{"id":108920,"date":"2017-09-25T10:00:25","date_gmt":"2017-09-25T10:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/09\/wir-sind-alle-bergler\/"},"modified":"2024-04-05T14:48:31","modified_gmt":"2024-04-05T12:48:31","slug":"wir-sind-alle-bergler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/09\/wir-sind-alle-bergler\/","title":{"rendered":"Wir sind alle Bergler!"},"content":{"rendered":"<p>Statistiken sagen nicht alles. Im Sommer 2017 hatte ich die Gelegenheit zu mehreren Begegnungen mit engagierten Menschen in verschiedenen Berggebieten. Ich war beeindruckt von der guten Stimmung der Hoteliers sowie der Initiative der Einheimischen und Zweitwohnungsbesitzer, die sich mit Ideen und Taten einbringen. Zum Beispiel im Valle Malvaglia im Bleniotal: Seit \u00fcber zehn Jahren findet dort eine Renaissance der Berglandwirtschaft statt. Die Landwirte interessieren sich wieder f\u00fcr die Bewirtschaftung der verbuschten Weiden auf den Kulturterrassen, f\u00fcr die Sanierung von Trockenmauern und historischen Geb\u00e4uden. Auch junge, ausw\u00e4rtige Bauern lassen sich in den Valli nieder und setzen innovative Ideen um. In Mergoscia, im Verzascatal, wird beispielsweise neben Reben auch der heimische Pro-Specie-Rara-Mais angepflanzt. Etwas n\u00f6rdlicher in Corippo entsteht ein dezentrales Dorfhotel, und in Boschetto, im Maggiatal, produziert man auf den wiederbewirtschafteten Wiesen und Weiden Formaggini und Salametti.<\/p>\n<h2>Nachhaltige Initiativen als Aush\u00e4ngeschild<\/h2>\n<p>Wenn also Avenir Suisse von geringer Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Berggebiete im Vergleich zu den Topkantonen spricht, dann t\u00f6nt dies beunruhigend. Gemessen an der Wettbewerbsf\u00e4higkeit schneidet der Kanton Tessin nur halb so gut ab wie der Kanton Zug, obwohl die Siedlungsstruktur beider Kantone mit d\u00fcnn besiedeltem Berggebiet und hoch zersiedeltem Talgebiet \u00e4hnlich ist. Aber: Die Wettbewerbsf\u00e4higkeit ist in erster Linie nicht vom l\u00e4ndlichen Berggebiet abh\u00e4ngig, sondern von den Rahmenbedingungen in den urbanisierten Zentren. W\u00e4hrend die sogenannte citt\u00e0 diffusa \u2013 der zersiedelte Talboden \u2013 die N\u00e4he zu Italien fr\u00fcher noch als wirtschaftlichen Segen erlebte, empfindet sie diese N\u00e4he heute als Last. Gegenw\u00e4rtig brilliert das Tessin nicht zuletzt durch die \u00abpiattaforma paesaggio\u00bb \u2013 ein Netzwerk verschiedener Amtsstellen wie Forst\u00e4mtern und Regionalf\u00f6rderungsstellen. Zusammen mit ausserkantonalen Stiftungen wie der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz f\u00f6rdert sie lokale, nachhaltige Projekte.<\/p>\n<p>Das Tessiner Berggebiet ist der schweizweite Motor einer Berggebietsarbeit, die sich der Pflege der eigenen Kulturlandschaft widmet. Heute gl\u00e4nzt das Berggebiet auch andernorts mit kulturellen Eigeninitiativen, etwa mit dem Origen-Festival im b\u00fcndnerischen Surses, welches Kunst und Kultur in die Landschaft einwebt. Doch f\u00fcr solche Entwicklungen gibt es leider keine Statistik.<\/p>\n<h2>Mehr Kooperation zwischen den Institutionen<\/h2>\n<p>In Umfragen steht die Berglandschaft bei der Bev\u00f6lkerung hoch im Kurs. Dies sollten die Berggebietspolitiker, die gegen den Landschaftsschutz wettern, nicht vergessen! Gewiss ist dies nur eine Seite der Realit\u00e4t. Ebenso real ist die wirtschaftliche Baisse, zu der auch die Zentren des Skitourismus beitragen: Sie haben hohe Investitionen in Infrastrukturen und Zweitwohnungen get\u00e4tigt, die angesichts des Klimawandels und sich wandelnder gesellschaftlicher Bed\u00fcrfnisse vielerorts nicht mehr rentieren.<\/p>\n<p>Die st\u00e4dtischen Zentren innerhalb der Berggebiete sollten die N\u00e4he zu den innovativen l\u00e4ndlichen Regionen besser nutzen. Die Wirtschaftsunternehmen in Visp, Thun, Chur oder Locarno k\u00f6nnten beispielsweise ihre Arbeitspl\u00e4tze in die nahe gelegenen und in der Regel auch mit schnellen Internetverbindungen ausger\u00fcsteten l\u00e4ndlichen D\u00f6rfer auslagern und so die leer stehenden Zweitwohnungen und Ortskerne wieder beleben. Solche \u00abNew Alpiners\u00bb \u2013 also Ank\u00f6mmlinge aus nahen und fernen St\u00e4dten \u2013 beleben ihrerseits die lokalen L\u00e4den und die Gastronomie. Ihre Einbindung in die lokale Politik w\u00e4re deshalb sinnvoll. Der Schl\u00fcssel zum Erfolg liegt \u00fcberhaupt in der institutionellen Zusammenarbeit. Die erfolgreiche Arbeit f\u00fcr Kultur und Landschaft liefert hierf\u00fcr ein Vorbild. In der Gastronomie und Hotellerie mangelt es jedoch an solchen Kooperationen.<\/p>\n<p>Das Berggebiet wie das Nicht-Berggebiet sind wirtschaftlich und gesellschaftlich untrennbar verbunden. Herr und Frau Schweizer sind schon l\u00e4ngst Bergler \u2013 nur die Politik merkt das nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Statistiken sagen nicht alles. Im Sommer 2017 hatte ich die Gelegenheit zu mehreren Begegnungen mit engagierten Menschen in verschiedenen Berggebieten. Ich war beeindruckt von der guten Stimmung der Hoteliers sowie der Initiative der Einheimischen und Zweitwohnungsbesitzer, die sich mit Ideen und Taten einbringen. 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