{"id":109828,"date":"2017-05-23T15:53:06","date_gmt":"2017-05-23T15:53:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/05\/kalt-06-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:35","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:35","slug":"kalt-10-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/05\/kalt-10-2017\/","title":{"rendered":"Globalisierung trifft Mittelstand relativ hart \u2013 ausser in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Schon mit dem \u00fcberraschenden Brexit-Entscheid Grossbritanniens Mitte 2016, sp\u00e4testens jedoch mit der Wahl Donald Trumps zum US-Pr\u00e4sidenten wurde einer breiten \u00d6ffentlichkeit bewusst, wie deutlich in j\u00fcngster Zeit die populistischen, auf Abschottung bedachten politischen Kr\u00e4fte weltweit an Zuspruch gewonnen haben. Quer durch alle Gesellschaftsschichten scheint sich in vielen entwickelten L\u00e4ndern ein zunehmender Anti-Globalisierungs-Reflex auszubreiten. Insbesondere der Mittelstand f\u00fchlt sich von den Auswirkungen der Globalisierung bedroht und sieht sich als \u2013 zumindest relativer \u2013 Verlierer.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Ursache f\u00fcr die Verunsicherung ist die in den letzten dreissig Jahren stark gestiegene Mobilit\u00e4t von Kapital und Arbeit, was zur Auslagerung von Wertsch\u00f6pfungsketten und Arbeitspl\u00e4tzen in die Schwellenl\u00e4nder f\u00fchrte. In Europa sorgt zudem ein steigender Migrationsdruck f\u00fcr politischen Unmut und \u00c4ngste im Mittelstand.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin weiterer Aspekt, der den Aufstieg der Populisten erkl\u00e4rt, ist bei den Einkommen zu suchen: Vor allem in den westlichen Industriel\u00e4ndern erzielten breite Mittelschichten in den vergangenen zwanzig Jahren kaum mehr reale Einkommensfortschritte, wie verschiedene Studien belegen. So berechnete der aus Serbien stammende US-\u00d6konom Branko Milanovic beispielsweise auf Basis von rund 120 L\u00e4nderstudien die globale Einkommensverteilung und ermittelte, wie sich die Reall\u00f6hne in verschiedenen Einkommensschichten von 1988 bis 2008 ver\u00e4nderten (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Ver\u00e4nderung der Realeinkommen nach 5-Prozent-Perzentilen weltweit (1988 bis 2008)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='kalt_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#kalt_1_de').highcharts({\n title: {\n        text: ''\n    },\n\n  \n     xAxis: {\n        categories: ['5', '10',  '15', '20', '25',  '30',  '35', '40',  '45',  '50',  '55', '60',  '65',  '70','75', '80',  '85', '90', '95',  '100'],\n        title: {\n            text: 'Einkommensperzentile'\n        },\n        \n         plotBands: [{ \/\/ Mittelklasse\n            from: 1,\n            to: 13,\n            color: 'rgba(68, 170, 213, .2)', \n            label: {\n                    text: 'Mittelklasse Schwellenl\u00e4nder',\ny: 15\n               }\n        },\n        { \/\/ Indusrie\n            from: 13.5,\n            to: 17,\n            color: 'rgba(68, 170, 213, .2)',\n            label: {\n                    text: 'Mittelklasse <br>Industriel\u00e4nder',\ny: 15\n               }\n        }],\n        \n    },\n\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Ver\u00e4nderung Realeinkommen 1988\u20132008'\n        },\nlabels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n    },\n        tooltip: {\n        valueDecimals: 2,\n        valueSuffix: '%'\n    },\n \n    series: [{\nshowInLegend: false,\n        name: 'Ver\u00e4nderung',\n        data: [-1.36,44.09,56.07,63.7,67.59,67.12,70.08,73.5,71.48,80.04,64.01,70.86,61.21,38.64,9.07,-5.41,-2.14,6.42,17.32,59.81]\n    }]\n\n\n});\n\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Milanovic (2012) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Links auf der x-Achse ist der Medianlohn der 5 Prozent weltweit \u00c4rmsten aufgef\u00fchrt, ganz rechts finden sich die Personen mit den allerh\u00f6chsten Einkommen. Wir betrachten hier den Durchschnitt im jeweiligen 5-Prozent-Perzentil: Innerhalb dieser Gruppe k\u00f6nnen sich die individuellen Einkommen somit unterschiedlich entwickelt haben. <\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss Milanovic vermochten die global \u00e4rmsten Einkommensschichten \u2013 die untersten 5 Prozent \u2013 zwischen 1988 und 2008 ihre Realeinkommen im Durchschnitt nicht zu steigern. Doch schon ab dem 10-Prozent-Perzentil bis zum 70. Perzentil nahmen die real verf\u00fcgbaren Einkommen zwischen 60 und 80 Prozent zu. Der Grossteil dieser Einkommen findet sich in den Schwellenl\u00e4ndern, die in den letzten zwanzig bis dreissig Jahren den Sprung aus der Armut in die Mittelschicht schafften.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Haushalte vom 75. bis zum 90. Perzentil, was mehrheitlich der Mittelklasse in den Industriel\u00e4ndern entspricht, verzeichneten hingegen im Durchschnitt kaum reale Einkommensfortschritte. Gewisse mittlere Einkommensgruppen in den USA und in Westeuropa erzielen sogar tiefere reale Einkommen als noch ihre Elterngeneration, wie verschiedene Studien zeigen. Ihr Einkommen real vermehren konnten hingegen die einkommensst\u00e4rksten rund 5 Prozent sowie insbesondere die \u00abTop-1-Prozent\u00bb der Weltbev\u00f6lkerung.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Schweizer Mittelstand steht gut da<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Gegensatz zu den USA oder anderen europ\u00e4ischen Industriel\u00e4ndern ist der Schweizer Mittelstand in den letzten Jahren wirtschaftlich nicht abgeh\u00e4ngt worden. Zwar nahm der Anteil des Einkommens vor Steuern und staatlichen Transfers der mittleren Einkommensgruppen leicht ab. Werden aber die Einkommen nach staatlicher Umverteilung wie beispielsweise Steuern und Sozialleistungen betrachtet, nahm der Einkommensanteil des Mittelstandes am Gesamteinkommen leicht zu. In den unteren Einkommensperzentilen konnte er sogar am deutlichsten gesteigert werden (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Ver\u00e4nderung verf\u00fcgbares Realeinkommen nach Dezilen in der Schweiz (in&nbsp;%; 1998 bis 2013)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='kalt_2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#kalt_2_de').highcharts({\ntitle: {\n        text: ''\n    },\n\n   \n    xAxis: {\n        categories: ['1. Dezil', '2. Dezil', '3. Dezil', '4. Dezil', 'Median', '6. Dezil', '7. Dezil', '8. Dezil', '9. Dezil', '10. 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Denn durch den w\u00e4hrungsbedingten Einbruch der Margen sank in den letzten Jahren der Anteil der Unternehmensgewinne am BIP deutlich (siehe <em>Abbildung 3<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 3: Anteil Erwerbseinkommen am BIP in der Schweiz; Abweichung Euro-Franken-Wechselkurs von der Euro-Franken-Kaufkraftparit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='kalt_3_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#kalt_3_de').highcharts({\n  chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: [{\n        type: 'datetime',\n        dateTimeLabelFormats: { \/\/ don't display the dummy year\n            month: '%e. %b',\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        crosshair: true\n    }],\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n        labels: {\n            format: '{value}%',\n           \n        },\n        title: {\n            text: 'Anteil 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Somit trugen in den letzten Jahren vornehmlich die Unternehmer das W\u00e4hrungsrisiko, was sich in sinkenden Margen niederschlug, w\u00e4hrend die Arbeitslosigkeit kaum zunahm. Diese gegenl\u00e4ufige Entwicklung bei den Erwerbs- und Kapitaleinkommen kam vor allem den unteren Einkommensschichten zugute. Respektive: Sie ging zulasten der oberen Einkommensschichten, die ihre Einkommen in h\u00f6herem Mass aus Kapitalertr\u00e4gen generieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAusserdem zeigt die j\u00e4hrliche Lohnumfrage der UBS, dass der starke Franken die Inflation entgegen den Erwartungen zur\u00fcckgebunden hat.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dies hat dazu beigetragen, dass die Realeinkommen der Lohnempf\u00e4nger in den letzten sieben Jahren so stark gestiegen sind wie nie zuvor in den vergangenen rund dreissig Jahren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls zweite wesentliche Erkl\u00e4rung kann das in der Schweiz gut ausgebaute duale Bildungssystem mit der Berufslehre angef\u00fchrt werden. Das Berufslehrsystem erlaubt es auch Arbeitnehmern aus bildungsferneren Schichten, eine qualitativ hochstehende Ausbildung zu absolvieren. Damit ist der direkte Zugang zum Arbeitsmarkt besser gew\u00e4hrleistet als in L\u00e4ndern, die kein Berufslehrsystem kennen. Auch dies d\u00fcrfte in unseren Augen \u00fcber die vergangenen Jahre dazu beigetragen haben, dass die Schweiz eine vergleichsweise egalit\u00e4re Einkommensentwicklung vorweisen kann.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vorteile erkl\u00e4ren, Nachteile mildern<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Unzufriedenheit in breiten Mittelschichten der westlichen L\u00e4nder \u00fcber ihr relatives Zur\u00fcckfallen gegen\u00fcber jenen ganz oben und jenen weiter unten droht nun zunehmend populistisch argumentierende Politiker an die Macht zu sp\u00fclen. Diese Populisten wollen das Rad der Zeit zur\u00fcckdrehen, indem sie die multilateralen Handelsabkommen zu Fall bringen und Handelsschranken hochziehen, um die so angesprochenen W\u00e4hlerschichten zu besch\u00fctzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAngesichts dieser Entwicklungen muss es denjenigen Kr\u00e4ften, die weiterhin f\u00fcr eine offene, dem Freihandel verpflichtete Weltgemeinschaft eintreten und gegen eine nationalistisch gepr\u00e4gte, auf Abschottung und Isolationismus setzende Politik k\u00e4mpfen, gelingen, die W\u00e4hler von den Vorz\u00fcgen einer offenen und stark integrierten Weltwirtschaft zu \u00fcberzeugen. Dazu geh\u00f6rt die Erkenntnis, dass die Globalisierung bereits Hunderten Millionen Menschen den Aufstieg aus der Armut in die Mittelklasse erm\u00f6glicht hat. Hervorzuheben gilt es auch: Mit einer weiter gehenden wirtschaftlichen Integration wird gerade in Europa wohl die wirkungsvollste Pr\u00e4vention gegen erneute kriegerische Auseinandersetzungen betrieben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens m\u00fcssen wirtschaftspolitische Massnahmen eingeleitet werden, um die negativen Effekte der Globalisierung zu mildern. Der zentrale Ansatzpunkt ist dabei die Aus- und Weiterbildung von Arbeitskr\u00e4ften, die im intensivierten internationalen Wettbewerb zunehmend unter Druck stehen. Hier k\u00f6nnten sich viele L\u00e4nder am dualen Bildungssystem der Schweiz orientieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchliesslich sollten sich insbesondere Europas Politiker mit der Frage auseinandersetzen, ob die weitgehend uneingeschr\u00e4nkte Personenfreiz\u00fcgigkeit unter bestimmten Bedingungen gedrosselt werden k\u00f6nnte, ohne an den drei Prinzipien des freien Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehrs zu r\u00fctteln und so zumindest die Kernelemente eines funktionierenden Binnenmarktes zu sichern. Ebenso sind politische Konzepte wie beispielsweise das Modell von konzentrischen Kreisen oder ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeit zu pr\u00fcfen. Bleibt die Politik unt\u00e4tig, droht Europa am Groll eines zunehmend frustrierten Mittelstandes zu zerbrechen \u2013 was letztlich alles andere als im Interesse der Schweiz ist.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Milanovic (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">UBS (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon mit dem \u00fcberraschenden Brexit-Entscheid Grossbritanniens Mitte 2016, sp\u00e4testens jedoch mit der Wahl Donald Trumps zum US-Pr\u00e4sidenten wurde einer breiten \u00d6ffentlichkeit bewusst, wie deutlich in j\u00fcngster Zeit die populistischen, auf Abschottung bedachten politischen Kr\u00e4fte weltweit an Zuspruch gewonnen haben. 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Global Income Inequality by the Numbers: In History and Now \u2013 An Overview.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":109831,"main_focus":[156361,157064],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":109835,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"68474","post_abstract":"Breite Bev\u00f6lkerungskreise in den entwickelten Volkswirtschaften sehen sich seit einigen Jahren als relative Verlierer der Globalisierung. Verschiedene Studien zeigen, dass der Mittelstand in zahlreichen Industriel\u00e4ndern \u00fcber die vergangenen zwei Jahrzehnte kaum mehr reale Einkommensfortschritte verzeichnen konnte. 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