{"id":108860,"date":"2017-09-25T11:45:48","date_gmt":"2017-09-25T11:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/09\/spoerri-10-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:05:09","modified_gmt":"2023-08-23T21:05:09","slug":"spoerri-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/09\/spoerri-10-2017\/","title":{"rendered":"Der Bund muss seine Berggebietsf\u00f6rderung \u00fcberpr\u00fcfen"},"content":{"rendered":"<p>Die Berggebiete pr\u00e4gen das Bild der Schweiz und spielen im kollektiven Selbstverst\u00e4ndnis eine wichtige Rolle. Sie sind nicht nur Lebensraum rund eines Viertels der Schweizer Bev\u00f6lkerung, sondern haben dar\u00fcber hinaus wichtige Funktionen als Identifikations-, Wirtschafts- und Erholungsraum mit besonders hohen Natur- und Landschaftswerten. Damit sind sie wichtig f\u00fcr das Land und spielen f\u00fcr die nachhaltige Entwicklung eine zentrale Rolle.&#13;<\/p>\n<h2>Wirtschaftliche Herausforderungen nehmen zu<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie wirtschaftlichen Herausforderungen der Berggebiete haben sich in j\u00fcngster Zeit akzentuiert. Durch die topografischen Hindernisse und die geringe Dichte an Bev\u00f6lkerung und Unternehmen haben die Berggebiete im Vergleich mit den grossen Zentren des Mittellandes grunds\u00e4tzlich schwierigere Voraussetzungen f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung. W\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung schweizweit w\u00e4chst, nimmt sie in einigen Regionen des Alpenraums und der Voralpen ab (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Der Anteil Personen \u00fcber 64 Jahren\u00a0w\u00e4chst im Berggebiet st\u00e4rker als in der \u00fcbrigen Schweiz (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Hinzu kommen jetzt zus\u00e4tzliche externe Schocks, welche die wirtschaftliche Basis des Berggebiets bedrohen. Die Restriktionen der Zweitwohnungsgesetzgebung und die sinkende Nachfrage nach Ferienimmobilien reduzieren die Ums\u00e4tze im Baugewerbe und erschweren Um- und Neubauten in der Hotellerie. Der starke Franken verschlechtert die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweiz gegen\u00fcber den ausl\u00e4ndischen Feriendestinationen. Die alpinen Tourismusregionen verzeichnen teilweise stark r\u00fcckl\u00e4ufige Logiern\u00e4chte (siehe <em>Abbildung <\/em><em>3<\/em>). Gleichzeitig bedrohen sinkende Strompreise die Einnahmen der Gebirgskantone und -gemeinden aus dem Wasserzins. Trotzdem: Im Vergleich zu den l\u00e4ndlichen Regionen vieler OECD-Mitgliedsstaaten fallen die entwicklungspolitischen Herausforderungen der Schweizer Bergregionen gering aus.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Fr\u00fchjahrssession 2017 hat der Nationalrat ein Postulat<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> des B\u00fcndner SVP-Nationalrats Heinz Brand \u00fcberwiesen. Der Bundesrat wird damit beauftragt, einen Bericht \u00fcber die mittel- und langfristige wirtschaftliche Entwicklung des Alpenbogens aufgrund der ver\u00e4nderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vorzulegen. Gem\u00e4ss dem Postulatstext soll der Bericht konkrete inhaltliche und zeitliche Massnahmen aufzeigen, wie der Bund trotz der dramatisch ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen die wirtschaftliche Existenz und Entwicklung des Alpenbogens weiterhin sicherstellen und der absehbaren Abwanderung wirksam begegnen will. Der Bundesrat muss das Postulat innert zweier Jahre beantworten.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: J\u00e4hrliches Bev\u00f6lkerungswachstum in Prozent (2010\u20132015)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_1.2_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-71987\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_1.2_DE.png\" alt=\"\" width=\"2623\" height=\"1889\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<p class=\"Default\"><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS, regiosuisse \/ Die Volkswirtschaft<\/span><\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n<p class=\"Default\"><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Karten bilden die sogenannten MS-Regionen ab. Dabei handelt es sich um Kleinarbeitsmarktgebiete mit funktionaler Orientierung auf regionale Zentren.<\/span><\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<h3 class=\"Default text__graphic-title\">Abb. 2: Ver\u00e4nderung des Anteils Einwohner \u00fcber 64 Jahren in Prozentpunkten (2010\u20132015)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_2.2_DE.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-71988\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_2.2_DE.png\" alt=\"\" width=\"2628\" height=\"1828\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS, regiosuisse \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 3: Ver\u00e4nderung der Logiern\u00e4chte (Total) in Prozent (2010\u20132016)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_3.2_DE.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-71989\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_3.2_DE.png\" alt=\"\" width=\"2626\" height=\"1840\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS, regiosuisse \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2>In funktionalen R\u00e4umen denken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTatsache ist, dass der Alpenbogen nicht homogen ist und unterschiedliche Raumtypen darin vorkommen (siehe <em>Kasten<\/em>). Multifunktionale Talb\u00f6den mit gr\u00f6sseren Agglomerationen wie Chur oder Siders stehen nicht vor den gleichen Chancen und Herausforderungen wie alpine Tourismuszentren oder periphere R\u00e4ume. Um die wirtschaftliche Entwicklung des Alpenraums zu stimulieren, braucht es r\u00e4umlich differenzierte Strategien, welche die Chancen und Herausforderungen der unterschiedlichen Raumtypen ber\u00fccksichtigen und die positiven Wechselwirkungen zu nutzen versuchen. Stadt und Land sind eng funktional verflochten und wechselseitig abh\u00e4ngig voneinander. Das Denken und Handeln in Stadt-Land-\u00fcbergreifenden funktionalen R\u00e4umen ist zentral f\u00fcr eine nachhaltige Raumentwicklung und zielf\u00fchrender als starre Definitionen. Zu diesem Credo bekennt sich die Schweiz sowohl in ihrem Raumkonzept als auch in den UNO-Zielen f\u00fcr nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals).&#13;<\/p>\n<h2>Breite Palette an Instrumenten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bund setzt bereits eine Vielzahl von Sektoralpolitiken ein, die ihre Wirkung gr\u00f6sstenteils in den Berggebieten und l\u00e4ndlichen R\u00e4umen der Schweiz entfalten: die Neue Regionalpolitik (NRP), die Tourismuspolitik, die P\u00e4rkepolitik zur F\u00f6rderung von Nationalp\u00e4rken und regionalen Naturp\u00e4rken, die Landwirtschaftspolitik, den Finanzausgleich (NFA) und viele mehr (siehe <em>Abbildung 4<\/em>). Da ein Grossteil der Agglomerationen im l\u00e4ndlichen Raum und einige sogar im Berggebiet liegen, ist auch die Agglomerationspolitik f\u00fcr die l\u00e4ndlichen R\u00e4ume und Berggebiete ein relevantes F\u00f6rderinstrument.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDen \u00fcbergeordneten strategischen Orientierungsrahmen bilden das Raumkonzept Schweiz und die Politik f\u00fcr die l\u00e4ndlichen R\u00e4ume und Berggebiete (P-LRB), die der Bundesrat gemeinsam mit der weiterentwickelten Agglomerationspolitik im Februar 2015 verabschiedet hat. Diese beiden Querschnittspolitiken tragen zu einer koh\u00e4renten Raumentwicklung in der Schweiz bei. Die P-LRB ist im Wesentlichen eine strategische Klammer, um die Ziele und Beitr\u00e4ge des Bundes f\u00fcr das Berggebiet und die l\u00e4ndlichen R\u00e4ume zu b\u00fcndeln und zu koordinieren. Sie f\u00f6rdert spezifische Massnahmen \u2013 vorwiegend im Gouvernanzbereich \u2013, um die Wirkung und die Synergienutzung zwischen den Sektoralpolitiken zu verbessern.&#13;<\/p>\n<h2>Anreize f\u00fcr private Initiativen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) betrachtet das Postulat Brand als Chance, die Politik f\u00fcr die l\u00e4ndlichen R\u00e4ume und Berggebiete in wirtschaftlichen Belangen zu sch\u00e4rfen und zu konkretisieren. Dazu soll die Zusammenarbeit mit den interessierten Verb\u00e4nden vertieft werden. So bieten sich etwa im Tourismus Ansatzpunkte, um das Berggebiet verst\u00e4rkt zu unterst\u00fctzen. Hier gilt es, den Strukturwandel weiterhin fokussiert zu begleiten und zu unterst\u00fctzen. Der Bund \u00fcberarbeitet dazu aktuell seine Tourismusstrategie. Inhaltlich stehen vier Themen im Vordergrund: Digitalisierung, Unternehmertum, Rahmenbedingungen und Attraktivit\u00e4t des Angebots. Die Strategie soll im Herbst vom Bundesrat verabschiedet werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Chancen der Digitalisierung besser zu nutzen, wird verst\u00e4rkt auch im Fokus der NRP stehen. Hierzu l\u00e4sst das Seco zurzeit eine Studie erarbeiten, welche den Chancen und Risiken der Digitalisierung f\u00fcr die Zielgebiete der NRP auf den Grund geht. Einen interessanten Fundus an Ideen f\u00fcr die weiter gehende F\u00f6rderung der wirtschaftlichen Entwicklung des Schweizer Berggebiets bietet auch die Studie \u00abStrukturwandel im Schweizer Berggebiet\u00bb des wirtschaftsnahen Thinktanks Avenir Suisse.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nLetztendlich muss die Bew\u00e4ltigung des Strukturwandels aber prim\u00e4r von den privaten Akteuren im Berggebiet getragen werden. Der Bund kann subsidi\u00e4r zu Kantonen und Gemeinden gezielt und marktorientiert Anreize f\u00fcr Eigeninitiative und Innovation privater Akteure setzen, die den Strukturwandel erm\u00f6glichen. Und er kann dazu beitragen, H\u00e4rten abzufedern. Dabei soll aber keinesfalls der Strukturwandel behindert werden.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 4: Beitr\u00e4ge des Bundes an die koh\u00e4rente Raumentwicklung, in Franken<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_4_DE.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-72906\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/09\/Spoerri_Abb_4_DE-1170x572.png\" alt=\"\" width=\"1170\" height=\"572\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Grafik zeigt die Beitr\u00e4ge f\u00fcr alle R\u00e4ume, nicht nur das Berggebiet. Ohne Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">\u00a0<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Seco, ARE \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Postulat 15.3228: \u00abBericht \u00fcber die Entwicklungsperspektiven des Alpenbogens aufgrund der ver\u00e4nderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen\u00bb. <a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20153228\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weiterf\u00fchrende Informationen<\/a> auf Parlament.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe auch den <a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=72106\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Beitrag<\/a> von Daniel M\u00fcller-Jentsch in diesem Fokus.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Berggebiete pr\u00e4gen das Bild der Schweiz und spielen im kollektiven Selbstverst\u00e4ndnis eine wichtige Rolle. 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Diese Regionen basieren einerseits auf sozio\u00f6konomischen Kriterien und auf funktionalr\u00e4umlichen Verflechtungen, anderseits aber auch auf einem politischen Aushandlungsprozess.&#13;\n&#13;\nVerschiedene Sektoralpolitiken des Bundes kennen r\u00e4umliche Differenzierungen ihrer Zielgebiete, die in der einen oder anderen Form eine Ann\u00e4herung an das Berggebiet vornehmen. Der nationale Finanzausgleich definiert die geografisch-topografischen Sonderlasten etwa \u00fcber drei Kriterien: H\u00f6henlage, Steilheit und feingliedrige Besiedlung. Der landwirtschaftliche Produktionskataster erfasst erschwerende Produktionsverh\u00e4ltnisse und Lebensbedingungen, die bei der Anwendung des Landwirtschaftsgesetzes angemessen zu ber\u00fccksichtigen sind."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":108863,"main_focus":[156325,157038],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":108867,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"71417","post_abstract":"Die Berggebiete sind wichtige Lebens-, Wirtschafts- und Naturr\u00e4ume f\u00fcr die Schweiz. Doch sie stehen unter erh\u00f6htem wirtschaftlichem Druck. Der Bund verf\u00fcgt \u00fcber eine breite Palette an Instrumenten und Massnahmen, um die Akteure im Berggebiet zu unterst\u00fctzen. Dieses Instrumentarium gilt es nun aufgrund eines parlamentarischen Auftrags zu \u00fcberpr\u00fcfen und bei Bedarf weiterzuentwickeln. Letztlich kann der Bund allerdings nur Anreize f\u00fcr Eigeninitiative setzen. 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