{"id":109879,"date":"2017-05-22T07:09:21","date_gmt":"2017-05-22T07:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/05\/richoz-06-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:43","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:43","slug":"richoz-06-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/05\/richoz-06-2017\/","title":{"rendered":"Gesundheit am Arbeitsplatz: Eine Reform ist nicht absehbar"},"content":{"rendered":"<p>Die grosse Mehrheit der Bev\u00f6lkerung verbringt einen beachtlichen Teil ihres Lebens bei der Arbeit. Das berufliche Umfeld beeinflusst somit unweigerlich den allgemeinen Gesundheitszustand. Einige dieser arbeitsbedingten Krankheiten k\u00f6nnen auch langfristige Folgen haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine wirksame Gesundheitspolitik sollte solche arbeitsbedingten Erkrankungen deshalb systematisch mitber\u00fccksichtigen. Doch die Schweiz ist davon noch weit entfernt. Gesundheitspr\u00e4vention am Arbeitsplatz wird hierzulande noch viel zu h\u00e4ufig als Nebensache oder gar als \u00fcberfl\u00fcssige Reglementierung betrachtet.&#13;<\/p>\n<h2>Ein \u00fcberwiegendes \u00f6ffentliches Interesse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBereits seit Langem sind die Arbeitsbedingungen als \u00fcberwiegendes \u00f6ffentliches Interesse anerkannt. Das Arbeitsgesetz pr\u00e4zisiert, dass die Prim\u00e4rpr\u00e4vention in erster Linie Sache der Arbeitgeber ist. Sie sind verpflichtet, alle notwendigen Massnahmen zum Schutze der Gesundheit ihrer Arbeitnehmenden zu treffen, die nach der Erfahrung notwendig sind. Wird diese Pflicht richtig verstanden und ad\u00e4quat umgesetzt, ist sie sehr wirksam. Einige Unternehmen setzen diese Pflicht denn auch erfolgreich um.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFr\u00fchzeitige Pr\u00e4ventionsmassnahmen verringern gesundheitliche Probleme oder reduzieren deren Folgen \u2013 sowohl auf menschlicher wie auch auf finanzieller Ebene. Denn wenn die Mitarbeitenden produktiver sind, lohnt sich das f\u00fcr die Unternehmen. Zudem entlastet es mittel- und langfristig auch die Krankenkassen, die Sozialversicherungen und die \u00f6ffentliche Hand. Da sehr viele Menschen betroffen sein k\u00f6nnen, sind die m\u00f6glichen finanziellen Einsparungen riesig.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch um einen solchen positiven Kreislauf in Gang zu setzen, reicht es nicht, den Grundsatz in einem Gesetz zu verankern. Es braucht zus\u00e4tzlich ein wirksames Pr\u00e4ventionssystem. Nat\u00fcrlich existiert kein Patentrezept \u2013 die entscheidenden Faktoren sind aber durchaus bekannt: Risikoerkennung, geeignete Massnahmen zur Risikopr\u00e4vention sowie Bef\u00e4higung und Motivation der Arbeitnehmenden, fr\u00fchzeitig aktiv zu werden. Ausserdem m\u00fcssen diese Massnahmen durch Institutionen begleitet und gesteuert werden, die \u00fcber geeignete Mittel sowie \u00fcber Instrumente mit Anreizwirkung auf die Unternehmen verf\u00fcgen.&#13;<\/p>\n<h2>Das Beispiel der Unfallversicherung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin entsprechendes Vorbild existiert in der Schweiz bereits. Denn das Unfallversicherungsgesetz (UVG) von 1981 schliesst auch die Pr\u00e4vention mit ein. Dieses System funktioniert in verschiedener Hinsicht relativ gut. Einerseits haben die Vollzugsorgane des UVG \u2013 die Suva, die kantonalen Arbeitsinspektorate und das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) \u2013 einen sehr pr\u00e4zisen Auftrag. Ihre Kontroll- und Pr\u00e4ventionst\u00e4tigkeiten werden durch einen Pr\u00e4mienzuschlag finanziert, dessen Verteilung eine eigens daf\u00fcr eingerichtete Stelle verwaltet: die Eidgen\u00f6ssische Koordinationskommission f\u00fcr Arbeitssicherheit (Ekas).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAndererseits haben auch die Unternehmen ein Interesse daran, die von der Ekas erlassenen Richtlinien zu befolgen. Schliesslich wirkt es sich auf ihre Versicherungspr\u00e4mien aus, wenn sie die Unfallrisiken m\u00f6glichst tief halten. Denn die Pr\u00e4mien f\u00fcr die Unternehmen sinken oder steigen in Abh\u00e4ngigkeit der jeweiligen Unfallzahlen und werden regelm\u00e4ssig angepasst.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Ansatz, bei dem die Ursachen gem\u00e4ss einer Versicherungslogik mit den Folgen in Beziehung gesetzt werden, weist allerdings einen Makel auf: Er gilt nur f\u00fcr Berufskrankheiten und -unf\u00e4lle. Damit eine Krankheit oder ein Unfall dieser Kategorie zugeordnet wird, muss es einen evidenten kausalen Zusammenhang zwischen der Arbeitst\u00e4tigkeit und der Krankheit geben. Im Endeffekt fallen deshalb nur einige wenige Krankheitsbilder in die Kategorie der Berufskrankheiten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr den ganzen Rest existiert kein vergleichbares System \u2013 also auch nicht f\u00fcr das weite Feld der arbeitsbedingten Krankheiten, zu dem namentlich alle psychosozialen Risiken geh\u00f6ren (siehe <em>Abbildung<\/em>). In diesem Bereich besteht zwischen der Gesundheitspr\u00e4vention am Arbeitsplatz und den Kranken- und Sozialversicherungen kein Zusammenhang und keine Zusammenarbeit. F\u00fcr Kontrollen und Pr\u00e4vention ist hier keine zweckgebundene Finanzierung vorgesehen. Die T\u00e4tigkeiten der Vollzugs- und Aufsichtsorgane werden ausschliesslich \u00fcber die ordentlichen, \u00f6ffentlichen Budgets finanziert, die tendenziell immer knapper werden. Zwar geht von den Krankenversicherungspr\u00e4mien ein kleiner Beitrag an die Stiftung Gesundheitsf\u00f6rderung Schweiz, deren Auftrag die Gesundheitsf\u00f6rderung ist, doch dabei handelt es sich um freiwillige Pr\u00e4vention. Eine Verbindung zur obligatorischen Prim\u00e4rpr\u00e4vention im Arbeitsumfeld besteht nur ansatzweise und sehr indirekt.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Zweckgebundene finanzielle Mittel f\u00fcr die Pr\u00e4vention (Sch\u00e4tzungen)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/05\/Richoz_DE_1.2.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-69425\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/05\/Richoz_DE_1.2.png\" alt=\"\" width=\"2760\" height=\"1344\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">\u00a0<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDaraus lassen sich erste Schl\u00fcsse ziehen: So werden Kontrollen und Pr\u00e4vention nur beschr\u00e4nkt wahrgenommen, und die Unternehmen verstehen deren Sinn und Nutzen nicht immer. Viele Firmen betrachten Kontroll- und Pr\u00e4ventionsregeln eher als administrative Belastung. Zudem zeigt sich, dass die Krankenkassen und Sozialversicherungen keinerlei direkten Einfluss auf die Gesundheitspr\u00e4vention am Arbeitsplatz haben, obwohl sie diese Gesundheitssch\u00e4den versichern m\u00fcssen. Dabei geht es \u2013 sowohl f\u00fcr die Unternehmen als auch f\u00fcr die Gesellschaft \u2013 um Milliardensummen. Auch wenn zurzeit keine genauen Zahlen vorliegen, veranschaulicht das beispielsweise eine Studie des Seco zu den Erkrankungen des Bewegungsapparates aus dem Jahr 2009. Darin wurde ermittelt, dass hochgerechnet 670\u2019000 Erwerbst\u00e4tige an muskuloskelettalen Beschwerden (MSD) leiden und so gesch\u00e4tzte betriebliche Kosten in H\u00f6he von 3,3\u00a0Milliarden Franken pro Jahr verursachen. Mit einer verbesserten Arbeitsplatzgestaltung w\u00e4ren 2,7\u00a0Milliarden\u00a0Franken davon vermeidbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHinzu kommt, dass die Sicherheit und die Gesundheit am Arbeitsplatz getrennt voneinander behandelt werden, sowohl auf formeller als auch auf organisatorischer Ebene (Gesetzes- und Vollzugsdualismus). Dies schadet der Wirksamkeit und der Transparenz des Systems.&#13;<\/p>\n<h2>Eine Kombination aus M\u00e4ngeln und fehlender Koh\u00e4renz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTatsache ist somit, dass das Schweizer System f\u00fcr die Gesundheitspr\u00e4vention am Arbeitsplatz verschiedene M\u00e4ngel aufweist und offenkundig nicht koh\u00e4rent ist. Diese Feststellung ist nicht neu. Seit dem Ende der Neunzigerjahre wurden bereits mehrere Reformversuche unternommen. Keiner hat jedoch wesentliche \u00c4nderungen gebracht, und die erw\u00e4hnten systembedingten Schw\u00e4chen konnten bislang nicht korrigiert werden. Zugegebenermassen gilt es dabei auch besondere Schwierigkeiten zu \u00fcberwinden:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>So ist es im Gesundheitsbereich aufgrund der konstanten Wechselbeziehung zwischen privatem und beruflichem Bereich schwierig, die Kausalit\u00e4t eindeutig festzustellen.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Zudem sind die betroffenen Gesetzgebungen komplex<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>und finanzielle Fragen sowieso immer heikel.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nDoch der Graben zwischen den bestehenden Strukturen und dem Pr\u00e4ventionsbedarf wird immer tiefer: Die Wirtschaft befindet sich in stetem Wandel, die Gesundheitsrisiken entwickeln und verschieben sich. Eine Totalrevision der Gesetzgebungen \u2013 so erstrebenswert sie auch w\u00e4re \u2013 scheint momentan wenig realistisch. Dennoch g\u00e4be es konkrete Ans\u00e4tze: beispielsweise die St\u00e4rkung der Ekas, kombiniert mit einer Ausweitung ihres Mandats und einer Anpassung ihrer Finanzierungsart. In dieser Frage muss jedoch zuerst ein minimaler Konsens zwischen den Sozialpartnern und dann auch auf politischer Ebene gefunden werden. Die Idee nimmt zwar allm\u00e4hlich Gestalt an, eine Reform ist jedoch noch nicht absehbar. Solange die n\u00f6tigen Korrekturen nicht vorgenommen werden, kann die Pr\u00e4vention im Arbeitsumfeld nur einen kleinen Teil ihres Potenzials entfalten. Den Preis daf\u00fcr werden vorl\u00e4ufig weiterhin die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes zahlen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die grosse Mehrheit der Bev\u00f6lkerung verbringt einen beachtlichen Teil ihres Lebens bei der Arbeit. Das berufliche Umfeld beeinflusst somit unweigerlich den allgemeinen Gesundheitszustand. Einige dieser arbeitsbedingten Krankheiten k\u00f6nnen auch langfristige Folgen haben.&#13; &#13; Eine wirksame Gesundheitspolitik sollte solche arbeitsbedingten Erkrankungen deshalb systematisch mitber\u00fccksichtigen. 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Die Verantwortung daf\u00fcr liegt beim Arbeitgeber. Die Folgen, die solche Krankheiten nach sich ziehen, m\u00fcssen jedoch die Krankenkassen und Sozialversicherungen tragen, ohne dass sie wirksam auf die Pr\u00e4vention Einfluss nehmen k\u00f6nnen. Mit einer Reform des Systems liesse sich die Gesundheitspr\u00e4vention deutlich verbessern. Dies h\u00e4tte sowohl f\u00fcr die Unternehmen als auch f\u00fcr die Gesellschaft Vorteile.","magazine_issue":"06-2017","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20170524","original_files":[{"file":109894},{"file":109898}],"external_release_for_author":"20170501","external_release_for_author_time":"23:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/58de1cb6c337d"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109879"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4038"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=109879"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109879\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126421,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/109879\/revisions\/126421"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4038"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157069"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156368"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=109879"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=109879"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=109879"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=109879"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=109879"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=109879"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}