{"id":109651,"date":"2017-05-23T15:53:08","date_gmt":"2017-05-23T15:53:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/05\/flassbeck-06-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:07","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:07","slug":"flassbeck-06-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/05\/flassbeck-06-2017\/","title":{"rendered":"Deutschland, Frankreich und der Euro"},"content":{"rendered":"<p>In diesen Tagen wird, insbesondere in Deutschland, viel davon gesprochen, dass Europa zusammenstehen m\u00fcsse, um den neuen amerikanischen \u00abProtektionismus\u00bb abzuwehren. Doch wie kann ein Europa zusammenstehen, das innerlich tief gespalten ist? W\u00e4re dieses Europa eine homogene Einheit, die zudem wirtschaftlich erfolgreich ist, man m\u00fcsste sich keine Sekunde Gedanken dar\u00fcber machen, dass ein amerikanischer Pr\u00e4sident auf \u00abAmerica first\u00bb setzt und die amerikanischen Leistungsbilanzdefizite abbauen will.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Hauptgrund f\u00fcr die tiefe Spaltung ist ein Keil, den Deutschland gleich nach Beginn der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion (EWU) Ende der Neunzigerjahre zwischen die heutigen Eurol\u00e4nder getrieben hat. Der Keil steckt mitten im Kern Europas, n\u00e4mlich genau zwischen Deutschland und Frankreich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber spricht man nicht gern. Deutsche Politiker machen Frankreich f\u00fcr dessen Malaise verantwortlich: Das Land sei nicht produktiv genug, habe an Wettbewerbsf\u00e4higkeit verloren und k\u00f6nne mit Deutschland nicht mithalten, heisst es. Auch in Frankreich teilt man in vielen konservativen Zirkeln diese Diagnose. Im Wahlkampf sagte der Kandidat der Konservativen, Fran\u00e7ois Fillon, etwa, er wolle das Land \u00e0 la Margaret Thatcher umkrempeln und aus Frankreich einen neoliberalen Vorzeigestaat machen. Dabei wurde er unterst\u00fctzt von deutschen Medien, die \u00abwissen\u00bb, dass das dringend notwendig ist.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Es stehe wirklich schlimm um Frankreich, sagt man voller Inbrunst und geheucheltem Mitgef\u00fchl.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie es wirklich steht, kann man auch aus den deutschen Leitmedien so wenig erfahren wie aus den Beitr\u00e4gen professioneller \u00d6konomen: Einerseits fehlt ihnen die theoretische Basis, und andererseits dominiert in vielen K\u00f6pfen das Vorurteil, Deutschland mache alles richtig. H\u00f6chste Zeit also, einen ruhigen Blick auf die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse Frankreichs im Vergleich zu Deutschland seit 1980 zu werfen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Frankreich schneidet nicht schlecht ab<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wachstumsraten der beiden L\u00e4nder zeigen ein gemischtes Bild (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). In den Achtzigerjahren lag Frankreich mit Deutschland etwa gleichauf. Erst im Zuge der deutschen Vereinigung, die einem gewaltigen keynesianischen Programm entsprach, konnte Deutschland vor\u00fcbergehend weit h\u00f6here Wachstumsraten verbuchen. In den Neunzigerjahren und bis Mitte der Nullerjahre lag dann die Wachstumsrate Frankreichs die meiste Zeit klar \u00fcber derjenigen von Deutschland. Erst nach der globalen Rezession 2008 und 2009 fiel Frankreich deutlich hinter Deutschland zur\u00fcck.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: BIP-Wachstumsraten in Deutschland und Frankreich (1980 bis 2015)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='flassbeck_de_1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#flassbeck_de_1').highcharts({\nchart: {\n        type: 'spline'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n     xAxis: {\n        categories: ['1980', '1981', '1982', '1983', '1984', '1985', '1986', '1987', '1988', '1989', '1990', '1991', '1992', '1993', '1994', '1995', '1996', '1997', '1998', '1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015']\n    },\n\n    yAxis: {\n minTickInterval: 5,\n        title: {\n            text: ''\n        },\n         labels: {\n            format: '{value}%'\n        },            \n\n\n\n        plotLines: [{\n            value: 0.1,\n            color: 'black',\n            width: 1,\n           \n        }]\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}<\/span>: <b>{point.y}<\/b>%<br\/>',\n        shared: false\n    },\n plotOptions: {\n       \n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n          \n    },\n\n    series: [{\n        name: \"Deutschland\",\n        color: \"#e84066\",\n        data: [1.4, 0.5, -0.4, 1.6, 2.8, 2.3, 2.3, 1.4, 3.7, 3.9, 5.3, 17.3, 1.9, -1.0, 2.5, 1.7, 0.8, 1.8, 2.0, 2.0, 3.0, 1.7, 0.0, -0.7, 1.2, 0.7, 3.7, 3.3, 1.1, -5.6, 4.1, 3.7, 0.4, 0.3, 1.6, 1.7]\n    }, {\n        name: 'Frankreich',\n                color: \"#88c0d3\",\n\n\n        data: [1.6, 1.1, 2.5, 1.3, 1.5, 1.6, 2.4, 2.6, 4.7, 4.4, 2.9, 1.0, 1.6, -0.6, 2.3, 2.1, 1.4, 2.3, 3.6, 3.4, 3.9, 2.0, 1.1, 0.8, 2.8, 1.6, 2.4, 2.4, 0.2, -2.9, 2.0, 2.1, 0.2, 0.7, 0.2, 1.2]\n    }]\n\n});\n \n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Bis 1991 Westdeutschland; 1991 und 1992 Verzerrung wegen Wiedervereinigung. Quelle: Ameco \/ Die Volkswirtschaft<\/span><span class=\"text__legend\">&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNoch klarer wird dieses Muster, wenn man die Investitionsquoten vergleicht. Frankreich war immer f\u00fchrend in Form einer deutlich h\u00f6heren Investitionsquote. Wiederum hat nur die deutsche Vereinigung einen Schub an Investitionen gebracht, der Deutschland f\u00fcr einige Jahre zu Frankreich aufschliessen liess.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Gleiche gilt \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein \u2013 auch f\u00fcr die Entwicklung der Produktivit\u00e4t, die letztlich entscheidend ist f\u00fcr den wirtschaftlichen Erfolg. Seit 1999 hat sich das BIP pro Erwerbst\u00e4tigenstunde in Frankreich parallel zu derjenigen in Deutschland entwickelt (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Entwicklung der Produktivit\u00e4t in Frankreich und Deutschland (1999 bis 2015)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='flassbeck_de_2'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#flassbeck_de_2').highcharts({\n  chart: {\n        type: 'spline',\n       \n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n     xAxis: {\n        categories: ['1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015']\n    },\n\n    yAxis: {\n minTickInterval: 5,\n\n        title: {\n            text: 'Index 1999 = 100'\n        },\n         labels: {\n            format: ''\n        },\n         plotLines: [{\n            value: 100.01,\n            color: 'black',\n            width: 1,\n           \n        }]\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}<\/span>: <b>{point.y}<\/b><br\/>',\n        shared: false\n    },\n plotOptions: {\n       \n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n          \n    },\n\n    series: [{\n     name: \"Deutschland\",\n        color: \"#e84066\",\n        data: [100,103,105,107,107,109,110,112,114,114,111,114,116,117,118,118,119]\n    }, {\n      name: 'Frankreich',\n                color: \"#88c0d3\",\n        data: [100,104,105,108,109,110,112,115,115,114,113,115,116,116,118,118,119]\n    }]\n\n});\n \n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Produktivit\u00e4t = reales Bruttoinlandprodukt in nationaler W\u00e4hrung je Erwerbst\u00e4tigenstunde. 1999 = 100. Quelle: Ameco \/ Die Volkswirtschaft<\/span><span style=\"color: #ff00ff;\">&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSowohl die Wachstumsraten als auch die Produktivit\u00e4tsentwicklung zeigen: In Frankreich kann es kein fundamentales Problem geben, an dem das Land im Vergleich zu Deutschland laboriert und das es systematisch hinter Deutschland zur\u00fcckfallen l\u00e4sst. Vielmehr ist die Ursache der aktuellen Schw\u00e4che in der Aussenwirtschaft zu suchen. Das Land leidet unter der \u00fcberlegenen Wettbewerbsf\u00e4higkeit Deutschlands, welche durch Lohndumping in der W\u00e4hrungsunion erzeugt wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAufschlussreich ist die Entwicklung der Lohnst\u00fcckkosten von 1980 bis heute. Die <em>Abbildung 3<\/em> zeigt, wie gross die Konvergenzleistung war, die Frankreich in den Achtzigerjahren vollbracht hat. Von zweistelligen Lohnst\u00fcckkostenzuw\u00e4chsen im Jahr 1980 bewegte sich das Land bis 1987 auf die deutschen Zuwachsraten hin. Ab 1987 wurde der Kurs des Franc gegen\u00fcber der D-Mark bis zum Eintritt in den Euro 1999 nicht mehr ge\u00e4ndert. Und genau seit dieser Z\u00e4sur blieben die franz\u00f6sischen Lohnst\u00fcckkosten bis 2012 ganz nahe der zun\u00e4chst von Deutschland seit Beginn der Achtzigerjahre vorgezeichneten und sp\u00e4ter von der Europ\u00e4ischen Zentralbank in Form ihres Inflationszieles vorgegebenen Linie von 2 Prozent.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb: 3: J\u00e4hrliche Wachstumsraten der Lohnst\u00fcckkosten in Deutschland und in Frankreich (1980 bis 2015)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='flassbeck_de_3'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#flassbeck_de_3').highcharts({\nchart: {\n        type: 'spline'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n     xAxis: {\n        categories: ['1980', '1981', '1982', '1983', '1984', '1985', '1986', '1987', '1988', '1989', '1990', '1991', '1992', '1993', '1994', '1995', '1996', '1997', '1998', '1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015']\n    },\n\n    yAxis: { minTickInterval: 5,\n\n        title: {\n            text: ''\n        },\n         labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n        plotLines: [{\n            value: 0.01,\n            color: 'black',\n            width: 1,\n           \n        }]\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}<\/span>: <b>{point.y}<\/b>%<br\/>',\n        shared: false\n    },\n plotOptions: {\n       \n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n          \n    },\n\n    series: [{\n        name: \"Deutschland\",\n        color: \"#e84066\",\n        data: [7, 4, 4, 1, 1, 1, 3, 3, 0, 1, 3, 4, 7, 4, 0, 2, 0, -1, 0, 1, 1, 0, 1, 1, -1, 0, -2, -1, 2, 6, -1, 1, 3, 2, 2, 2]\n    }, {\n      name: 'Frankreich',\n                color: \"#88c0d3\",\n        data: [13, 12, 11, 8, 6, 4, 2, 1, 0, 1, 3, 3, 2, 2, -1, 1, 1, 0, 0, 1, 1, 2, 3, 2, 1, 2, 2, 2, 3, 4, 1, 1, 2, 1, 2, 0]\n    }]\n});\n\n});\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\"> Lohnst\u00fcckkosten = Bruttoeinkommen aus unselbstst\u00e4ndiger Arbeit in nationaler W\u00e4hrung je Besch\u00e4ftigten im Verh\u00e4ltnis zum realen Bruttoinlandprodukt je Erwerbst\u00e4tigen. Bis 1991 Westdeutschland. Quelle: Ameco \/ Die Volkswirtschaft<\/span><span style=\"color: #ff00ff;\">&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDeutschland aber verabschiedete sich mit dem Beginn der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion von seinem eigenen Ziel und tauchte f\u00fcr einige Jahre sogar unter die Nulllinie. Aus diesem Abtauchen ergab sich die heute noch bestehende L\u00fccke in der Wettbewerbsf\u00e4higkeit durch die reale Abwertung Deutschlands in der Gr\u00f6ssenordnung von 15 bis 20 Prozent (siehe <em>Abbildung 4<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 4: Indexierte Lohnst\u00fcckkosten in Frankreich und Deutschland (1999 bis 2015)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='flassbeck_de_4'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#flassbeck_de_4').highcharts({\nchart: {\n        type: 'spline'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n     xAxis: {\n        categories: ['1999', '2000', '2001', '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015']\n    },\n\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Index 1999 = 100'\n        },\n         labels: {\n            format: ''\n        },\n        plotLines: [{\n            value: 100.1,\n            color: 'black',\n            width: 1,\n           \n        }]\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}<\/span>: <b>{point.y}<\/b><br\/>',\n        shared: false\n    },\n plotOptions: {\n       \n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n          \n    },\n\n    series: [{\n         name: \"Deutschland\",\n        color: \"#e84066\",\n        data: [100, 101, 101, 101, 103, 102, 101, 100, 99, 101, 108, 106, 107, 111, 113, 115, 117]\n    }, {\n          name: 'Frankreich',\n                color: \"#88c0d3\",\n        data: [100, 101, 103, 106, 108, 109, 112, 114, 116, 119, 123, 124, 125, 128, 129, 131, 132]\n    }]\n\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Lohnst\u00fcckkosten = Bruttoeinkommen aus unselbstst\u00e4ndiger Arbeit in Euro je Besch\u00e4ftigten im Verh\u00e4ltnis zum realen Bruttoinlandprodukt je Erwerbst\u00e4tigen. 1999 = 100. Quelle: Ameco \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Deutscher Merkantilismus<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer zunehmende Leistungsbilanz\u00fcberschuss Deutschlands ist das Resultat eines merkantilistischen Ansatzes seit Beginn der EWU. Indem das Land \u00dcbersch\u00fcsse im Handel erzielt, profitiert es besonders stark vom Aussenhandel. Noch in den Achtzigerjahren verhinderten eine starke Abwertung des Dollars und die deutsche Wiedervereinigung, dass Deutschland seinen merkantilistischen Ansatz voll ausleben konnte. Hinzu kam die Aufwertung der D-Mark gegen\u00fcber vielen europ\u00e4ischen W\u00e4hrungen nach der Krise des Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungssystems von 1992.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNun gab es kein Halten mehr, und seither steigt der deutsche Leistungsbilanz\u00fcberschuss. Erst zwischen 2007 und 2012 gab es in Europa eine Gegenbewegung, da viele L\u00e4nder erneut in eine Rezession gerieten und ihre Importe reduzierten. Frankreich ist dabei das am meisten betroffene Land. Sein bilateraler Saldo mit Deutschland steigt seit Jahren stetig an und bel\u00e4uft sich in diesem Jahr auf fast 40 Milliarden Euro.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Lohndumping-Politik ist ein Regelbruch <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEuropa ist im Kern gespalten, und Frankreich leidet unter seinem grossen Nachbarn: Es gibt keinen Bereich, wo das Land im Vergleich zu Deutschland zur\u00fcckgefallen w\u00e4re \u2013 ausser bei der Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Die dortige L\u00fccke ist die Folge der deutschen Lohndumping-Politik, die klar im Widerspruch zu dem steht, was in der EWU angesichts des vereinbarten Inflationsziels von 2 Prozent f\u00fcr alle Mitglieder zu erwarten gewesen war.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nH\u00e4tte die franz\u00f6sische Politik eine klare Diagnose der Lage, w\u00fcsste sie, dass mit der Nachahmung der deutschen Politik nichts zu gewinnen ist. Sie h\u00e4tte auf Konfliktkurs mit Deutschland gehen oder zumindest darauf beharren m\u00fcssen, dass eine expansive Fiskalpolitik f\u00fcr alle L\u00e4nder in rezessiven Phasen m\u00f6glich ist. Gross ist das Unverst\u00e4ndnis offensichtlich in der konservativen Partei. Die Republikaner haben bereits unter dem Pr\u00e4sidenten Nicolas Sarkozy bewiesen, dass sie \u00fcber kein klares wirtschaftspolitisches Konzept verf\u00fcgen. In ganz \u00e4hnlicher Weise wie die Sozialisten unter Fran\u00e7ois Hollande hatte Sarkozy in der Krise versucht, sich an die Seite Deutschlands zu stellen, ohne zu verstehen, dass Frankreich von der Sache her an die Seite der s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder geh\u00f6rte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFrankreichs Versuch, seine Lohnst\u00fcckkosten den deutschen anzupassen, m\u00fcsste \u2013 selbst jenseits der sozialen Unruhen, die das hervorrufen w\u00fcrde \u2013 kl\u00e4glich scheitern, weil dabei der f\u00fcr Frankreich viel wichtigere Binnenmarkt kaputt gemacht w\u00fcrde. Im Gegensatz zu Deutschland stehen Frankreich keine zehn Jahre zur Verf\u00fcgung, in denen es seine L\u00f6hne weniger steigern und darauf hoffen k\u00f6nnte, dass anderswo die L\u00f6hne weiter wachsen, sodass sich die Wettbewerbsf\u00e4higkeit deutlich erh\u00f6ht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHinzu kommt, dass es keine andere Politik gibt, die das Problem l\u00f6sen k\u00f6nnte. Die Arbeitszeit wieder zu verl\u00e4ngern, wie das Fillon angek\u00fcndigt hat, ist l\u00e4cherlich. Wettbewerbsf\u00e4higkeit bemisst sich nach Produktivit\u00e4t pro Stunde und Lohn pro Stunde, mit der Zahl der gearbeiteten Stunden hat das absolut nichts zu tun. Den Staatsdienst zu verkleinern oder die Steuern f\u00fcr die Unternehmen zu senken, ist nicht minder unpassend. Frankreich hat kein reales Investitions- oder Produktivit\u00e4tsproblem, sondern ein nominales Problem der Wettbewerbsf\u00e4higkeit mit seinem Nachbarn. Zudem besteht ein Nachfrageproblem, dessen L\u00f6sung von Br\u00fcssel und Berlin blockiert wird. Doch in Frankreich ist es nicht anders als in Deutschland: Eine vern\u00fcnftige Diskussion \u00fcber wirtschaftspolitische Optionen ist in der Kakofonie von ideologisch irregeleiteten Medien, verwirrten \u00d6konomen und unwissenden Politikern nicht hinzubekommen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Deutschland muss sich \u00e4ndern<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVergleicht man Deutschland mit Frankreich, ist unbestreitbar: Das Land hat sich sozusagen im Schatten des Euro durch seine reale Abwertung gegen\u00fcber den anderen Europartnern einen Vorteil auch gegen\u00fcber L\u00e4ndern wie den USA und Grossbritannien verschafft. Hinter der Durchschnittsbewertung f\u00fcr die gesamte W\u00e4hrungsunion kann sich sogar ein grosses Land wie Deutschland verstecken, da es ja keine Aufwertung einer eigenen nationalen W\u00e4hrung zu f\u00fcrchten hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZu glauben, man k\u00f6nne mit den Vorteilen des freien Handels argumentieren, sich aber gleichzeitig merkantilistisch verhalten, kann auf Dauer nicht gut gehen. Nicht von ungef\u00e4hr waren die Merkantilisten die \u00e4rgsten Gegner der klassischen Freih\u00e4ndler (siehe <em>Kasten<\/em>). Statt eines Ausgleichs im Handel wollten die Merkantilisten einseitig Gewinne aus dem internationalen Handel einfahren \u2013 exakt so wie die \u00abExportnation\u00bb Deutschland.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDeutschland muss mehr importieren. Um das zu erreichen, m\u00fcssen die L\u00f6hne sehr viel st\u00e4rker steigen. Gleichzeitig muss der Staat mit kreditfinanzierten \u00f6ffentlichen Investitionen die Nachfrage so stark anregen, dass der Impuls auf die Nachbarl\u00e4nder \u00fcberspringt. Anders ist der Euro nicht zu retten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. So schlimm steht es wirklich um Frankreich, Die Welt, 22. November 2016.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen wird, insbesondere in Deutschland, viel davon gesprochen, dass Europa zusammenstehen m\u00fcsse, um den neuen amerikanischen \u00abProtektionismus\u00bb abzuwehren. Doch wie kann ein Europa zusammenstehen, das innerlich tief gespalten ist? W\u00e4re dieses Europa eine homogene Einheit, die zudem wirtschaftlich erfolgreich ist, man m\u00fcsste sich keine Sekunde Gedanken dar\u00fcber machen, dass ein amerikanischer Pr\u00e4sident auf [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":4537,"featured_media":25655,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[213,154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":4537,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Professor Dr., ehemaliger Chef\u00f6konom der UNO-Entwicklungsorganisation Unctad in Genf (2003 bis 2012) und Staatssekret\u00e4r im deutschen Bundesministerium f\u00fcr Finanzen unter der Regierung des SPD-Kanzlers Gerhard Schr\u00f6der (1998 bis 1999)","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur, ancien \u00e9conomiste en chef de la Cnuced \u00e0 Gen\u00e8ve (2003\u20132012) et ancien secr\u00e9taire d\u2019\u00c9tat au minist\u00e8re allemand des Finances dans le gouvernement du chancelier social-d\u00e9mocrate Gerhard Schr\u00f6der (1998\u20131999)","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Deutschland, Frankreich und der Euro","post_lead":"Frankreich leidet darunter, den falschen Nachbarn zu haben: Deutschland hat den Euro \u00fcber Jahre dazu genutzt, sich durch Lohndumping Vorteile zu verschaffen.","post_hero_image_description":"Ein willkommener Gast in Berlin: Der franz\u00f6sische Ex-Pr\u00e4sident Fran\u00e7ois Hollande an der Seite von Bundeskanzlerin Angela Merkel.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":[{"kasten_title":"Hohe \u00dcbersch\u00fcsse nicht mit Freihandel vereinbar","kasten_box":"Wer einen freien internationalen Handel mit dem Argument verteidigt, er bringe allen Beteiligten Vorteile, muss zur Kenntnis nehmen, dass das bei bedeutenden \u00dcbersch\u00fcssen und Defiziten nicht stimmt. 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Letzterer sollte daf\u00fcr sorgen, dass ein Land, das hohe \u00dcbersch\u00fcsse erzielte und damit im Rahmen des Goldstandards hohe Goldzufl\u00fcsse verzeichnete, rasch zu einem Ausgleich seines Handels gezwungen w\u00fcrde. Denn: Quantit\u00e4tstheoretisch steigen die Preise im \u00dcberschussland st\u00e4rker als in den Defizitl\u00e4ndern. 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