{"id":109236,"date":"2017-07-25T15:05:50","date_gmt":"2017-07-25T15:05:50","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/07\/comboeuf-08-09fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:05:42","modified_gmt":"2023-08-23T21:05:42","slug":"comboeuf-08-09-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/07\/comboeuf-08-09-2017\/","title":{"rendered":"Droht der Schweiz bei Bitcoins ein Napster-Moment?"},"content":{"rendered":"<p>Weltweit feiert die Bitcoin-Community den 22. Mai jeweils mit Pizza. Der Anlass: Am 22. Mai 2010 zahlte Laszlo Hanyecz, ein Bitcoin-Programmierer aus Florida, einem Buddy aus einem Internetforum erstmals die Summe von 10\u2019000 Bitcoins f\u00fcr zwei Pizzen von Papa John\u2019s. Damals, die Technologie war gerade ein wenig mehr als ein Jahr alt, entsprach diese Summe ungef\u00e4hr einem Wert von 25 Dollar. Heute h\u00e4tten die beiden Teigfladen einen Wert von \u00fcber 25 Millionen Dollar (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Kursverlauf Bitcoin (in Dollar)&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/07\/Comboeuf_1_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-71519\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/07\/Comboeuf_1_DE.png\" alt=\"\" width=\"2600\" height=\"1680\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Ariva.de \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAm Anfang tat die Finanzwelt alles, um sich nicht mit Internetw\u00e4hrungen abgeben zu m\u00fcssen. Sinnbildlich f\u00fcr diese Haltung sagte Alan Greenspan, der fr\u00fchere Chef der US-Notenbank, in einem Bloomberg-Fernsehinterview im Jahr 2013: \u00abEs braucht schon eine schier unermessliche Vorstellungskraft, um den intrinsischen Wert von Bitcoin zu erfassen. Mir gelingt das nicht.\u00bb&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDann versuchten die Kritiker die Technologie als unsicher und unausgereift darzustellen. Klar ist: Wie bei allen neuen technologischen Entwicklungen gab und gibt es auch bei Kryptow\u00e4hrungen Verbesserungspotenzial oder Probleme zu l\u00f6sen. Vordringlich zu nennen ist etwa der Umgang mit den Schl\u00fcsseln, die den Besitz von Bitcoins dokumentieren und auch zum Besitz\u00fcbertrag notwendig sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSelbst als Ignoranz keine Option mehr war, tat sich die Wirtschaft noch lange schwer, das disruptive Potenzial von Bitcoins und anderen Kryptow\u00e4hrungen angemessen zu w\u00fcrdigen. Viele hochrangige Bankmanager f\u00fchrten einen regelrechten Kreuzzug und brachten Bitcoins pauschal mit Kriminalit\u00e4t und Terrorfinanzierung in Verbindung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHeute sehen sich viele Exponenten der Finanzwelt gezwungen, ihre negative Meinung zu Kryptow\u00e4hrungen zu \u00fcberdenken. Bereits im September 2014 ver\u00f6ffentlichte die Bank of England einen Bericht, der die Blockchain-Technologie \u2013 auf welcher Kryptow\u00e4hrungen basieren (siehe <em>Kasten<\/em>) \u2013 als \u00absignifikante Innovation\u00bb mit weitreichenden Auswirkungen hervorhob.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Nur um ein paar Monate sp\u00e4ter nachzulegen: \u00abDie Schaffung eines solchen Systems k\u00f6nnte ein Protokoll hervorbringen, mit dem es im Internet m\u00f6glich ist, den Besitz von Werten und deren Transfer sicher und transparent zu regeln, vergleichbar mit dem von Sir Tim Berners-Lee am Forschungszentrum Cern publizierten Werk zu den Grundlagen des Internets.\u00bb<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Finanzindustrie drohen Turbulenzen&#13;<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBis zum Aufkommen der Blockchain war das Internet vor allem eine grossartige Infrastruktur f\u00fcr den Zugriff auf Informationen. Im herk\u00f6mmlichen Web werden laufend Kopien der Daten erzeugt, ohne dass klar ist, welche davon das Original ist. Die Blockchain \u00e4ndert dies: Sie erm\u00f6glicht es, den Besitz zu dokumentieren und den Transfer zu einem anderen Eigent\u00fcmer sicher durchzuf\u00fchren. Damit verlagern sich die Kernprozesse vieler Anwendungen in die Infrastruktur. Beispiele daf\u00fcr sind der Transfer von Werten, das F\u00fchren von Bankkonten oder Grundb\u00fcchern. Als Konsequenz sinken die Kosten signifikant.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSobald nun eine Organisation mit einer starken Marke und einem etablierten Sicherheitsimage dem Handel und seinen Kunden einen verl\u00e4sslichen Blockchain-basierten Service zur Verf\u00fcgung stellt, wird der Rest der Branche folgen. Gerade Banken f\u00fcrchten diesen sogenannten Napster-Moment \u2013 den Zeitpunkt, wo eine etablierte Branche durch das Aufkommen einer neuen Plattformtechnologie komplett aus den Fugen ger\u00e4t.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMit den stumpfen Waffen der Vergangenheit ist einem solchen technologischen Umbruch nicht beizukommen, weil das damit verbundene Kundenerlebnis radikal einfacher und billiger wird. Entsprechend haben die Musikplattform Napster und ihre Nachkommen iTunes, Spotify und Netflix die Unterhaltungsbranche innerhalb weniger Jahre umgepfl\u00fcgt. Angesichts dieses Wandels schienen die etablierten Medienunternehmen wie gel\u00e4hmt. Sie waren unf\u00e4hig, ihre eigene DNA und Kultur rasch und entschieden so anzupassen, um die neuen Technologien als Katalysator des Wandels willkommen zu heissen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00c4hnliches droht heute der Finanzbranche. Derzeit wird auf Basis der Blockchain-Technologie eine Vielzahl von Smartphone-Applikationen entwickelt. Bald wird das \u00dcberweisen von Geld oder Eigentum \u2013 ohne traditionelle Bank oder Intermedi\u00e4r \u2013 so einfach sein wie ein Swipe von links nach rechts auf dem Smartphone.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBis dato h\u00e4lt sich die helvetische Wirtschaft noch vornehm damit zur\u00fcck, solche Anwendungen auf den Markt zu bringen. Die D\u00e4mme sind aber bereits br\u00fcchig. Bereits \u00fcber 70\u2019000 Onlineh\u00e4ndler wickeln weltweit durchschnittlich fast 60\u2019000 Blockchain-Transaktionen pro Tag ab, und \u00fcber 100 Pizzerien weltweit akzeptieren inzwischen Bitcoins.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch in der Schweiz breiten sich Bitcoins und Blockchain-basierte L\u00f6sungen aus. So kann sich jeder an einem SBB-Ticketautomaten Bitcoins in sein digitales Portemonnaie laden und damit beispielsweise ein Bier im Sip\u2019s Pub in Z\u00fcrich-Oerlikon kaufen oder eine Rechnung an einem Onlineschalter des Kantons Zug begleichen. Der Zentralschweizer Kanton ist besonders gut positioniert, da sich dort mehrere Start-ups mit kryptografischer Expertise angesiedelt haben. Aus diesem \u00abCrypto Valley\u00bb wollen sie nun die Welt erobern.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Technische M\u00e4ngel als Herausforderung<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNebst der eigentlichen Geld\u00fcberweisung erleichtert die Blockchain-Technologie dank ihrer Transparenz und Abwicklungseffizienz auch die \u00abVerifikation\u00bb und \u00abAuthentifizierung\u00bb der Handelspartner. Die Technologie w\u00e4re deshalb geradezu pr\u00e4destiniert f\u00fcr die Digitalisierung des Grundbuchs oder den Handel mit Kunst, Antiquit\u00e4ten und Liebhaberobjekten wie alte Uhren oder Oldtimerfahrzeuge \u2013 vorausgesetzt, die Bitcoin-Gemeinde findet L\u00f6sungen f\u00fcr die drei gravierendsten technischen M\u00e4ngel. So ist erstens der Stromverbrauch noch viel zu hoch: Eine Bitcoin-Transaktion verbraucht die gleiche Menge Strom wie zwei Schweizer Haushalte pro Tag. Zweitens ist die Kapazit\u00e4t mit gerade mal drei Transaktionen pro Sekunde zu gering. Und schliesslich dauert die Best\u00e4tigungszeit einer \u00dcberweisung bis zu zehn Minuten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNoch spielt den Z\u00f6gerern die leistungsf\u00e4hige und relativ g\u00fcnstige Payment-Infrastruktur f\u00fcr Franken\u00fcberweisungen in die Karten. Was im Binnenmarkt gut funktioniert, hat aber gerade im grenz\u00fcberschreitenden Handel seine T\u00fccken, sind doch l\u00e4nder\u00fcbergreifende Zahlungen teilweise sehr teuer. F\u00fcr den Eintritt in aufstrebende M\u00e4rkte in Afrika, in S\u00fcdamerika, im Mittleren Osten und in Asien k\u00f6nnte sich deshalb eine vertiefte Auseinandersetzung mit Bitcoin als Zahlungsmethode durchaus lohnen. Nicht zuletzt, weil in diesen Regionen die Verbreitung von Kreditkarten, aber auch von Bankkonten nur bedingt gegeben ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Kombination von Handy und Kryptow\u00e4hrung bietet da eine smarte Abk\u00fcrzung, sowohl f\u00fcr Shopbetreiber als auch f\u00fcr die Vernetzung der Volkswirtschaften. Denn technisch ist die Einbindung von Kryptow\u00e4hrungen f\u00fcr Onlineh\u00e4ndler \u00fcberall auf der Welt \u00e4hnlich einfach.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie regulatorischen H\u00fcrden sind vernachl\u00e4ssigbar.\u00a0Solange sich die Lobbyorganisationen der etablierten Finanzmarktprotagonisten nicht aggressiv gegen die Technologie positionieren, wird der Gesetzgeber kaum stark eingreifen. Genau wie alle anderen m\u00fcssen sich die Regulatoren auch erst mit den neuen Gegebenheiten vertraut machen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm aus der Ecke der Technikfreaks rauszukommen, braucht es bei der Kryptow\u00e4hrung neben Reichweite auch eine stimmige Kundenerfahrung. Dazu muss Blockchain als Metatechnologie derart in eine Transaktionsarchitektur eingebunden werden, dass \u00d6kosysteme entstehen: Wenn zum Beispiel die vielfach schwerf\u00e4llige Handhabung von Sekund\u00e4rw\u00e4hrungen wie Airline-Meilen oder Loyalit\u00e4tspunkten wie Supercard und Cumulus mit anderen digitalen Hebeln wie Access-Technologien oder Peer-to-Peer-Konzepten nahtlos verbunden werden, erschliessen sich exponentielle Potenziale. Die ersten Marktteilnehmer, welche in einem \u00d6kosystem denken und handeln, indem sie ihre Aktivit\u00e4ten zu Mehrwerten kombinieren, werden daher zu den Gewinnern geh\u00f6ren.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Mut zur Blockchain<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Schweizer Finanzplatz sieht sich seit Jahren mit einem schleichenden Abstieg konfrontiert. An dessen Fuss steht die Bedeutungslosigkeit. Das Abseitsstehen bei der ab n\u00e4chstem Jahr geltenden EU-Zahlungsdirektive PSD2 oder der Verlust des Top-10-Rankings unter den Finanzpl\u00e4tzen im Global Financial Centres Index<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> sind nur die j\u00fcngsten Zeichen daf\u00fcr, dass man versucht ist, Existierendes zu halten, statt Neues zu schaffen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDamit wir die ehemals anerkannte Rolle als Innovationsf\u00fchrer und Marktgestalter der Finanzindustrie zur\u00fcckerobern k\u00f6nnen, braucht es ein entschiedenes und orchestriertes Handeln. Wichtige Stichworte sind Kundenrelevanz und eine Offenheit gegen\u00fcber Technologien: Nutzen wir technologische Hebel rund um Blockchain und schaffen innovative Businessmodelle, welche die Disruption der M\u00e4rkte pr\u00e4gen, statt sie zu bek\u00e4mpfen. Reichen wir uns die Hand, \u00fcber Branchen-, Partei- und Unternehmensgrenzen hinweg \u2013 ein \u00d6kosystem ist robuster und erfolgreicher als Inside-out-Alleing\u00e4nge. Und: Nehmen wir Abschied von der helvetischen Vollkasko-Mentalit\u00e4t: Let\u2019s make Switzerland great again! Gelegenheiten gibt es reichlich \u2013 Infrastruktur und Mittel ebenso. Jetzt braucht es noch etwas Mut. Und Mut ist gratis.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Bank of England, Innovations in Payment Technologies, and the Emergence of Digital Currencies, Quarterly Bulletin 2014 Q3.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bank of England, One Bank Research Agenda, Februar 2015.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\"><a href=\"http:\/\/coinmap.org\">Coinmap.org<\/a>&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">GFCI 21, M\u00e4rz 2017.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltweit feiert die Bitcoin-Community den 22. 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Da der Staat als wichtiges Herausgabe- und \u00dcberwachungsinstitut fehlt, m\u00fcssen die regul\u00e4ren Anforderungen an ein anerkanntes Tausch- und Zahlungsmittel \u00fcber eine transparente technologische Alternative definiert erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen.&#13;\n&#13;\nDie Technologie hinter Kryptow\u00e4hrungen wie Bitcoin heisst <em>Blockchain<\/em>. Der Name referenziert das Grundprinzip der Technologie: Informationen werden in verschiedene Codebl\u00f6cke abgelegt und dann in einer Kette vereinigt. Die Daten sind dadurch dezentral gespeichert. Einzige Voraussetzung ist eine Software, welche die einzelnen Rechner mit dem gesamten Netzwerk verbindet. Nach der \u00dcberpr\u00fcfung der Beteiligten wird eine Transaktion unver\u00e4nderlich und f\u00fcr jeden sichtbar gespeichert. 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