation', 'Humankapital', 'Arbeitsmarkt', 'Erreichbarkeit', 'Einzugsgebiet', 'Kostenumfeld', 'Staatsfinanzen'],\n        tickmarkPlacement: 'on',\n        lineWidth: 0\n    },\n\n    yAxis: {\n        gridLineInterpolation: 'polygon',\n        lineWidth: 0,\n        min: 0,\n        max:100\n    },\n\n    tooltip: {\n        shared: false,\n        pointFormat: '<span style=\"color:{series.color}\">{series.name}: <b>{point.y:,.0f}<\/b><br\/>'\n    },\n\n    \n    series: [{\n        name: 'Medianwert der Nicht-Bergkantone',\n color: 'rgba(169, 169, 169,.3)',\n        type: 'area',\n        data: [65,37.5,53.5,72,59,43,65.5,65],\n        pointPlacement: 'on'\n    }, {\n        name: 'Appenzell Innerrhoden',\n        data: [19,15,20,86,25,10,96,100],\n        pointPlacement: 'on'\n    }, {\n        name: 'Tessin',\n        data: [56,41,42,3,59,36,50,38],\n        pointPlacement: 'on'\n    },\n    {\n        name: 'Jura',\n        data: [29,37,11,0,45,26,46,34],\n        pointPlacement: 'on'\n    },{\n        name: 'Neuenburg',\n        data: [55,74,44,11,50,29,61,26],\n        pointPlacement: 'on'\n    }, {\n        name: 'Obwalden',\n        data: [23,18,42,100,37,13,94,72],\n        pointPlacement: 'on'\n    },{\n        name: 'Uri',\n        data: [20,0,0,71,23,5,90,61],\n        pointPlacement: 'on'\n    },{\n        name: 'Wallis',\n        data: [26,20,17,51,19,1,48,51],\n        pointPlacement: 'on'\n    },{\n        name: 'Glarus',\n        data: [12,3,26,59,36,17,81,81],\n        pointPlacement: 'on'\n    },{\n        name: 'Graub\u00fcnden',\n        data: [0,14,28,68,0,0,76,77],\n        pointPlacement: 'on'\n    }]\n\n});\n\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: UBS (2016) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Indexwerte: Top-Kanton = 100.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Berggebiet, das etwa die H\u00e4lfte der schweizerischen Landesfl\u00e4che ausmacht, ist ausgesprochen heterogen. Je nach regionalen Gegebenheiten gibt es unterschiedliche potenzielle Wachstumsmotoren. Einige Bergregionen profitieren von ihrer N\u00e4he zu st\u00e4dtischen Zentren des Mittellandes, in anderen sind Tourismusdestinationen die prim\u00e4ren Wertsch\u00f6pfungsquellen. Anderswo ergeben sich Potenziale zur wirtschaftlichen Entwicklung durch Verkehrsknoten oder durch grosse Unternehmen und ihre Zuliefernetzwerke. Geeignete Strategien f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung muss jede Region basierend auf ihren spezifischen St\u00e4rken, Schw\u00e4chen, Chancen und Risiken entwickeln.&#13;<\/p>\n<h2>Berggemeinden m\u00fcssen Kr\u00e4fte b\u00fcndeln<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm den Strukturwandel zu meistern, m\u00fcssen im Berggebiet Kr\u00e4fte geb\u00fcndelt und kleinteilige Strukturen \u00fcberwunden werden. Es bedarf insbesondere einer besseren Zusammenarbeit in funktionalen R\u00e4umen wie Agglomerationen und Tourismusdestinationen, etwa durch Agglomerationsprogramme und Destinationsstrategien. Der wichtigste Typus funktionaler R\u00e4ume im Berggebiet ist jedoch die Talschaft, denn diese Landschaftskammern bilden auch wirtschaftliche und soziale Einheiten. Die unterschiedlichen Raumanspr\u00fcche auf dem Talboden, die durch Siedlung, Verkehr und Landwirtschaft entstehen, f\u00fchren zu Nutzungskonflikten. Deshalb besteht Bedarf, die Raumplanung \u00fcber die Gemeindegrenzen hinweg zu koordinieren (sogenannte Talbodenproblematik).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZwischen 2000 und 2015 gab es im Berggebiet 43 Gruppenfusionen ganzer Talschaften oder Talabschnitte mit durchschnittlich 5,5 Gemeinden. Die H\u00e4lfte der Talschaftsfusionen entfiel auf nur zwei Kantone: Graub\u00fcnden (15) und Tessin (8). Die meisten Fusionsprojekte entstanden auf lokale Initiative, aber Kantone k\u00f6nnen hierf\u00fcr geeignete Voraussetzungen schaffen, etwa durch die Beseitigung von Fehlanreizen im innerkantonalen Finanzausgleich. Alternativen zu Talschaftsfusionen sind regionale Zweckverb\u00e4nde und raumplanerische Koordinationsinstrumente wie regionale Richtlinien.&#13;<\/p>\n<h2>Bergtourismus neu denken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Tourismus ist eine tragende S\u00e4ule der Wirtschaftsstruktur im Berggebiet, und in vielen Regionen kann er aufgrund seiner Bedeutung f\u00fcr andere Branchen gar als systemrelevant angesehen werden. Der klassische Bergtourismus befindet sich gegenw\u00e4rtig im Strukturwandel, der durch die Frankenaufwertung noch forciert wird. Ein wichtiger Bestandteil des Anpassungsprozesses sind der Marktaustritt schwacher Unternehmen und das Wachstum erfolgreicher Firmen. So nahm etwa die Zahl der Hotels zwischen 2005 und 2015 um 12 Prozent ab, aber die Gesamtbettenzahl blieb gleich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00c4hnlich ist es bei den Wintersportorten: W\u00e4hrend kleine Skigebiete geschlossen wurden, investierten grosse Bergbahnbetriebe teils massiv. Einige Topdestinationen k\u00f6nnen dem hohen Kostenniveau in der Schweiz durch Spezialisierung auf das Luxussegment begegnen. Auch andere Tourismusorte sollten sich spezialisieren und entsprechende Destinationsstrategien verfolgen. Beispiele f\u00fcr solche Nischenstrategien sind Vals als Wellnessort oder Gr\u00e4chen als Familienferienort. Eine weitere Stossrichtung sind Zusammenschl\u00fcsse regionaler Marketingorganisationen wie im Oberengadin oder die Promotionsgesellschaft im Wallis sowie Dachmarken wie \u00abGraub\u00fcnden\u00bb. Wichtig sind auch Produktinnovation und Produktb\u00fcndelung, wie das Beispiel der Weissen Arena Flims illustriert. Der Bund f\u00f6rdert den Strukturwandel im Tourismus unter anderem durch ein Impulsprogramm im Rahmen der Neuen Regionalpolitik (NRP) und das Innovationsprogramm Innotour.&#13;<\/p>\n<h2>Zweitwohnungssektor als Chance<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bau von Zweitwohnungen war in weiten Teilen der Schweizer Alpen lange Haupttreiber der Baukonjunktur, kam aber infolge der Zweitwohnungsinitiative weitgehend zum Erliegen. Um Wertsch\u00f6pfung in der Bauwirtschaft zu erhalten, m\u00fcssen Investitionen in die Erneuerung des Bestandes umgelenkt werden, und dazu bedarf es entsprechender Strategien. Die grossz\u00fcgige Regelung zur Umwandlung von Erst- in Zweitwohnungen ist wirtschaftlich sinnvoll, kann jedoch unter bestimmten Umst\u00e4nden zur Abwanderung der einheimischen Bev\u00f6lkerung aus dem Dorfzentrum an den Ortsrand f\u00fchren (sogenannter Doughnut-Effekt). Aber der grosse Bestand von 350\u2019000 bis 400\u2019000 Zweitwohnungen im Schweizer Berggebiet (siehe <em>Abbildung 2<\/em>) bringt nicht nur Herausforderungen mit sich, sondern auch Chancen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeue Gesch\u00e4ftsmodelle in der Parahotellerie, Online-Vermietungsplattformen, aber auch Vermietungsanreize im Rahmen von Zweitwohnungsabgaben k\u00f6nnten helfen, \u00abkalte\u00bb Betten in \u00abwarme\u00bb umzuwandeln und so zus\u00e4tzliche Wertsch\u00f6pfung im Tourismussektor zu generieren. Zweitwohnungsabgaben sollten allerdings nur eingef\u00fchrt werden, wenn sie in eine klare Strategie eingebettet sind. Die zweite grosse Chance besteht darin, Zweitwohnungsbesitzer und ihre Familien \u2013 die insgesamt rund eine Million Personen ausmachen \u2013 als Investoren, Ideengeber und Milizt\u00e4tige zu gewinnen. Sie verf\u00fcgen \u00fcber all jene Kapazit\u00e4ten, die f\u00fcr den Strukturwandel ben\u00f6tigt werden, und sind dem Berggebiet emotional verbunden. Ein Instrument, um diese Personen zu mobilisieren und in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen, k\u00f6nnte z. B. ein \u00abRat der Zweitwohnungsbesitzer\u00bb auf Gemeindeebene sein. Die gleiche Wirkung h\u00e4tte ein Ansprechpartner f\u00fcr Zweitwohnungsbesitzer, der mit \u00e4hnlichen Aufgaben wie Alumni-Beauftragte an Hochschulen betraut w\u00e4re.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Anteil und Anzahl Zweitwohnungen nach Kanton (2015)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='mueller_jentsch_2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#mueller_jentsch_2_de').highcharts({\n   chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n         categories: [\n            'AG',\n            'ZG',\n            'BL',\n            'ZH',\n            'BS',\n            'TG',\n            'LU',\n            'SO',\n            'SH',\n            'FR',\n            'NW',\n            'NE', 'SZ', 'SG', 'VD', 'GE', 'BE', 'AR', 'AI', 'JU', 'UR', 'GL', 'OW', 'TI', 'VS', 'GR'\n        ],\n    },\n    yAxis: [{\n        title: {\n            text: 'Anzahl in Tausend'\n        }\n    }, {\n        title: {\n            text: 'Anteil in %'\n        },\n        opposite: true\n    }],\n    legend: {\n        shadow: false\n    },\n    tooltip: {\n        shared: true\n    },\n    \n   plotOptions: {\n        column: {\n            grouping: false,\n            shadow: false,\n            borderWidth: 0\n        }\n    },\n    \n    series: [{\n        name: 'Anteil in % (Bergkantone)',\n        color: 'rgba(165,170,217,1)',\n        data: [null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,14,null,null,null,null,17,18,19,20,21,21,27,30,41,46],\n         tooltip: {\n            valueSuffix: ''\n        },\n        pointPadding: 0.3,\n        pointPlacement: -0.2\n    }, {\n        name: 'Anzahl in Tausend (Bergkantone)',\n        color: 'rgba(126,86,134,.9)',\n        data: [null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,13,null,null,null,null,94,5,1,7,4,5,5,69,99,76],\n        pointPadding: 0.4,\n        pointPlacement: -0.2,\n          yAxis: 1,\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ''\n        },\n    }, {\n        name: 'Anteil in % (Nicht-Bergkantone)',\n        color: 'rgba(248,161,63,1)',\n        data: [9,9,9,10,10,11,11,11,12,13,14,null,14,15,16,16,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ''\n        },\n        pointPadding: 0.3,\n        pointPlacement: 0.2\n      \n    }, {\n        name: 'Anzahl in Tausend (Nicht-Bergkantone)',\n        color: 'rgba(186,60,61,.9)',\n        data: [27,5,13,70,11,13,20,15,5,18,3,null,11,36,61,37,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null],\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ''\n        },\n        pointPadding: 0.4,\n        pointPlacement: 0.2,\n        yAxis: 1\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Zahlen beinhalten auch bewirtschaftete Zweitwohnungen und solche von Wochenaufenthaltern. Sie sind daher h\u00f6her als nach der enger gefassten Definition des Zweitwohnungsgesetzes.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS, M\u00fcller-Jentsch (2017) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2>Branchencluster und Innovationssysteme f\u00f6rdern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie r\u00e4umliche Ballung wirtschaftlicher Aktivit\u00e4ten steigert die Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Region durch Vernetzungseffekte. Solche Clusterstrukturen sind auch im Berggebiet zu finden \u2013 vielfach jedoch erst auf den zweiten Blick. Eine Kategorie stellen st\u00e4dtische Agglomerationen dar. Auch in der Tourismusbranche haben sich um gr\u00f6ssere Destinationen solche regionale Branchencluster entwickelt. Konzentrationen in der industriellen Produktion findet man beispielsweise im Alpenrheintal, und mit der Uhrenindustrie im Jura gibt es sogar einen exportstarken Technologiecluster innerhalb des Schweizer Berggebietes. Innovationspotenzial existiert aber gerade auch im Berggebiet, im Handwerk und in der Landwirtschaft. Dies zeigen internationale Fallbeispiele wie der Holzbaucluster in Vorarlberg und der Obstanbau in S\u00fcdtirol.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTerti\u00e4re Bildungseinrichtungen sind wichtige Ankerinstitutionen regionaler Innovationssysteme. Im Berggebiet gibt es einige Initiativen zu ihrer St\u00e4rkung. So gelang etwa dem Tessin der Aufbau einer eigenen Universit\u00e4t. Der Kanton Wallis hat mit der EPFL Lausanne eine starke externe Partnerin gefunden, um in Sitten ein Campusareal zu entwickeln, auf dem bereits vorhandene Institutionen zusammengef\u00fchrt werden. Da es den terti\u00e4ren Bildungsinstitutionen im Berggebiet jedoch h\u00e4ufig an kritischer Masse mangelt, sollten sie sich st\u00e4rker auf Kompetenzen mit Relevanz f\u00fcr das Berggebiet spezialisieren, um innerhalb der Schweizer Bildungslandschaft ein klareres Profil zu gewinnen.&#13;<\/p>\n<h2>Neue L\u00f6sungen suchen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nPeriphere und d\u00fcnn besiedelte Regionen werden auch als potenzialarme R\u00e4ume bezeichnet. Sie leiden oft unter \u00dcberalterung, Abwanderung und einer Erosion wirtschaftlicher Strukturen. Ein schlichtes \u00abAnsubventionieren\u00bb gegen solche Schrumpfungsprozesse ist teuer und wenig effektiv. Die Tabuisierung dieser Probleme erschwert die Suche nach neuen L\u00f6sungsans\u00e4tzen. So bedarf es etwa pragmatischer Ans\u00e4tze f\u00fcr einen kosteng\u00fcnstigen Service public, wie Rufbus-Systeme oder Postagenturen in Dorfl\u00e4den. Zudem bedarf es Strategien zur Aktivierung spezifischer Wertsch\u00f6pfungspotenziale.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSo gibt es durchaus Dienstleistungen, f\u00fcr die Abgeschiedenheit ein Standortvorteil ist, wie Internate oder Rehabilitationskliniken. Auch die Digitalisierung schafft neue Potenziale, beispielsweise in Form von Telearbeit oder dem Onlinevertrieb regionaler Produkte. Zahlreiche neu gegr\u00fcndete Regionalp\u00e4rke sind eine Chance, die Landschaft in Wert zu setzen und Wertsch\u00f6pfungsketten im sanften Tourismus zu entwickeln. Peripheren R\u00e4umen mangelt es h\u00e4ufig nicht an Potenzialen, sondern an handlungsf\u00e4higen Akteuren, die die Potenziale erschliessen. Entsprechend wichtig ist gerade auch f\u00fcr diese Gebiete die Mobilisierung von Zweitwohnungsbesitzern als Akteure des Wandels.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAber es gibt auch Regionen, in denen Schrumpfungsprozesse so weit fortgeschritten sind, dass es Strategien f\u00fcr einen \u00abgeordneten R\u00fcckzug\u00bb bedarf. Die Angst davor scheint \u00fcbertrieben, denn extensive Nutzungsformen haben in den Bergen eine lange Tradition, wie Maiens\u00e4sse oder \u00abTeilzeit-T\u00e4ler\u00bb, die nur im Sommer genutzt werden, zeigen. Zudem gibt es auch innovative Beispiele hierf\u00fcr: etwa die Umnutzung von Rustici zu Zweitwohnungen, die nur unter der Bedingung gew\u00e4hrt wird, dass auch die dazugeh\u00f6rige Kulturlandschaft gepflegt wird. Durch eine Umschichtung von Mitteln innerhalb der NRP k\u00f6nnten innovative L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr potenzialarme R\u00e4ume gezielter gef\u00f6rdert werden.&#13;<\/p>\n<h2>Alle Akteure vor Ort sind gefordert<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm den wirtschaftlichen Strukturwandel im Berggebiet erfolgreich zu bew\u00e4ltigen, sind verschiedene Akteure gefordert. Seitens des Bundes scheint eine Weiterentwicklung der bislang eher vagen Berggebietspolitik geboten, um diese strategisch fokussierter und operativ relevanter zu machen. Aber auch die Vertreter des Berggebietes sollten ihre Rollen \u00fcberdenken: Sinnvoll scheinen eine st\u00e4rkere Ausrichtung der Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) auf Strategien zur Bew\u00e4ltigung des Strukturwandels sowie der Aufbau eines nationalen Kompetenzclusters zu Berggebietsfragen \u2013 beispielsweise durch den Aufbau eines \u00abHauses der Berge\u00bb in Bern. Eine Kompetenzl\u00fccke gibt es derzeit auch hinsichtlich \u00f6konomischer Themen: Auf nationaler Ebene fehlt eine wirtschaftliche Instanz zum Berggebiet \u2013 vergleichbar mit dem Wirtschaftsforum Graub\u00fcnden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAm Ende jedoch muss der eigentliche Strukturwandel im Berggebiet selber erfolgen, und diesbez\u00fcglich sind die Akteure vor Ort gefordert. Unternehmer m\u00fcssen alte Gesch\u00e4ftsmodelle anpassen und neue entwickeln, z. B. im Tourismus oder in der Bauwirtschaft. Kantone und Gemeinden k\u00f6nnen durch Gebietsreformen und die Zusammenarbeit innerhalb von funktionalen R\u00e4umen handlungsf\u00e4hige politische Strukturen schaffen. Die Einwohner des Berggebietes m\u00fcssen als Stimmb\u00fcrger, Milizt\u00e4tige und Arbeitnehmer bereit sein f\u00fcr den Wandel althergebrachter Strukturen. Und die Zweitwohnungsbesitzer sollten sich in diesen Prozess aktiv einbringen. Ihre Investitionen, ihr Engagement und ihr Know-how sind entscheidender f\u00fcr die wirtschaftliche Zukunft des Berggebietes als f\u00f6derale Finanztransfers.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Der folgende Artikel basiert auf der Studie \u00abStrukturwandel im Schweizer Berggebiet\u00bb. Siehe M\u00fcller-Jentsch (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Standortrankings offenbaren sich die strukturellen Schw\u00e4chen der gebirgigen Landesteile. So finden sich etwa im \u00abKantonalen Wettbewerbsindikator\u00bb der UBS auf den letzten 10 R\u00e4ngen ausschliesslich Bergkantone. Auch bei der kleinr\u00e4umigeren Betrachtung von 108 Schweizer Regionen zeigt sich ein Gef\u00e4lle bei der Wettbewerbsf\u00e4higkeit zwischen Ober- und Unterland. 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In einer Studie zeigt die Denkfabrik Avenir Suisse, wie bestehende Wertsch\u00f6pfungsquellen gest\u00e4rkt und neue aktiviert werden k\u00f6nnen. Dabei muss jede Region ihre spezifische Strategie und ihr eigenes Standortprofil entwickeln.","post_hero_image_description":"Effizientere Strukturen durch Gemeindefusionen: Die Glarner Landsgemeinde stimmte 2006 daf\u00fcr, die 25 Gemeinden des Kantons auf 3 zu reduzieren.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"<ul>&#13;\n \t<li>M\u00fcller-Jentsch, Daniel (2017). <a href=\"https:\/\/www.avenir-suisse.ch\/publication\/strukturwandel-im-berggebiet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Strukturwandel im Schweizer Berggebiet. Strategien zur Erschliessung neuer Wertsch\u00f6pfungsquellen<\/a>. Avenir Suisse.<\/li>&#13;\n \t<li>UBS (2016). <a href=\"https:\/\/www.ubs.com\/global\/de\/wealth_management\/chief-investment-office\/investment-views\/kwi.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kantonaler Wettbewerbsindikator 2016<\/a>.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":108812,"main_focus":[156325,157038],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":108816,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"72106","post_abstract":"Viele betroffene Regionen haben bereits L\u00f6sungen gefunden, den Strukturwandel im Berggebiet innovativ anzugehen. So k\u00f6nnen etwa Gemeindefusionen helfen, Ressourcen zu b\u00fcndeln. 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