{"id":109632,"date":"2017-06-22T14:00:39","date_gmt":"2017-06-22T14:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/06\/bosshard-07-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:22","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:22","slug":"bosshard-07-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/06\/bosshard-07-2017\/","title":{"rendered":"Eine Kommode aus Indien \u2013 was steckt dahinter?"},"content":{"rendered":"<p>Jede Schublade tr\u00e4gt eine andere Farbe, eine ist sogar mit Kuhfell \u00fcberzogen: Die Kommode \u00abBethany\u00bb ist in den Filialen der Migros-Tochter Micasa nicht zu \u00fcbersehen. W\u00e4hrend die \u00e4ussere Erscheinung jeder selber beurteilen kann, ist die \u00abinnere\u00bb Qualit\u00e4t f\u00fcr die Konsumenten nicht ersichtlich. Sie wissen nicht, ob die Arbeiter bei der Herstellung einen angemessenen Lohn erhalten haben oder ob das Holz aus einem sch\u00fctzenswerten Waldgebiet stammt. Als Migros-Kunden gehen sie aber davon aus, dass das Unternehmen verantwortungsvoll handelt. Denn dies hat sich die Genossenschaft auf die Fahne geschrieben, nicht zuletzt, weil der Genossenschaftsgr\u00fcnder Gottlieb Duttweiler folgenden Auftrag hinterlassen hat: \u00abWir m\u00fcssen wachsender eigener materieller Macht stets noch gr\u00f6ssere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen.\u00bb F\u00fcr die Migros ist klar: Wir wollen nur Produkte im Sortiment haben, die sozial- und umweltvertr\u00e4glich sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls die Migros-Eink\u00e4uferin Ingrid Angehrn die Kommode auf einer Messe in Indien zum ersten Mal sieht, ist sie \u00fcberzeugt, dass der \u00abHandmade\u00bb-Stil auf dem Schweizer Markt gut ankommen wird. Sie bestellt das St\u00fcck aber nicht gleich, sondern meldet dem Einkaufsb\u00fcro der Migros in Delhi, dass sie gerne eine Gesch\u00e4ftsbeziehung mit dem Lieferanten aus Jodhpur im nordindischen Rajasthan aufnehmen m\u00f6chte. Daraufhin besucht ein Nachhaltigkeitsexperte der Migros die Fabrikationsst\u00e4tte. Der Leiter des Bereichs Qualit\u00e4t und Nachhaltigkeit f\u00fcr die Migros-Einkaufsb\u00fcros in Indien und China, Adrian Bahnerth erkl\u00e4rt: \u00abWeil in Indien die staatlichen Kontrollen nur bedingt greifen, ist eine \u00dcberpr\u00fcfung durch Fachspezialisten notwendig.\u00bb Ausserdem seien die handwerklich orientierten M\u00f6belhersteller oft weniger professionell aufgestellt als beispielsweise die grossen Textilbetriebe.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin erster Augenschein in Jodhpur zeigt, dass die M\u00f6belfabrik bereits \u00fcber bessere Voraussetzungen verf\u00fcgt als andere Betriebe vor Ort. So sind beispielsweise gen\u00fcgend Notausg\u00e4nge und Feuerl\u00f6scher sowie einfache Schutzvorrichtungen f\u00fcr die Arbeiter vorhanden. Es gibt auch keinerlei Hinweise auf Praktiken wie Kinder- oder Zwangsarbeit. Ausserdem zeigt sich der Manager motiviert, Verbesserungen in Angriff zu nehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Migros beschliesst daher, den Auftrag zu platzieren \u2013 allerdings mit klaren Auflagen an die Fabrik. \u00abDamit sich die Situation der Arbeiter verbessert, reicht es nicht, M\u00e4ngel aufzuzeigen\u00bb, sagt Bahnerth. \u00abViel wichtiger sind praktische Tipps und ein kontinuierliches Coaching.\u00bb Deshalb verpflichtet sich die M\u00f6belfabrik, zumindest den lokalen Mindestlohn zu bezahlen und \u00dcberstunden korrekt zu verg\u00fcten \u2013 und diese Schritte auch zu dokumentieren.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Fabrik muss BSCI-Standard einhalten<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nS\u00e4mtliche Anforderungen sind im Verhaltenskodex der Business Social Compliance Initiative (BSCI) aufgef\u00fchrt, einem internationalen Sozialstandard unter dem Dach der Foreign Trade Association (FTA) in Br\u00fcssel, den unterdessen fast 2000 Unternehmen weltweit vertreten. Vor der Aufnahme der Gesch\u00e4ftsbeziehung mit der Migros muss der Lieferant diesen Kodex unterschreiben. Die Umsetzung der BSCI-Vorgaben ist zwar aufwendig, sie kann dem Lieferanten aber auch einen Marktvorteil bringen. Denn die zahlreichen Mitgliederunternehmen von BSCI bestellen mit Vorliebe bei Lieferanten, die bereits Kenntnis des Systems haben. Die Migros geh\u00f6rte 2003 zu den BSCI-Gr\u00fcndungsmitgliedern und engagiert sich stark bei der Weiterentwicklung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEinige Monate nach dem ersten Besuch der Fabrik in Jodhpur organisiert die Migros eine Arbeiterschulung, f\u00fcr die sie auch die Kosten \u00fcbernimmt. Thema sind die Sicherheitsmassnahmen, die im beruflichen Alltag leider oft vernachl\u00e4ssigt werden. Selbst wenn das Management gen\u00fcgend Masken, Handschuhe oder Stiefel zur Verf\u00fcgung stellt, werden diese von den Arbeitern oft nicht konsequent getragen. Manche Hilfsmittel sind insbesondere bei grosser Hitze unbequem. Andere, wie beispielsweise Schutzhandschuhe zur Vermeidung von Schnittverletzungen, verlangsamen das handwerkliche Arbeiten. Die Schulung dient dazu, den Arbeitern bewusst zu machen, wie wichtig der Schutz ihrer Gesundheit ist.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Mangoholz braucht kein Zertifikat<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben den Arbeitsbedingungen \u00fcberpr\u00fcft die Eink\u00e4uferin Ingrid Angehrn auch, ob die in der Kommode eingesetzten Rohstoffe sich als problematisch erweisen. Dabei zeigt sich: Das Mangoholz ist nicht kritisch, denn die Mangob\u00e4ume dienen in erster Linie der Landwirtschaft. Ab einem Alter von etwa 15 Jahren tragen die B\u00e4ume nicht mehr genug Fr\u00fcchte und werden darum gef\u00e4llt. Das Holz, das wegen seines warmen Brauntons ansprechend aussieht, eignet sich gut f\u00fcr den M\u00f6belbau.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAb und zu erh\u00e4lt Ingrid Angehrn Fragen von Konsumenten, die verunsichert sind, weil Mangoholz nicht zertifiziert ist. \u00abIch freue mich \u00fcber diese R\u00fcckmeldungen. Sie zeigen, dass der Nachhaltigkeitsgedanke bei der Bev\u00f6lkerung angekommen ist\u00bb, erkl\u00e4rt sie. Die Eink\u00e4uferin teilt ihnen jeweils mit, dass man Mangoholz auch ohne Zertifizierung mit gutem Gewissen kaufen k\u00f6nne, weil die Herkunft bekannt sei. Problematischere Holzarten wie Buche oder Eiche verkauft die Migros mit dem Label des Forest Stewardship Council (FSC), welches f\u00fcr eine l\u00fcckenlose R\u00fcckverfolgbarkeit sorgt und eine nachhaltige Waldwirtschaft garantiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWegen der inakzeptablen Haltungsbedingungen von Tieren in vielen Zuchtfarmen verzichtet die Migros auf den Einsatz von echtem Pelz in ihren Produkten. Das in der Kommode verarbeitete Kuhfell ist aber genauso wie Leder f\u00fcr Migros-Lieferanten erlaubt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00abDie Migros stellt so viele Anforderungen, dass nur langfristige Lieferantenbeziehungen Sinn machen\u00bb, erkl\u00e4rt Angehrn. Dies ist auch ein wichtiger Faktor f\u00fcr die Nachhaltigkeit: Denn nur wenn sich die Migros als verl\u00e4ssliche Partnerin erweist, sind die Lieferanten bereit, besondere Anstrengungen zu leisten.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\"><a href=\"https:\/\/report.migros.ch\/2016\/lagebericht-2016\/\">Mehr<\/a> zum Nachhaltigkeitsprinzip der Migros findet sich im Gesch\u00e4ftsbericht 2016.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede Schublade tr\u00e4gt eine andere Farbe, eine ist sogar mit Kuhfell \u00fcberzogen: Die Kommode \u00abBethany\u00bb ist in den Filialen der Migros-Tochter Micasa nicht zu \u00fcbersehen. 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Im Fall einer Kommode aus Indien sind dies insbesondere die Arbeitsbedingungen und die eingesetzten Materialien, in Bezug auf Ressourcenschonung und Tierwohl. Seit \u00fcber 20 Jahren setzt sich die Migros f\u00fcr die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Lieferantenl\u00e4ndern ein. 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