{"id":109606,"date":"2017-06-22T14:30:31","date_gmt":"2017-06-22T14:30:31","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/06\/spuhler-07-2017\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:00","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:00","slug":"spuhler-07-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/06\/spuhler-07-2017\/","title":{"rendered":"Umverteilung von Jung zu Alt"},"content":{"rendered":"<p>Das Vorsorgesystem in der Schweiz basiert auf drei S\u00e4ulen. Die erste S\u00e4ule besteht aus der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) und der Invalidenversicherung (IV). Sie st\u00fctzt sich auf einen Generationenvertrag. Die Finanzierung erfolgt haupts\u00e4chlich mittels einer Umverteilung von den Erwerbst\u00e4tigen zu den Rentnern. Damit ist die erste S\u00e4ule stark von der Demografie, jedoch kaum vom Kapitalmarkt abh\u00e4ngig. Genau umgekehrt ist es bei der beruflichen Vorsorge, der zweiten S\u00e4ule: Sie folgt dem sogenannten Kapitaldeckungsverfahren. Das bedeutet, dass jede aktive versicherte Person ihre Altersleistungen zusammen mit den Beitr\u00e4gen des Arbeitgebers f\u00fcr sich selber anspart. Anders als in der ersten S\u00e4ule besteht hier also eine hohe Abh\u00e4ngigkeit vom Kapitalmarkt und nur ein geringer Einfluss der Demografie \u2013 sofern die richtigen versicherungstechnischen Parameter gew\u00e4hlt werden. Damit diversifizieren sich diese beiden Systeme bestens.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der zweiten S\u00e4ule sind zus\u00e4tzlich zu den Altersleistungen w\u00e4hrend der Erwerbst\u00e4tigkeit auch Invalidit\u00e4ts- und Todesfallleistungen versichert \u2013 Letztere auch noch nach der Pensionierung. Diese Versicherungen funktionieren nach dem Solidarit\u00e4tsprinzip. Alle Versicherten finanzieren durch die geleisteten Risikopr\u00e4mien gemeinsam die neuen Versicherungsf\u00e4lle wegen Tod und Invalidit\u00e4t. Auch zwischen den Rentenbeziehenden, welche fr\u00fcher als versicherungstechnisch eingerechnet sterben, und denjenigen, die l\u00e4nger leben, spielen Solidarit\u00e4ten. Diese systemnotwendigen und erw\u00fcnschten Solidarit\u00e4ten sind allerdings zu unterscheiden von teils unerw\u00fcnschten Umverteilungen.&#13;<\/p>\n<h2>Umverteilung bei der Verzinsung nimmt zu<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz wird oft beneidet um ihr Vorsorgesystem mit der ersten S\u00e4ule im Umlageverfahren, der zweiten S\u00e4ule im Kapitaldeckungsverfahren und dem freiwilligen Sparen in der dritten S\u00e4ule. Erste und zweite S\u00e4ule richten dabei etwa gleich viele Leistungen aus. 2015 waren das in der AHV\/IV circa 40 Milliarden und in der zweiten S\u00e4ule rund 35 Milliarden Franken. Trotzdem besteht wegen der Demografie sowie der rekordtiefen Zinsen Anpassungsbedarf. Das ist unbestritten, auch wenn diese Anpassungen w\u00e4hrend der parlamentarischen Beratungen zur Rentenreform 2020 teilweise zum Zankapfel in der Politik geworden sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den letzten Jahren hat sich in die zweite S\u00e4ule allerdings ein Merkmal der ersten S\u00e4ule eingeschlichen: die kasseninterne Umverteilung von den aktiven Versicherten zu den Rentnern (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Zinsumverteilung von Aktiven zu Rentenbeziehenden (2005 bis 2015)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='spuhler_de_1_17'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#spuhler_de_1_17').highcharts({\n   chart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n  \n    xAxis: {\n        categories: ['2005','2006','2007','2008','2009','2010','2011','2012','2013','2014','2015']\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Verzinsung (indexiert)'\n        }\n    },\n    plotOptions: {\n        line: {\n        marker:{                enabled: false\n            },\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        }\n    }, \n    \n    series: [{\n        name: 'Verzinsung Aktive; Durchschnitt 2005\u20132015: 2,35%\u00a0',\n        color:\"#88c0d3\",\n        data: [100.00,102.90,105.78,108.71,110.96,113.38,115.70,118.00,120.56,123.63,126.14]\n    }, {\n        name: 'Verzinsung Rentner; Durchschnitt 2005\u20132015: 4,01%',\n                color:\"#e84066\",\n        data: [100.00,104.37,108.86,113.47,118.28,123.20,128.24,133.31,138.30,143.23,148.14 ]\n    },\n    ]\n});\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Swisscanto Vorsorge AG (2016), Schweizer Pensionskassenstudie \/ BFS (2016), Pensionskassenstatistik 2014 \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend der letzten zehn Jahre erhielten die Rentenbeziehenden in der zweiten S\u00e4ule j\u00e4hrlich \u00fcber 1,5 Prozent mehr Zins als den aktiven Versicherten gutgeschrieben wurde. Die Verzinsung der Sparguthaben der aktiven Versicherten wird j\u00e4hrlich durch die Pensionskasse festgelegt. Sie h\u00e4ngt einerseits von der finanziellen Lage der Pensionskasse und andererseits von der erzielten Verm\u00f6gensrendite ab. In den vergangenen zehn Jahren betrug die Verzinsung im Durchschnitt 2,35 Prozent pro Jahr. Der Zins f\u00fcr die Rentenbeziehenden entspricht hingegen dem technischen Zinssatz. Der technische Zinssatz ist der Zins, welcher im Deckungskapital der Rentenbeziehenden eingerechnet ist und j\u00e4hrlich gutgeschrieben werden muss \u2013 unabh\u00e4ngig von der finanziellen Lage einer Pensionskasse. Dieser Zinssatz lag in den letzten zehn Jahren bei durchschnittlich 4 Prozent.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSolange der technische Zinssatz \u00fcber der Verzinsung der Sparguthaben der aktiven Versicherten liegt, erfolgt eine Umverteilung von den aktiven Versicherten zu den Rentenbeziehenden. Das ist heute der Fall: Nimmt man beispielsweise den BVG-Mindestzinssatz von aktuell 1 Prozent als Massstab f\u00fcr die Verzinsung und ber\u00fccksichtigt, dass der technische Zinssatz bei den Rentenbeziehenden gem\u00e4ss Bericht zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen 2016 bei rund 2,5 Prozent<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> liegt, erkennt man den Handlungsbedarf.&#13;<\/p>\n<h2>Technischer Zinssatz und Umwandlungssatz sinken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBleiben die Zinsen so niedrig und wollen die Pensionskassen die Umverteilung zulasten der aktiven Versicherten vermindern, bleibt ihnen nur eins: Sie m\u00fcssen den technischen Zinssatz senken. Da die laufenden Renten nicht gek\u00fcrzt werden d\u00fcrfen, f\u00fchrt eine Senkung des technischen Zinssatzes zu einer Erh\u00f6hung der Rentendeckungskapitalien. Diese Erh\u00f6hung wird meist zulasten der sogenannten Wertschwankungsreserve und damit wiederum auf Kosten der aktiven Versicherten finanziert, die neben den Arbeitgebern die Risikotr\u00e4ger sind. Bei guten Anlageergebnissen bauen die Pensionskassen mit den zus\u00e4tzlich erwirtschafteten \u00dcbersch\u00fcssen die Wertschwankungsreserve auf, um bei schlechter Finanzmarktlage die tiefen Renditen auszugleichen. Wenn die Wertschwankungsreserve sinkt oder sogar eine Unterdeckung eintrifft, m\u00fcssen die aktiven Versicherten diese beispielsweise durch eine Minderverzinsung ihrer Sparguthaben wieder aufbauen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm die in der zweiten S\u00e4ule in diesem Ausmass nicht vorgesehene Umverteilung nachhaltig zu reduzieren, bleibt nur eine Senkung des Umwandlungssatzes. Denn der Umwandlungssatz gibt das Zinsversprechen f\u00fcr die Neurentner implizit vor. Hinzu kommt die stetige Zunahme der Lebenserwartung. Auch sie verlangt nach einer zus\u00e4tzlichen Senkung des Umwandlungssatzes. Aus diesen Gr\u00fcnden haben viele Pensionskassen ihren Umwandlungssatz bereits gesenkt<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><\/a> oder sind daran, ihn zu senken<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><\/a> Aber: Ohne Begleitmassnahmen f\u00fchrt eine Senkung des Umwandlungssatzes zu einschneidenden K\u00fcrzungen. Die unmittelbar vor der Pensionierung stehenden Personen k\u00f6nnen diese allein nicht mehr ausgleichen. Doch auch f\u00fcr die J\u00fcngeren bleibt es offen, ob die k\u00fcnftigen Anlagejahre wieder besser ausfallen und dadurch die Reduktion des Umwandlungssatzes je wieder ausgeglichen werden kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInsbesondere was die Generationengerechtigkeit anbelangt, sind die Pensionskassen deshalb so stark gefordert wie noch nie seit Einf\u00fchrung des Pensionskassenobligatoriums im Jahr 1985.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Oberaufsichtskommission OAK (2017). Bericht finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen 2016.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Beispielsweise die BVK des Kantons Z\u00fcrich: Der Umwandlungssatz liegt heute unter 5 Prozent.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Die Publica, die Pensionskasse des Bundes, auf 5,09 Prozent.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Vorsorgesystem in der Schweiz basiert auf drei S\u00e4ulen. Die erste S\u00e4ule besteht aus der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) und der Invalidenversicherung (IV). Sie st\u00fctzt sich auf einen Generationenvertrag. 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Allerdings ist man in den letzten Jahren von diesem Grundsatz abgewichen, denn es findet eine zunehmende Umverteilung von den aktiven Versicherten zu den Rentenbeziehenden statt. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind die schwierige Situation an den Anlagem\u00e4rkten mit den rekordtiefen Zinsen und die Zunahme der Lebenserwartung. Umverteilung ist ein wichtiges Merkmal der ersten S\u00e4ule. In der zweiten S\u00e4ule ist sie in diesem Umfang aber nicht vorgesehen. Um sie zu verringern oder gar zu beseitigen, sind die Pensionskassen gezwungen, den technischen Zinssatz und den Umwandlungssatz zu senken.","magazine_issue":"07-2017","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20170623","original_files":[{"file":109621},{"file":109625}],"external_release_for_author":"20170529","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/58f8af4ca82b4"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109606"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4544"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=109606"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109606\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126404,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109606\/revisions\/126404"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4544"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157058"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156353"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25618"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109606"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=109606"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=109606"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=109606"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=109606"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=109606"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}