{"id":109900,"date":"2017-05-22T07:09:21","date_gmt":"2017-05-22T07:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/05\/vargas-06-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:15","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:15","slug":"vargas-06-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/05\/vargas-06-2017\/","title":{"rendered":"Allzeit bereit"},"content":{"rendered":"<p>B\u00fcroarbeit sowie \u00abWissensarbeit\u00bb im weitesten Sinne werden heute durch das Internet unterst\u00fctzt und k\u00f6nnen praktisch zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort ausgef\u00fchrt werden. Mit dieser neuen, r\u00e4umlichen Unabh\u00e4ngigkeit sind zwar Chancen, aber auch zus\u00e4tzliche Herausforderungen entstanden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Bericht<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> der Europ\u00e4ischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat die Auswirkungen dieser sogenannten Telearbeit auf die Arbeitswelt untersucht. Darin werden Forschungsarbeiten aus zehn Mitgliedsstaaten der EU<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> sowie aus \u00a0Argentinien, Brasilien, Indien, Japan und den USA pr\u00e4sentiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Bericht untersucht regul\u00e4re und gelegentliche Teleheimarbeiter sowie Telearbeiter, die mehrheitlich an unterschiedlichen Orten, aber auch zu Hause arbeiten. Zudem geht er der Frage nach, inwieweit Telearbeit in den einzelnen L\u00e4ndern verbreitet ist und welche Auswirkungen sie auf die Arbeitszeit, die Leistungsf\u00e4higkeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Arbeitnehmer hat. Hierf\u00fcr wurden Informationen aus den l\u00e4nderspezifischen Untersuchungen herangezogen, die durch Daten aus der sechsten Europ\u00e4ischen Erhebung \u00fcber die Arbeitsbedingungen (EWCS) erg\u00e4nzt wurden. F\u00fcr den Bericht wurden auch politische Initiativen der Regierungen, Sozialpartner und Unternehmen im Hinblick auf Telearbeit untersucht. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse k\u00f6nnen dazu beitragen, dass wirksame politische Massnahmen f\u00fcr die Bereiche Digitalisierung, faire Arbeitsbedingungen und menschenw\u00fcrdige Arbeit entwickelt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Heimarbeit oder Mehrarbeit?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie verbreitet Telearbeit ist, h\u00e4ngt zum einen vom Stand der technologischen Entwicklung in den einzelnen L\u00e4ndern und zum anderen von den bestehenden Wirtschaftsstrukturen und der jeweiligen Arbeitskultur ab. Je nach Land, Berufsgruppe und Wirtschaftszweig schwankt der Anteil Telearbeitender zwischen 2 und 40 Prozent der Besch\u00e4ftigten. In der EU wird Telearbeit durchschnittlich von rund 17 Prozent der Besch\u00e4ftigten genutzt. In den meisten L\u00e4ndern arbeitet der Grossteil aber nicht regelm\u00e4ssig, sondern nur gelegentlich auf diese Weise.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBesonders verbreitet ist Telearbeit in hoch qualifizierten Berufen und bei Managern, sie nimmt aber auch bei den B\u00fcrofachkr\u00e4ften und den Verk\u00e4ufern einen erheblichen Stellenwert ein. Gelegentliche Telearbeit kommt bei den M\u00e4nnern \u00f6fter vor als bei den Frauen. Regelm\u00e4ssige Telearbeit ist bei den Frauen verbreiteter.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nViele Besch\u00e4ftigte erhoffen sich durch Telearbeit bessere Arbeitsbedingungen. Oft genannt werden k\u00fcrzere Wege zur Arbeit, gr\u00f6ssere Autonomie bez\u00fcglich der Arbeitszeit und dadurch mehr Flexibilit\u00e4t bei der Einteilung der Arbeitszeit. Hinzu kommen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie eine h\u00f6here Produktivit\u00e4t. Davon profitieren auch die Unternehmen: Sie versprechen sich motiviertere Mitarbeiter, weniger Personalwechsel und h\u00f6here Effizienz. Zudem verringert sich der Fl\u00e4chenbedarf an B\u00fcror\u00e4umen, und die Nebenkosten sinken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch neben allen Vorteilen bringt die Telearbeit auch Nachteile: Eine Tendenz zu l\u00e4ngeren Arbeitszeiten und intensiverer Arbeit sowie schwindende Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind die Folgen. Zwar berichten Teleheimarbeiter h\u00e4ufiger \u00fcber eine verbesserte Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, doch \u00abhochmobile\u00bb Besch\u00e4ftigte, wie etwa Techniker und Versicherungsberater, sind einem h\u00f6heren Risiko f\u00fcr Gesundheit und Wohlbefinden ausgesetzt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Erkenntnisse \u00fcber die Auswirkungen von Telearbeit fallen somit ausgesprochen zwiesp\u00e4ltig aus. Sie h\u00e4ngen mit den Wechselwirkungen zwischen der Nutzung der Informationstechnologie, einem Arbeitsplatz in einer spezifischen Arbeitsumgebung, den verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit und den Merkmalen unterschiedlicher T\u00e4tigkeiten zusammen. Wichtig ist: Wenn die Telearbeit Ersatz f\u00fcr Arbeit im B\u00fcro ist, wird sie \u00f6fter als positiv bewertet \u2013 wenn sie zus\u00e4tzlich zur Arbeit im B\u00fcro geleistet wird, beurteilen sie die Befragten \u00f6fter negativ.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Europ\u00e4ische Rahmenvereinbarung \u00fcber Telearbeit, die seit 2002 besteht, geht auf diese potenziellen Zugewinne und Risiken durch Telearbeit in den EU-Mitgliedsstaaten ein. Die meisten europ\u00e4ischen L\u00e4nder haben diese Vereinbarung im Rahmen nationaler Sozialpartnerschaftsabkommen umgesetzt. Ausserhalb der EU existiert kein solcher vergleichbarer Rahmen, obwohl einige L\u00e4nder die Telearbeit aktiv f\u00f6rdern (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<\/p>\n<h2>Empfehlungen an die Politik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie der Bericht zeigt, bietet die Nutzung der Informatiktechnologie ausserhalb der Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume des Arbeitgebers sowohl den Besch\u00e4ftigten als auch den Unternehmen Vorteile. Die politischen Entscheidungstr\u00e4ger sollten deshalb anstreben, die positiven Effekte zu st\u00e4rken und die negativen Folgen zu reduzieren. Hierzu kann man beispielsweise die Telearbeit bei Teilzeitbesch\u00e4ftigten f\u00f6rdern. Andererseits sollte man die informelle und zus\u00e4tzliche Telearbeit und die hochmobile Telearbeit mit langen Arbeitszeiten beschr\u00e4nken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBesonders wichtig ist es, das Thema der zus\u00e4tzlich geleisteten Telearbeit aufzugreifen, die als Erbringung unbezahlter \u00dcberstunden angesehen werden k\u00f6nnte. Dabei muss man sicherstellen, dass die Mindestruhezeiten eingehalten werden. Doch bei der Anwendung der Pr\u00e4ventionsgrunds\u00e4tze des Arbeitsschutzes und der Rechtsvorschriften f\u00fcr Sicherheit und Gesundheitsschutz in der Telearbeit besteht die Schwierigkeit, die Aufsichtsfunktion an Arbeitspl\u00e4tzen ausserhalb der R\u00e4umlichkeiten der Arbeitgeber wahrzunehmen. Ein Projekt der Europ\u00e4ischen Agentur f\u00fcr Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz soll die Politik deshalb dabei unterst\u00fctzen, diese Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm das Potenzial der Telearbeit aussch\u00f6pfen zu k\u00f6nnen und die Arbeitsbedingungen der betroffenen Arbeitnehmer zu verbessern, m\u00fcssen Schulungs- und Sensibilisierungsmassnahmen f\u00fcr Besch\u00e4ftigte und F\u00fchrungskr\u00e4fte angeboten werden. Telearbeit kann auch als Teil von Strategien verstanden werden, die darauf zielen, die Erwerbsbeteiligung bestimmter Gruppen zu erh\u00f6hen. Dazu geh\u00f6ren \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte, junge Frauen mit Kindern und Menschen mit Behinderungen. Initiativen von staatlicher Seite und Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge sind insofern wichtig, als sie einen \u00fcbergreifenden, strategischen Rahmen f\u00fcr Telearbeit definieren. Ein solcher Rahmen muss gen\u00fcgend Spielraum f\u00fcr die Entwicklung spezifischer Regelungen bieten, die den Erfordernissen und Pr\u00e4ferenzen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermassen entgegenkommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Erkenntnisse hinsichtlich der Unterschiede bei den Arbeitsbedingungen der Besch\u00e4ftigten, die unterschiedliche Arten der Telearbeit aus\u00fcben \u2013 beispielsweise Teleheimarbeit oder hochmobile Arbeit \u2013, m\u00fcssen thematisiert werden. Durch geeignete politische Massnahmen sollte den in der Untersuchung aufgezeigten Ursachen f\u00fcr die negativen Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen entgegengewirkt werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Der Bericht <a href=\"https:\/\/www.eurofound.europa.eu\/de\/publications\/report\/2017\/working-anytime-anywhere-the-effects-on-the-world-of-work\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abWorking anytime, anywhere: the effects on the world of work\u00bb<\/a> ist abrufbar unter Eurofound.europa.eu\/publications.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Niederlande, Schweden, Spanien, Ungarn und Vereinigtes K\u00f6nigreich.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fcroarbeit sowie \u00abWissensarbeit\u00bb im weitesten Sinne werden heute durch das Internet unterst\u00fctzt und k\u00f6nnen praktisch zu jeder beliebigen Zeit und an jedem beliebigen Ort ausgef\u00fchrt werden. 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In Japan hat das Kabinett 2013 eine Erkl\u00e4rung ausgestellt, laut der die Vermittlung von Telearbeit die Provinzialgebiete neu beleben und dem schrumpfenden Arbeitskr\u00e4fteangebot entgegenwirken kann.&#13;\n&#13;\nErst in j\u00fcngster Zeit befassen sich auch andere Regierungen, Sozialpartner und Unternehmen mit den informellen zus\u00e4tzlichen Arbeitszeiten und f\u00fchren Massnahmen ein, um diese zu begrenzen. In Frankreich gibt es seit 2016 gesetzliche Bestimmungen, die auf Unternehmensebene umgesetzt werden sollen.<sup>a<\/sup> In Deutschland hat das Besch\u00e4ftigungsministerium 2013 eine Politik der \u00abminimalen Eingriffe der Arbeitszeiten in die Freizeit\u00bb eingef\u00fchrt und die Bundesanstalt f\u00fcr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin eingeladen, die Durchf\u00fchrbarkeit der Gestaltung und Umsetzung dieser Regelungen zu pr\u00fcfen.&#13;\n&#13;\n<span class=\"text__quelle--kasten\"><sup>a<\/sup>Franz\u00f6sischer Arbeitskodex (2016).<\/span>"}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":109903,"main_focus":[156368,157069],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":109907,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"68783","post_abstract":"Ein Bericht der Europ\u00e4ischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat die Arbeitsbedingungen von Telearbeitern, die h\u00e4ufig an unterschiedlichen Orten arbeiten, und von Teleheimarbeitern untersucht. Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber erhoffen sich deutliche Verbesserungen aus dieser Flexibilisierung des Arbeitsortes und der Arbeitszeiten. Namentlich soll sie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie die Motivation und die Effizienz der Arbeitnehmer verbessern. Umstritten ist dabei, ob die Telearbeit lediglich die Arbeit im B\u00fcro ersetzt oder ob damit auch Mehrarbeit geschaffen wird. 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