{"id":108990,"date":"2017-07-25T15:05:58","date_gmt":"2017-07-25T15:05:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/07\/kaiser-08-09-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:05:21","modified_gmt":"2023-08-23T21:05:21","slug":"kaiser-08-09-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/07\/kaiser-08-09-2017\/","title":{"rendered":"Kostenanreize im Gesundheitswesen: Das Beispiel der Medikamentenabgabe"},"content":{"rendered":"<p>Seit 1996 sind die Kosten in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) in der Schweiz j\u00e4hrlich im Durchschnitt um 4 Prozent gestiegen. Das st\u00e4rkste Wachstum verzeichneten in den letzten Jahren die Spitalambulatorien sowie die frei praktizierenden Spezialisten.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDaf\u00fcr gibt es verschiedene Ursachen: Einerseits tragen der medizinische Fortschritt, steigende Einkommen und der demografische Wandel zum Kostenanstieg bei. Andererseits spielt die regulatorische Ausgestaltung des Gesundheitswesens eine bedeutende Rolle. Denn: Die institutionellen Rahmenbedingungen f\u00fcr Leistungserbringer, Patienten und Versicherer bestimmen die (In-)Effizienz, mit der die finanziellen Ressourcen eingesetzt werden. Die gesundheits\u00f6konomische Forschung kann in dieser Hinsicht einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie die Anreizwirkung von Regulierungen mit wissenschaftlichen Methoden untersucht und die Ergebnisse in den politischen Diskurs einbringt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin exemplarisches Beispiel daf\u00fcr, wie Regulierungen im Gesundheitswesen zu problematischen Anreizwirkungen und damit zu h\u00f6heren Kosten f\u00fchren k\u00f6nnen, ist der Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten in der Arztpraxis \u2013 die sogenannte Selbstdispensation. Ist die Medikamentenabgabe verboten, stellt der Arzt ein Rezept f\u00fcr den Kauf in einer Apotheke aus. Da eine Arztpraxis eine Marge beim Medikamentenverkauf hat, setzt die Selbstdispensation unweigerlich finanzielle Anreize f\u00fcr selbstst\u00e4ndig t\u00e4tige \u00c4rzte, mehr und teurere Medikamente an Patienten zu verschreiben, als sie es sonst tun w\u00fcrden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn einer wissenschaftlichen Studie haben wir untersucht, wie sich die Selbstdispensation auf die Kosten von frei praktizierenden Spezialisten in der Deutschschweiz auswirkt.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Einschr\u00e4nkung der Studie auf die Deutschschweiz war notwendig, weil nur in dieser Sprachregion unterschiedliche Regelungen existieren (siehe <em>Abbildung<\/em&gt;); in der lateinischen Schweiz ist die Selbstdispensation durchgehend verboten. Die Einfl\u00fcsse von (sprach-)kulturellen Unterschieden werden somit ausgeschlossen.&#13;\n\n\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Medikamentenabgabe durch \u00c4rzte nach Kanton (Stand: 2010)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/07\/kaiser_schmid_karte_1_de.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-71089\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/07\/kaiser_schmid_karte_1_de.png\" alt=\"\" width=\"2130\" height=\"1452\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Anmerkung: Die Karte bezieht sich auf die Jahre 2008 bis 2010. Seit 2012 ist die Selbstdispensation in allen Z\u00fcrcher Gemeinden erlaubt; der Kanton Schaffhausen folgt 2018.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie kantonal unterschiedlichen Regimes sind meist historisch gewachsen und bestehen in einigen F\u00e4llen seit dem 19. Jahrhundert.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Der Umstand, dass in der Schweiz beide Regulierungsformen nebeneinander koexistieren, erlaubt es, die kausale Wirkung der Selbstdispensation auf die Medikamentenkosten mit geeigneten statistischen Methoden zu analysieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Analyse haben wir detaillierte Informationen von rund 3400 Arztpraxen aus dem Datenpool der Krankenversicherer verwendet. Diese wurden durch frei verf\u00fcgbare Daten des Medizinalberuferegisters und des Bundesamts f\u00fcr Statistik erg\u00e4nzt. Die verwendete Regressionsmethode erlaubt es, den Effekt der Selbstdispensation auf die Kosten von anderen Einflussfaktoren, wie der Patientenstruktur, zu trennen. Vereinfacht gesagt, werden Arztpraxen mit und ohne Selbstdispensation aber mit sonst gleichen Eigenschaften miteinander verglichen. (siehe <em>Kasten<\/em>)&#13;<\/p>\n<h2><strong>Mehrkosten von bis zu 100 Franken pro Patient <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Studie zeigt: Eine selbst dispensierende Arztpraxis verursacht rund 90 bis 100 Franken mehr Medikamentenkosten zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung pro Patient und Jahr als eine vergleichbare Praxis, die keine Medikamente abgeben darf. Bei Medikamentenkosten von rund 280 Franken pro Patient und Jahr entspricht dies einem Effekt von rund 32 bis 35 Prozent. Dieses Ergebnis ist robust in Bezug auf die Wahl des \u00f6konometrischen Sch\u00e4tzverfahrens.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeiter wurde festgestellt, dass die Selbstdispensation auch bei den direkten Behandlungsleistungen h\u00f6here Kosten verursacht, was wom\u00f6glich mit einem h\u00f6heren zeitlichen Gesamtaufwand f\u00fcr Behandlungen im Zusammenhang stehen k\u00f6nnte. Der Effekt ist hier relativ gesehen jedoch kleiner als bei den Medikamentenkosten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeitere Studien zum \u00c4rzteverhalten im Zusammenhang mit der Selbstdispensation in der Schweiz zeigen qualitativ \u00fcbereinstimmende Ergebnisse.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Sie liefern zudem Hinweise darauf, weshalb die Medikamentenkosten aufgrund der Selbstdispensation h\u00f6her sind. So zeigt sich beispielsweise, dass in Gebieten mit vielen dispensierenden \u00c4rzten h\u00e4ufiger Antibiotika angewendet werden.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFerner gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen der Selbstdispensation und der Verwendung von Generika, aber \u00c4rzte scheinen gleichzeitig ihre Marge auf dispensierten Medikamenten zu optimieren.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Allerdings lassen diese Studien keine direkten R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Gesamtkosten zu, da sie sich jeweils auf bestimmte Medikamente beziehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBetrachtet man den Gesamtmarkt, so zeigt eine weitere Studie, dass die Selbstdispensation die Medikamentenkosten vor allem durch eine Mengenausweitung erh\u00f6ht.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Der durchschnittliche Preis von dispensierten Medikamenten scheint hingegen \u2013 verglichen mit verschriebenen Medikamenten \u2013 sogar etwas tiefer. Somit dominiert der Mengeneffekt empirisch den Preiseffekt sehr deutlich. Dies trifft sowohl auf Grundversorger wie auch auf Spezialisten zu.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Kosteneinsparungen m\u00f6glich<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammenfassend deutet die empirische Evidenz klar darauf hin, dass \u00c4rzte auf die finanziellen Anreize reagieren und eine Mengenausweitung stattfindet, womit die Selbstdispensation zu h\u00f6heren Medikamentenkosten f\u00fchrt. Aus reiner Kostensicht m\u00fcsste die Selbstdispensation somit in allen Kantonen abgeschafft werden. Mit Blick auf die Medikamentenkosten kann man anhand unserer Studie \u00fcberschlagsm\u00e4ssig berechnen, dass bei den Spezialisten so rund 120 bis 145 Millionen Franken pro Jahr eingespart werden k\u00f6nnten. Das entspricht allerdings nur etwas mehr als einem halben Prozent der Gesamtkosten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Das Einsparpotenzial ist, relativ gesehen, also eher gering. Bei der Beurteilung der Selbstdispensation sind zudem weitere Gesichtspunkte wie beispielsweise die Medikamentenverf\u00fcgbarkeit und die Pr\u00e4ferenzen der Patienten zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Strupler (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Kaiser und Schmid (2016). Die Autoren wurden f\u00fcr diesen Beitrag mit dem Wissenschaftspreis der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Gesundheits\u00f6konomie des Jahres 2017 ausgezeichnet.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe Anhang A.1 in Kaiser und Schmid (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Eine Ausnahme hiervon ist Trottmann et al. (2016). Allerdings l\u00e4sst diese Studie keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Verschreibungsverhalten der \u00c4rzte zu.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Filippini et al. (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Rischatsch et al. (2013) sowie Rischatsch (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Burkhard et al. (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 1996 sind die Kosten in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) in der Schweiz j\u00e4hrlich im Durchschnitt um 4 Prozent gestiegen. 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Empirical Evidence from Switzerland, Health Economics, 25: 71\u201390.<\/li>&#13;\n \t<li>Rischatsch, M., M. Trottmann, P. Zweifel (2013). Generic Substitution, Financial Interests, and Imperfect Agency, International Journal of Health Care Finance and Economics, 13: 115\u201338.<\/li>&#13;\n \t<li>Rischatsch, M. (2014). Lead Me not into Temptation: Drug Price Regulation and Dispensing Physicians in Switzerland, European Journal of Health Economics, 15: 697\u2013708.<\/li>&#13;\n \t<li>Strupler, P. (2017). Kosten des Gesundheitssystems steigen st\u00e4rker als in den Nachbarl\u00e4ndern, Die Volkswirtschaft, 3\/2017: 6\u201310.<\/li>&#13;\n \t<li>Trottmann, M., M. Fr\u00fch, H. Telser, O. Reich (2016). Physician Drug Dispensing in Switzerland: Association on Health Care Expenditures and Utilization, BMC Health Services Research, 16.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Regressionsanalyse","kasten_box":"Ein einfacher Vergleich der Durchschnittskosten zwischen Praxen mit und ohne Selbstdispensation ist methodisch unzul\u00e4ssig, um den kausalen Effekt der Selbstdispensation zu identifizieren. Denn die Arztpraxen k\u00f6nnen sich auch in zahlreichen anderen kostenrelevanten Faktoren unterscheiden: Dazu geh\u00f6ren die Patientenstruktur wie beispielsweise Alter und Geschlecht, \u00c4rztemerkmale wie Facharzttitel sowie Merkmale des Praxisstandorts \u2013 so spielt es zum Beispiel eine Rolle, ob sich eine Praxis auf dem Land oder in der Stadt befindet. 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