{"id":108843,"date":"2017-09-25T11:45:48","date_gmt":"2017-09-25T11:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/09\/michlig-10-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:05:11","modified_gmt":"2023-08-23T21:05:11","slug":"michlig-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/09\/michlig-10-2017\/","title":{"rendered":"Ein K\u00fcmmerer f\u00fcr die Region"},"content":{"rendered":"<p>In den vergangenen 20 Jahren wurden auf nationaler Ebene mehrere Politikbereiche, wie die Tourismuspolitik, die Regionalpolitik oder die Raumentwicklungspolitik, umgestaltet. Damit ist man \u00fcbergegangen von einer Ausgleichspolitik zu einer Anreizpolitik. Hat man fr\u00fcher beispielsweise Mehrzweckhallen unterst\u00fctzt, so will man heute bewusst Wertsch\u00f6pfungsketten auf- und ausbauen. Das bildet die Basis f\u00fcr eine nachhaltige und wirtschaftsorientierte Entwicklung von sogenannten Funktionalr\u00e4umen. So werden R\u00e4ume bezeichnet, die sich nicht durch politisch-administrative Grenzen, sondern vielmehr durch Wirtschaftsbeziehungen, Verkehrsverflechtungen und politische Interessen definieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Paradigmenwechsel nimmt kantonale, regionale und lokale Akteure vermehrt in die Verantwortung. Deshalb steigt gleichzeitig auch der Bedarf nach einer Koordination der raumwirksamen Sektoralpolitiken auf regionaler und lokaler Ebene. Was aber macht eine erfolgreiche Umsetzungspraxis in den Regionen aus?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Blick in die Region Oberwallis zeigt, dass Nachhaltigkeit und koh\u00e4rente Regionalentwicklung nicht nur neue politische Modew\u00f6rter sind. Im Gegenteil: Sie werden in der Praxis als Grundprinzipien seit Jahren gelebt. Aus dem Reformprozess der Regionalpolitik ist dort vor acht Jahren die Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG (RWO AG)<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> als Regionalentwicklungsstelle hervorgegangen. Durch die Umsetzung unterschiedlichster Projekte hat man so in den vergangenen Jahren Erfahrungswerte gesammelt. Diese zeigen, dass es f\u00fcr eine erfolgreiche Regionalentwicklung kein Musterrezept gibt. Dennoch k\u00f6nnen einige Schl\u00fcsselfaktoren f\u00fcr eine erfolgreiche Umsetzungspraxis abgeleitet werden.&#13;<\/p>\n<h2>Ein neutraler, unparteiischer Akteur<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine strategiegeleitete Entwicklung der Region und f\u00fcr die sektor\u00fcbergreifende Koordination und Entwicklung von Projekten braucht es einen Akteur, der sich dieser Aufgabe annimmt und Mitverantwortung \u00fcbernimmt. Ein solcher K\u00fcmmerer muss sektor\u00fcbergreifend vernetzt und in der Region verankert sein. Regionalentwicklungsstellen beispielsweise k\u00f6nnen eine solche Funktion \u00fcbernehmen. F\u00fcr die Projektarbeit kann die Organisationsform dieser Institution eine entscheidende Rolle spielen, wie das Beispiel der RWO AG zeigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls Aktiengesellschaft geniesst das Unternehmen eine hohe Glaubw\u00fcrdigkeit bei Bund, Kanton, Gemeinden sowie Wirtschaftspartnern in der Region. Die Aufteilung des Aktionariats auf die Gemeinden, den Kanton und die Wirtschaftsunternehmen erm\u00f6glicht es, neben einer regionalen Verankerung auch die t\u00e4gliche Arbeit zu entpolitisieren. Denn zu politischen Themen nimmt die RWO AG selber nicht Stellung. Diese Funktion \u00fcbernimmt der Verein Region Oberwallis, in dem alle Gemeinden des Oberwallis vertreten sind und der ein Drittel der Aktien der RWO AG besitzt. Das erm\u00f6glicht eine neutrale, politik- und sektorunabh\u00e4ngige Arbeitsweise.&#13;<\/p>\n<h2>Zukunftsorientiert und integrativ arbeiten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin weiterer Faktor f\u00fcr eine erfolgreiche Regionalentwicklung ist eine strategische Denk- und Handlungsweise auf regionaler Ebene. Es ist ein strategisches Grundverst\u00e4ndnis der RWO AG, dass sie durch ihre T\u00e4tigkeiten und Projekte der gesamten Region dienen will und nicht einer spezifischen Politik. Damit ist eine zukunftsorientierte, integrative, sektor- und politik\u00fcbergreifende Arbeitsweise unabdingbar. Strategiegeleitetes Handeln bedeutet, nicht nur auf bestehende Herausforderungen zu reagieren, sondern im Hinblick auf k\u00fcnftige Chancen und Herausforderungen zu agieren. Durch eine aktive und vorausschauende strategische Arbeitsweise werden neue Entwicklungen erkannt und die Bed\u00fcrfnisse der Akteure fr\u00fchzeitig erfasst. Somit k\u00f6nnen neue Themen und Projektideen angestossen werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Beispiel daf\u00fcr ist das Oberwalliser Tourismus-Impulsprogramm Stratos<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>. 2012 ist es aus der Idee heraus entstanden, die Rolle der RWO AG im Tourismus zu kl\u00e4ren. Es zeigte sich, dass es zu jenem Zeitpunkt keinen strategischen Antreiber in der Region gab, der sich der destinations\u00fcbergreifenden Tourismusentwicklung annahm. Im Rahmen von Stratos initiierten touristische Akteure in einem sogenannten Bottom-up-Verfahren mehr als 50 Projekte. Neben lokalen Initiativen wurden auch destinations\u00fcbergreifende, regionale Projekte oder Beherbergungsprojekte lanciert. Davon sind heute \u00fcber die H\u00e4lfte umgesetzt. Aus Stratos ist ein Netzwerk mit fast allen Oberwalliser Tourismusdestinationen entstanden. Dieses Netzwerk wird erg\u00e4nzt durch Vertretungen von grossen Personentransportunternehmen. Die Mitglieder treffen sich regelm\u00e4ssig, um gemeinsam destinations\u00fcbergreifende Projekte anzustossen und umzusetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEines dieser Projekte ist \u00abBike Valais\/Wallis\u00bb, welches die Entwicklung von destinations\u00fcbergreifenden Bike-Erlebnissen zum Ziel hat. Es ist im Auftrag des Stratos-Netzwerks und in Zusammenarbeit mit der kantonalen Vermarktungsorganisation Valais\/Wallis Promotion, der RWO AG und einer privaten Firma entstanden. Inzwischen ist dieses Projekt auch auf kantonaler Ebene als strategisches Thema aufgenommen worden.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2>L\u00f6sungen gemeinsam entwickeln<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklung solcher Projekte ist nur durch einen geeigneten methodischen Ansatz und den Einbezug aller relevanten Akteure m\u00f6glich. Pragmatismus und informelle Verfahren stellen dabei zentrale Erfolgsfaktoren dar. Das bedeutet nicht, dass die gesetzlichen oder politisch-administrativen Prozesse missachtet werden, sondern dass die Akteure Probleme gemeinsam ausdiskutieren. So kann sich niemand aus der Verantwortung ziehen und muss seinen Beitrag zur L\u00f6sungsfindung leisten. Die jeweiligen sektoriellen Interessen werden damit zugunsten der besten L\u00f6sung f\u00fcr die Region in den Hintergrund gestellt. Eine weitere Anforderung an die koh\u00e4rente Entwicklung ist es damit auch, aus l\u00e4hmenden Konkurrenzsituationen Kooperationen zu schaffen und dadurch Synergien zu gewinnen. Um dies zu erreichen, ist das Einhalten von professionellen Abl\u00e4ufen entlang von Governance-Strukturen essenziell. Das gilt sowohl unternehmensintern als auch in den Projekten. Dadurch erfolgen strategische Entscheide und operative T\u00e4tigkeiten an unterschiedlichen Stellen und unterst\u00fctzen eine Entflechtung von Interessen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDamit sich Projekte maximal entfalten, braucht es zudem ein methodisches Vorgehen, das eine dynamische und agile Arbeitsweise erm\u00f6glicht. Wenn man ergebnisoffen in ein Projekt startet und im Verlauf L\u00f6sungen in enger Zusammenarbeit mit der Tr\u00e4gerschaft entwickelt, erh\u00f6ht das die Flexibilit\u00e4t. Zudem ist es hilfreich, Projekte in Zwischenziele zu gliedern und schrittweise Entscheidungspunkte anzustreben, an welchen das Projekt in eine neue Richtung gelenkt werden kann. Ein solches Vorgehen ist h\u00e4ufig komplexer als eine traditionelle Herangehensweise. Deshalb braucht es auch die entsprechenden Kompetenzen etwa aus den Bereichen Regionalentwicklung, Management, Raumplanung und Wissenstransfer. In vielen mittleren und kleinen Gemeinden, kleineren Unternehmen und in Organisationen fehlen diese h\u00e4ufig. Mit der RWO AG k\u00f6nnen diese Kompetenzen geb\u00fcndelt und konzentriert aufgebaut werden.&#13;<\/p>\n<h2>Herausforderungen proaktiv anpacken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSchweizweit sind die Regionen von unterschiedlichen Herausforderungen und Entwicklungen gepr\u00e4gt. Deshalb unterscheiden sich auch der Handlungsbedarf und die L\u00f6sungswege in der regionalen Umsetzungspraxis. Gleichzeitig bieten aktuelle Entwicklungen wie etwa die Digitalisierung Chancen, um eine sektor\u00fcbergreifende Denk- und Handlungsweise der Akteure zu f\u00f6rdern. Neue M\u00f6glichkeiten bei der Datenerhebung und -verarbeitung, bei der Nutzung geografischer Informationssysteme oder bei der Vernetzung touristischer Unternehmen und Leistungstr\u00e4ger f\u00fcr die Angebots- und Produktentwicklung sind nur einige Beispiele daf\u00fcr.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Akteure vor Ort sind in der Verantwortung, Herausforderungen proaktiv und integrativ anzugehen, Chancen zu nutzen und neue L\u00f6sungswege zu entwickeln. Ein Schl\u00fcssel f\u00fcr eine nachhaltige und koh\u00e4rente Umsetzungspraxis liegt unter anderem darin, sich als Organisation in der Region zu verankern und sich mit ihr weiterzuentwickeln. Als lernende Organisation in einer lernenden Region sind die strategischen Stossrichtungen und operativen Handlungsfelder laufend zu \u00fcberpr\u00fcfen und flexibel an neue Trends und die Bed\u00fcrfnisse der regionalen Akteure anzupassen. Auf Ebene Bund und Kanton sind die zust\u00e4ndigen Stellen gefordert, die unterst\u00fctzenden Rahmenbedingungen in Form von umsetzbaren, politik\u00fcbergreifenden strategischen Leitlinien und politischen Instrumenten bereitzustellen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Weiterf\u00fchrende Informationen zur Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG online auf <a href=\"http:\/\/www.rw-oberwallis.ch\/allgemein\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">rw-oberwallis.ch<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Mehr Informationen zu Stratos online auf <a href=\"http:\/\/www.stratos-oberwallis.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Stratos-oberwallis.ch<\/a>&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. Kanton Wallis (2016). Strategie Velo & Bike Valais\/Wallis. Sitten.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen 20 Jahren wurden auf nationaler Ebene mehrere Politikbereiche, wie die Tourismuspolitik, die Regionalpolitik oder die Raumentwicklungspolitik, umgestaltet. Damit ist man \u00fcbergegangen von einer Ausgleichspolitik zu einer Anreizpolitik. Hat man fr\u00fcher beispielsweise Mehrzweckhallen unterst\u00fctzt, so will man heute bewusst Wertsch\u00f6pfungsketten auf- und ausbauen. 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