{"id":109373,"date":"2017-06-22T16:39:41","date_gmt":"2017-06-22T16:39:41","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/06\/behnisch-07-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:06","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:06","slug":"behnisch-07-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/06\/behnisch-07-2017\/","title":{"rendered":"Investition in die Zukunft: Ein h\u00f6herer Kita-Abzug im Steuerrecht"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl in der Schweiz die Besch\u00e4ftigungsquote der Frauen im internationalen Vergleich hoch ausf\u00e4llt, sind die geleisteten Arbeitsstunden aufgrund des hohen Anteils an Teilzeiterwerbst\u00e4tigen sehr tief. Gr\u00fcnde sind laut einer OECD-Studie unter anderem ein unzureichend ausgebautes und zu teures Kinderdrittbetreuungssystem. Denn: Neben der famili\u00e4ren Situation, den Erwerbseink\u00fcnften des Partners sowie den Wertvorstellungen bez\u00fcglich des Familienmodells k\u00f6nnen auch die Kosten der familienexternen Kinderbetreuung und deren steuerliche Behandlung die Erwerbsanreize von Eltern \u2013 insbesondere diejenigen von Frauen \u2013 beeinflussen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHeute ist bei der direkten Bundessteuer ein j\u00e4hrlicher Abzug f\u00fcr die nachgewiesenen Kosten der Drittbetreuung eines Kindes bis maximal 10\u2019100 Franken pro Kind zul\u00e4ssig.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Kantone sind aufgrund des Steuerharmonisierungsgesetzes verpflichtet, die Kosten f\u00fcr die Drittbetreuung von Kindern zum Abzug zuzulassen, wobei sie die maximale H\u00f6he des Abzugs selber bestimmen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Folglich sind die Unterschiede zwischen den Kantonen gross; sie variieren zwischen 3000 Franken (in Nidwalden und im Wallis) und 19\u2019200 Franken (in Neuenburg) pro Kind. Im Kanton Uri k\u00f6nnen s\u00e4mtliche nachgewiesenen Kosten abgezogen werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVereinfacht gesagt, gilt: Je tiefer die Obergrenze ist, desto mehr Steuerpflichtige mit Kindern sind von der beschr\u00e4nkten steuerlichen Ber\u00fccksichtigung betroffen. Eine Begrenzung des Abzugs kann unter Umst\u00e4nden dazu f\u00fchren, dass Eltern auf eine Ausweitung des Besch\u00e4ftigungsgrades verzichten, weil es sich finanziell nicht lohnt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine nicht subventionierte Betreuung in einer Kindertagesst\u00e4tte (Kita) an f\u00fcnf Arbeitstagen in der Woche kostet heute in den meisten Kantonen zwischen 2200 und 2700 Franken pro Monat. Pro Jahr k\u00f6nnen Kosten von bis zu 32\u2019000 Franken pro Kind resultieren. Die geltenden, maximal zul\u00e4ssigen Steuerabz\u00fcge werden somit zum Teil deutlich \u00fcberschritten. Der negative Erwerbsanreiz, den die hohen Betreuungskosten verursachen, wird in solchen F\u00e4llen durch das Steuersystem nochmals verst\u00e4rkt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Rahmen der Fachkr\u00e4fteinitiative (FKI), die zum Ziel hat, das inl\u00e4ndische Potenzial an Fachkr\u00e4ften mit arbeitsmarktlichen und bildungspolitischen Massnahmen besser auszusch\u00f6pfen, \u00fcberpr\u00fcfte das Eidgen\u00f6ssische Finanzdepartement (EFD) die steuerliche Behandlung der Kinderdrittbetreuungskosten hinsichtlich negativer Erwerbsanreize im Steuersystem. Aufgrund dieses Pr\u00fcfberichts kam der Bundesrat zum Schluss, dass die Kinderdrittbetreuungskosten k\u00fcnftig steuerlich besser ber\u00fccksichtigt werden sollen, um dem inl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4ftemangel entgegenzuwirken und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Im April hat er eine entsprechende Vorlage in die Vernehmlassung geschickt, welche bis zum 12. Juli 2017 dauert.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>H\u00f6herer Abzug bei der Bundessteuer<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss Bundesrat sollen Eltern bei der direkten Bundessteuer Drittbetreuungskosten k\u00fcnftig bis maximal 25\u2019000 Franken pro Kind vom Einkommen abziehen k\u00f6nnen. Den Kantonen soll zudem im Steuerharmonisierungsgesetz vorgeschrieben werden, dass die Obergrenze f\u00fcr den Kinderdrittbetreuungsabzug nicht weniger als 10\u2019000 Franken betragen darf. Die Kantone k\u00f6nnen mit dieser Einschr\u00e4nkung den Maximalbetrag aber weiterhin selber festlegen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Ausgestaltung des Kinderdrittbetreuungsabzugs bliebe hingegen gleich wie bisher. So w\u00fcrde beispielsweise weiterhin nicht zwingend eine Erwerbst\u00e4tigkeit wie bei einem Berufskostenabzug vorausgesetzt, sondern die Betreuungskosten w\u00fcrden ebenfalls aufgrund einer Ausbildung oder einer Erwerbsunf\u00e4higkeit \u00a0steuerlich ber\u00fccksichtigt. Auch die Anspruchsvoraussetzungen blieben laut dem Vernehmlassungsvorschlag unver\u00e4ndert. Wie bis anhin k\u00f6nnten somit nur jene Steuerpflichtigen den Abzug geltend machen, die zusammen mit den drittbetreuten Kindern im gleichen Haushalt leben und f\u00fcr deren Unterhalt sorgen. Der Abzug w\u00fcrde zudem weiterhin nur f\u00fcr Kinder gelten, die das 14. Altersjahr noch nicht vollendet haben.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie effektiv angefallenen Kinderdrittbetreuungskosten k\u00f6nnen gem\u00e4ss dem Vorschlag wie bisher nur geltend gemacht werden, wenn die Eigenbetreuung der Kinder in direktem kausalem Zusammenhang mit der Erwerbst\u00e4tigkeit, der Ausbildung oder der Erwerbsunf\u00e4higkeit nicht wahrgenommen werden konnte. Drittbetreuungskosten, die ausserhalb der Arbeits- oder Ausbildungszeit der Eltern angefallen sind, wie etwa durch Babysitten am Abend, oder f\u00fcr Freizeitaktivit\u00e4ten wie einen Tennis- oder Malkurs, k\u00f6nnen weiterhin nicht abgezogen werden, da sie als steuerlich nicht abziehbare Lebenshaltungskosten gelten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTheoretisch ist zwar klar: Um negative Erwerbsanreize im Steuerrecht vollst\u00e4ndig zu beseitigen, m\u00fcssten die effektiven Kosten f\u00fcr die Drittbetreuung der Kinder unbegrenzt zum Abzug zugelassen werden. In der Praxis d\u00fcrfte eine Abgrenzung von effektiv notwendigen Kinderdrittbetreuungskosten und nicht abziehbaren Lebenshaltungs- oder \u00abLuxusausgaben\u00bb jedoch nicht einfach vorzunehmen sein. Der Bundesrat hat nicht zuletzt auch aus diesem Grund auf einen unbegrenzten Abzug verzichtet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKurzfristig h\u00e4tte die Reform j\u00e4hrliche gesch\u00e4tzte Mindereinnahmen in der H\u00f6he von rund 10 Millionen beim Bund zur Folge. Bei den Kantonen und Gemeinden w\u00e4re mit insgesamt rund 25 Millionen Franken Mindereinnahmen zu rechnen, wobei davon ausgegangen wird, dass nur diejenigen Kantone den Abzug auf exakt 10\u2019000 Franken erh\u00f6hen, die derzeit einen niedrigeren Betrag kennen. Auf l\u00e4ngere Sicht ist nach Ansicht des Bundesrates davon auszugehen, dass ein erh\u00f6hter Kinderdrittbetreuungsabzug sich aufgrund der positiven Besch\u00e4ftigungsimpulse selber finanziert oder sogar zus\u00e4tzliche Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen generiert.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Eltern mit Kleinkindern profitieren<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVon einem h\u00f6heren Abzug profitieren haupts\u00e4chlich Eltern mit Kleinkindern im Vorkindergartenalter und Eltern mit mittleren und hohen Einkommen, wie ein Bericht der Eidgen\u00f6ssischen Steuerverwaltung (ESTV) zeigt.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Der Grund: Die Kinderdrittbetreuungskosten \u00fcbersteigen den beim Bund gew\u00e4hrten Maximalbetrag meist nur bei Kleinkindern. Mit Eintritt des Kindes in den Kindergarten scheint die Obergrenze hingegen keine effektive Beschr\u00e4nkung mehr darzustellen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Begrenzung des heutigen Steuerabzugs trifft vor allem Haushalte, in denen beide Elternteile in etwa gleich viel arbeiten, sowie einkommensst\u00e4rkere Haushalte, da bei diesen Haushaltsformen aufgrund des hohen Erwerbsumfangs und der nicht oder nur gering subventionierten Pl\u00e4tze hohe Betreuungskosten anfallen, die mit dem Steuerabzug nicht voll ber\u00fccksichtigt werden. Aufgrund der Steuerprogression w\u00fcrden einkommensstarke Haushalte mehr entlastet als solche mit tieferen Einkommen. Eine Erh\u00f6hung des Abzugs w\u00fcrde somit gezielt den Personen zugutekommen, die aufgrund hoher Betreuungskosten und Steuern von einer Ausweitung des Besch\u00e4ftigungsgrades absehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss Bundesrat d\u00fcrften aufgrund sinkender Betreuungskosten \u2013 infolge des erh\u00f6hten Steuerabzugs \u2013 die Arbeitsmarktpartizipation und damit auch die Nachfrage nach Betreuungsangeboten steigen. Aufgrund der eher hohen Qualifikation der Zielgruppen w\u00fcrde dies zu einer besseren Ausnutzung des Fachkr\u00e4ftepotenzials, zu einer Belebung des Arbeitsmarktes und letztlich auch zu einer Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktivit\u00e4t f\u00fchren. Dies w\u00fcrde sich l\u00e4ngerfristig auch g\u00fcnstig auf die Steuereinnahmen auswirken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTendenziell w\u00fcrden die Erwerbsanreize insbesondere f\u00fcr gut qualifizierte M\u00fctter gest\u00e4rkt. Kurz- bis mittelfristig w\u00e4re mit einer Zunahme um sch\u00e4tzungsweise rund 2500 Vollzeitstellen zu rechnen. Diese Sch\u00e4tzung der ESTV ist allerdings aufgrund der zahlreichen Annahmen mit hohen Unsicherheiten behaftet.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">OECD (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Art. 33 Abs. 3 DBG, SR 642.11&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Art. 9 Abs. 2 Bst. m StHG, SR 642.14&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Titel der Vernehmlassung: Steuerliche Ber\u00fccksichtigung der Kinderdrittbetreuungskosten, <a href=\"https:\/\/www.admin.ch\/ch\/d\/gg\/pc\/documents\/2858\/Kinderdrittbetreuungskosten_Entwurf_de.pdf\">abrufbar<\/a> unter Admin.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Vgl. ESTV-Kreisschreiben Nr. 30: Ehepaar- und Familienbesteuerung nach dem Bundesgesetz \u00fcber die direkte Bundessteuer (DBG).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">ESTV (2015a); vgl auch ESTV (2015b).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Vgl. ESTV (2015c).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl in der Schweiz die Besch\u00e4ftigungsquote der Frauen im internationalen Vergleich hoch ausf\u00e4llt, sind die geleisteten Arbeitsstunden aufgrund des hohen Anteils an Teilzeiterwerbst\u00e4tigen sehr tief. 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